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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.10.2022

Lovestory ohne Happy End

Verbrenn all meine Briefe
1

Mit diesem Buch begibt sich der Autor auf die Suche nach den Ursachen seiner Wut, die seit Jahren in ihm ist und von der er selbst erst jetzt realisiert hat, dass sie nicht nur ihm, sondern insbesondere ...

Mit diesem Buch begibt sich der Autor auf die Suche nach den Ursachen seiner Wut, die seit Jahren in ihm ist und von der er selbst erst jetzt realisiert hat, dass sie nicht nur ihm, sondern insbesondere seiner Familie schadet. Einen Ansatz findet er in der Familienlinie mütterlicherseits, dort waren Konflikte an der Tagesordnung und so wuchs er damit auf. Erste Nachforschungen führen ihn zu seinem Großvater, einem in Schweden berühmten Schriftsteller, der eine unglaubliche Fülle an Büchern und Schriftwerken hinterlassen hat. Dieser hat sein Leben lang in Konkurrenz mit einem anderen Autor gelegen, was aber wohl mehr im privaten als im schriftstellerischen Bereich gelegen hat. Alex Schulman fördert ungeheuerliches zutage, das ein ganz anderes Licht wirft auf seinen Großvater und besonders dessen Frau Karin.

Wer nun ein Sachbuch erwartet, wird schnell eines besseren belehrt. Aus Büchern, Briefen und Tagebuchaufzeichnungen ergibt sich eine Geschichte, die schöner und tragischer nicht sein könnte. Schulman schreibt so intensiv, so einfühlsam über die Begegnung seiner Großmutter mit ihrer großen Liebe, dass es eine Freude ist, diesen Teilen im Buch beiwohnen zu dürfen. Eine große Liebe, ein Tabubruch, eine unerfüllte Sehnsucht und ein tragisches Ende, das keines war. Eine Geschichte wie ein Buch, das das Leben schrieb. Ich habe wider besseren Wissens darauf gehofft, dass es einen anderen Abschluss gibt, habe so sehr gewünscht, dass es anders endet. Immer wieder musste ich mir ins Gedächtnis rufen, dass dies andere Zeiten waren, dass es sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich war, was heute so selbstverständlich ist. Und trotzdem hat es mich erschüttert und emotional sehr bewegt, welche Bürde aus Pflichtgefühl und Angst Karin auf sich genommen hat. Die letzten Seiten haben mich so aufgewühlt, dass ich das Buch an die Seite legen und mich sammeln musste. Eine Liebesgeschichte ohne Happy End. Ein Meisterwerk. Volle Punktzahl mit Sternchen und eine Leseempfehlung gibt es von mir.

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Veröffentlicht am 22.10.2022

Grenzenlose Fantasie

Fairy Tale
1

Der siebzehnjährige Charlie ist auf dem Weg nach Hause, als er am Haus des Einsiedlers Mr. Bowditch vorbeikommt, dessen Hund hysterisch bellt. Trotz eines unguten Gefühls, schließlich soll es sich beim ...

Der siebzehnjährige Charlie ist auf dem Weg nach Hause, als er am Haus des Einsiedlers Mr. Bowditch vorbeikommt, dessen Hund hysterisch bellt. Trotz eines unguten Gefühls, schließlich soll es sich beim Hund des Nachbars um eine wilde Bestie handeln, schaut Charlie nach und findet Mr. Bowditch verletzt und hilflos vor. Er versorgt den alten Mann, während er auf den Krankenwagen wartet, und verspricht diesem, sich um Radar, so heißt die Hündin, zu kümmern, während dieser im Krankenhaus ist. Auch als Mr. Bowditch wieder zu Hause ist, kümmert Charlie sich weiterhin um ihn und seinen Hund. Als Mr. Bowditch schließlich nach einem Herzinfarkt stirbt, hinterlässt er Charlie mysteriöse Nachrichten, seinen gesamten Besitz und einen Zugang zu einer fremden Welt. Was Charlie dort erlebt, hätte er sich in seinen wildesten Träumen nicht denken können.

Auf den ersten dreihundert Seiten bekam ich die Gelegenheit, Charlie und sein Leben kennenzulernen. Dies hätte eintönig und langweilig sein können, tatsächlich war dies aber interessant und sehr unterhaltsam. Die vielen Andeutungen, die Charlie machte, haben natürlich dazu geführt, dass ich eine phantastische Geschichte erwartet habe, was ich dann aber tatsächlich zu lesen bekam, hat meine Erwartungen bei weitem übertroffen! Zuerst gab es zwar eine Wendung, die dazu führte, dass meine anfängliche Euphorie etwas nachgelassen hat, weil ich sicher war, den weiteren Verlauf der Story voraussagen zu können. Als ich dann aber verstanden habe, in welche Richtung die Erzählung ging, konnte ich kaum fassen, wie falsch ich gelegen habe, und war selbst mehr als erstaunt darüber, wieviel Freude mir das Gelesene machte, bin ich aus dem Alter für Märchen ja bereits lange raus.

Die Welt, die Stephen King vor meinen Augen hat entstehen lassen, war eine phantastische, schöne und grausame, dabei aber so realistisch, dass ich oft das Gefühl hatte, mittendrin im Geschehen zu sein. Die Abenteuer, die Charlie erlebte, waren so unglaublich spannend, dass ich durch die Seiten geflogen bin und einfach nicht wollte, dass es endet, dieses wunderbare Buch! Eine märchenhafte Kulisse, ein Königreich, Bösewichte und Helden, von allem gab es etwas und langweilig wurde es nie. Ich hätte noch viel länger dort verweilen wollen, wäre am liebsten nicht so schnell wieder aufgetaucht aus dieser fiktiven Welt. Für mich ein weiteres Highlight aus der Feder des Meisters und der Beweis, dass man für Märchen nie zu alt wird. Von mir gibt es fünf Sterne mit Sternchen und eine Leseempfehlung. Besucht diese märchenhafte Welt und lasst euch verzaubern. Grandios!

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Veröffentlicht am 15.10.2022

Menschenwürde

Die Optimistinnen
1

In diesem Buch erzählt die Autorin die fiktive Geschichte von Nour, die 1972 mit 22 Jahren als Gastarbeiterin aus der Türkei nach Deutschland kam. Mir persönlich war bisher überhaupt nicht bekannt, dass ...

In diesem Buch erzählt die Autorin die fiktive Geschichte von Nour, die 1972 mit 22 Jahren als Gastarbeiterin aus der Türkei nach Deutschland kam. Mir persönlich war bisher überhaupt nicht bekannt, dass es auch Gastarbeiterinnen gab. Allein in der Fremde und doch nicht einsam, die Solidarität unter den Frauen aus aller Welt ist unglaublich. Als sie realisieren, dass sie ausgebeutet werden, formieren sie sich und fangen auch ohne Sprachkenntnisse an, für ihre Rechte zu kämpfen; für gleichen Lohn, für Sprachunterricht und eine menschenwürdige Unterbringung. Dies passierte in einer Zeit, als deutsche Frauen eine Erlaubnis ihres Ehemannes benötigten, um überhaupt arbeiten zu dürfen, was mir unglaublichen Respekt abnötigt.

Es ist eine interessante Erzählweise, denn das Leben von Nour wird nicht vollständig erzählt, es sind Bruchstücke, Auszüge, die sich hauptsächlich mit ihrer Zeit in Deutschland, aber auch mit ihrer Beziehung zur Familie und Freundinnen beschäftigen. Parallel kommt die Tochter von Nour als Ich-Erzählerin immer wieder zu Wort und schildert ihre Sicht. Gabriele Su wurde in Deutschland geboren, was dazu führt, dass sie ihre Identität sucht und hinterfragt. Aus beiden Erzählsträngen ergibt sich das faszinierende Leben einer Frau, die zusammen mit anderen Frauen etwas geleistet hat, von dem alle anderen Frauen profitierten. Das ist großartig und bewundernswert, zudem fand ich es sehr spannend und informativ, etwas über diese Zeit zu erfahren, über Zustände, die anscheinend nicht wichtig genug erschienen, um darüber zu berichten. Zumindest bis jetzt.

Ich habe die Geschichte von Nour sehr gerne gelesen, vergebe die volle Punktzahl und eine Leseempfehlung. Ich freue mich bereits sehr auf weitere Werke der Autorin, deren Debüt mich wunderbar unterhalten hat.

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Veröffentlicht am 05.10.2022

Wo ist die Liebe hin?

Unsre verschwundenen Herzen
0

Vor fast drei Jahren veränderte sich das Leben von Bird, als seine Mutter Margaret fortging, sie verließ ihn und seinen Vater, kam nie mehr zurück. Zu Hause wird nicht mehr über sie gesprochen, es ist, ...

Vor fast drei Jahren veränderte sich das Leben von Bird, als seine Mutter Margaret fortging, sie verließ ihn und seinen Vater, kam nie mehr zurück. Zu Hause wird nicht mehr über sie gesprochen, es ist, als habe sie nie existiert, und Bird heißt nun Noah. Als er per Post eine seltsame Zeichnung erhält, ist er überzeugt davon, dass diese von seiner Mutter stammt. Er beginnt nachzuforschen, was schlimme Folgen nach sich ziehen kann, schließlich ist PACT in Kraft und Kinder können verschwinden, wenn die Regierung es will. Es sind harte Zeiten und Ungehorsam wird gnadenlos bestraft.

„Der Preserving American Culture and Traditions Act, PACT, das Gesetz zur Erhaltung amerikanischer Kultur und Traditionen. In der Vorschule nannten sie es ein Versprechen: Wir versprechen, die amerikanischen Werte zu schützen. Wir versprechen, aufeinander aufzupassen. Jedes Jahr lernen sie das Gleiche, nur in bombastischeren Worten.“ (Seite 22)

Schon nach den ersten Seiten ist mir klar, dass die Geschichte sich nicht in unserer Zeit abspielt. Erst sind es Hin- und Verweise auf ein Gesetz, das mir vollkommen unbekannt ist, dann aber Geschehnisse, die ich mir kaum vorstellen kann. Der erste Teil dreht sich hauptsächlich um Bird, um seine kindliche Sicht; was er glaubt, was passiert ist beziehungsweise an was er sich erinnert. Diese Sicht ist unvollständig, verzerrt und nicht immer stimmig, was natürlich damit zusammenhängt, dass Bird ein Kind ist und zum Zeitpunkt des Verschwindens von Margaret nicht mal neun Jahre alt. Die vielen Hinweise und Andeutungen, was geschah, sind zwar interessant und machen mich neugierig, aber es ist ein ruhiger Teil, der nicht sonderlich aufregend ist. Dennoch bin ich seltsam gebannt und gespannt darauf, ob ich mehr über die Vergangenheit erfahren werde.

Im zweiten Teil ist es soweit, endlich werden meine Fragen beantwortet und die Lücken gefüllt. Nun bin ich mir sicher, dass ich eine Dystopie lese, dass die Story mehr Fiktion als Realität ist, obwohl erschreckende Parallelen nicht von der Hand zu weisen sind, wenn auch die Ethnie nicht stimmt. Rückwirkend ergibt sich nun erstaunlicherweise eine komplett andere Richtung, was mich staunen und durch die Seiten fliegen lässt. Die Welt, die Celeste Ng vor meinen Augen entstehen lässt, macht mir Angst, denn so abwegig ist eine solche nicht. Ein Szenario, das so ähnlich bereits in vielen Teilen der Welt für viele Menschen Realität ist, abscheulich und verachtend, erschütternd und krank.

Ich hatte keine Ahnung, wie dieses Buch enden könnte und war gespannt auf die Auflösung im dritten Teil. Das Ende ist anders als gedacht, allerdings könnte ich mir kein anderes vorstellen, weil es so gut zum Gesamtbild passt. Es ist ganz schön traurig, aber auch traurig schön. Emotional und ergreifend endet die Erzählung und stimmt mich nachdenklich, wozu auch das Nachwort der Autorin beiträgt, das einiges erklärt. Ein wunderbares Buch über ein Thema, das wohl alle angeht, ob sie Kinder haben oder auch nicht. Über eine Ungerechtigkeit, die gerade überall auf der Welt tatsächlich passiert. Grandios umgesetzt und in eine Geschichte verpackt, die berührt, erschüttert und hoffentlich aufrüttelt. Volle Punktzahl mit Sternchen gibt es dafür von mir. Lesen!

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Veröffentlicht am 04.10.2022

Bildgewaltig und packend

Das Leuchten der Rentiere
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Rentiere sterben, werden gequält und bestialisch zu Tode gefoltert, ihr Fleisch auf dem Schwarzmarkt verkauft. In der samischen Gemeinde weiß jeder, wer der Täter ist, auch im Dorf ist dies bekannt, aber ...

Rentiere sterben, werden gequält und bestialisch zu Tode gefoltert, ihr Fleisch auf dem Schwarzmarkt verkauft. In der samischen Gemeinde weiß jeder, wer der Täter ist, auch im Dorf ist dies bekannt, aber die Polizei unternimmt nichts dagegen. Hunderte Anzeigen werden eingestellt, eine Ermittlung kommt nicht zustande. Die neunjährige Sámi Elsa ertappt den Täter auf frischer Tat, als dieser ihr Rentier tötet. Eingeschüchtert und mit dem Tode bedroht, schweigt das Kind und trägt diese Last fortan mit sich. Der Täter aber macht weiter, geschützt durch die Dorfgemeinschaft und die Untätigkeit der Polizeibehörde.

Elsa ist im ersten Drittel des Buches neun Jahre alt, der zweite Teil macht einen Zeitsprung von zehn Jahren und springt dann immer wieder Tage, Wochen, manchmal Monate nach vorne. Dies ist nie verwirrend, obwohl entsprechende Zeitangaben fehlen. Anhand der Geschichte ergibt es sich von selbst, wieviel Zeit vergangen ist. Der Schreibstil ist bildlich, aber nicht ausschweifend, zudem gibt es eine große Fülle an Informationen über die Samen (veraltet: Lappen), ein indigenes Volk im Norden Fennoskandinaviens. Die Autorin hat viele Begriffe aus dem Samischen übernommen, diese werden manchmal direkt übersetzt, meistens ist man aber auf das angehängte Glossar angewiesen. Im Laufe der Zeit behält man die wichtigsten Worte, sodass ich es nicht übermäßig störend fand, ab und zu blättern zu müssen. Es ist eine faszinierende Kultur, über die ich nun unbedingt mehr lesen möchte.

„Samisch zu sein bedeutete, seine Geschichte in sich zu tragen, als Kind vor dem schweren Rucksack zu stehen und sich zu entscheiden, ihn zu schultern oder nicht. Aber woher sollte man den Mut nehmen, sich für etwas anderes zu entscheiden, als die Geschichte der eigenen Sippe zu tragen und das Erbe weiterzuführen?“ (Seite 213)

Ich habe nicht erwartet, dass dieses Buch mich so unglaublich fesselt, habe nicht gedacht, dass mir Elsa und ihr Volk so ans Herz wachsen würden. Die Geschichte ist tragisch, ich habe eine große Palette an Gefühlen durchlebt, habe mit Elsa und ihrer Familie gelitten, ich war wütend, entsetzt und empört. Die Passagen über das Jagen und Töten der Rentiere haben mir zudem einiges abverlangt. Für die Dramatik waren diese sicherlich sehr wichtig und ebenfalls, um das Unrecht aufzuzeigen, das dort geschieht, beruht dieser Teil der Geschichte doch größtenteils auf Tatsachen, wenn auch Orte und Personen alleine der Phantasie der Autorin entsprungen sind. Dennoch war es für mich schwer zu ertragen, über die Tierquälerei zu lesen, den Tätern über die Schulter zu schauen, ihrer perversen Freude am Quälen und Töten beiwohnen zu müssen.

Der Autorin ist hier ein wahres Meisterwerk gelungen, für mich fast ein Kriminalroman, so spannend wurde es. Der Mix aus Familiengeschichte, Krimi und einem Buch über das Leben, die Sorgen und Nöte des samischen Volkes ist mehr als gelungen, für mich ein weiteres Highlight diesen Monat, wenn nicht sogar in diesem Jahr. Von mir gibt es fünf Sterne mit Sternchen und eine Leseempfehlung. Grandios!

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