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Mianna

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.03.2021

Ergreifender Jugendroman

Fürchtet uns, wir sind die Zukunft
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Theo beginnt ein Klavierstudium an einer Academie. Das erste Mal von zu Hause weg, samt Schildkröte Panzer trifft er auf Mitstudenten, die ihn das Leben mit anderen Augen sehen lassen. Im Mittelpunkt dabei ...

Theo beginnt ein Klavierstudium an einer Academie. Das erste Mal von zu Hause weg, samt Schildkröte Panzer trifft er auf Mitstudenten, die ihn das Leben mit anderen Augen sehen lassen. Im Mittelpunkt dabei ist Aida. Sie steht für "Zukunft" und für Alles, was Theo zu wollen beginnt.

Der Buchtitel klingt provokativ und kraftvoll, eine richtige Kampfansage! Eine Kampfansage an das Leben und an Erwachsene, die jungen Menschen die freie Entwicklung versagen. Darum geht es schließlich. Die Geschichte hält also, was der Titel verspricht.
Es ist spannend und mitreißend, wie Theo seine Erlebnisse als Student beschreibt. Er muss sich zurechtfinden, oft fällt ihm das schwer und zeitweise überschlagen sich die Ereignisse. Theo staunt, begegnet seinen Ängsten, überschreitet Grenzen, leidet und kämpft. Das macht ihn zu einer starken Hauptfigur. Die Beschreibungen von Theo lassen mitfühlen, er ist sehr sympathisch. Die Begegnungen mit Aida und den anderen, die Dynamiken - wirkt meistens realistisch.
Besonders reizvoll an der Geschichte ist die musikalische Komponente. Das Klavierspielen und die Beschreibungen, insbesondere wie sich Theo darin vertieft sind sehr bewegend. Die Musik lässt sich förmlich hören. Anders als der Buchtitel erwarten lässt, hat die Geschichte viele stimmungsvolle und vorallem harmonische Szenen - auch in Verbindung mit seinem Mentor Herr Goldstein. Dagegen wirken die waghalsigen Aktionen teilweise etwas merkwürdig. Harmonie und Kampf sind manchmal zu extrem. Die Geschichte nimmt die Lesenden in das Geschehen auf und lässt sich auch deswegen wie "im Flug" lesen. Es gibt ein paar spannende Wendungen. Insgesamt ist die Geschichte sehr stimmig und rund.

Mitreißend und atmosphärisch. Eine Kampfansage junger Menschen an das Leben.

Veröffentlicht am 24.02.2021

Selbstgespräche eines Mönchs

Aus der Mitte des Sees
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Lukas ist, seitdem sein Freund Andreas eine Familie gegründet hat, der einzige junge Mönch in einer Benediktinerabtei. Der Verlust bringt ihn dazu, sich die Sinnfrage zu stellen. In einem inneren Monolog, ...

Lukas ist, seitdem sein Freund Andreas eine Familie gegründet hat, der einzige junge Mönch in einer Benediktinerabtei. Der Verlust bringt ihn dazu, sich die Sinnfrage zu stellen. In einem inneren Monolog, nur durch einzelne Dialoge unterbrochen, wendet er sich nahestehenden Menschen zu. Da ist neben dem ehemaligen Bruder Andreas, Sarah, der er sich gefährlich nah fühlt sowie ein Junge, der ins Kloster eintreten möchte. Sein Element ist das Wasser. Im See am Kloster lässt er seine Gedanken schweifen, Wellen schlagen und in die Tiefe sinken.

Der Autor Moritz Heger erzählt authentisch und spannend vom Klosterleben und den Mönchen. Sicherlich sind seine Schilderungen so realistisch, weil er Erfahrungen als Gast im Kloster hat. Es gelingt ihm gut den Glaubens- und Sinnfragen intensiv nachzugehen und dies auf eine neutrale, sogar wertschätzende Art. Das ist thematisch garnicht so einfach bei der vielen Kritik, Missbrauchsvorwürfen und dem Austritt vieler Mitglieder in der katholischen Kirche. Aber vielleicht deshalb umso interessanter?
Heger zeigt das zutiefst Menschliche in den Gottesmännern, macht sie nahbar. Die Einblicke in das Seelenleben des jungen Mönchs Lukas sind sehr tiefgründig und seine Lebensfragen nachvollziehbar, denn sie betreffen alle Menschen. Es geht um Liebe, Verluste und die Beziehung zu sich selbst. Mönch Lukas windet sich, schweift aus und gibt seinen Gedanken Raum. Es wäre leicht, sich in die Gedanken zu verstricken und sich darin zu verlieren. Verhindert wird dies durch die sinnlichen Beschreibungen des Klosteralltages und des Sees sowie den Begegnungen mit Sarah. So steht der Gedankentiefe genügend Realität entgegen.

Die Erzählung ist poetisch und philosophisch. Der Bezug zum See ist ein starkes Sinnbild für die elementaren Lebenfragen. Zudem lockert es die tiefgründige und sehr dichte Erzählung auf. Die Atmosphäre wird dadurch sehr einladend und tröstlich. Es ist beeindruckend wie der Autor Gedankenspiele, kraftvolle Sprachbilder, geniale Wortspiele und sinnliche Beschreibungen zu einem großen Ganzen zusammenfügt. Sprachgewaltig! Zwar sind die Ausführungen nicht immer sofort zu verstehen, müssen vielleicht ein zweites Mal gelesen werden, sind aber in jedem Fall bereichernd. Das Lesen und Verstehen braucht also Zeit. Der Aufbau als innerer Monolog bringt es zudem mit sich, dass alles ineinander übergeht und nicht immer klar ist, an wen sich Lukas gerade richtet. Es fehlt manchmal die Orientierung, die Struktur. Erst im Laufe der Texte benennt Lukas sein Gegenüber. Es ist jederzeit damit zu rechnen, dass er im nächsten Moment mit den Gedanken woanders ist. Es geht von Einem zum Nächsten und in Schleifen zurück.

Die Geschichte und Lukas' Entwicklung hat es in sich, sie geht unter die Haut. Es werden Tatsachen geschaffen. Unerwartet geht es bis zum Äußersten. Das Ende lässt einiges offen. Ganz unerwartet. Das macht die Geschichte so mitreißend.

Ein sprachgewaltiges und tiefgehendes Zwiegespräch über essentielle Lebens- und Glaubensfragen. Sehr anregend und bereichernd.

Veröffentlicht am 08.02.2021

Der Titel könnte nicht treffender sein

Der Klang der Wälder
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Als der junge Tomura auf den Klavierstimmer Itadori trifft, eröffnet sich ihm eine neue Welt. Beim Erklingen des Klaviers fühlt er sich in die Berge und Wälder seiner japanischen Heimat zurückversetzt. ...

Als der junge Tomura auf den Klavierstimmer Itadori trifft, eröffnet sich ihm eine neue Welt. Beim Erklingen des Klaviers fühlt er sich in die Berge und Wälder seiner japanischen Heimat zurückversetzt. Für ihn beginnt eine aufregende Zeit voller Hingabe und Selbstzweifel.

In diesem besonderen Roman geht um den Sinn des Lebens, der sich für den jungen Japaner Tomura im Zusammenspiel von Klang und Natur findet. Es ist auffallend, wie sich die Autorin mit diesem Motiv befasst, Wälder und Landschaften immer wieder in den schönsten Farben ausmalt. Der Buchtitel ist also mehr als passend gewählt.

Der Roman ist sehr sinnlich und poetisch. Die Geräusche des Waldes, sprudelndes Quellwasser, einzelne Tiere und Bäume werden ausführlich beschrieben. Sie werden nicht nur beschrieben, sie werden zum Leben erweckt. Es ist wie ein Sog, der in die Welt des Buches führt. Eine Welt die ebenso voller technischer Klaviersprache ist, dadurch aber an Reiz gewinnt. Trotzdem kann einem bei den vielen Akkorden, Dreiklängen, Frequenzen und Resonanzen auch mal schwindelig werden.

Der Roman hat interessante Charaktere zu bieten, doch kein anderer ist so ausgefeilt wie der junge Tomura. Durch seine Selbstvergessenheit, Beharrlichkeit und seine volle Hingabe in das Klavierstimmen ist er eine spannende Hauptfigur. Er hat viele kluge Gedanken, die die Autorin geschickt ausformuliert. Die Erzählung ist an vielen Stellen weise und lehrreich. Das Finden eines Lebenssinnes ist nicht einfach, das zeigt sich hier. Myiashita lässt die Lesenden tief in sein Innerstes blicken und reduziert die Erzählung drumherum eher. Dadurch wirkt er etwas abgekoppelt von den Anderen. Seine vielen Selbstzweifel und seine permanente Selbstunterschätzung sind auf Dauer herausfordernd. Anders als oftmals üblich wird hier ein junger Mann mit seinen Schwächen gezeigt, der im Werden ist. Seine Schwächen scheinen gleichzeitig seine größten Stärken zu sein.

Es ist ein Roman voller Tiefe und vieler Assoziationen, der sich beharrlich mit dem Natur-Klang-Motiv befasst. Ein Roman über die Schönheit in der Welt. Das macht es zu einer ungewöhnlichen Lektüre, die bestimmt nicht für jeden genügend Spannung zu bieten hat.

Klare Leseempfehlung! Die Geschichte lässt Eintauchen. Im Mittelpunkt stehen phantastische Naturbeschriebungen und ein junger sinnlicher Mann, der im Erzeugen von Klang seine Bestimmung findet.

Veröffentlicht am 01.02.2021

Von Nähe und Begreifen

Vati
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Der Roman schließt an das Vorgängerbuch "Die Bagage" an. In beiden Büchern befasst sich Monika Helfer mit ihrer Familiengeschichte. In diesem Teil geht es um ihren Vater, einen durch Krieg und schlimme ...

Der Roman schließt an das Vorgängerbuch "Die Bagage" an. In beiden Büchern befasst sich Monika Helfer mit ihrer Familiengeschichte. In diesem Teil geht es um ihren Vater, einen durch Krieg und schlimme Ereignisse gebrochenen Mann.

Die Schilderung der Ereignisse ist eher reduziert auf die Fakten. Das Schweigen des Vaters, seine zeitweise Abwesenheit sorgen dafür, dass er schwer greifbar ist. Vorallem seine Beweggründe und sein Innenleben lassen sich nur vermuten. Frau Helfer gelingt es ganz gut, die Bruchstücke zusammenzusetzen. Sie baut viele Dialoge ein, auch nachträgliche Bewertungen und Deutungen anderer Familienmitglieder. Es ist erstaunlich wie treffend sie ihre Worte für lange zurückliegende Erinnerungen wählt und mit welcher Kraft diese Beschreibungen wirken. Der "Vati" bleibt trotzdem schwer zu begreifen und die Erzählung sucht seine Nähe.

Die Erzählweise ist sehr angenehm - persönlich aber wenig emotional. Die Autorin selbst wirkt auch etwas unnahbar. So wird es nicht zu dramatisch, ist eher unaufgeregt. Trotzdem hat die Erzählung eine gewisse Spannung und Schwere. Die Kinder wachsen in schwierigen Verhältnissen auf, die Familie schlägt sich so durch. Es ist erstaunlich, dass Monika Helfer ohne Abwehr und Vorwürfe auf ihre Eltern zurückblickt.

Das ist es wohl, eine Annäherung an den unnahbaren Vater, ein Begreifen wollen. Es ist eine berührende und trotzdem distanzierte Familiengeschichte.

Veröffentlicht am 19.12.2020

Erschreckende Mahnung

Sag die Wahrheit, auch wenn deine Stimme zittert
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Dieser Roman umfasst die Recherchen der ermordeten Journalistin Daphne Caruana Galizia. Bis kurz vor ihren Tod durch eine Autobombe hatte sie die Zustände auf Malta angeprangert. Da das Buch durch ihre ...

Dieser Roman umfasst die Recherchen der ermordeten Journalistin Daphne Caruana Galizia. Bis kurz vor ihren Tod durch eine Autobombe hatte sie die Zustände auf Malta angeprangert. Da das Buch durch ihre Söhne fertig gestellt wurde, ist es als fehle etwas um das Ganze rund zu machen. Es ist eine Ansammlung an Artikeln, gegliedert in unterschiedliche Themen. Es zeigt auf, mahnt an, trägt Daphnes Botschaften weiter.

Die Themen dieses Buches sind sehr bedeutend und nicht nur auf Malta begrenzt. Es geht um Korruption, Zensur und Bedrohung von Journalisten, Verschwörungen und Geldwäsche. Das politische System Maltas ist durchwachsen davon. Die gesammelten Fakten sind unglaublich, spannend und informativ. Es ist hilfreich, die einführenden Worte der Söhne zu lesen, die jedem Kapitel vorstehen. Sie fassen die Inhalte der Kapitel auch gut zusammen. Dabei werden persönliche Erinnerungen über Daphne als private Person miteingebaut. Das ist eine berührende Ergänzung zu den Fakten. Durch die unterschiedliche Formatierung der Texte wird meistens erkennbar, ob es gerade Daphnes Texte oder die ihrer Söhne sind. Andere Textstellen lassen sich schwerer zuordnen. Insgesamt lässt sich das Buch nicht so weg lesen. Es muss nach und nach gelesen und verstanden werden.

Bemerkenswerte Darstellung der Arbeit der ermordeten Journalistin, spannende Fakten und berührende Erinnerungen an sie als Mensch.