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Veröffentlicht am 02.10.2017

Come to QualityLand!

QualityLand
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Qualityland. Das Land der Superlativen, in dem nichts dem Zufall überlassen wird. QualityPartner, die weltgrößte Datingplattform, Everybody, das weltgrößte soziale Netzwerk, und TheShop, der weltweit beliebteste ...

Qualityland. Das Land der Superlativen, in dem nichts dem Zufall überlassen wird. QualityPartner, die weltgrößte Datingplattform, Everybody, das weltgrößte soziale Netzwerk, und TheShop, der weltweit beliebteste Versandhändler, bilden ein Dreigestirn der Glückseligkeit. Kein Wunsch bleibt unerfüllt, mag er auch noch unbewusst geäußert sein. Man muss nur wollen. Die Menschen werden in unterschiedliche Levelstufen eingeteilt. Von 2 bis 99 ist alles möglich, man muss sich nur anstrengen, im Strom nach oben schwimmen. Peter Arbeitsloser will das nicht mehr. Einst ausgebildet, um Maschinen und Anlagen instandzusetzen, hat ihm das Konsumschutzgesetz, das auch Reparaturen jeglicher Art verbietet, einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt ist er, der als Familiennamen den Beruf seines Vaters tragen muss, Maschinenverschrotter und im Level 10 trennt ihn auch nur noch ein Level von den Nutzlosen. Nutzlose warten länger beim Arzt, auf den Drohnenanflug des Versandhandels und dürfen jederzeit auch ohne Anlass von der Polizei kontrolliert werden. Und während der Leser mit Peter Arbeitsloser die Gesellschaft von unten betrachtet, zeigt ihm „Qualityland“ auch die Vogelperspektive. Wahlen stehen an und die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft ziehen die Strippen. Conrad Koch, der Ängste vor Überfremdung schürt, will das weltweit beliebteste Land ebenso regieren, wie John of US, Kandidat der Fortschrittspartei. Aber John of US ist kein Mensch wie jeder andere, John of Us ist Androide.
„Ein verblüffende Zukunftssatire über die Verheißung und die Fallstricke der Digitalisierung.“ heißt es gleich auf der Innenklappe des Buches. Liest man „Qualitiyland“, und das kann ich guten Gewissens nur raten, wird man immer wieder merken, wie nah wir diesem Szenario schon gekommen sind. Amazon, Facebook & Co. lassen herzlich grüßen. Personifizierte Nachrichten und Werbung, Konsumgüter, die einfach weggeschmissen werden, weil die Reparatur sich nicht lohnt, endlose Kundendienstwarteschleifen, Löhne, die ihren Namen so gar nicht verdient haben, und Politik, der man kaum noch Glauben schenken kann … Erschreckend ist wohl die am ehesten zutreffende Beschreibung der Geschichte. Und doch habe ich Tränen gelacht und meine Mitmenschen mit spontanen Lesestellen beglückt. Natürlich gibt es nicht nur John of Us, den Androiden, sondern auch selbst fahrende und sprechende Autos, Drohnen, die schmollig werden, wenn sie bei der Paketzustellung nicht bewertet werden und noch jede Menge andere technische Spielereien, die dem ganzen Buch die Spur Science-Fiction einhaucht, die dem Roman die nötige Distanz zu einer Verschwörungstheorie gibt. Gesellschaftskritik verpackt in großartigen Wortwitz. Und ein Mal linst sogar das Känguru um die Ecke … Ab in den Buchladen!

Veröffentlicht am 01.09.2017

Odyssee einer Sklavin

Underground Railroad
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„Irgendwo, vor Jahren, war sie vom Pfad des abgekommen und fand nicht mehr zur Menschenfamilie zurück.“ Cora wurde schon als Sklavin geboren. Bereits ihre Großmutter Ajaary und ihre Mutter Mabel waren ...

„Irgendwo, vor Jahren, war sie vom Pfad des abgekommen und fand nicht mehr zur Menschenfamilie zurück.“ Cora wurde schon als Sklavin geboren. Bereits ihre Großmutter Ajaary und ihre Mutter Mabel waren Unfreie gewesen. Ajaary war längst tot, Mabel gelang vor Jahren die Flucht von der Farm und Cora blieb als kleines Mädchen auf sich allein gestellt auf der Baumwollplantage zurück. Die harte Arbeit auf der Plantage, der ständige Kampf um das kleine Stück Land, auf dem sie Rüben und Wurzeln zog, um ihre karge Nahrung aufzubessern, und die Einsamkeit hatten Cora zu einer Einzelgängerin gemacht. Jahre später trifft sie auf Caesar. Nach dem Tod seiner früheren Besitzerin war er als neuer Farmsklave gekauft worden und plante seine Flucht. Gemeinsam mit Cora wollte er mit der Railroad, der unterirdischen Eisenbahn, die, von wem auch immer gebaut, über ein Netz aus geheimen Stationen verfügte und deren Helfer Leibeigenen zur Flucht verhalfen, in die Freiheit aufbrechen. Ein gefährliches Unterfangen, denn Sklaven waren lebenslang Eigentum ihrer Besitzer und kein Aufwand war zu hoch, um sie zurück zu bringen.
In anschaulichen Bildern erzählt Colson Whitehead über eines der dunkelsten Kapitel der Menschheit, die Sklaverei. Unterdrückung, schwere körperliche Misshandlungen, die Hatz auf entlaufene Sklaven durch Häscher werden thematisiert und durch die Geschichte von Cora zum Leben erweckt. Als roter Faden durch den Roman zieht sich neben ihr auch der Sklavenjäger Rideway. Er verdient sich seinen Lebensunterhalt durch die Rückbringung Geflohener. Gnadenlos und brutal jagt er Cora, nachdem ihm schon ihre Mutter Mabel entwischt war. Cora ist eine starke und unerschütterliche Frau. Überhaupt fällt im Roman auf, dass wenig auf weiche Emotionen gesetzt wird. Das Leben dieser Zeit ist unerbittlich und so hat es auch die Menschen hart gemacht. Whitehead erzählt interessant und spannend von Rasseunterschieden, der „Farbigenfrage“ und vom Abolitionismus, dem Kampf für die Abschaffung der Sklaverei. Ohne Rücksichtnahme wurde jeder, der Sklaven versteckt hat oder auch nur Schriften, die sich gegen die Sklaverei aussprachen, besaß, am nächsten Baum aufgeknüpft. Ebenso wie die Bestrafung der Sklaven wurde dies in einem Volksfestcharakter gehalten. Trotz ihrer Flucht fühlte sich Cora weiter in Gefangenschaft. Versteckt, gehetzt, von ständig drohendem Denunziantentum in die Enge gedrängt, die Lebensbedingungen anders, aber nicht besser.
Ein eindringlicher Roman ist „Underground Railroad“ und eines der, wenn nicht das beste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe. Vielleicht ist nicht jedes Buch, das mit einem Preis ausgezeichnet wurde, ein besonderes Buch. Das Buch, das den Pulitzerpreis 2017 erhalten hat, ist es aber auf jeden Fall. Ich möchte diesen Roman unbedingt empfehlen!

Veröffentlicht am 01.09.2017

Pass immer schön auf, wenn du über die Straße gehst ...

Der Vater, der vom Himmel fiel
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„Schön, dass wir uns noch mal gesehen haben, Junge. Dass wir noch mal miteinander reden konnten. Solange man am Leben ist, denkt man immer, man hätte noch ewig Zeit, um mit anderen Menschen zu reden.“ ...

„Schön, dass wir uns noch mal gesehen haben, Junge. Dass wir noch mal miteinander reden konnten. Solange man am Leben ist, denkt man immer, man hätte noch ewig Zeit, um mit anderen Menschen zu reden.“ Lyle ist 83 Jahre alt, als er auf dem Weg zum günstigeren Schokoriegel über die Straße schlurft und es zum tödlichen Zusammenprall mit einem Bus kommt. Beim Check-in im Himmel kommt es dann zu einer Verwechslung mit einem Namensvetter aus Amerika. Bedauerlich, aber natürlich könne es zu Fehlern kommen. Gern wäre man aber bereit, ihm als kleine Entschuldigung einen nochmaligen Besuch auf der Erde zu ermöglichen. Zwei Bedingungen: Nur an einem von ihm bestimmten Ort darf er sich aufhalten und nur einer Person kann er in diesen zwanzig Tagen begegnen. Lyle entscheidet sich für sein bisheriges Zuhause und seinen jüngeren Sohn Greg, das schwarze Schaf der Familie. Ein durchaus willkommenes Angebot für Lyle, denn ein, zwei Angelegenheiten gibt es schon noch zu klären. Schließlich kam Gevatter Tod doch sehr überraschend.
Auf dem Klappentext heißt es: „Eine wunderbar menschliche Geschichte über durchgeknallte Typen in rebellischer Grundstimmung. Erzählt auf dem schmalen Grat zwischen großer Komik, bittersüßer Trauer und tiefstem Ernst.“ Ich könnte das jetzt in meine eigenen Worte fassen, aber besser würde ich es auch nicht sagen können. Auch mit seinem zweiten Roman hat Henderson mich wieder mit einem wunderbar englischen Humor ausgezeichnet unterhalten und dabei das Thema aufgegriffen, was unser aller Leben nie langweilig werden lässt. Die Familie. Seit sieben Jahren hatten die Söhne Lyles keinen Kontakt mehr miteinander. Der Streit über die Farbgebung einer Regenrinne ließ nur noch den wechselseitigen Austausch von Weihnachts- und Geburtstagskarten zu. Billy, der ältere seiner beiden Söhne und mit der zänkischen Jean verheiratet, und Onkel Frank, Lyles kauziger Bruder, hauchen der skurrilen Geschichte mit ihren verborgenen Wünschen und Problemen Leben ein. Über Liebe wird in dieser Familie nicht gesprochen, heißt es an einer Stelle im Buch, man bekäme dann immer das Gefühl, es wäre etwas Schlimmes passiert. Und so leben alle nebeneinander her und scheinen ein wenig seltsam zu sein. Natürlich hält das Leben auch für Greg noch eine ganz besondere Überraschung bereit. Für ganz besonders gelungen fand ich Onkel Franks Dispute mit Reverend Tinkler über die Bibel. War Jesus wirklich so besonders? Passten tatsächlich alle Tiere auf die Arche Noah? Und wie wurden sie versorgt? „Sie haben die Bibel aber schon gelesen, oder?“ Eine wunderbar menschliche Geschichte, die ich gern sehr weiterempfehle!

Veröffentlicht am 28.08.2017

Auf der Suche nach dem Fossil

Ermordung des Glücks
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Vierunddreißig endlos lange Tage sind vergangen, seit der 11-jährige Lennard Grabbe von der Schule nicht nach Hause kam. Vierunddreißig endlos lange Tage und an jedem einzelnen haben die Eltern ...

Vierunddreißig endlos lange Tage sind vergangen, seit der 11-jährige Lennard Grabbe von der Schule nicht nach Hause kam. Vierunddreißig endlos lange Tage und an jedem einzelnen haben die Eltern gehofft, dass ihr Sohn plötzlich wieder vor der Tür stünde. Doch nun überbringt Jakob Franck die entsetzliche Nachricht: Lennard wurde tot aufgefunden. Wie Müll in einem Waldstück entsorgt. Jegliche Hoffnung ist dahin. Und auch die Polizei hat wenig Hoffnung, noch verwertbare Spuren zu finden. Was der Regen nicht vernichtet hat, bedeckt inzwischen Schnee. Ein Fall für den ehemaligen Kommissar Jakob Franck.
„Ermordung des Glücks“ ist nach „Der namenlose Tag“ bereits der zweite Band der Reihe um den Kommissar a. D. Jakob Franck. Früher Ermittler bei der Münchener Polizei ist er heute als „polizeilicher Hilfsdienstleister und Zuhörer in Notzeiten“ tätig. Friedrich Ani hat eine sensible, beharrliche Hauptfigur geschaffen, die sich in geduldig durch Protokolle liest, Ermittlungsergebnisse neu bewertet und vor allem mit den Beteiligten spricht. Gedankenfühligkeit heißt das Zauberwort. Viel Raum bleibt für die Entwicklung der Figuren. Die Mutter, die sich völlig verschließt und ein besonders enges Verhältnis zu ihrem Bruder, Lennards Onkel, hat. Der trägt ein jahrelang gut gehütetes Geheimnis mit sich, von dem er sich reinwaschen möchte. Der Vater, der kurz vor dem Verschwinden seines Jungen eine Entscheidung getroffen hat, und nun in einer Schockstarre verharrt.
Francks Verhältnis zu seinen ehemaligen Kollegen ist schwierig. Schon während seiner aktiven Dienstzeit war er gern als Überbringer schlimmer Nachrichten gesehen und nur allzu gern nimmt man ihn heute noch dafür in Anspruch. Im Gegenzug sind Francks Kritiken an der Polizeiarbeit zu ertragen. Die Tatsache der inoffiziellen Mitarbeit hat mich im gesamten Buch auch immer wieder Zweifeln lassen. Ist so etwas überhaupt möglich? Werden Ermittlungsakten Außenstehenden zugänglich gemacht? Abgesehen davon gefällt mir die Reihe, die durch Sprache und ausführliche Entwicklung der Charaktere auffällt, außerordentlich gut.
Ein Krimi, den man auch als Einzelband lesen kann und den ich durchaus empfehlen möchte!

Veröffentlicht am 27.08.2017

Die Neshovs sind zurück!

Sonntags in Trondheim
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Sonntags in Trondheim – Anne B. Ragde
Mehr als drei Jahre sind vergangen, seit das unglaubliche Geheimnis der Neshovs gelüftet wurde. Der Hof, der die Familie einst ernährte, liegt brach und ...

Sonntags in Trondheim – Anne B. Ragde
Mehr als drei Jahre sind vergangen, seit das unglaubliche Geheimnis der Neshovs gelüftet wurde. Der Hof, der die Familie einst ernährte, liegt brach und verfällt. Jeder geht seine eigenen Wege und man ist sich fremd geworden, lebt in seiner kleinen Welt. Margido führt immer noch sein Bestattungsunternehmen. Penibel und zuverlässig in seiner Arbeit, zurückgezogen und einsam in seinem Leben. Er kommt gelegentlich noch auf den Hof, nutzt einen Teil der Scheune als Sarglager. Ein schon beinahe symbolisches Bild für die Familie. Erlend, der zweite Sohn, ist immer noch glücklich mit seinem Mann Krumme. Inzwischen sind die Kinder, die sie mit dem lesbischen Paar Jytte und Lizzi gezeugt haben, geboren. Leon und die Zwillinge Ellen und Nora sind inzwischen drei Jahre alt und ergänzen die beiden Paare zu einer wahrhaft faszinierenden siebenköpfigen Familie. Torunn, die Tochter des dritten, bereits verstorbenen Bruders Tor, lebt noch mit Christer, dem Schlittenhundezüchter, der sich die Nächte erfolgreich mit Aktienhandel um die Ohren schlägt, zusammen. Längst ist es nur noch eine Zweckgemeinschaft und Torunn auf dem Absprung.
Anne B. Ragde bringt die Neshovs wieder zurück und ich habe mich selten über den vierten Teil einer Trilogie gefreut wie über „Sonntags in Trondheim“. Besonders hat es mir schon von Beginn an Erlend angetan. Dieser Mann ist einfach unglaublich. Unglaublich unterhaltsam, unglaublich hysterisch, unglaublich komisch, unglaublich liebevoll. In den Hörbüchern der ersten drei Teile wird er ganz großartig von Gustav Peter Wöhler gesprochen. Aber auch bei allen anderen Figuren wird der Charakter ganz sorgsam eingefangen: Der beinahe depressive Margido, die trotzende Torunn. Natürlich ist auch Tormod, der Alte, drei Jahre später noch in der Geschichte zu finden. Auch ihn, dem das Geheimnis am meisten zugesetzt hat, hat Anne B. Ragde seinen Platz finden lassen.
Gut gelungen finde ich die ganz vorsichtigen Fäden, die zu den ersten drei Büchern hin gesponnen werden. Es werden ganz geschickt die notwendigsten Informationen der Vorgeschichte eingeflochten, so dass man „Sonntags in Trondheim“ auch sehr gut als Einzelbuch lesen kann. ABER: Ich wüsste nicht, warum man auf „Das Lügenhaus“, „Einsiedlerkrebse“ und „Hitzewelle“ verzichten sollte. Wenn ich jemals in einem Roman zu Gast sein dürfte, wäre ich mittendrin bei Familie Neshovs. Ich hoffe sehr, dass diese Trilogie auch noch durch einen fünften Teil ergänzt wird!