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Veröffentlicht am 23.04.2021

Der Raum zwischen Schwarz und Weiß

Die siebte Zeugin
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„Das Einzige, was er jetzt noch tun konnte, war, so gut es ihm eben möglich war zu plädieren. Und zu hoffen. Zu hoffen, dass am Ende gegen die eindeutigen Normen des Strafgesetzbuches die Gerechtigkeit ...


„Das Einzige, was er jetzt noch tun konnte, war, so gut es ihm eben möglich war zu plädieren. Und zu hoffen. Zu hoffen, dass am Ende gegen die eindeutigen Normen des Strafgesetzbuches die Gerechtigkeit siegte. Für einen Vater, der sich in seinen Handlungen verrannt hatte. Und für dessen Tochter, die von all den Geschehnissen um sie herum nicht die geringste Ahnung hatte.“

Inhalt

Der Strafverteidiger Rocco Eberhardt hat schon einige Jahre Berufserfahrung und dabei gelernt, dass er sich besser nicht zu persönlich auf die Fälle seiner Mandanten einlassen sollte, weil er sie zwar bestmöglich vor dem Strafgericht verteidigen muss, sie aber dennoch alle irgendeine Form des Verbrechens begangen haben und dadurch Schuld auf sich geladen haben, die selbst das beste Plädoyer nicht ungeschehen machen kann.

Sein aktueller Fall beschäftigt ihn dennoch mehr als beabsichtigt, denn der Täter, von der Presse als „Killer-Beamter“ tituliert, ist ein stiller, unauffälliger Familienvater, der zu allen Vorwürfen schweigt und um keinen Preis sein Motiv offenbaren möchte. Eberhardt bleibt eigentlich nur an dem Fall dran, weil sein Interesse geweckt ist, was Nikolas Nölting tatsächlich zu verbergen hat und warum er mitten am Tag in einer Bäckerei das Feuer eröffnete und zum Mörder wurde. Dank seiner Hartnäckigkeit gelingt es dem Anwalt, die Hintergründe aufzudecken, die weit in das organisierte Verbrechen der Hauptstadt hineinreichen und dennoch ganz gelagert sind, als ursprünglich vermutet …

Meinung

Die beiden Autoren Florian Schwiecker und Michael Tsokos starten mit diesem Justiz-Krimi eine neue Reihe, um den Strafverteidiger Rocco Eberhardt und den Rechtsmediziner Dr. Justus Jarmer. Das ist mein erstes Buch des Autorengespanns und ich bin eher zufällig und ohne große Erwartungshaltung in die Lektüre gestartet. Insgesamt handelt es sich bei diesem Kriminalroman um gute, solide Handwerkskunst, die vor allem durch ihre Realitätsnähe besticht und dadurch interessante Einblicke in das System der Deutschen Rechtssprechung und Gerichtsbarkeit liefert.

Man merkt der Lektüre an, dass die Verfasser selbst über die entsprechende Berufserfahrung verfügen und diese allgemeingültig und plausibel auch an Laien vermitteln können. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass sich gerade diese Abläufe in den Büchern wiederholen werden, wenn Eberhardt und Jarmer zu ihrem nächsten Fall aufbrechen und das, was hier in Band eins noch neu und interessant erschien, im Verlauf der Reihe weniger Interesse wecken könnte.

Der Fall selbst ist eher mäßig spannend und dadurch schwankt auch das Spannungsniveau der gesamten Erzählung. Zum Glück legen die Autoren neben der reinen Verhandlung auch ein Augenmerk auf die persönlichen Hintergründe der Protagonisten, die natürlich selbst nicht immer unfehlbar sind und auch die ein oder andere dringende Klärung in familiärer Angelegenheit wahrnehmen müssen. Insgesamt ist es ein gelungener Ausgleich zwischen Fakten, Erlebnissen und persönlichen Erfahrungswerten, der mich größtenteils gut unterhalten konnte.

Der Schreibstil an sich ist klar, sachlich und strukturiert. Dazu tragen auch die kurzen Kapitel und die Übersichtliche Gestaltung des Textes bei, so dass der Leser sowohl der gegenwärtigen Gerichtsverhandlung als auch den Tathintergründen und diversen Nebenhandlungen gut folgen kann. Sowohl zu den Figuren als auch zur Sache an sich bleibt eine gewisse Distanz gewahrt, die Emotionalität gar nicht erst aufkommen lässt. Dieser Tatbestand würde mich normalerweise zu einer schlechteren Bewertung kommen lassen, passt aber hier hervorragend zur erzählten Story, die wesentlich zerfaserter wirken würde, wenn sie nicht so zielgerichtet und neutral geschrieben wäre.

Fazit

Ich vergebe 3,5 Lesesterne (aufgerundet 4) für diesen Reihenauftakt, der ein scheinbar zielgerichtetes Attentat ohne erkennbares Motiv zur Sprache bringt und dessen Wahrheiten sich erst im Laufe der Erzählung gekonnt entfalten.

Man sollte Interesse an Gerichtsverhandlungen mitbringen, sich mit dem Zusammentragen diverser Fakten arrangieren und keinen atemberaubenden Spannungsbogen erwarten. Manchmal gewinnt die Handlung stark an Tempo und man möchte unbedingt weiterlesen, dann stagniert das Ganze wieder und die Energie ist verpufft. An dieser Stelle hätte ich mir persönlich weniger die berichtende Erzählperspektive gewünscht als vielmehr eine Beteiligung mehrerer Personen, vor allem in Hinblick auf ihre inneren Gewissheiten.

Im Zentrum steht hier weniger der Attentäter selbst als die Arbeit des Strafverteidigers, der sich - aus Mangel an Kooperationsbereitschaft seines Mandanten - allein durch die Unwegbarkeiten der Tatumstände kämpfen muss. Prinzipiell habe ich Interesse am Folgeband und würde dann entscheiden, ob ich die Reihe fortsetzen werde oder nicht.
„Das Einzige, was er jetzt noch tun konnte, war, so gut es ihm eben möglich war zu plädieren. Und zu hoffen. Zu hoffen, dass am Ende gegen die eindeutigen Normen des Strafgesetzbuches die Gerechtigkeit siegte. Für einen Vater, der sich in seinen Handlungen verrannt hatte. Und für dessen Tochter, die von all den Geschehnissen um sie herum nicht die geringste Ahnung hatte.“

Inhalt

Der Strafverteidiger Rocco Eberhardt hat schon einige Jahre Berufserfahrung und dabei gelernt, dass er sich besser nicht zu persönlich auf die Fälle seiner Mandanten einlassen sollte, weil er sie zwar bestmöglich vor dem Strafgericht verteidigen muss, sie aber dennoch alle irgendeine Form des Verbrechens begangen haben und dadurch Schuld auf sich geladen haben, die selbst das beste Plädoyer nicht ungeschehen machen kann.

Sein aktueller Fall beschäftigt ihn dennoch mehr als beabsichtigt, denn der Täter, von der Presse als „Killer-Beamter“ tituliert, ist ein stiller, unauffälliger Familienvater, der zu allen Vorwürfen schweigt und um keinen Preis sein Motiv offenbaren möchte. Eberhardt bleibt eigentlich nur an dem Fall dran, weil sein Interesse geweckt ist, was Nikolas Nölting tatsächlich zu verbergen hat und warum er mitten am Tag in einer Bäckerei das Feuer eröffnete und zum Mörder wurde. Dank seiner Hartnäckigkeit gelingt es dem Anwalt, die Hintergründe aufzudecken, die weit in das organisierte Verbrechen der Hauptstadt hineinreichen und dennoch ganz gelagert sind, als ursprünglich vermutet …

Meinung

Die beiden Autoren Florian Schwiecker und Michael Tsokos starten mit diesem Justiz-Krimi eine neue Reihe, um den Strafverteidiger Rocco Eberhardt und den Rechtsmediziner Dr. Justus Jarmer. Das ist mein erstes Buch des Autorengespanns und ich bin eher zufällig und ohne große Erwartungshaltung in die Lektüre gestartet. Insgesamt handelt es sich bei diesem Kriminalroman um gute, solide Handwerkskunst, die vor allem durch ihre Realitätsnähe besticht und dadurch interessante Einblicke in das System der Deutschen Rechtssprechung und Gerichtsbarkeit liefert.

Man merkt der Lektüre an, dass die Verfasser selbst über die entsprechende Berufserfahrung verfügen und diese allgemeingültig und plausibel auch an Laien vermitteln können. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass sich gerade diese Abläufe in den Büchern wiederholen werden, wenn Eberhardt und Jarmer zu ihrem nächsten Fall aufbrechen und das, was hier in Band eins noch neu und interessant erschien, im Verlauf der Reihe weniger Interesse wecken könnte.

Der Fall selbst ist eher mäßig spannend und dadurch schwankt auch das Spannungsniveau der gesamten Erzählung. Zum Glück legen die Autoren neben der reinen Verhandlung auch ein Augenmerk auf die persönlichen Hintergründe der Protagonisten, die natürlich selbst nicht immer unfehlbar sind und auch die ein oder andere dringende Klärung in familiärer Angelegenheit wahrnehmen müssen. Insgesamt ist es ein gelungener Ausgleich zwischen Fakten, Erlebnissen und persönlichen Erfahrungswerten, der mich größtenteils gut unterhalten konnte.

Der Schreibstil an sich ist klar, sachlich und strukturiert. Dazu tragen auch die kurzen Kapitel und die Übersichtliche Gestaltung des Textes bei, so dass der Leser sowohl der gegenwärtigen Gerichtsverhandlung als auch den Tathintergründen und diversen Nebenhandlungen gut folgen kann. Sowohl zu den Figuren als auch zur Sache an sich bleibt eine gewisse Distanz gewahrt, die Emotionalität gar nicht erst aufkommen lässt. Dieser Tatbestand würde mich normalerweise zu einer schlechteren Bewertung kommen lassen, passt aber hier hervorragend zur erzählten Story, die wesentlich zerfaserter wirken würde, wenn sie nicht so zielgerichtet und neutral geschrieben wäre.

Fazit

Ich vergebe 3,5 Lesesterne (aufgerundet 4) für diesen Reihenauftakt, der ein scheinbar zielgerichtetes Attentat ohne erkennbares Motiv zur Sprache bringt und dessen Wahrheiten sich erst im Laufe der Erzählung gekonnt entfalten.

Man sollte Interesse an Gerichtsverhandlungen mitbringen, sich mit dem Zusammentragen diverser Fakten arrangieren und keinen atemberaubenden Spannungsbogen erwarten. Manchmal gewinnt die Handlung stark an Tempo und man möchte unbedingt weiterlesen, dann stagniert das Ganze wieder und die Energie ist verpufft. An dieser Stelle hätte ich mir persönlich weniger die berichtende Erzählperspektive gewünscht als vielmehr eine Beteiligung mehrerer Personen, vor allem in Hinblick auf ihre inneren Gewissheiten.

Im Zentrum steht hier weniger der Attentäter selbst als die Arbeit des Strafverteidigers, der sich - aus Mangel an Kooperationsbereitschaft seines Mandanten - allein durch die Unwegbarkeiten der Tatumstände kämpfen muss. Prinzipiell habe ich Interesse am Folgeband und würde dann entscheiden, ob ich die Reihe fortsetzen werde oder nicht.

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Veröffentlicht am 04.12.2020

Kriegsverbrecher und ihre Rückkehr in ein anderes Leben

Der rote Judas
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Inhalt

Der Krieg ist vorbei, die Morde gehen weiter. Diesmal nicht auf dem Schlachtfeld im Getümmel sondern so wie eh und je aus niederen Motiven und mörderischen Gelüsten. Paul Stainer wird nach seiner ...

Inhalt

Der Krieg ist vorbei, die Morde gehen weiter. Diesmal nicht auf dem Schlachtfeld im Getümmel sondern so wie eh und je aus niederen Motiven und mörderischen Gelüsten. Paul Stainer wird nach seiner Rückkehr aus dem Kriegsdienst sogar befördert und soll fortan in der Wächterburg, dem Leipziger Polizeiamt, seinen Dienst als Kriminalinspektor antreten. Obwohl ihm seine alte Arbeit immer Spaß gemacht hat und er vor dem Krieg sehr motiviert war, belasten ihn nun seine Erinnerungen an jene Erfahrungen: schon beim geringsten Geräusch zuckt er zusammen und seinen temporären Gedächtnisverlust versucht er zu verschleiern, damit ihn niemand als Invaliden ansehen muss.

Doch gerade in der neuen Zeit spaltet sich die Bevölkerung in zwei Lager und auch die Beschäftigten bei der Polizei sind längst nicht so integer, wie Paul sie sich wünschen würde. Als er eine Mordserie aufklären soll, die anfangs wie ein Einbruch mit Diebstahl und Todesfolge aussah, wird ihm bewusst, dass er keinem mehr vertrauen kann. Denn er begegnet jenem Kommandanten aus Kriegszeiten wieder, der ihm einst im Schützengraben das Leben gerettet hat, doch nun scheint dieser in eine undurchsichtige politische Operation unter dem Decknamen „Judas“ verwickelt zu sein. Und Paul Stainer steht eindeutig auf der falschen Seite der Gesinnung, so dass es nur eine Frage der Zeit sein wird, bis er ins Fadenkreuz der Mörder gerät – aber wer steckt hinter dem mörderischen Komplott, dem auch Stainers Ehefrau zum Opfer fällt?

Meinung

Die bisherigen Bewertungen dieses Kriminalromans waren durchweg positiv und ich habe mich auf spannende Lesestunden gefreut, bei dem historische Hintergründe und politische Ereignisse zumindest indirekt einen Handlungsschwerpunkt darstellen. Allerdings gestaltet sich der Text gerade zu Beginn sehr müßig und erinnert nur am Rand an einen Kriminalfall, liegt doch das Augenmerk vor allem an persönlichen Ereignissen, die Paul Stainer plagen.

Seine Erlebnisse im Krieg, seine Ängste bezüglich der neuen Zeit, die Hintergründe – alles wird intensiv und glaubwürdig aufgearbeitet. Doch erst in der zweiten Hälfte des Buches rückt der aktuelle Fall in den Mittelpunkt, dann nimmt die Spannung zwar merklich zu und dennoch beginnt auch die Endlosschleife, die erneut auf traumatisierte Menschen und ehemalige Kriegsverbrecher abzielt. Allein das ständige Gequalme auf den gut 400 Seiten hat mich maßlos gestört, weil jede ausgedrückte Zigarette, jedes Feuer anzünden, jede Rauchschwade derart zelebriert wird, dass es mich nur nervte.

Eigentlich hat mich der Fall erst im letzten Drittel wirklich gut unterhalten, gerade weil hier deutlich wird, wie zerrüttet das Land wirklich ist, wie unterschiedlich die Kriegsverlierer mit dieser Tatsache umgehen. Dabei zeigt sich auch, dass es vollkommen egal ist, welcher politischen Gruppe man sich zugehörig fühlt – die Gegner sind nicht weit und jeder Bürger, der sich irgendetwas zu Schulde kommen lässt oder auch nur mit den falschen Personen Kontakte pflegt, steht bereits auf der Abschussliste diverser Gruppierungen.

Positiv beurteile ich die verschiedenen Perspektiven, die gewählt wurden. Dadurch bekommt die Erzählung viel Tiefe und lässt auch jene Personen glaubhaft erscheinen, die sich nach außen eher verschlossen geben. Tagebucheinträge ergänzen die Handlung und generell gestaltet sich der Verlauf äußerst spannend und vielschichtig. Dennoch konnte mich dieser Kriminalroman insgesamt nicht recht überzeugen, gerade weil dem Privatleben so viel Platz eingeräumt wird. Meine Bindung an die Protagonisten ist nur mäßig ausgeprägt und die Bösewichte konnten mich auch nicht wirklich schrecken.

Fazit

Ich vergebe 3,5 Lesesterne (aufgerundet 4) für diesen historisch inspirierten Kriminalroman mit viel Lokalkolorit, der dem Leser interessante Einblicke in das Leben der bürgerlichen Schicht nach Ende des 1. Weltkrieges gewährt. Die Begriffe gut und böse sind hier mehrdimensional und nicht so leicht festzumachen zwischen den Opfern und Schuldigen, die vielleicht nur zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort waren. Im Januar 2021 soll der zweite Band dieser Reihe veröffentlicht werden, ich bin allerdings unschlüssig, ob ich sie weiterverfolge.

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Veröffentlicht am 08.10.2020

Rückblick auf viele schöne Jahre

Genau richtig
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„Ich sitze dem allen jetzt ganz allein gegenüber. Das ist jedoch irgendwie auch ein gutes Gefühl. Es bedeutet eine gewisse Freiheit. Ich muss ganz für mich selbst eine Entscheidung treffen. Aber wenn ich ...

„Ich sitze dem allen jetzt ganz allein gegenüber. Das ist jedoch irgendwie auch ein gutes Gefühl. Es bedeutet eine gewisse Freiheit. Ich muss ganz für mich selbst eine Entscheidung treffen. Aber wenn ich das tue, dann wird es für uns beide sein, ich meine, für uns alle fünf.“

Inhalt

Albert und Eirin haben fast ihr ganzes Leben gemeinsam verbracht, sie sind durch viele Höhen und Tiefen gegangen, haben aber letztlich aneinander festgehalten und ihren Lebensweg gemeinsam bestritten. Und während Eirin auf einem Kongress weit weg von ihrem Mann ist, erhält dieser von seiner Ärztin, die ehemals auch seine Geliebte war, die vernichtende Diagnose über eine Krankheit, die ihn binnen kurzer Zeit zum Pflegefall machen wird und ihn letztlich das Leben kosten wird. Er fährt noch einmal hinaus an das gemeinsame Haus am See, füllt dort die Seiten des Hüttenbuchs mit seinen Erinnerungen an ein gelebtes Leben und muss sich allein darüber im Klaren werden, ob er die wenige Zeit, die ihm noch bleibt, mit seiner Familie verbringen möchte, oder ob er dem unaufhaltsamen Prozess des Sterben entgegeneilt, um ohne unvermeidliche Verluste einen Schlussstrich zu ziehen.

Meinung

Vor vielen Jahren habe ich vom norwegischen Bestsellerautor Jostein Gaarder sein Buch „Sophies Welt“ gelesen und vor nicht allzu langer Zeit seinen Roman „Ein treuer Freund“. Beide Bücher beschäftigen sich mit einem Themenkomplex, den ich wahnsinnig gern in literarischen Texten wahrnehme, weil es dabei um viel mehr geht, als um ein Leben und das individuelle Schicksal, vielmehr sind es die großen Zusammenhänge der Welt, die Menschlichkeit und die Ängste Einzelner, die durch Interaktion mit anderen gemildert werden. Und so geht es auch hier um einen sterbenskranken Mann, dem es in Anbetracht seiner ihm noch verbleibenden Lebenszeit zwar gut geht, dessen Stunden aber gezählt sind.

Mit dem Untertitel „Die kurze Geschichte einer langen Nacht“, trifft es den Inhalt des Buches schon sehr genau, denn Albert macht nichts weiter, als sich an sein Leben zu erinnern. Im Rückblick beschreibt er seine Liebesbeziehung zu Eirin und sein Verhältnis zu Marianne, er lässt Augenblicke des Glücks und der Freude Revue passieren und versetzt sich in Vergangenes hinein, um möglicherweise eine Frage zu finden, die ihm mit dem, was kommen wird, versöhnen könnte. Was passiert mit dem Mensch, wenn er nicht mehr da ist? Was geschieht der Menschheit, wenn alles so schrecklich vergänglich ist und nichts von Bestand? Wer wird sich an ihn erinnern, wenn er gestorben ist und welche Spuren konnte er überhaupt hinterlassen?

Diese philosophischen Ansätze haben mir, wie immer sehr gut gefallen. Sie äußern sich in schönen Sätzen, über die man gerne nachdenkt. Es geht um das Leben, die Verluste, die Wünsche, die Rückschläge und die tiefe innere Überzeugung, das jedes Individuum, wie klein es auch sein mag und wie kurz es auch auf Erden existierte, immer irgendwo eine Entwicklung voranbringt, die in ihrer Summe einzigartig und wunderschön ist. Dadurch das dieser kurze Roman aber nur 125 Seiten umfasst und stellenweise sehr profane Dinge schildert, fehlt ihm eine gewisse Präsenz. Manchmal versteigt sich Albert regelrecht in seine Erörterungen, er fabuliert und denkt, ohne sich der tatsächlichen Auswirkungen seiner Selbst bewusst zu werden. Dadurch bleibt die emotionale Ebene, die dieses Buch direkt ansprechen könnte, seltsam leer. Es missfällt mir wirklich, wenn die an sich schon traurige Botschaft, das alles endlich ist, so nachhaltig vergeistigt wird und es nicht mehr um den Menschen geht, sondern nur noch um das Universum. Ich denke, diese distanzierte Schreibweise hätte sich auch nicht geändert, wenn der Roman den doppelten Umfang gehabt hätte. Deshalb war er so, wie er ist genau richtig.

Fazit

Ich vergebe 3,5 Lesesterne, die ich zu 4 aufrunde. Leider erfüllt das Buch nicht den Anspruch, den ich ursprünglich an es hatte, obwohl fast alle Gedankengänge, die aufgegriffen werden, plausibel erscheinen, konnte es mein Leserherz nicht erreichen. Vieles bleibt im Verborgenen, die Protagonisten sind eher willkürlich und ersetzbar, die endgültige Entscheidung für oder gegen einen Sachverhalt wird zwar gefällt, nicht aber ausreichend begründet. Manches scheint Zufall, vieles scheint Schicksal, alles scheint einen bestimmten Zweck zu erfüllen. Dennoch hat mir die Geschichte an sich gut gefallen, vielleicht muss man auch ein Auge zudrücken und nicht so viel Vergleiche mit anderen Texten ziehen, um diesen hier wirklich genießen zu können. Als Einstieg in die Materie der philosophischen Gedankenwelt ist es ein gutes Buch, wer bereits andere Bücher mit ähnlichen Strukturen kennt, wird möglicherweise enttäuscht sein.

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Veröffentlicht am 19.08.2020

Was uns zusammenhält

Ein Sonntag mit Elena
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„Wir sind immer viel gereist. Unser Vater, Sonia, Ale. Von mir ganz zu schweigen – ich lebe praktisch aus dem Koffer. Aber zu Hause war ja Mama: Sie drehte sich mit uns, durch uns, und wir kreisten ...

„Wir sind immer viel gereist. Unser Vater, Sonia, Ale. Von mir ganz zu schweigen – ich lebe praktisch aus dem Koffer. Aber zu Hause war ja Mama: Sie drehte sich mit uns, durch uns, und wir kreisten um die Wohnung am Lungo Po Antonelli wie Satelliten um einen Planeten.“

Inhalt

Giulia, die mittlere von drei Geschwistern erzählt hier rückblickend die Geschichte der eigenen Familie. Vom Vater, der nun allein in der Turiner Wohnung lebt, nachdem die Mutter bei einem tragischen Unfall das Leben verlor, von der großen Schwester, die mit ihrer Familie fortgezogen ist und vom kleinen Bruder, der als erfolgreicher Chemiker ständig um die Welt reist. Sie beschreibt den langsamen und erwartbaren Zerfall einer Familie, nachdem alle Kinder erwachsen geworden sind und ihrer eigenen Wege gehen. Dabei spart sie weder die kleinen noch die großen Verletzungen aus, die in der Vergangenheit geschehen sind, sie schildert ehrlich und manchmal auch anklagend all jene zwischenmenschlichen Verfehlungen, die nun dazu geführt haben, dass „Papa“ allein in seiner Wohnung sitzt und sich damit auseinandersetzen muss, den Lebensabschnitt des Alters neu zu strukturieren. Eine Zufallsbekanntschaft, die er eines Sonntags im Park trifft, wird ihm dabei helfen, ebenso wie er dieser unbekannten Frau mit dem Namen Elena neue Perspektiven eröffnet.

Meinung

Die Leseprobe zu diesem Buch hat mich sehr angesprochen und da ich Familienromane mit einer Botschaft sehr mag, habe ich zu dem aktuellen Roman des italienischen Autors Fabio Geda gegriffen, der eine komplexe und zugleich mühelose Handlung mit Empathie für seine Charaktere verspricht. Insgesamt bietet dieses Buch guten, weil bekannten und nachvollziehbaren Unterhaltungsstoff. Die Themen der Entfremdung und Annäherung zwischen Eltern und Kindern ziehen sich hier wie ein roter Faden durch die Geschichte. Und obwohl es inhaltlich nichts Neues ist und darüber hinaus ein ständiges Wechseln zwischen Haupt- und diversen Nebenhandlungen gibt, hat mich dieser Text dennoch bei der Stange gehalten. Dafür verantwortlich ist meines Erachtens der flüssige, liebevolle und weitsichtige Schreibstil des Autors, der in kurzen Kapiteln immer tiefer in die Geschehnisse zwischen den Familienmitgliedern hineinführt.

Am ehesten gestört hat mich die gewählte Erzählperspektive, die doch ungewöhnlich und auch nicht immer glaubhaft erscheint – die mittlere Tochter schildert hier ganze Passagen, die sie bestenfalls gehört haben könnte, jedoch nicht selbst erlebt hat. Als eine Möglichkeit, die Ereignisse intensiver und weniger individuell zu schildern kann man da noch mitgehen, allerdings hätte mir der Vater als Erzähler wesentlich besser gefallen. Wer kann schon aus zweiter Hand die Gedankengänge und Beweggründe eines anderen beschreiben?

Sehr sympathisch hingegen empfand ich die Kernaussage des Buches: Selbst wenn sich Lebenswege anders entwickeln als gehofft, bleibt die Chance, sich mit den Gegebenheiten auszusöhnen und einander wieder neu zu begegnen. Vielleicht nicht stereotypisch in der Rolle als Erziehender und Kind dafür aber auf Augenhöhe und mit der festen Absicht einander wichtig zu sein.

Fazit

Ich vergebe 3,5 Lesesterne (aufgerundet 4) für diesen generalistischen, ehrlichen Familienroman der durchaus Parallelen zum Geschehen anderer Familienverbände aufwirft. Hier kann man sich wiederfinden und hineindenken, muss wenig interpretieren oder hinterfragen, denn es fügt sich eins zum anderen. Wer eine schöne, harmonische Erzählung sucht, ist hier genau richtig. Besonders nachhaltig, anspruchsvoll und aussagekräftig ist die Lektüre aber nicht – also kein Buch, mit dem ich viele Erinnerungen teilen werde.

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Veröffentlicht am 05.04.2020

Die biografische Fernerkundung der Vergangenheit

Das flüssige Land
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„Von manchen Sehnsüchten wissen wir gar nicht, dass wir sie haben, bis wir auf sie stoßen: Ich war zum ersten Mal in meinem Leben angekommen.“

Inhalt

Ruth Schwarz hat die leidvolle Aufgabe, nach dem ...

„Von manchen Sehnsüchten wissen wir gar nicht, dass wir sie haben, bis wir auf sie stoßen: Ich war zum ersten Mal in meinem Leben angekommen.“

Inhalt

Ruth Schwarz hat die leidvolle Aufgabe, nach dem Unfalltod ihrer Eltern, deren letzten Wunsch zu erfüllen. Da beide in der österreichischen Gemeinde Groß-Einland, die seltsamerweise auf keiner Karte verzeichnet ist, aufgewachsen sind, möchten sie dort auch ihre letzte Ruhestätte finden. Ruth gelingt es, die mysteriöse Gemeinde aufzuspüren, deren Paradoxon sehr gut zum Thema von Ruths Habilitation passt: Die Zeit scheint hier stillzustehen, Monate vergehen wie Stunden und die Vergangenheit ist ebenso präsent, wie die Zukunft. Die junge Frau, fühlt sich dort aufgehoben und verliert ihr ursprüngliches Ziel schnell aus den Augen. Stattdessen erwirbt sie das Geburtshaus ihrer Eltern und tritt in die Dienste der Gräfin, die als adliges Oberhaupt der Gemeinde gilt.

Denn Groß-Einland hat ein elementares Problem, welches Ruth durch ihre Kenntnisse der Physik möglicherweise beheben könnte. Vor Jahrzehnten war der Ort ein Bergbaurevier und die diversen Grabungen an allen möglichen Orten der Stadt führen nun dazu, das immer mehr Erdschichten absinken und mit sich die Häuser und Gebäude in die Tiefe reißen. Ganz in der Nähe des Marktplatzes befindet sich das wohl gefährlichste Objekt, ein Loch welches wie ein wildes Tier diverse Erdschichten verschluckt. Doch obwohl die Gräfin wünscht, dass Ruth der Natur Einhalt gebietet, indem sie die Gesteinsschichten vor dem Verfall bewahrt, so vehement wehrt sie sich gegen deren Erkundungen, warum der Boden so löchrig ist und wer oder was unter den bereits eingestürzten Gebieten ruht …

Meinung

Der Debütroman der niederösterreichischen Autorin Raphaela Edelbauer, verspricht eine magisch-mystische Erzählung in Verbindung mit einer spannenden Geschichte über die Opfer der Vergangenheit und den Wunsch Einzelner, Verborgenes im Verborgenen zu belassen. Tatsächlich bietet dieser ungewöhnliche Ansatz ein buntes Potpourri an Menschen, Ereignissen und Unterlassungen, sowie eine faszinierende Ausarbeitung einer eher schlichten Thematik, die auf den ersten Blick recht unscheinbar wirkt und es letztlich auch bleibt.

Die Lektüre lebt gerade zu Beginn von den Unwahrscheinlichkeiten und mysteriösen Begebenheiten, entwickelt sich aber in ihrem Verlauf zu einer Art Erkundung der Familiengeschichte, die direkt mit den Ereignissen vor Ort verknüpft zu sein scheint. Irgendwie muss man sich auf den Plot einlassen, erinnert er doch stark an ein Märchen und beschwört genau solche Bilder herauf, die dazu passen würden. Die Protagonistin selbst ist kein einfacher Mensch und lebt zwischen ihrer Drogenabhängigkeit und der Lethargie einer heimatlosen Seele, so dass man ihr die Ermittlungsarbeit nicht so ganz zutraut, doch im Anbetracht der nicht verrinnenden Zeit, der statischen Probleme und ihrer gewissenhaften Erledigung des Arbeitsauftrages, dringt immer wieder eine glasklare Entwicklung in den Vordergrund: In Groß-Einland schlummern Dinge, die bisher niemand hinterfragt hat, die möglicherweise vertuscht wurden und sich nun mit Macht ihren Weg an die Oberfläche bahnen.

Meine Kritikpunkte beziehen sich in erster Linie auf die Gestaltung des Textes, der gerade im Mittelteil unschöne Längen hat. Angefangen mit den hundertsten und tausendsten Veränderungen in einer ohnehin erdachten Welt, hin zu unbedeutenden Gesprächen in der Ortskneipe und stundenlangen Aufenthalten in der Bibliothek, zur Recherchearbeit an der Chronik. All das hat mein Lesevergnügen zusehends geschmälert, zumal keine bahnbrechenden Neuigkeiten zu Tage gefördert werden. Und obwohl Ruth zunächst ein wahres Zuhause in dieser unbekannten Gegend gefunden hat und so etwas wie Wärme und Geborgenheit empfindet, muss auch sie einsehen, dass ihre neue Heimat nicht für die Ewigkeit gemacht ist.

Fazit

Ich vergebe 3,5 Lesesterne, die ich zu 4 Sternen aufrunde für diesen innovativen, märchenhaften Roman, der den Leser in eine kleine Welt entführt, die sich gar nicht weit von der unsrigen in einem kurzen Abschnitt zwischen Raum und Zeit befindet. Die Ansätze bezüglich wichtiger Themen wie Herkunft, Familie, Zuhause werden jedoch von den Ereignissen vor Ort immer wieder überlagert und verschmelzen zu einem eigenartigen Gebilde aus Fantasie, Geschichte und Realität. So wie es der Protagonistin ergeht, so vollzieht sich die Wirkung auch beim Leser: man ist immer unterwegs, entdeckt etwas Neues, findet eine Antwort und stellt im gleichen Augenblick fest, wie unbedeutend sie ist. Das Buch bringt unterhaltsame Stunden in einem Paralleluniversum mit sich, hinterlässt aber keinen bleibenden Eindruck bei mir.

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