Profilbild von Havers

Havers

Lesejury Star
offline

Havers ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Havers über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.05.2020

Adieu to old England, adieu?

Middle England
0

In den vergangenen Monaten habe ich viele Bücher zum Thema Brexit gelesen, mich dabei aber selten so gut unterhalten gefühlt wie in Jonathan Coes „Middle England“ (prämiert mit dem Costa Novel Award 2019). ...

In den vergangenen Monaten habe ich viele Bücher zum Thema Brexit gelesen, mich dabei aber selten so gut unterhalten gefühlt wie in Jonathan Coes „Middle England“ (prämiert mit dem Costa Novel Award 2019). Am Beispiel der Familie Trotter (bekannt aus den Vorgängerbänden „Erste Riten“ und „Klassentreffen“ – Kenntnis nicht zwingend erforderlich) zeigt der Autor uns die Veränderungen auf, die das Vereinigte Königreich hin zu dem gespaltenen England dieser Tage durchlaufen hat.

Über einen Zeitraum von 2010 bis 2018 begleiten wir Ben, den Möchtegern-Schriftsteller, mittlerweile Privatier und Besitzer einer Wassermühle in den West Midlands und Doug, Bens Schulfreund und politisch links angesiedelter Journalist, der eine außereheliche Affäre mit einer Tory-Abgeordneten hat. Und dann ist da noch Sophie, die Kunsthistorikerin und Bens Nichte. Verheiratet mit einem Fahrlehrer, dessen Mutter die Stimme der derjenigen verkörpert, die in dem Zustrom der Einwanderer Englands Untergang kommen sieht, deren Dienste aber gerne in Anspruch nimmt. Dazu gesellt sich noch eine Vielzahl von Figuren, die jede in irgendeiner Weise mit diesen in Verbindung steht.

Neben diesen fiktiven Leben nehmen aber auch, wie könnte es anders sein, die politischen Veränderungen in England innerhalb dieser Zeit Raum ein. Die Olympischen Spiele, die Unruhen im Sommer 2011, die Wahlen und schlussendlich das Referendum, dessen Ausgang die Ängste, Vorurteile und Unzufriedenheit – gerade der älteren Generation - mit Englands Rolle in der Welt widerspiegelt und einfängt.

Und nicht zuletzt erfahren wir auch etwas über die mediale Landschaft und den Literaturbetrieb. Bens literarisches Projekt, das mittlerweile über 3000 Seiten umfasst, gewinnt den Booker Prize, nachdem er es auf Anraten seines Lektor-Freundes auf 200 Seiten zusammengestrichen hat.

Verpackt in individuelle Schicksale ist „Middle England“ zum einen ein faszinierendes, humorvolles Porträt vom Leben abseits der Metropolen, zum anderen aber auch die schonungslose Bestandsaufnahme der englischen Befindlichkeiten, deren Resultat im Brexit gipfelte. Nachdrückliche Leseempfehlung

Veröffentlicht am 26.04.2020

Höchst unterhaltsame Mischung aus Sci Fi, Spannung und wohldosierter Ironie

Qube
0

Ich muss vorausschicken, dass ich kein Science Fiction Fan bin. Um Literatur dieses Genres zu genießen, fehlt mir meist das technisch-naturwissenschaftliche Vorwissen bzw. Verständnis. Anders bei Tom Hillenbrands ...

Ich muss vorausschicken, dass ich kein Science Fiction Fan bin. Um Literatur dieses Genres zu genießen, fehlt mir meist das technisch-naturwissenschaftliche Vorwissen bzw. Verständnis. Anders bei Tom Hillenbrands Thrillern. Dem Autor gelingt es, die realistische Vision einer zukünftigen Welt zu schaffen, indem er Themen aufgreift und höchst unterhaltsam in Szene setzt, die auch aktuell für uns relevant sind.

„Qube“ startet 2091 in London. Calvary Doyle, ein investigativer Journalist auf der Spur der Super KI Æther, wird in den Kopf geschossen. Im Vorfeld hat er verfügt, dass in solch einem Fall sein Gehirn entfernt und durch dessen digitale Kopie ersetzt werden soll. Aus dem Koma erwacht, stellt sich ihm natürlich die Frage, ob er zwischen die Fronten geraten ist. Und wer warum ein Interesse daran hat, ihn zu töten.

Zeitgleich wird Fran Bittner, Agent*in der UNAPAI (UN-Behörde, die für die Einhaltung des KI Sperrvertrags verantwortlich ist), mit Doyles Überwachung beauftragt. Sie soll der Vermutung nachgehen, ob die Gerüchte über Turing II der Wahrheit entsprechen und ob die allmächtige Künstliche Intelligenz Æther überlebt hat. Wird sie Erfolg haben? Kann sie deren Treiben stoppen und etwas zur Rettung der Welt beitragen?

Keine Angst, auch wenn sich das jetzt sehr technisch anhört, schafft es Hillenbrand, seine Leser nicht zu überfordern. Natürlich gibt es Begriffe, die dem Leser nicht geläufig sind und/oder die der Autor erschaffen hat. Keine Sorge, am Ende des Buches findet man ein ausführliches Glossar, in dem er diese detailliert definiert bzw. erläutert. Was aber das Wichtigste ist, man muss kein naturwissenschaftlicher Crack sein, um seinen Spaß an Qube zu haben, denn die Story ist alles andere als „trocken“ erzählt. sondern einen gut ausbalancierte, höchst unterhaltsame Mischung aus Sci Fi, Spannung und wohldosierter Ironie. Gerne mehr davon!

Veröffentlicht am 25.04.2020

Eine Reise zurück in die italienische Renaissance

Raffael - Das Lächeln der Madonna
0

Raffael, geboren 1483 in Urbino, gestorben 1520 gestorben ihn Rom. Maler und Architekt der Renaissance, dieser faszinierenden Epoche, der wir so viele weltberühmte Werke und Baudenkmäler verdanken. Zeitgenosse ...

Raffael, geboren 1483 in Urbino, gestorben 1520 gestorben ihn Rom. Maler und Architekt der Renaissance, dieser faszinierenden Epoche, der wir so viele weltberühmte Werke und Baudenkmäler verdanken. Zeitgenosse Michelangelos und Leonardos, Womanizer und Madonnenmaler. Ein Ausnahmekünstler mit vielen Facetten.
Und genau dieser Raffael steht im Zentrum des Romans von Noah Martin, der damit nicht nur eine lesenswerte Künstlerbiografie sondern auch einen historischen Roman geschrieben hat, der den Leser in das Italien einer längst vergangenen Zeit entführt.

Sein Werdegang ist erstaunlich. Früh auf sich allein gestellt, übernimmt der talentierte Junge die Malerwerkstatt seines Vaters, verlässt seine Heimat wegen politischer Unruhen in Richtung Perugia und holt sich bei Meister Perugino den letzten Schliff. Hier entstehen auch seine ersten Meisterwerke. Über Città di Castello dann nach Florenz und schlussendlich nach Rom. Seine Dienste stellt er überwiegend dem Klerus zur Verfügung, aber nimmt auch Aufträge solventer Bürger an.

Er ist ruhelos, im Leben wie in der Liebe, und es sind viele Frauen, die seinen Weg kreuzen. Doch keiner fühlt er sich so verbunden wie Margaretha Luti, der Fornarina, der er in zahlreichen Bildern ein Denkmal setzt. 1520 stirbt er, gerade einmal 37 Jahre alt.

Veröffentlicht am 19.04.2020

Abwechslung auf dem Teller mit überschaubarem Aufwand

Come Together
0

„Come together“. Klingt momentan etwas befremdlich, oder? Aber es werden auch wieder andere Zeiten kommen. Zeiten, an denen sich die Großfamilie, Freunden und Verwandte um den Tisch versammeln werden. ...

„Come together“. Klingt momentan etwas befremdlich, oder? Aber es werden auch wieder andere Zeiten kommen. Zeiten, an denen sich die Großfamilie, Freunden und Verwandte um den Tisch versammeln werden. Üppig gedeckt, mit leckeren Köstlichkeiten, die wir gemeinsam verzehren.

„Alles aus einem Topf: 100 Rezepte, die glücklich machen“ , so der Untertitel des Kochbuchs von Darina Allen, irische Köchin, Kochschulen-Betreiberin und Mitinitiatorin der dortigen Slow Food Bewegung. Genau dieses kleine Glück benötigen wir in der derzeitigen Situation. Und wenn uns damit auch noch das verhasste Abspülen überflüssigen Kochgeschirrs erspart bleibt, umso besser.

Die Rezepte sind überwiegend für 4 – 8 Personen konzipiert, eingeteilt nach dem richtungsweisenden Hauptbestandteil: Eier, Geflügel, Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte, Gemüse, Reis und Getreide und Pasta, Süße Sachen, abgerundet durch ein detailliertes Register. Bei den Fleischgerichten liegt der Schwerpunkt – wie könnte es bei einer irischen Kochbuchautorin auch anders sein – auf Lamm. Ansonsten nimmt uns die Autorin auf eine kulinarische Reise rund um den Erdball mit: Indische Arme Ritter, Römisches Hähnchen mit Rosmarin-Fritten und Thymian, Masala-Lammstelzen, Mediterraner Meerestopf mit Aioli-Crostini, Griechische Spinat-Käse-Pastete, Perl-Couscous mit Granatapfel und Cashewkernen, Zwetschgen-Clafoutis.

Die einzelnen Zutaten klingen exotischer als sie sind. Vieles davon hat ist, wenn man regelmäßig kocht, eh vorhanden oder im gut sortierten Supermarkt erhältlich. Lediglich bei Freekeh, einem grün geröstetem Weizen, musste ich passen. Ich habe ihn durch die entsprechende Menge Dinkel ersetzt und es hat funktioniert. Der zeitliche Aufwand für die Vorbereitung ist überschaubar, und wenn die Zutaten erste einmal im Topf, der Pfanne, der Auflaufform oder dem Blech sind, geht es quasi wie von selbst.

Ein wunderbares Kochbuch, das Abwechslung auf den Teller bringt. Für Anfänger und Küchenprofis gleichermaßen geeignet.

Veröffentlicht am 09.04.2020

Akribisch recherchierter Kriminalroman

Weißes Feuer (Darktown 2)
0

Auch wenn mittlerweile zwei Jahre vergangen sind hat sich kaum etwas an den Arbeitsbedingungen der zwei Handvoll afroamerikanischen Polizisten geändert, die in Atlantas Darktown Dienst tun. Untergebracht ...

Auch wenn mittlerweile zwei Jahre vergangen sind hat sich kaum etwas an den Arbeitsbedingungen der zwei Handvoll afroamerikanischen Polizisten geändert, die in Atlantas Darktown Dienst tun. Untergebracht in Kellerräumen, praktisch ohne Equipment und natürlich ohne Befugnisse. Ein politischer Schachzug, der Wählerstimmen generieren soll. Von ihrer eigenen Bevölkerungsgruppe misstrauisch beäugt, von den weißen Polizisten nicht als ihresgleichen akzeptiert und bei jeder sich bietenden Gelegenheit aggressiv angegangen. Nicht weiter verwunderlich, ist doch der Großteil der Truppe in rassistischen Gruppen organisiert. Aber es gibt Ausnahmen, auch wenn diese sehr dünn gesät sind. Zum einen ist da McInnis, der Vorgesetzte von Lucius Boggs und Tommy Smith, der sie im Rahmen der Vorschriften und seiner Möglichkeiten unterstützt, zum anderen Danny Rakestraw, ein weißer Cop mit moralischem Kompass und pseudoliberaler Haltung. Wobei diese aber sehr ins Wanken gerät, als schwarze Familien in der Nachbarschaft einziehen und damit den Wert seiner Immobilie mindern.

1950 ist die Prohibition zwar längst Geschichte, aber es gibt noch immer genügend Schwarzbrenner, die mit ihrem Stoff ein gutes Geschäft machen. Und wo größere Mengen Geld im Spiel sind, kann man sicher sein, dass es genügend korrupte Cops gibt, die für’s Wegsehen die Hand aufhalten. Nicht so Boggs und Smith, für die sich der nicht autorisierte Einsatz bei einer Übergabe von Schwarzgebranntem zur Katastrophe auswachsen könnte. Ein Schuss fällt, der Schnapsschmuggler wird getötet, und die beiden Cops stehen plötzlich im Kreuzfeuer, ist es ihnen doch untersagt, ihre Waffen einzusetzen, was sie auch befolgt haben. Aber offenbar gibt es Kräfte aus den eigenen Reihen, die sie aus dem Weg haben wollen.

Thomas Mullens „Weisses Feuer“ ist eine akribisch recherchierte, beeindruckende Mischung aus Kriminalroman und historisch verbürgten Fakten zur Geschichte Atlantas. Er schildert eindringlich den Alltagsrassismus im amerikanischen Süden, die Verachtung, die Diskriminierung, der die ersten afroamerikanischen Polizisten tagtäglich ausgesetzt waren, thematisiert aber auch den Filz innerhalb von Polizei und Verwaltung sowie die allgegenwärtige Korruption in beiden Institutionen. Der Krimiaspekt tritt hier zwar öfter in den Hintergrund, was aber keinesfalls der Spannung abträglich ist. Lesen!