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Veröffentlicht am 16.05.2022

Wer war ich, wer bin ich, und wer werde ich sein, wenn ich sterbe?

Das Leben eines Anderen
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Eine junge Frau namens Rie verliert ihren Ehemann nach nicht einmal vier glücklichen Ehejahren durch einen Arbeitsunfall. Obwohl ihr Mann vor vielen Jahren den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen hatte, ...

Eine junge Frau namens Rie verliert ihren Ehemann nach nicht einmal vier glücklichen Ehejahren durch einen Arbeitsunfall. Obwohl ihr Mann vor vielen Jahren den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen hatte, trifft sie ein Jahr später ihren Schwager, der ihr sagt, dass der Mann auf den Fotos nicht sein Bruder Daisuke Taniguchi ist. Sie wendet sich an den Anwalt Akira Kido, der sie acht Jahre zuvor bei der Scheidung von ihrem ersten Mann vertreten hatte. Jetzt möchte sie herausfinden, wer ihr Mann und Vater ihrer Tochter wirklich war. Die Nachforschungen dauern über ein Jahr. Kido ermittelt in zwei Richtungen: er sucht nach der wahren Identität des Verstorbenen und versucht, den echten Daisuke zu finden. Dabei stößt er auf einen Kriminellen, der vor seiner Inhaftierung mit Identitäten und Fälschungen der amtlichen Personenregister handelte. Viele seiner Kunden haben dabei ihre Identität mehrfach getauscht, was die Ermittlungen weiter erschwert. Kido kniet sich so in den Fall, dass nicht nur seine Ehe in eine schwere Krise gerät, sondern er auch die eigene Identität zunehmend hinterfragt. Die Vorstellung, ein anderer zu werden, ein neues, anderes Leben zu beginnen, erscheint ihm immer attraktiver, zumal er eine ganz besondere Vorgeschichte hat: Er ist ein Japaner mit koreanischen Wurzeln, ein Zainichi in der dritten Generation. Obwohl er selbst zumindest als Erwachsener nicht Opfer von Diskriminierung und Fremdenhass geworden ist, sieht er den wachsenden Extremismus in der japanischen Gesellschaft mit großer Sorge. Eines Tages stellt er sich probeweise dem Schriftsteller in einer Bar unter falschem Namen vor, was den Autor dazu veranlasst, ihn zu seinem Protagonisten in einem neuen Roman zu machen. Dies erfährt der Leser in einem Prolog.
Der vorliegende Roman ist kein Pageturner, aber interessant genug, um sich selbst diese Fragen zu stellen: Was macht unsere Identität aus? Wie lebt es sich mit einer Lüge? Würde ein anderer mit meiner Identität ein besseres Leben führen? Könnte ich mit einer neuen Identität meinem Schicksal entgehen? Mir hat der Roman gefallen, weil er viele Facetten der japanischen Gesellschaft zeigt: das komplizierte System der Familienregister, Massaker an der koreanischen Minderheit und ihre andauernde Diskriminierung, die tiefgreifenden Folgen von Erdbeben und Tsunamis usw. Lediglich die sprachliche Qualität der deutschen Übersetzung hat mich mehrfach gestört.

Veröffentlicht am 29.04.2022

Vertuschung und Lügen

Freunde. Für immer.
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In Kimberley McCreights neuem Roman trifft sich eine Freundesclique zehn Jahre nach dem Collegeabschluss, um einen Junggesellenabschied zu feiern. Der wohlhabende Jonathan hat die Gruppe in sein einsam ...

In Kimberley McCreights neuem Roman trifft sich eine Freundesclique zehn Jahre nach dem Collegeabschluss, um einen Junggesellenabschied zu feiern. Der wohlhabende Jonathan hat die Gruppe in sein einsam gelegenes Wochenendhaus in den Catskills eingeladen. Zehn Jahre zuvor war bei einer Party auf dem Dach des Vassar College etwas Furchtbares passiert, das ihr Leben für immer verändert hat. Alice, ein Mitglied der Gruppe, konnte mit den Schuldgefühlen nicht leben. Sie verschwand spurlos, hatte nach allgemeiner Ansicht Selbstmord begangen. Bei dem Treffen in der Erzählgegenwart laufen die Dinge schnell aus dem Ruder. Nicht nur, dass der örtliche Bauunternehmer den Hausbesitzer erpresst. Es verschwinden zwei Männer aus der Clique, und ein Toter wird später gefunden, der zunächst nicht identifiziert werden kann. Es kommen immer mehr Geheimnisse aus der Vergangenheit ans Licht. Das gilt auch für die Ermittlerin Julian Scutt, deren Schwester Jane 20 Jahre zuvor ermordet wurde. Der Mörder wurde nie gefunden. Die beiden Fälle weisen deutliche Parallelen auf, so dass die Polizistin auch in dem alten Fall ermittelt, um endlich mit der traumatischen Vergangenheit abschließen zu können.
Erzählt wird aus den wechselnden Perspektiven der Freunde und der Ermittlerin und einer unbekannten Person, die alles beobachtet und gut informiert ist. Die Zeit der Handlung umfasst nur das Wochenende von Freitagabend bis Sonntagabend, aber es gibt zahlreiche Rückblenden in die Vergangenheit. Der Roman ist bis zum Ende spannend. Es gibt falsche Fährten, und die Auflösung kann man nicht erraten, auch wenn man noch so aufmerksam liest. Neben der Aufklärung mehrerer Morde geht es auch um das Thema Freundschaft. Wie gut kennen wir unsere besten Freunde, zu wieviel Loyalität ist man unter Freunden verpflichtet? Sollen Freunde sich auch noch loyal verhalten, wenn es um ein Verbrechen geht? Die Protagonisten dieses Romans sind jedenfalls nicht ehrlich zu einander. So viele Lügen und Geheimnisse sind mit wahrer Freundschaft nicht vereinbar.
Mir hat dieses spannende, raffinierte Puzzle sehr gut gefallen und ich empfehle es gern.

Veröffentlicht am 24.04.2022

Der Preis des Erfolgs

Die sieben Männer der Evelyn Hugo
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Hollywood-Ikone Evelyn Hugo, 79 nimmt über ihren Arbeitgeber Kontakt zu der weitgehend unbekannten Journalistin Monique Grant auf und will nur ihr anlässlich einer Auktion ihrer berühmtesten Kleider ein ...

Hollywood-Ikone Evelyn Hugo, 79 nimmt über ihren Arbeitgeber Kontakt zu der weitgehend unbekannten Journalistin Monique Grant auf und will nur ihr anlässlich einer Auktion ihrer berühmtesten Kleider ein Interview gewähren. Keiner versteht warum, aber das ist Evelyn Hugos Bedingung. Im ersten Gespräch erfährt Monique, dass sie in Wirklichkeit Evelyns Biographie schreiben soll und zwar unter ihrem eigenen Namen. So erzählt Evelyn bei ihren täglichen Treffen ihre Lebensgeschichte, wobei die sieben Ehemänner einen äußeren zeitlichen Rahmen bilden und die Kapiteleinteilung vorgeben. Evelyn Herrera hatte einen kubanischen Vater und eine weiße Mutter und wuchs in ärmlichsten Verhältnissen in New Yorks Hell´s Kitchen auf. Schon als 14jährige fällt sie durch außerordentliche Schönheit auf und setzt zwei Jahre später ihren Körper ein, um nach Hollywood zu gelangen. Sie hat nur ein Ziel: es im Filmgeschäft bis ganz oben zu schaffen. Sie bekommt immer bessere Rollen und wird ein Star. Ihre Männer schmücken sich mit ihr wie mit einer Trophäe und profitieren von ihrem Ruhm.
Evelyn erlebt Rückschläge und viele unschöne Dinge: die Rivalität unter den Schauspielerinnen, die rufschädigenden Artikel der Boulevardpresse, Fotografen, die ihr ständig und überall auflauern. Evelyn beweist ungeheure Stärke, geht selbstsicher ihren Weg und verliert ihr Ziel nicht aus den Augen. Monique ist zunehmend beeindruckt und fragt sich angesichts zahlreicher unklarer Andeutungen, welche geheime Verbindung es zwischen ihnen gibt und warum Evelyn sie ausgewählt hat, um ihr die privatesten Dinge anzuvertrauen.
Der gut lesbare Roman gewährt tiefe Einblicke in das Filmgeschäft im Hollywood der 50er bis 80er Jahre, die Macht der Regisseure und Produzenten und die Notwendigkeit, in einer noch sehr intoleranten Gesellschaft gewisse Seiten seines Privatlebens um jeden Preis geheim zu halten, vor allem die sexuelle Orientierung, wenn sie von den akzeptierten Moralvorstellungen abweicht. Die Autorin zeigt, wie sich auch Monique Grant angesichts dieser starken Frau verändert, wie sie selbstsicherer wird und nach dem Scheitern ihrer Ehe mit neuem Mut ihre eigene Zukunft plant. Ein lohnendes Buch. Mich stört nur der deutsche Klappentext, der so fehlerhaft ist, dass ich nicht glauben kann, dass der Verfasser das Buch überhaupt gelesen hat. Monique soll zum Beispiel nicht von vornherein Evelyns Biografie schreiben und schon gar nicht als Ghostwriter.

Veröffentlicht am 18.04.2022

Alles nicht so einfach

Simpel mit Sampl
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Das Kochbuch „Simpel mit Sampl“ von Thomas Sampl und Madlen Zeller ist anders als alle Kochbücher, die ich kenne und besitze. Die Informationen zu den Inhaltsstoffen von Obst- und Gemüsesorten sind genauer ...

Das Kochbuch „Simpel mit Sampl“ von Thomas Sampl und Madlen Zeller ist anders als alle Kochbücher, die ich kenne und besitze. Die Informationen zu den Inhaltsstoffen von Obst- und Gemüsesorten sind genauer und detaillierter, als man es gewöhnt ist. Es lohnt sich, sich damit intensiv zu beschäftigen, wenn man seiner Gesundheit etwas Gutes tun will. Ich mag nicht alle Gemüse gern, zum Beispiel Gurken und Kohl deutlich weniger als Fenchel, Tomaten und Kürbis. Kürbis verwende ich jetzt nicht mehr hauptsächlich für Risotto und Marmelade, Quitten nicht nur für Gelee und Marmelade. Walnüsse liebe ich und esse sie fast täglich. Deshalb werden ab sofort auch diese Rezeptvorschläge Teil meines Repertoires. Manche Zutaten sind nicht ohne Weiteres verfügbar oder für mich sogar schwer zu beschaffen, wie zum Beispiel Topinambur oder Pak Choi. Wichtig sind auch die vielen Hinweise zu Lagerung und Zubereitung, interessant die Kombinationsmöglichkeiten. Auf die Idee, Erdbeeren mit Tomaten und Paprika zu mischen, wäre ich sicher nicht von allein gekommen.
Ich nehme aus der Lektüre viele gute Anregungen mit und betrachte das Buch als echte Bereicherung meiner Kochbuch-Bibliothek. Die Sendung „Visite“, die ich ebenfalls noch nicht kannte, werde ich in Zukunft verfolgen.

Veröffentlicht am 24.03.2022

Leiche im Koffer

In einer stillen Bucht
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"In einer stillen Bucht“ ist der dritte Band der Serie um den Inselpolizisten Enrico Rizzi. Er ermittelt zusammen mit seiner Kollegin Antonia Cirillo, die aus Norditalien nach Capri strafversetzt worden ...

"In einer stillen Bucht“ ist der dritte Band der Serie um den Inselpolizisten Enrico Rizzi. Er ermittelt zusammen mit seiner Kollegin Antonia Cirillo, die aus Norditalien nach Capri strafversetzt worden ist. Auf einem Felsvorsprung wird eine Frauenleiche in einem Koffer gefunden. Die Frau wurde brutal erwürgt. Es stellt sich schnell heraus, dass es sich um Maria Grifo, die Leiterin des Konservatoriums von Neapel handelt. Mit ihrer kompromisslosen, resoluten Art hat sie sich nicht nur Freunde gemacht. Hat sie Rivalen, die sie um ihre Stelle beneiden, oder hat sie nicht ausreichend talentierte Schüler durch ihr schonungsloses Urteil verprellt? Rizzi und Cirillo führen auch Vernehmungen in Neapel durch und müssen sich mit den Kollegen der Mordkommission arrangieren, die gewohnheitsmäßig auf die Inselpolizisten herabschauen. Es dauert eine ganze Weile, bis die Ermittlungen von Rizzi und Cirillo zum Erfolg führen – zu einer Auflösung, die der Leser nicht erraten kann.
Mir hat der ruhig erzählte Krimi mit seinen sorgfältig charakterisierten sympathischen Ermittlern gut gefallen, weil er ohne Gewaltorgien auskommt und stattdessen dem italienischen Ambiente, der Kombination von Landschaft und Klima, der Beschreibung von Speisen und Getränken und italienischer Lebensart breiten Raum gibt. Venturas Buch ist sicherlich auch eine empfehlenswerte Urlaubslektüre.