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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.12.2022

Berlin bei Nacht

Die Stunde der Hyänen
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In Berlin brennen nachts immer wieder Autos. Zu Beginn wird man Zeuge, wie der ehemalige LKW-Fahrer und Alkoholiker Radek, der nach dem Rausschmiss zu Hause nun im VW -Bulli haust, fast Opfer eines Brandanschlags ...


In Berlin brennen nachts immer wieder Autos. Zu Beginn wird man Zeuge, wie der ehemalige LKW-Fahrer und Alkoholiker Radek, der nach dem Rausschmiss zu Hause nun im VW -Bulli haust, fast Opfer eines Brandanschlags wird. Jette Geppert ist Journalistin und berichtet über die Geschehnisse. Sie besucht Radek auch im Krankenhaus und durch ihre Artikel wird eine große Spendenaktion für Radek ins Leben gerufen. Jette Geppert ist im Beruf erfolgreich und tough, zu Hause allerdings wird sie von ihrem weniger erfolgreichen Freund ausgenutzt und geschlagen. Die Journalistin wiederum trifft die junge Polizistin Romina Winter, die gerade zum Dezernat für Branddelikte strafversetzt wurde. Sie ist eine Roma und wird von ihren hauptsächlich männlichen Kollegen ignoriert oder belächelt. Ihre Wege kreuzen sich mehr oder weniger zufällig im nächtlichen Berlin. Insofern erinnert die Handlung ein bisschen an den Film Short Cuts.
Was vielversprechend beginnt, wird dann aber leider zu wenig spannend. Schon sehr früh kennt man den Täter, den jungen Postboten Maurice, der mit seiner Familie in einer strengen Sekte lebt. Seine Liebe zu Britta kann er nicht ausleben, da er es nicht wagt, sich ihr zu öffnen, außerdem wird sie von den Sektenführern strikt unterbunden. Auch die anderen Figuren leben in schwierigen Bedingungen, Alkohol, Missbrauch in der Familie oder in der Partnerschaft, schwierige Eltern-Kind-Beziehungen usw. Irgendwie verliert man sich in den zahllosen Handlungssträngen, was zwar wohl realistisch ist, trotz aller Düsterkeit. Aber ein richtiger Spannungsbogen kann sich dabei nicht entwickeln.
Da hat der Klappentext leider etwas zu viel - oder etwas Falsches versprochen. ,,Die Stunde der Hyänen“ ist ein interessanter und lesenswerter Roman, aber kein Thriller und auch nicht ,,hochexplosiv“.

Veröffentlicht am 25.11.2022

Lektionen des Lebens

Lektionen
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Der über 700 Seiten starke Roman des britischen Autors unterhält nicht nur, sondern fordert auch den Leser. Erzählt wird das Leben des Roland Baines, der einige biographische Parallelen zum Autor aufweist.
Die ...

Der über 700 Seiten starke Roman des britischen Autors unterhält nicht nur, sondern fordert auch den Leser. Erzählt wird das Leben des Roland Baines, der einige biographische Parallelen zum Autor aufweist.
Die Geschichte beginnt in der Kindheit Rolands, der als Sohn eines britischen Armeeoffiziers in Libyen aufwächst. Mit elf Jahren wird er nach England aufs Internat geschickt, da der Vater Kinder für störend in der Ehe empfindet. Für den bis dahin sehr behütet aufgewachsenen Roland ist das ein Schock. Doch nach der ersten Verunsicherung findet er sich im Internat mit den anderen Jungs gut zurecht. Wegen seiner musikalischen Begabung erhält er Klavierstunden bei Miriam Cornell, die ihn zunächst in Angst und Schrecken versetzt, ihn aber mit 14 Jahren zu einem sexuellen Verhältnis verführt, das Roland zeit seines Lebens prägen wird.
Erst spät erkennt er, welche Macht Miriam Cornell über ihn ausüben will. Er verlässt trotz seiner Begabungen die Schule, lässt sich durchs Leben treiben, übt mal diesen, mal jenen Job aus, verdingts sich als Barpianist und hangelt sich ohne Ziele oder Ambitionen durchs Leben. Als er beim Deutschunterricht Alissa Eberhart kennenlernt, werden die beiden schnell ein Paar, heiraten und bekommen ein Baby. Doch sehr bald verlässt Alissa Roland und den 4 Monate alten Lawrence, um sich ihrem Ziel, Schriftstellerin zu werden, voll und ganz widmen zu können.
Dies ist der Zeitpunkt, an dem Roland beginnt, sein Leben genauer zu betrachten und nach Antworten zu suchen, warum sein Leben so und nicht anders verlaufen ist. Wir Leser begleiten Roland bei seinen Erinnerungen in die frühe Kindheit und Jugend, aber dann auch weiter bis ins hohe Alter. Dabei schweift der Autor oft sehr weit ab, geht in teils epischer Breite auf das Weltgeschehen ein, was teils interessant, teils aber auch ausufernd ist.
Während der Held (oder eher Antiheld) Roland mich zu Beginn eher geärgert hat mit seiner Antriebslosigkeit und Unentschlossenheit, ist er mir im Laufe der Lektüre doch ans Herz gewachsen. Seine Fehler sind zutiefst menschlich, seine Antriebslosigkeit wandelt sich im Alter eher in Güte und Verständnis. Die Lektionen, die der Protagonist in seinem Leben lernt, lassen auch den Leser bewegt und nachdenklich zurück.

Veröffentlicht am 02.10.2022

Der Schlaf der Vernunft

Goyas Ungeheuer
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,,Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ - Dieses Gemälde des spanischen Künstlers Francisco de Goya ist wohl eines seiner bekanntesten Werke, die in diesem Roman von Berna Gonzáles Harbour, der in ...

,,Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ - Dieses Gemälde des spanischen Künstlers Francisco de Goya ist wohl eines seiner bekanntesten Werke, die in diesem Roman von Berna Gonzáles Harbour, der in Madrid spielt, eine zentrale Rolle einnehmen.

Comisaria María Ruiz ist vom Dienst suspendiert, gegen sie läuft momentan ein Disziplinarverfahren, da sie in ihrem letzten Fall anscheinend zu eigenmächtig gehandelt hat.
Als sie nun nach Madrid zurückkehrt, bringt eine Reihe von bizarren Tiermorden die Gerüchteküche zum Brodeln. Kurz darauf wird an einem Wehr die Leiche der engagierten Kunststudentin Sara gefunden. Der Tatort weist große Parallelen zu einer Zeichnung des -Künstlers Goya auf, woraufhin auch die vorherigen Tiermorde in einem neuen Licht gesehen werden. Offenbar versucht der Täter, Szenen aus Goyas unheimlichen Werken nachzustellen. Ist Saras Tod nur ein missglücktes Kunstexperiment gewesen?
Comisaria María Ruiz, wegen ihrer Suspendierung eigentlich zum Nichtstun verurteilt, kann sich natürlich nicht zurückhalten. Sie beginnt zu ermitteln, obwohl ihre Kollegen versuchen, sie davon abzubringen, um ihre Situation im laufenden Disziplinarverfahren nicht noch zu verschlimmern. Doch María Ruiz ist stur und verbeißt sich in die Aufklärung des Falls, der nicht nur sie in tödliche Gefahr bringt.

Im Spanischen ist dieser Fall wohl Teil einer Reihe, die bisher nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Dies wird immer wieder deutlich, wenn auf Maria Ruiz‘ Vorgeschichte Bezug genommen wird, ihre ,,Verfehlungen“ in ihrem letzten Fall oder auch ihre Beziehung zu ihrem Kollegen Tomas. Hier würde man gerne mehr wissen und würde gerne die Vorgängerbände gelesen haben – oder noch lesen, wenn sie denn auf den deutschen Markt kommen.

Ein spannender Kriminalroman mit einem originellen Schauplatz, einer sympathischen Hauptfigur mit Ecken und Kanten, von der man noch gerne mehr erfahren möchte!

Veröffentlicht am 27.09.2022

Schuld?

Der Sturm
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Nach langer Abwesenheit kehrt Kiernan mit seiner Freundin Mia und der kleinen Tochter Audrey in seinen Heimatort auf die australische Insel Tasmanien zurück. Sein Vater leidet zunehmend an Demenz und Kiernan ...

Nach langer Abwesenheit kehrt Kiernan mit seiner Freundin Mia und der kleinen Tochter Audrey in seinen Heimatort auf die australische Insel Tasmanien zurück. Sein Vater leidet zunehmend an Demenz und Kiernan will seiner Mutter helfen, den Vater in einem Heim unterzubringen und den Haushalt der Eltern aufzulösen.
Vor zwölf Jahren hat ein verheerender Sturm sein Leben komplett verändert. Sein Bruder Finn war bei dem Versuch, ihn, Kiernan zu retten, ums Leben gekommen. Mit dieser Schuld lebt Kiernan noch immer, hat aber gelernt, damit umzugehen.
Als er nun in dem kleinen Ort Evelyn Bay seine alten Freunde und auch seine damalige Liebe wiedertrifft, glaubt er, mit der Vergangenheit abschließen zu können. Doch dann wird die junge Künstlerin Bronte, die als Kellnerin in Evelyn Bay gearbeitet hat, tot am Strand aufgefunden und die Vergangenheit holt ihn wieder ein. Kiernan ahnt, dass der Mord an Bronte und das, was vor zwölf Jahren geschah, zusammenhängt.
,,Der Sturm“ wird als Thriller angepriesen. Allerdings ist weniger Action angesagt. Vielmehr sind es allmähliche Prozesse, die dann einen völlig neuen, überraschenden Blick auf das Geschehen in der Vergangenheit und in der Gegenwart eröffnen.
Interessant, für einen Thriller aber zu wenig Hochspannung.

Veröffentlicht am 20.09.2022

Besonderer Ermittler

Der Gehängte von Conakry
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Aurel Timescu, rumänischer Herkunft, ist Konsul in der ehemaligen französischen Kolonie Guinea. Er liebt guten Weißwein, sein Piano, außerdem lange Mäntel und Rollkragenpullover, die er trotz des Klimas ...



Aurel Timescu, rumänischer Herkunft, ist Konsul in der ehemaligen französischen Kolonie Guinea. Er liebt guten Weißwein, sein Piano, außerdem lange Mäntel und Rollkragenpullover, die er trotz des Klimas in Guinea trägt. Von den Bewohnern Conakrys wird er eher belächelt, auch seine Vorgesetzten nehmen ihn nicht ernst. Außerdem findet Aurel seine Arbeit als Konsul ziemlich langweilig. Viel lieber wer er Kriminalkommissar geworden.
Als nun im Jachthafen von Conacry ein Europäer ermordet am Mast seines Schiffes aufgehängt wird, sieht Aurel seine Chance. Er beginnt, mehr oder weniger heimlich zu ermitteln und stößt dabei auf Verbrechen, die bis in Regierungskreise reichen.
Der Schauplatz ist interessant und originell, der Fall verzwickt, wenn auch nicht wahnsinnig spannend. Der Kriminalroman lebt vor allem von seiner besonderen Hauptfigur, dem schrägen, aber überaus liebenswerten Aurel, der immer irgendwo zwischen den Stühlen sitzt. Hoffentlich gibt es weitere Fälle mit dem tragisch-komischen Konsul wider Willen!