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Veröffentlicht am 11.05.2021

Kann man eine unterbrochene Freundschaft neu beginnen?

Die Geschichte von Kat und Easy
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2018 wurde die 1957 geborene deutschsprachige Autorin Suzann Pásztor für ihren dritten Roman "Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster" mit dem Evangelischen Buchpreis ausgezeichnet. Nun ist "Die ...

2018 wurde die 1957 geborene deutschsprachige Autorin Suzann Pásztor für ihren dritten Roman "Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster" mit dem Evangelischen Buchpreis ausgezeichnet. Nun ist "Die Geschichte von Kat und Easy" erschienen, ein Roman auf zwei Zeitebenen und einer Brücke in Form eines Kummerkasten-Blogs. Interessant ist die Wahl der Zeitformen und der Perspektive: Die Kapitel mit der Überschrift "Laustedt" spielen 1973 und sind in personaler Erzählform sowie im Präsens verfasst, in den mit "Kreta" überschriebenen Abschnitten aus der Jetzt-Zeit erzählt Kat in der Vergangenheitsform.

Vom Ende einer Freundschaft…
Das Jahr 1973 ist für die beiden Protagonistinnen Kat und Easy prägend und präsent bis in die Gegenwart. Damals wurden sie 16 und das autonome Jugendzentrum von Laustedt war plötzlich wichtiger als die Schule, sie wollten „mindestens zehnmal so glücklich wie unsere Mütter“ werden, Drogen, Alkohol und Sex zu erleben wurde zum wichtigsten Vorhaben. Trotz ihrer Verschiedenheit schien kein Blatt zwischen sie zu passen: Kat pummelig, mit dicker Brille und betont cool, Easy schön, anziehend, unbekümmert und keinem Flirt abgeneigt, Kat unter dem Eindruck der soeben vollzogenen Trennung der Eltern, Easy aus einem Arzthaushalt mit strenger Moral.

Es hätte das geplante Superjahr werden können, wäre da nicht der 20-jährige Robert, genannt Fripp, gewesen, in den beide sich verliebten. Fripp, von dessen Tod man bereits auf den ersten Seiten erfährt, auch wenn die Umstände erst ganz zuletzt aufgeklärt werden. Dieser Verlust beendete nicht nur ihre Freundschaft, er überschattete auch ihr ganzes weiteres Leben.

… und von einem Neubeginn
Easy, mittlerweile 62, Mutter dreier erwachsener Kinder unterschiedlicher Väter, sucht über Kats Coaching-Blog Rat und Kontakt. Nach 46 Jahren Funkstille lädt sie die geschiedene, kinderlose Jugendfreundin in ihr renovierungsbedürftiges Häuschen auf Kreta ein. Endlich soll auf den Tisch kommen, was so lang verschwiegen wurde. Und weil das von Angesicht zu Angesicht nicht einfach ist, geht das Zwiegespräch über den Blog weiter – bis Kat kurz vor ihrem Abflug doch noch den schmerzhaftesten Punkt der Geschichte beichtet.

Für mich kein sehr nachhaltiges Leseerlebnis
So gut die Idee des Romans und die versetzte Erzählweise sind, so wenig bin ich mit den beiden Protagonistinnen, insbesondere Easy, warm geworden, schon gar nicht mit dem verantwortungslosen Fripp. Während der Grund für Kats dauerhafte Verwundung nachvollziehbar ist, sie zwar andere beraten, sich selbst dagegen nicht helfen kann, hat sich mir Easys Trauma rückblickend nicht wirklich erschlossen. Auch der Konsum unterschiedlichster Drogen ist mir viel zu ausufernd geschildert und in der Jetzt-Zeit auf Kreta wenig glaubhaft bis ärgerlich. Ich vermisse auch eine spürbare Weiterentwicklung der Figuren, die Easy in ihrem letzten Post als „Ich-wills-wissen“ an die Lebensberaterin „Mockingbird“ alias Kat so auf den Punkt bringt:

"Wir waren jung damals, aber wir waren trotzdem längst die, die wir heute sind. Das ist erschreckend und tröstlich zugleich, oder?" (S. 267)

In die Atmosphäre der 1970er-Jahre mit den entsprechenden Musiktiteln und den Problemen der Heranwachsenden konnte ich mich - bis auf die Drogenexperimente - hineinversetzen. So gepackt, dass ich unbedingt erfahren wollte, was im Herbst 1973 tatsächlich geschah, hat es mich aber leider nicht.

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Veröffentlicht am 28.02.2021

Trauer, Schuld und Neid

Unter Wasser Nacht
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Der Roman "Unter Wasser Nacht" mit einem so herausragenden Cover, dem Handlungsort Wendland und einem so interessant klingenden Titel stand in diesem Frühjahr weit oben auf meiner Leseliste, ist mir doch ...

Der Roman "Unter Wasser Nacht" mit einem so herausragenden Cover, dem Handlungsort Wendland und einem so interessant klingenden Titel stand in diesem Frühjahr weit oben auf meiner Leseliste, ist mir doch ein wunderschöner Fahrradurlaub im Mai 2020 mit Quartier nahe Gorleben und der traumhaften Elbe noch frisch im Gedächtnis. Für zumindest zwei der Protagonisten ist jedoch die Elbe Hassobjekt:

"Er [Thies] wollte Edith nicht begegnen. Wenn es jemanden gab, der den Fluss noch mehr hasste als er, dann war sie es, die Fährfrau wider Willen. Er wollte ihre stummen Blicke nicht ertragen. Nicht wissen, was sich dahinter verbarg. Unausgesprochenes. Es ging ihm schlecht genug." (S. 7)

Abschied von Bullerbü
Thies und seine Frau Sophie haben vor gut einem Jahr ihren Sohn Aaron verloren. Zwei Tage nach seinem Verschwinden wurde er tot in der Elbe gefunden, die Umstände liegen im Dunkeln. Thies und Sophie entfernen sich seither in ihrer Trauer und ihren Schuldgefühlen immer mehr voneinander, leben in getrennten Welten. Auch die Freundschaft zu ihren Nachbarn Inga und Bodo mit den Kindern Lasse und Jella, alte Mitstreiter aus ihrer Vergangenheit als politische Aktivisten gegen die Castor-Transporte, ist daran zerbrochen.

Aus der Bullerbü-Idylle der beiden Familien wurde blanker Neid Sophies auf das scheinbar perfekte Leben der anderen. Dabei war auch vorher nicht alles gut, denn das Wunschkind Aaron terrorisierte, seit er laufen konnte, alle mit seinem Hass, seinen Aggressionen und seiner Wut.

Gerade als die Ermittlungen der Polizei eingestellt werden, taucht die mysteriöse Mara aus Christiania auf, eine Frau Ende vierzig, selbstbewusst, attraktiv, unkonventionell, lebendig. Thies fühlt sich vom ersten Moment magisch zu ihr hingezogen, aber auch auf Sophie, Inga und Jella macht sie großen Eindruck. Nur Ingas Mutter Edith, die Fährfrau, reagiert schroff. Noch ahnt keiner, wie sie aller Leben auf den Kopf stellen wird.

Ein Roman mit Schwächen
Kristina Hauff, die unter ihrem wirklichen Namen Susanne Kliem bereits mehrere Krimis veröffentlichte, überschreibt die kurzen Kapitel mit der Person, aus deren Sicht erzählt wird, bei Rückblenden ergänzt durch eine Zeitangabe. Zweiundzwanzig Kapitel heißen „Sophie“, zwölf „Thies“, acht „Inga“, drei „Jella“ beziehungsweise „Edith“ und eines „Mara“.

Leider nahm meine anfängliche Freude während des Lesens zunehmend ab, zumal die Auflösung irgendwann absehbar wurde. Hauptgründe dafür waren die die auf mich unecht wirkenden Dialog und die Charaktere, die mir zu eindimensional (Aaron), zu konstruiert (Mara) oder zu unverständlich in ihrem Verhalten (Thies und Jella) waren. Außerdem störten mich Ungenauigkeiten und Fehler, die ich so bei einem Buch aus dem Hanser Verlag nicht kenne: Da wird beispielsweise eine Hündin am „Armband“ gezogen (S. 156), „Hausbesetzerfreunde“ werden zu „Hausbesitzerfreunden“ (S. 228), die Kapitelüberschriften heißen mal „Dreizehn Monate zuvor“ (S. 127), mal „Vor 13 Monaten“ (S. 202) und Mara liegt, nur mit einem Slip bekleidet, auf einem Bett (S. 281), um sich kurz darauf T-Shirt und Hose auszuziehen (S. 284). Schade, denn die Grundidee des Buches ist gut, die Autorin hat zur Vergangenheit der Protestbewegungen recherchiert, hat Zeit im Wendland verbracht und viele Naturbeschreibungen, vor allem des Wassers, sind gelungen. Wer sich an den genannten Kritikpunkten also nicht stört, kann sich bei der Lektüre sicher gut unterhalten.

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Veröffentlicht am 26.10.2020

Merkt ihr nicht, dass man neben euch erstickt?

Ada
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Wie seine Schauspielerkollegen Robert Seethaler, Matthias Brandt, Joachim Meyerhoff, Axel Milberg oder Ulrich Tukurs ist inzwischen auch der 1957 geborene Christian Berkel unter die Romanautoren gegangen. ...

Wie seine Schauspielerkollegen Robert Seethaler, Matthias Brandt, Joachim Meyerhoff, Axel Milberg oder Ulrich Tukurs ist inzwischen auch der 1957 geborene Christian Berkel unter die Romanautoren gegangen. Sein Debüt "Der Apfelbaum" habe ich 2018 leider verpasst. Nun habe ich seinen zweiten Roman gelesen, "Ada", ohne zunächst zu wissen, dass er eine Fortsetzung darstellt. Zwar muss man den ersten Teil nicht unbedingt kennen, weil die wichtigsten Ereignisse aus dem Leben von Adas Eltern und Großeltern kurz angerissen werden, aber hilfreich wäre es trotzdem gewesen. Vor allem aber habe ich den Eindruck gewonnen, dass mich der erste Teil thematisch mehr interessiert hätte. Sala, die Protagonistin in "Der Apfelbaum" und Mutter von Christian Berkel, war Halbjüdin und wurde während des Zweiten Weltkriegs unter anderem im Lager von Gurs nördlich der französischen Pyrenäen interniert, dessen eindrucksvolle Gedenkstätte und jüdischen Friedhof ich im Sommer 2020 besucht habe. Ada, die Tochter, wird im von einem großen Schweigen geprägten Nachkriegsdeutschland groß:

"Sie hatten sich ihr Schweigen ebenso hart erarbeitet wie die scheißenden Tauben unseren Dachboden. […] Sie wollten ihre Ruhe. Sie wollten in ihrem Schweigen nicht gestört werden. Nur das interessierte sie.
„Merkt ihr nicht, dass man neben euch erstickt?“ "(S. 334)

Während im ersten Teil der geplanten Trilogie mit Christian Berkels Eltern Sala und Otto zwei reale Personen Pate für den Roman standen, ist deren Tochter Ada, die Protagonistin und Ich-Erzählerin im zweiten Band, fiktiv. 1945 in Leipzig geboren und im Alter von zwei Jahren mit ihrer Mutter nach Argentinien ausgewandert, kehrte sie 1954 in ein ihr fremdes Land mit fremder Sprache und unbekannter Geschichte zurück.

"Ada" besteht aus drei Teilen mit den Überschriften „Erinnern“, „Wiederholen“ und „Durcharbeiten“. Der Beginn jedes Teils sowie das Ende des Buches spielen in den Jahren 1989 bis 1993 und handeln insbesondere vom Versuch Adas, ihr Leben mit Hilfe einer Gesprächstherapie zu ordnen. Sie blickt auf ihre Kindheit und Jugend zurück, die sich vor dem Hintergrund von Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Mauerbau, Angst um West-Berlin und Aufbegehren der Jugend gegen das Schweigen ab Ende der 1960er-Jahre abspielte. Einerseits teilt Ada damit das Schicksal ihrer Generation, andererseits ist in ihrer Familie das Schweigen noch lauter, denn die Eltern enthalten ihr nicht nur Informationen über den eigenen Leidensweg und ihr Judentum vor, sondern ignorieren auch Adas Zweifel über Ottos Vaterschaft.

Ein zwiespältiger Leseeindruck
So spannend die Thematik des Romans unzweifelhaft ist, hatte ich mit der Umsetzung doch meine Schwierigkeiten. Obwohl Adas Verhalten, ihre innere und äußere Unruhe, ihre Rebellion gegen die mühsam aufgebaute Heile-Welt-Fassade und die Mauer des Schweigens, ihre Identitätssuche, ihre Drogenexperimente und schließlich ihr Bruch mit der Familie erklärlich sind, blieb sie mir doch als Figur sehr fremd. Mit einem auktorialen Erzähler oder wechselnden Erzählperspektiven, deutlichen Kürzungen im zweiten Teil und weniger direkter Rede hätte mir das Buch sicher besser gefallen. Statt alle Stationen der 68er-Bewegung kurz anzureißen und Ada bei der Anti-Schah-Demonstration ausgerechnet auf Benno Ohnesorg treffen zu lassen, hätte ich mir eine Fokussierung mit mehr Tiefgang gewünscht.

Als Fazit bleibt mein Wunsch, den Vorgängerband möglichst bald zu lesen. Auf den Abschlussband der Trilogie werde ich dagegen verzichten.

Veröffentlicht am 16.03.2020

Commissario mit Utopie

Der freie Hund
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Commissario Antonio Morello, Spitzname „Der freie Hund“, neuer Leiter der Abteilung für Gewaltverbrechen in Venedig, wird von den Kollegen nicht gerade warm empfangen. Vorurteile gegen Süditaliener, Misstrauen ...

Commissario Antonio Morello, Spitzname „Der freie Hund“, neuer Leiter der Abteilung für Gewaltverbrechen in Venedig, wird von den Kollegen nicht gerade warm empfangen. Vorurteile gegen Süditaliener, Misstrauen wegen seiner geheimnisvollen Versetzung von Sizilien in den Norden und Neid schlagen ihm entgegen. Auch Morello ist nicht begeistert, erscheint ihm doch die angeblich „schönste Stadt der Welt“ eher wie Dantes Inferno, „stinkig, kalt, nass und unfreundlich“. Er ist nicht freiwillig hierhergekommen, vielmehr dient die Maßnahme zumindest vorgeblich seinem Schutz, denn er hat mehr als 40 Mafiosi in den Knast gebracht, Bande zwischen der Cosa Nostra und der Politik aufgedeckt, privat bitter bezahlt und „steht auf der Todesliste von halb Cefalù und ganz Palermo“.

Der erste Mordfall
Beginnt sein erster Arbeitstag noch mit einem vergleichsweise harmlosen Taschendieb, so gibt es am zweiten bereits eine Leiche. Der Student Francesco Grittieri aus reicher venezianischer Familie, einer der Gründer des Studentenkomitees „Studenti contro navi da crociera“ wurde mit zahlreichen Messerstichen getötet. Dass er sich gegen die Kreuzfahrtschiffe im Herzen Venedigs, und gegen den Massentourismus engagierte, passte nicht jedem. Seine Familie, mit der er im Streit lag, ist Teilhaberin der Hafengesellschaft, Hafenarbeiter fürchten um ihre Jobs. Seine Freundin war krankhaft eifersüchtig, sein bester Freund zugleich Rivale in Liebesangelegenheiten und in der Führung der Protestbewegung. Die neuen Kollegen halten Moretti für paranoid und zwangsneurotisch, als er hauptsächlich in Richtung der Hafengesellschaft und der Familie Grittieri ermittelt und sogar seinen „Mafiaspleen“ auslebt – wo es doch nach ihrer Ansicht in Venedig zwar Korruption, aber keine ehrenwerte Gesellschaft gibt…

Noch nicht ganz rund
Das Autorenduo Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo verfolgt Commissario Morellos 17 erste Tage an neuer Wirkungsstätte und mischt den Kriminalfall mit viel venezianischer Geografie und Architektur, aktuellen politischen und ökologischen Problemen der Stadt, der Küche sowohl Venedigs als auch Siziliens, einer Liebesgeschichte und den Verflechtungen zwischen Mafia und Politik. Leider bleibt gerade Letzteres sehr an der Oberfläche und Morettis Monologe zu diesem Thema erschienen mir seltsam distanziert, obwohl er doch für seine Utopie, den Sieg über die Mafia, angeblich brennt. Dass die Investigativjournalistin und Mafia-Expertin Petra Reski ihre Nennung in der Danksagung gerichtlich untersagen ließ, stimmt mich ebenfalls nachdenklich. Der Fall des ermordeten Studenten tritt immer wieder sehr in den Hintergrund und konnte mich nicht so packen, wie ich es erwartet hatte, zumal relativ schnell klar war, worauf die Auflösung schließlich hinauslaufen würde. Überzeugt hat mich dann allerdings der Showdown, als es so richtig spannend und dramatisch wurde – mit einer gut eingefädelten, unerwarteten Wendung. Sprachlich eher einfach, hat das Buch mit den Seitenzahlen am jeweils äußeren Rand und der Coppola, Morellos geliebter Schiebermütze, als Trennung zwischen den Abschnitten ein originelles Layout, ist aber durch den Druck bis weit nach innen nur mit Kraft offen zu halten, was das Lesen erschwert.

Auch wenn mich dieser erste Fall Morellos in Venedig noch nicht überzeugen konnte, würde ich der Reihe vor allem wegen der interessanten Ermittlergruppe noch eine Chance geben, nun, wo sich das Team endlich zusammenzuraufen scheint.

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Veröffentlicht am 15.01.2020

Eine Protagonistin, die mein Interesse nicht wecken konnte

Sofia trägt immer Schwarz
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Fast wäre schon Sofia Muratores Einstieg ins Leben missglückt, nachdem ihre Mutter Rossana während der Schwangerschaft verbotene Medikamente geschluckt hatte. Schon kurz nach der Geburt sinnt ihr Vater ...

Fast wäre schon Sofia Muratores Einstieg ins Leben missglückt, nachdem ihre Mutter Rossana während der Schwangerschaft verbotene Medikamente geschluckt hatte. Schon kurz nach der Geburt sinnt ihr Vater darüber nach, wer wohl für das Leid der jeweils anderen verantwortlich ist – die Mutter für das Leid der Tochter oder doch eher umgekehrt? Denn ohne die Schwangerschaft wäre es nicht zur Ehe der Eltern gekommen und Rossana vielleicht nicht immer tiefer in Depressionen versunken. Vor den häuslichen Auseinandersetzungen flieht der Vater Roberto in die Arme einer jungen Kollegen. Für Sofia bedeutet das eine Kindheit in einem zerrütteten Elternhaus mit einer psychisch kranken Mutter und einem meist abwesenden Vater, Rebellion, Ängste vor dem Alleinsein und eine Essstörung. Nach einem Selbstmordversuch im Alter von 16 und einem Klinikaufenthalt nimmt die Schwester des Vaters sie bei sich auf, Sofia kann ihren Wunsch nach einer Schauspielausbildung verwirklichen, doch sie bleibt auf der Flucht vor sich selbst.

Ein nachträglich übersetzter Debütroman
Nachdem der 1978 in Mailand geborene Paolo Cognetti für seinen sehr lesenswerten Roman "Acht Berge" 2017 den renommiertesten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega, erhielt, und auch in Deutschland einen großen Erfolg erzielte, veröffentlichte der Penguin Verlag 2018 seinen Debütroman "Sofia trägt immer Schwarz" aus dem Jahr 2012, 2013 ebenfalls auf der Shortlist dieses Preises.

Kein Zugang zur Protagonistin
Leider hat mich Paolo Cognetti mit diesem Roman nicht erreicht. Zwar mochte ich die Sprache und den Aufbau mit den unterschiedlichen Erzählperspektiven vom auktorialen Erzähler über das „Du“ bis zum Ich-Erzähler und die Herausforderung zur Neuorientierung in jedem der zehn, nicht streng chronologisch angeordneten Kapitel. Die Annährung an eine Protagonistin über Umwege und in Puzzleform, wie es beispielsweise auch Minna Rytisalo in ihrem Roman "Lempi, das heißt Liebe" so großartig macht, lese ich eigentlich gerne. Dass dabei zwangsläufig Unschärfen und Widersprüche entstehen, stört mich nicht. Allerdings hat Paolo Cognetti es zu keiner Zeit verstanden, mich für seine Protagonistin zu interessieren. Nicht nur, dass Sofia mir fremd geblieben ist, ich hatte gar nicht das Bedürfnis, mehr über diese egozentrische Figur zu erfahren. Mag sein, dass die schwere Kindheit ihr Verhalten in Teilen rechtfertigt, ihr Umgang mit Menschen, die es gut mit ihr meinen und sie mögen, hat mich trotzdem abgestoßen.

Interessante Nebenfiguren
Ganz anders wäre meine Beurteilung ausgefallen, hätte Cognetti eine seiner wirklich interessanten Nebenfiguren in den Mittelpunkt gestellt, Sofias Tante Marta, den angehenden Autor und Ich-Erzähler Pietro aus dem letzten Kapitel oder Emma, die Geliebte des Vaters. Ein „feines Gespür für die drängenden Fragen des Lebens“, das der Verlagstext verspricht, habe ich nicht wahrgenommen, viel eher schon das „Sittengemälde der Achtzigerjahre“ .

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