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Veröffentlicht am 13.12.2017

Ein Leben in der sprachlichen Dunkelkammer

Kirchberg
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„Hier hat er sich auf die Suche begeben, nach Klarheit, nach Heimat, nach sich selbst. Nichts davon hat er final gefunden, dieses Leben, diese Welt sind einfach nicht klarzukriegen. Jedes Land, jede der ...

„Hier hat er sich auf die Suche begeben, nach Klarheit, nach Heimat, nach sich selbst. Nichts davon hat er final gefunden, dieses Leben, diese Welt sind einfach nicht klarzukriegen. Jedes Land, jede der beiden Städte kehrt andere Facetten in ihm hervor, und es bleibt das Bedauern, dass sie ihn jenseits des Kirchbergs kaum kannte.“


Inhalt


Hanna kehrt zurück an den Ort ihrer Kindheit, in das Haus in dem sie jahrelang mit ihren Großeltern gelebt hat, nachdem ihre Mutter sie nicht haben wollte und sich aus der Erziehung ausgeklinkt hat. Doch beide Großeltern sind verstorben und Hanna ist nicht mehr die offene, interessierte junge Frau, die sie noch vor wenigen Monaten war. Ein Schlaganfall hat ihr nicht nur die Sprache geraubt und den Sinn für komplexe Zusammenhänge, sondern drängt sie immer weiter aus dem Leben. Das Haus auf dem Kirchberg soll ihre Zufluchtsstätte werden, ein Ort der Einsamkeit und inneren Abkehr, ein Platz an dem sie nichts mehr muss und nichts mehr soll, nur noch ein bisschen leben, vor sich hin träumen und die Tage in aller Langsamkeit verbringen. Für ihren Jugendfreund Patrizio, ist klar, das er Hanna zur Seite stehen wird und sie unterstützt, auch wenn die Zeit für eine echte Liebesbeziehung nun vergangen ist, auch wenn er die Vergangenheit nicht mehr ändern und die Zukunft mit ihr nicht mehr gestalten kann, so bleiben ihm doch wenige glückliche Momente an der Seite einer Frau, der das Schicksal den Boden unter den Füßen weggerissen hat …


Meinung


„Verena Boos erzählt groß von einer kleinen Welt, von der unseren.“ Das verspricht der Klappentext und diesem Urteil kann ich mich voll und ganz anschließen. Es ist diese Echtheit und Realitätsnahe, die „Kirchberg“ zu einem bewegenden, eindrucksvollen Roman über das ganz normale Leben macht, über die Wendungen des Schicksals, die Menschen in unserer Nähe, die Verfehlungen im zwischenmenschlichen Bereich und die Bedeutsamkeit geliebter Menschen für den Verlauf des eigenen Lebens. Die junge Autorin die bereits mit ihrem Debütroman „Blutorangen“ bekannt geworden ist, fängt hier nichts anderes als den Alltag einer jungen, von einer Krankheit gezeichneten Frau ein, die große Pläne hatte, innige Gefühle hegte und nicht mit dem Ende ihrer Selbstständigkeit in so jungen Jahren gerechnet hat.


Es ist faszinierend aus nächster Nähe zu erleben, wie es sich anfühlen muss, wenn man sich in einer Art sprachlichen Dunkelkammer bewegt, wenn man nicht mehr in der Lage ist, die einfachsten Dinge zu artikulieren und sich eingestehen muss, dass man auf andere angewiesen ist. Und es stimmt sehr nachdenklich und traurig, wahrzunehmen, wie der Alltag aussieht, den man sich ganz gewiss niemals so erhofft hat. Verena Boos konzentriert sich bei dieser Erzählung nicht nur auf die Gegenwart, sondern entwirft das Bild eines Lebens mit einer bewegten Vergangenheit, einer nicht ganz einfachen Kindheit und einer großen unerfüllten Liebe. Und sie setzt es in Verbindung mit der Zeit nach dem Schlaganfall, einer Zeit des Neubeginns, in dem alles an Sinn und Bedeutung verliert nur nicht die Menschen, die uns begleiten, Menschen die vorher nur Randfiguren in einem Spiel waren werden nun zu Ankern in der Bitterkeit des Augenblicks.


Der Schreibstil ist durchaus anspruchsvoll und fordert den Leser, immer mal wieder wechselt die Zeitebene oder auch die Erzählstruktur, doch diese leicht holprige Schreibweise passt ausgesprochen gut zur Thematik, zeigt wie das Erleben funktioniert, wenn nicht mehr alles begriffen wird. Und eine klare Abgrenzung der Kapitel sowohl im Schriftbild als auch durch die Jahreszahlen, lässt den Leser den Überblick behalten.


Das Besondere an diesem stillen, melancholischen Roman, der eine Traurigkeit an sich ausstrahlt, ist die Griffigkeit der Situation. Selten findet man ein Buch, welches sich so intensiv in die Sicht des Beschädigten vertieft, welches zeigt, was fehlt, wenn vieles verloren ist und es dennoch vermag eine durchgehende Lebenslinie aufzuzeigen mit Kanten, Sprüngen und schönen Tagen, die langsam aber sicher verblassen. „Kirchberg“ kratzt sehr am Menschlichen, es macht betroffen und sprachlos, es fängt Gefühle ein ohne sie direkt zu benennen und es beansprucht Raum für die vielen Gedanken, die aufgegriffen und nicht zu Ende gedacht werden. Und obwohl es in keiner Weise sentimental geschrieben ist, brachte mich die Erzählung doch nahe an den Abgrund zur traurigen Wahrheit und lässt die Frage: „Was bleibt von uns in dieser Welt, wenn wir nicht mehr sind, was wir waren?“, voller Absicht im Raum stehen.


Fazit


Ich vergebe 4,5 Lesesterne und eine Leseempfehlung für alle, die gerne tiefgründige Romane mit viel Aussagekraft und Gefühlsreichtum lesen. Für Leser die sich Gedanken machen möchten, worauf es im Leben ankommt und welche Dinge man regeln sollte, bevor einen das Schicksal unerbittlich einholt. Man sollte aber keine Wohlfühllektüre erwarten und muss bereit sein sich auf das geschriebene Wort einzulassen, insofern kein Buch für Zwischendurch dafür eines, was nachwirkt und mich sehr betroffen gemacht hat, insbesondere was die Kostbarkeit des Augenblicks anbelangt.

Veröffentlicht am 20.11.2017

Wir führen keinen Krieg, wir führen einen Feldzug

Leere Herzen
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„Die Brücke ist Teil eines natürlichen Kreislaufs aus Krieg und Befriedung und erneutem Krieg. Für Britta reicht das, um zu wissen, dass ihre Arbeit Sinn ergibt. Es geht immer um ein Gleichgewicht der ...

„Die Brücke ist Teil eines natürlichen Kreislaufs aus Krieg und Befriedung und erneutem Krieg. Für Britta reicht das, um zu wissen, dass ihre Arbeit Sinn ergibt. Es geht immer um ein Gleichgewicht der Kräfte, um ein Ausbalancieren von Chaos und Ordnung, Sauberkeit und Schmutz.“


Inhalt


Britta Söldner lebt mit ihrem Mann und der Tochter in Braunschweig und führt mit ihrem Freund Babak eine florierende Firma, die offiziell unter der Rubrik Heilpraxis läuft. Doch eigentlich konzentriert sich ihre Arbeit auf das Geschäft mit dem Tod, natürlich ganz legal und unter strenger Beachtung aller Gesetze. Britta gelingt es, aus einer Idee ein funktionales System zu schaffen und Babak steuert das nötige Know-How auf Seiten der Computertechnik bei. Alles könnte so gut laufen, wenn nicht plötzlich die Konkurrenz in Brittas Leben stürmen würde. Eine heikle öffentliche Situation, wird zum Stolperstein für „Die Brücke“, ihre einmalige Firma, die es so noch nirgendwo zu finden gibt. Dadurch sieht sich die Jungunternehmerin gezwungen, ihren Feinden nachzuspüren. Doch so einfach wie erhofft, lässt sich das Problem nicht aus der Welt schaffen. Zu verworren sind die Machenschaften ihrer Gegner und zu speziell ihr eigenes Metier. Die einzige Möglichkeit, die Britta bleibt ist ein Untertauchen in der Hoffnung, ihr eigenes Leben und das ihrer geliebten Familie nicht aufs Spiel zu setzen …


Meinung


Gespannt habe ich auf den neuen Roman der deutschen Autorin Juli Zeh gewartet, die bereits mit zahlreichen Buchpreisen ausgezeichnet wurde und von der ich gesellschaftskritische Gegenwartsliteratur mit Unterhaltungsfaktor erwarte. Auch dieses Buch erfüllt wie erhofft alle Ansprüche und wartet mit einer besonders innovativen Idee auf, die sehr geschickt und erst Stück für Stück im Text erkennbar wird.


Dadurch, dass der Leser mit Hilfe ganz normaler Menschen, die vielleicht etwas politikverdrossen sind aber ansonsten durchaus dem gängigen Gesellschaftsmodell folgen, geschickt getäuscht wird, ergibt sich das Ausmaß des Unternehmensinhalts erst ab Mitte des Buches. Vollkommen angetan von dieser Idee, die mir tatsächlich nicht weltfremd und sogar realistisch erscheint, konnte ich die aktuellen Ereignisse, die eine moderne, taffe Hauptprotagonistin schneller einholen als gewünscht, voller Begeisterung verfolgen. In diesem Zusammenhang finde ich auch die Datierung der Handlung, die sich auf eine Zeit vielleicht 10 bis 15 Jahre in der Zukunft festlegt, geradezu vortrefflich. Dadurch wirkt die Handlung äußerst präsent, liegt aber auch noch im Rahmen des Vorstellbaren, denn aus heutiger Sicht sind die Ansätze ebenjener Machenschaften absolut realistisch, erscheinen aber einfach noch nicht ausgereift.


Sehr positiv zu bewerten ist auch die Entwicklung der Protagonistin, der man mit jeder Faser anmerkt, dass ihre anfängliche Euphorie und ihr mittlerweile etabliertes Unternehmen eigentlich nur eine Farce sind. Abgesehen von nächtlichen Meetings, spontanen Unternehmensausflügen und einem dicken Bankkonto, bleibt der Mensch Britta Söldner ziemlich auf der Strecke. Sie belächelt ihre Freunde, schüttelt den Kopf über die Angepasstheit ihrer Mitbürger und empfindet ihre Sicht, auch wenn sie diese nicht äußern möchte, als die einzig wahre. Erst nachdem sie wirkliche Probleme bekommt und auf elementare Bedürfnisse zurückgeworfen wird, gelingt es ihr, mit ihrem Organisationstalent aber auch einer gewissen Weitsicht wieder Land zu gewinnen. Fast erscheint es so, als würde die Autorin Juli Zeh ihre Protagonistin als Mittel zum Zweck einsetzten. Britta ist nicht nur die erfolgreiche Geschäftsfrau von Morgen, sie ist auch das Sinnbild für Menschen, die ihren Auftrag möglicherweise vollkommen falsch verstanden haben.


Fazit


Ich vergebe 4,5 Lesesterne für diesen aktuellen, einfallsreichen Unterhaltungsroman mit einer guten Portion Gesellschaftskritik und einer Tendenz zum politischen Thriller. Ein interessantes Konzept, gut gezeichnete Charaktere und eine spannende Handlung machen das Buch zum Pageturner. Es bleibt auch noch genügend Spielraum für eigene Spekulationen, weiterführende Gedanken und generell für die unabhängige Urteilsfindung des Lesers. Zum Lieblingsbuch fehlt nicht viel, vielleicht eine höhere menschliche Komponente, mehr Empathie mit den Menschen hinter der Geschichte, obwohl ich fürchte, diese Grenze zwischen, so könnte es sein und so sollte es besser nicht werden, ist sehr bewusst gewählt und sollte für die Bewertung des Buches nicht relevant sein. Ein empfehlenswerter zeitgenössischer Text, der mich einmal mehr für die Autorin und ihre gut beobachteten Sachverhalte einnehmen konnte.

Veröffentlicht am 28.08.2017

Die vielen Variationen einer traurigen Melodie

Wo noch Licht brennt
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„Es wird nicht leicht werden, doch die Wege am Horizont sehen immer steinig aus. Wenn man erst mal dort ist, findet sich immer etwas, das einem hilft, einen Fuß vor den anderen zu setzen.“

Inhalt

Die ...

„Es wird nicht leicht werden, doch die Wege am Horizont sehen immer steinig aus. Wenn man erst mal dort ist, findet sich immer etwas, das einem hilft, einen Fuß vor den anderen zu setzen.“

Inhalt

Die Türkin Gül ist ihrem Mann erneut nach Deutschland gefolgt, nachdem sie bereits einmal dort war und wieder in die Türkei zurückkehrte. Eine Tochter lebt in der Heimat, die andere im ach so modernen Deutschland und versucht dort ihr Glück. Fuat, Güls Mann identifiziert sich nicht mit dem Land, für ihn geht es in erster Linie um die Möglichkeit Geld zu verdienen und seinen Lebensstandard zu erhöhen. Doch in Deutschland ist es für Türken nicht so leicht, dass Geld wird ihnen nicht hinterhergeworfen und sie müssen entweder schwer arbeiten oder sich ins kleinkriminelle Milieu flüchten. Die Ehe der beiden hat schon so manchen Sturm überlebt, auch wenn immer Gül diejenige ist, die zurücksteckt und ihrem Mann den Rücken stärkt, selbst wenn dieser es ihr nicht dankt. Erst als der Ruhestand naht, wird sich Gül bewusst, dass Deutschland keine wirkliche Alternative für ein zufriedenstellendes Leben im Alter ist und sie macht sich wieder auf die Reise in die Türkei, selbst wenn ihre Heimat nicht mehr das bietet, was sie ihr vor Jahren versprochen hat. In der Erinnerung sind es die Menschen, die ihr etwas bedeuten und denen sie nun gern wieder nahe sein möchte …

Meinung

Dieser Familienroman lässt das Herz seiner Leser höherschlagen, weil er so intensiv und eindringlich die Gefühlswelt seiner Protagonisten aufleben lässt. Stimmungen, Gedankengänge und Emotionen werden eingefangen, betrachtet und wieder losgelassen. Das Leben selbst scheint der Schreiber zu sein und man hat den Eindruck, sich in sämtliche Belange und Schicksalsschläge hineinversetzen zu können und ähnlich wie die Erzählerin aus dem tiefen Tal der Verzweiflung immer wieder nach oben an die Oberfläche gelangen zu können. Selim Özdogan schafft hier ein Band zwischen den Personen, welches mit Liebe geknüpft, mit Tränen beweint und mit Hoffnung erfüllt ist. Dabei schlägt er die leisen Töne an, die sich immer mit den Überlegungen seiner Protagonisten kreuzen und doch eine universelle Wucht haben.

Das Besondere an diesem Buch sind die vielen philosophischen Betrachtungen, ein tief verankertes Glaubensbekenntnis und ein unerschütterliches Vertrauen in das Leben und die unermesslichen Prüfungen, die sich über alle Jahrzehnte erstrecken. Das vorherrschende Gefühl der Melancholie und Traurigkeit, lässt den Leser nicht los, es zieht ihn hinein in die unveränderlichen Ereignisse und Verfehlungen, die den Weg der handelnden Personen immer wieder kreuzen. Doch man möchte kein Mitleid empfinden, weil eine andere Botschaft im Raum steht. Gerade die Aussage, dass Leben so anzunehmen, wie es ist, nicht mit den Gegebenheiten zu hadern und auch im Angesicht der größten Prüfung aufrecht zu stehen, drängen sich dem Leser regelrecht auf.

Fazit
Ich vergebe 4,5 Lesesterne (aufgerundet 5) für diesen ausgewogenen, tiefsinnigen Familienroman, der sich nicht nur mit kulturellen Unterschieden und dem Gefühl der Heimatlosigkeit auseinandersetzt, sondern dessen Hauptaugenmerk auf der Akzeptanz beruht. Zu erkennen und zu verstehen, wie andere denken, fühlen und handeln und im gleichen Atemzug zu wissen, dass es niemals die eine richtige Lösung, die eine korrekte Entscheidung geben wird, dass ist es, was mir der Text vermitteln konnte. Ich spreche eine Leseempfehlung für all jene aus, die differenzierte Familiengeschichten mögen, die gerne über Verhaltensweise reflektieren und deren Herz am rechten Fleck sitzt. Ein wunderschönes Buch für alle, die die Fallstricke des Lebens kennen und in ihrer Ansicht bestärkt werden wollen, dass es Licht am Ende des Tunnels geben wird.

Veröffentlicht am 04.06.2026

Mühe mit meinem unbeständigen Leben

Mit beiden Händen den Himmel stützen
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„Das Bild von meiner Mutter wird zum übergroßen Traum eines Kindes. Im Traum ist sie eine Bärin, die mich mit ihren großen Tatzen gegen die Welt verteidigt, während sie in der Realität immer weniger wird.“

Inhalt

Lale ...

„Das Bild von meiner Mutter wird zum übergroßen Traum eines Kindes. Im Traum ist sie eine Bärin, die mich mit ihren großen Tatzen gegen die Welt verteidigt, während sie in der Realität immer weniger wird.“

Inhalt

Lale wächst in einer Männerkommune in Berlin auf, nachdem ihrer drogenabhängigen Mutter das Sorgerecht entzogen wurde. Ihr leiblicher Vater und dessen Freunde, führen ein Leben zwischen Drogen, Alkohol, wechselnden Frauenliebschaften gepaart mit Arbeitsverweigerung und politischen Statements. Lales Platz in der Wohngemeinschaft ist förmlich nicht existent - sie ist eben einfach da! Es gibt keine Regeln, keine Zuwendung, keine Anleitung. Während sich die Erwachsenen tagein und tagaus im Suff befinden oder mit Frauen vergnügen, muss Lale ihren Platz behaupten. Doch über Verwahrlosung und Desinteresse schiebt sich noch der Missbrauch hinzu, wenn die Männer gerade keine Frau haben, setzen sie sich gerne auch die 8-jährige auf den Schoß. Sobald sie kann, verlässt sie die Wohnung, schlittert jedoch nur in ein eigenes Leben voller Abhängigkeiten hin zu Drogen und den Randfiguren der Gesellschaft. Doch aufgeben ist keine Option, ihr erstrebenswertes Ziel: endlich ankommen und ein Zuhause finden. Erst als sie selbst Mutter wird, eröffnet sich diese Chance – und diesmal will sie es nicht vermasseln.

Meinung

Die Thematik des Buches an sich ist schon eine ganz spezielle und deutet auf eine Vielfalt an Betrachtungsweisen und Meinungen hin, umso betroffener hat mich dieser Text, der ausschließlich von Lale selbst erzählt wird, gemacht. Denn der Leser ist hier hautnah dabei an dieser Kindheit voller Missstände, Ängste und Haltlosigkeit. Die psychologische Betrachtung erschließt sich unmittelbar und durch keinerlei Filter beschönigt. Ein hartes Kinderleben formt eine harte Erwachsene, die dennoch nur schwimmt und sich auf der Flucht vor sich selbst befindet, auf der Flucht vor ihren antrainierten Unzulänglichkeiten, die keinerlei Vertrauensbasis erfahren hat und voller Begierde auf ein „normales“ Leben schaut, ohne zu wissen, wie sie dieses erreichen kann.

Dennoch hat mich diese konsequente Erzählweise in ihrem harschen Ton stellenweise erschreckt und weniger Emotionen geweckt als erhofft. Die Traurigkeit erfasst den gesamten Text, bewegt sich aber weitab von irgendeiner Allgemeingültigkeit. Mir war einiges zu exemplarisch dargestellt und die dunklen Momente der Betroffenen wirken nur deshalb so „erträglich“, weil sich das Umfeld immer im Drogenwahn oder in der Volltrunkenheit befindet. Der endgültige Befreiungsschlag bleibt aus und der Funken Hoffnung ist klein und unbeständig.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne für einen besonderen, dramatischen Roman mit harten Themen, verlorenen Protagonisten und Randexistenzen der Gesellschaft, die jeglichen Halt verloren haben. Der distanzierte Stil, in kurzen einfach Sätzen, basierend auf Erlebnissen, eines Kindes mit all den Folgeschäden für die Zukunft, dass muss man aushalten können. Man kann dieses Buch in einem hohen Tempo lesen und ist stets gefesselt – allerdings auf eine unangenehme Art und Weise. Die Wirkung jedoch ist die eines tragischen Einzelschicksals, die Gesamtaussage bleibt hinter meinen Erwartungen zurück und die einseitige Sicht auf dieses Leben im Ausnahmezustand, verhindert die Facettenvielfalt, die ich mir hier gewünscht hätte.

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Veröffentlicht am 13.02.2026

Die Nacht bleibt wach

Der letzte Sommer der Tauben
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"Nein, Tauben sind wohl keine Bedrohung - sind weder atheistisch noch religiös. Westlich sind sie auch nicht."

Inhalt

Es ist noch nicht lange her, da haben die Mudschahedin die Willkürherrschaft übernommen ...

"Nein, Tauben sind wohl keine Bedrohung - sind weder atheistisch noch religiös. Westlich sind sie auch nicht."

Inhalt

Es ist noch nicht lange her, da haben die Mudschahedin die Willkürherrschaft übernommen und das Kalifat ausgerufen. Doch sehr schnell und direkt wird ihre Herrschaft manifestiert, indem rigorose, oft tödliche und sofortige Strafen verhenkt werden, bzw. auf offener Straße Demütigungen stattfinden. Es ist unmissverständlich: Wer sich nicht an die Vorgaben der Herrschenden hält, wird bestraft und bezahlt sein Ungehorsam mit dem Leben. Noah´s Familie ist gläubig aber auf eine ganz entspannte Art, man bemüht sich um ein gutes Miteinander und sorgt sich um die Seinen. Die nun regierende Strenge erlegt seiner Familie viele Bürden auf. Trotz der Tatsache, dass sich seine Angehörigen weitestgehend an die neuen Gesetze halten, erkennt Noah, dass jedwedes Andersdenken gefährlich sein kann. Als sein geliebter Onkel Ali, mit dem ihm die gemeinsame Taubenzucht verbindet, in einer Nacht und Nebelaktion fliehen muss, ahnt der Jugendliche das es kaum möglich sein wird, sich unter dem Radar der Regierenden zu verstecken.

Meinung

Dies ist bereits das dritte Buch des in Bagdad geborenen Abbas Khider, welches ich gelesen habe. Seine Romane thematisieren meist bewegende Familiengeschichten vor der Kulisse eines totalitären Staates. Auch hier findet er mühelos vom Kleinen ins Große: von praktizierenden Taubenzüchtern, die eine gemeinsame Passion verbindet, bleibt letztlich nur eine traurige Hobbygemeinschaft, die um ihre Mitglieder fürchtet und jeglicher Illussion beraubt wird. Es wird eindrücklich vermittelt, wie gezielte Verfolgung, Bestrafung und Unterdrückung aussieht und was sich dadurch in den Menschen verschiebt, je nachdem, wie alt, gesund und motiviert sie sind. Die Versprechen, die dem Einzelnen gegeben werden sind nur so lange gültig, wie dieser sich als nützlich erweist - jede Abweichung wird eliminiert.

Der Text selbst ist in kleine Passagen unterteilt, die Momentaufnahmen darstellen und durch den Filter des Jugendlichen an den Leser weitergereicht werden. Düstere Wolken türmen sich immer mehr auf und als selbst die Taubenzucht reglementiert und teilweise untersagt wird, erkennt auch der Junge, das Angst und Schrecken zum probaten Mittel gegen die Freiheit geworden sind. Die Geschichte birgt auf ca. 200 Seiten viele Weisheiten, sie regt zum Nachdenken an und beweist, das kleine Verschiebungen genügen, um ein ganzes Volk zu spalten.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen augenöffnenden, schlichten Roman, der mit wenig Worten vermag, sehr viel auszudrücken. Der Schreibstil war mir stellenweise etwas zu sachlich, was sicherlich auch an der gewählten Erzählperspektive lag, denn Noah ist ein gut erzogener, bisher meist angepasster stiller Teenager, der sich in erster Linie durch seine Freunde und Tauben verstanden fühlt. Die Reaktionen innerhalb seiner Familie und die bösartigen Entwicklungen, die immer mehr für Entzweiung sorgen, nimmt er wahr, doch lässt auch vieles unkommentiert bzw. schreckt er vor seinen Beobachtungen zurück. Am nächsten habe ich mich seinem Onkel Ali gefühlt, demjenigen, der schon viel gesehen und erlebt hat und sehr genau weiß, wann es an der Zeit ist, Vorkehrungen für ein anderes Leben zu treffen. Es hat mir ausgesprochen gut gefallen, dass die Inhalte hier metaphorisch vermittelt werden - die Tauben sind die Sinnbilder für die Hoffnung der Menschen und sie akzeptieren ihr Leben in Gefangenschaft genau so stoisch, wie es der Mensch können müsste, um unter diesen Bedingungen irgendwie existieren zu können. Doch sobald sich der Käfig öffnet, wissen die Tiere ganz genau, wohin sie müssen und wie sich Leichtigkeit und Zusammenhalt anfühlt.


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