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Veröffentlicht am 09.01.2021

Kunst mit Worten

Erfrorene Seele
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Ich habe ein paar Kapitel gebraucht, um mich an den metaphorischen, melancholischen Stil zu gewöhnen. Dieses Buch las sich für mich nicht wie ein Thriller, nicht einmal wie ein Roman, eher wie poetische ...

Ich habe ein paar Kapitel gebraucht, um mich an den metaphorischen, melancholischen Stil zu gewöhnen. Dieses Buch las sich für mich nicht wie ein Thriller, nicht einmal wie ein Roman, eher wie poetische Sammlung von Ereignissen. Die Bedeutung der Dinge versteckt sich zwischen den Zeilen, in denen die Protagonistin Wiebke nach ihrer Vergangenheit sucht.

Wiebke wirkte von Anfang an sehr unsicher, sehr nachdenklich und gefühlvoll. Sie verliert sich oft in ihren Tagträumen, vergisst Fragen zu beantworten oder lässt sich von ihrer Umgebung ablenken. Manchmal wollte ich über sie den Kopf schütteln, so wie auch Leonie und Pana es oft genug für mich taten.
Insgesamt konnte mich das erste Drittel des Buches nicht so sehr überzeugen. Erst als Wiebke endlich nach Grönland aufbricht, kam für mich Spannung auf. Die Diskussionen mit ihrem Vater hätten meiner Meinung nach gekürzt werden können. Ihre Dialoge wiederholen sich, während die Charaktere auf der Stelle treten. Doch mit Beginn der Reise war ich vollständig von der Geschichte und der Atmosphäre eingenommen, sodass es mir selbst auf der kuscheligen Couch manchmal eiskalt den Rücken herunterlief. So viele Geheimnisse und ausgesprochene Worte, die erst nach und nach die Wahrheit enthüllen. Dinge werden immer abstruser, seltsamer, fast surreal. Traum und Realität scheinen zu verschwimmen

Dabei ist das Erzähltempo allenfalls als gemächlich zu bezeichnen, doch in dem kleinen Dorf am Ende der Welt scheint ohnehin Zeit ihre Bedeutung zu verlieren. Kleinste Mimiken oder Gedankenfetzen werden ausführlich und anmutig erzählt. Oft versteckt sich mehr in dem, was geschieht, als was gesagt wird. Ich mag diese Art, die Dinge zu betrachten. Ich mag das Nachdenkliche, Träumerische.
Für meinen Eindruck entwickelte sich die Liebe zwischen Wiebke und Pana zu schnell. Einerseits wirkte sie so zaghaft, andererseits waren die Charaktere sehr freigiebig mit großen Worten. Ich mochte jedoch, wie liebevoll sie miteinander umgingen.
Wiebkes Mutter blieb mir leider etwas gestaltlos, eher ein Geist als eine Person. Doch vielleicht sollte sie auch gar nicht mehr sein; nur ein Schemen, dem Wiebke hinterherrennt. Bis zum Schluss irgendwie unnahbar. Rätselhaft.

Manchmal scheint sich die Spannung zu sehr in der Sprache zu verlieren und Dialoge wirkten etwas zu abstrakt. Doch dann wieder empfand ich den Wort‑Minimalismus wunderbar tiefgründig. Oh, dieses Ende ‑ was soll ich denn jetzt nur glauben? 😢
Es war angenehm, gefühlvoll und inspirierend. Ein bisschen wie Kunst mit Worten. Ich bin mir sicher, dass nicht jeder den gleichen Zugang zu der Geschichte finden wird, auch ich musste mich erst darauf einlassen. Doch gerade deshalb ist sie irgendwie so besonders.

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Veröffentlicht am 19.12.2020

"𝑊𝑖𝑟 𝑎𝑙𝑙𝑒 𝑠𝑖𝑛𝑑 𝐾𝑖𝑛𝑑𝑒𝑟 𝑣𝑜𝑛 𝐵𝑙𝑢𝑡 𝑢𝑛𝑑 𝐵𝑒𝑖𝑛"

Children of Blood and Bone
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Zélie ist tollkühn, stark und entschlossen. Als ihre Welt erneut in Flammen aufgeht, ist sie nicht gewillt, die Ungerechtigkeit länger zu ertragen, die ihr und den Divinés jahrelang zugefügt wurde.
Ein ...

Zélie ist tollkühn, stark und entschlossen. Als ihre Welt erneut in Flammen aufgeht, ist sie nicht gewillt, die Ungerechtigkeit länger zu ertragen, die ihr und den Divinés jahrelang zugefügt wurde.
Ein Tyrann, verbotene Magie, eine Gruppe von Helden und Heldinnen auf der Suche nach magischen Artefakten. Nichts davon ist Neu: hier werden typische Felder der Fantasy bespielt. Doch, was dieses Buch für mich besonders macht, ist nicht die Handlung selbst, sondern die komplexe afrikanische Welt, der lebendige Schreibstil und auch die authentisch gezeichneten Charaktere. Manchmal haben sie mich in den Wahnsinn getrieben, aber gerade ihre Fehler und falschen Entscheidungen haben sie so menschlich gemacht.

Die Geschichte wird aus drei Perspektiven erzählt: aus Zélies, Amaris und Inans Sicht. Dabei konnte ich mich wunderbar in diese drei Charaktere einfühlen und ihre Wandlungen miterleben. Insbesondere Amari stellt für mich eine inspirierende Protagonistin dar, die ihre eigenen Ängste und Schwächen überwindet. In sehr kurzer Zeit gelingt es ihr, über sich hinauszuwachsen.
Zélie dagegen hatte so einige Eigenschaften an sich, die sich nicht in jeder Situation auszahlten und die mich manchmal durchaus an den Rand der Verzweiflung getrieben haben. Beispielsweise behält sie zum Ende ein großes Geheimnis für sich und lügt diejenigen an, die ihr Leben für sie aufs Spiel setzen ‑ ganz ohne ein großes schlechtes Gewissen dabei zu empfinden. In solchen Momenten habe ich das Bedürfnis, die Protagonisten zwischendurch aus dem Buch zu ziehen.
Inans Widersprüchlichkeit macht ihn zum einen sehr interessant, doch seine Handlungen waren mir nicht immer nachvollziehbar. Ich hatte das Gefühl, dass mir noch einige Erklärungen gefehlt haben, um ihn besser verstehen zu können.

Auch wenn das Trio eine lange Reise zurücklegt, entstehen dennoch keine Längen. Die Ereignisse werden unermüdlich vorangetrieben, sodass die Spannung nicht verloren geht. Manchmal hätte ich mir gar eine langsamere Geschwindigkeit gewünscht, bei der den Beziehungen mehr Raum bleibt. Während die Freundschaften sich wunderbar entfalten und Misstrauen langsam weicht, nimmt die Liebe einen zugleich schnelleren Weg. Möglicherweise zu schnell, um all den starken Gefühlen der Charaktere zu entsprechen.
Die Welt selbst bietet alles auf, was ich an Fantasybüchern liebe und konnte mich zugleich zu neuen faszinierenden Orten bringen. Es sind die Details, die nachwirken und die sich zum Beispiel in der Kleidung, der Sprache und der Architektur wiederspiegeln.

„𝑊𝑖𝑟 𝑎𝑙𝑙𝑒 𝑠𝑖𝑛𝑑 𝐾𝑖𝑛𝑑𝑒𝑟 𝑣𝑜𝑛 𝐵𝑙𝑢𝑡 𝑢𝑛𝑑 𝐵𝑒𝑖𝑛.
𝑈𝑛𝑑 𝑔𝑒𝑛𝑎𝑢 𝑤𝑖𝑒 𝑍𝑒́𝑙𝑖𝑒 𝑢𝑛𝑑 𝐴𝑚𝑎𝑟𝑖 𝘩𝑎𝑏𝑒𝑛 𝑤𝑖𝑟 𝑑𝑖𝑒 𝑀𝑎𝑐𝘩𝑡, 𝑒𝑡𝑤𝑎𝑠 𝑔𝑒𝑔𝑒𝑛 𝑑𝑎𝑠 𝐵𝑜̈𝑠𝑒 𝑖𝑛 𝑢𝑛𝑠𝑒𝑟𝑒𝑟 𝑊𝑒𝑙𝑡 𝑧𝑢 𝑡𝑢𝑛.
𝑉𝑖𝑒𝑙 𝑧𝑢 𝑙𝑎𝑛𝑔𝑒 𝑠𝑖𝑛𝑑 𝑤𝑖𝑟 𝑖𝑛 𝑑𝑖𝑒 𝐾𝑛𝑖𝑒 𝑔𝑒𝑧𝑤𝑢𝑛𝑔𝑒𝑛 𝑤𝑜𝑟𝑑𝑒𝑛.
𝐸𝑟𝘩𝑒𝑏𝑒𝑛 𝑤𝑖𝑟 𝑢𝑛𝑠.“ TOMI ADEYEMI
———
Ein wichtiger Hinweis: Die Autorin hat sich von der Kultur der Yoruba inspirieren lassen. Auch real existierende Orte wie Lagos werden im Buch erwähnt. Jedoch handelt es sich immer noch um eine Interpretation dieser Kultur. Wer mehr dazu wissen möchte, sollte sich unbedingt auch Rezensionen von afrikanischen Blogger*innen durchlesen. ;)

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Veröffentlicht am 13.10.2020

Die Magie des goldenen Blutes

Die Göttinnen von Otera (Band 1) - Golden wie Blut
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Trotz 500 Seiten-Dicke bin ich durch die Seiten geflogen und habe das Buch verschlungen. Die Autorin versteht es nicht nur, einen fesselnden Plot zu entwerfen und die LeserInnen mit immer neuen Wendungen ...

Trotz 500 Seiten-Dicke bin ich durch die Seiten geflogen und habe das Buch verschlungen. Die Autorin versteht es nicht nur, einen fesselnden Plot zu entwerfen und die LeserInnen mit immer neuen Wendungen und Informationen zu begeistern. Auch wie es ihr gelingt, verschiedene Kulturen, Ethnien und Welten miteinander zu verflechten, hat mir sehr gefallen. Vom europäisch anmutenden Norden bis zum afrikanischen Süden sind ganz unterschiedliche Menschen Teil dieser Geschichte.

Magische Wesen, ein kreatives Magie-System, spannende Kämpfe und starke Heldinnen - alles, was ich mir von einem guten Fantasybuch wünsche. Besonders gefallen hat mir, wie der Zusammenhalt der Alaki-Kriegerinnen dargestellt wurde.


Die Entwicklung von Deka, der Protagonistin, ist recht klassisch. Ein junges Mädchen findet heraus, dass es besondere Kräfte besitzt und lernt, diese zu kontrollieren. Doch innerhalb der Geschichte werden immer wieder wichtige Themen angesprochen und gesellschaftliche Normen infrage gestellt. Zusammen mit dem Setting ergibt sich so ein facettenreicher und vor allem spannender Fantasy-Roman.

Die gesamte Geschichte hätte sicher durchaus auch zwei oder drei weitere Bücher gefüllt. Tatsächlich habe ich mir an einigen Stellen mehr Details und Tiefe gewünscht. So verblieb noch viel der Vorstellung der LeserInnen. Charaktere und auch Dialoge waren mir teils zu oberflächlich. Dies und der doch recht einfache Schreibstil sind die einzigen Kritikpunkte.

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Veröffentlicht am 17.09.2020

Antike Mythologie aus der Sicht einer Ausgestoßenen

Ich bin Circe
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Nachdem mich der erste Teil des Buches nicht begeistern konnte, habe ich nun doch meinen Gefallen daran gefunden.

Circe macht während ihres Lebens viele Wandlungen durch, vom einst schwachen, unterwürfigen ...

Nachdem mich der erste Teil des Buches nicht begeistern konnte, habe ich nun doch meinen Gefallen daran gefunden.

Circe macht während ihres Lebens viele Wandlungen durch, vom einst schwachen, unterwürfigen Mädchen zur starken und mächtigen Frau. Und mit jeder Zeile lernte ich sie besser kennen, tauchte mehr in die Geschichte ein. In diese tragisch-düstere Welt. Auch die anderen Charaktere erschienen mir vielschichtiger und waren nicht mehr so flach wie zu anfangs des Buches. Obwohl es keinen großen dramatischen Konflikt gibt, der für Spannung sorgt, konnte ich das Buch dennoch nur schwer zur Seite legen.

Allerdings bleibt trotz alledem aufgrund der gewählten Erzählweise immer noch eine gewisse Distanz. Als wäre man selbst nicht dabei, sondern höre alles nur durch andere. Ich persönlich bin als Leser lieber Teil der Geschichte. Ich verstehe allerdings, dass dieser Eindruck bewusst entstehen soll. Circe erzählt von den Ereignissen, als wäre sie nun 10.000 Jahre alt und denke an Vergangenes zurück. Zum Teil mit sehnsüchtigem Blick und zum Teil beinahe herablassend ihrem früheren Ich gegenüber.

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Veröffentlicht am 17.09.2020

Ein subtiler Ausbruch aus der Gesellschaft des 19.Jh

Zeit der Unschuld
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Die ersten Kapitel habe ich mich noch schwer getan, in das Geschehen einzufinden. Ich musste mich erst durch ellenlange Beschreibungen von Einrichtungsstilen, Kleidung und strengen Ritualen der High Society ...

Die ersten Kapitel habe ich mich noch schwer getan, in das Geschehen einzufinden. Ich musste mich erst durch ellenlange Beschreibungen von Einrichtungsstilen, Kleidung und strengen Ritualen der High Society kämpfen, doch nach der Einwöhnungsphase entwickelte sich eine spannende Geschichte um Ellen, May und Archer.

Archer war mir anfangs zutiefst unsympathisch, neigt er doch dazu, alle Frauen zu unterschätzen. Insbesondere May war allzu oft das Opfer einer völlig romantischen Vorstellung von Tugend, Zurückhaltung und Naivität. Doch hier muss das Werk in das Zeitalter seiner Entstehung gesetzt werden. So erscheint Archer im 19. Jahrhundert natürlich weitaus fortschrittlicher als heutzutage. Zumal Wharton es verstand, durch subtile Andeutungen Ironie auf die Spießigkeit der Gesellschaft zu legen und seinen Charakter nicht zu idealisieren. Die Dialoge erschlossen sich zum Teil erst auf den zweiten Blick. Man muss hier genau lesen.

Leider verlor der zweite Teil des Buches etwas an Spannung. Das Ende war absehbar und natürlich wenig befriedigend, aber ein angenehmes Ende hätte auch die Intention des Romans verfehlt. Was wohl einige ebenfalls kritisch finden würden: Whartons ausufernde Beschreibungen. Wer schnelle Literatur mag, wird sie hier nicht finden.

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