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Veröffentlicht am 13.10.2023

Familienbande

Elternhaus
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Gestaltung:
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Das Titelbild wirkt altmodisch mit dem Kaffeegedeckt und der Tischdecke mit Blümchenmuster. Alles gehalten in Farbtönen, die an die 70er-Jahre erinnern. Wirkt auf den ersten ...

Gestaltung:
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Das Titelbild wirkt altmodisch mit dem Kaffeegedeckt und der Tischdecke mit Blümchenmuster. Alles gehalten in Farbtönen, die an die 70er-Jahre erinnern. Wirkt auf den ersten Blick nicht sehr attraktiv, erfasst aber genau die Stimmung, die man mit einem Besuch im Elternhaus verbindet, finde ich. Als Hardcover mit Lesebändchen ist das Buch sehr wertig gestaltet.

Inhalt:
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Die Eltern der drei Schwestern Sanne, Petra und Gitti sind nicht mehr so rüstig wie früher. Sanne als Älteste hat das Elternhaus überschrieben bekommen. Sie ist nun Besitzerin des Hauses und auch diejenige, die sich am meisten um die Eltern kümmert. So beschließt sie, dass es besser ist, die Eltern in eine barrierefreie Wohnung umziehen zu lassen und das Elternhaus zu verkaufen. Die anderen Schwestern sind dagegen und mit dem Umzug der Eltern zeigt sich für alle, wie kompliziert familiäre Beziehungen sein können und doch ist das Elternhaus der zentrale Punkt für alle.

Mein Eindruck:
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"Wie lange in seinem Leben brauchte man ein Elternhaus? War es nicht beinahe natürlich, dass es gebrechlich wurde. Wie die Eltern. Dass es irgendwann verschwand. So wie die Eltern irgendwann nicht mehr da sein würden." (S. 298, Sanne)

Der Schreibstil hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Die Handlung wird abwechselnd aus der Perspektive von Sanne als Älteste der Drei und von Petra, der mittleren Schwester erzählt. Die jüngere Schwester Gitti spielt nur am Rande eine Rolle. Vorwiegend wird dabei die Beziehung der beiden älteren Schwestern in den Mittelpunkt der Handlung gestellt. Die eine nimmt als Älteste die Rolle der vernünftigen, sich um die Eltern kümmernden ein. Sie heiratet, bekommt Kinder, baut ein Haus in der Nähe der Eltern. Petra dagegen studiert, will sich nicht binden, zieht immer wieder um und hält eher Abstand von der Familie. Gitti als Jüngste läuft eher so mit, heiratet, lässt sich scheiden, bekommt ein Kind und hat mehrere Beziehungen.
In diesem Roman kommt sehr stark zum Vorschein, wie sehr das Elternhaus einen Menschen prägen kann. Elterliche Erwartungen spielen eine Rolle, aber auch die Erwartungen und unterstellten Erwartungen der Geschwister untereinander. Mich betrifft das Thema aktuell sehr, da ich mich in einer ähnlichen Situation befinde. Zwar konnte ich mich mit keiner Schwester komplett wiederfinden, aber hatte Verständnis für beide, da ein Teil Sanne und ein Teil Petra in mir steckt.
Es ist interessant zu sehen, wie sich durch die Auflösung des Elternhauses auch ein Teil des bisherigen Lebens beider Schwestern auflöst bzw. verändert. Zwar empfand ich die Veränderung von Sanne teilweise als sehr drastisch und nicht ganz glaubwürdig, aber am Ende führt sie doch dazu, dass sich beide Schwestern einander annähern. Das Ende jedoch empfand ich als abrupt und unbefriedigend.

Fazit:
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Berührender Roman über die Beziehung von Schwestern und die prägende Rolle des Elternhauses

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  • Handlung
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Veröffentlicht am 05.09.2023

Zeitreise durch 60 Jahre eines (Weltstar-)Lebens

Die Zeitreisende
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Gestaltung:
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Die Frau auf dem Cover strahlt Sinnlichkeit und etwas Geheimnisvolles aus. Diese Mischung ganz in schwarz-weiß wirkt anziehend auf den Betrachter und macht neugierig auf ...

Gestaltung:
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Die Frau auf dem Cover strahlt Sinnlichkeit und etwas Geheimnisvolles aus. Diese Mischung ganz in schwarz-weiß wirkt anziehend auf den Betrachter und macht neugierig auf das Buch.
Im Inneren des Buches spiegelt sich die Mischung aus schwarz-weiß und rot vom Titelbild wieder. Des Weiteren findet man in jedem Kapitel Fotoaufnahmen der Autorin, die das Geschriebene veranschaulichen und unterstreichen. Als Hardcover ein sehr schönes und wertiges Buch!

Mein Eindruck:
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"Nur wenn man zu weit geht, kann man herausfinden, wie weit man gehen kann. Ich schiebe meine Grenzen weiter nach vorn. Es sollte kein Tabu geben. Nichts bleibt unmöglich, wenn man es möglich macht." (S. 17)

Ute Lemper schreibt hier anlässlich ihres 60. Geburtstages über ihr Leben, angefangen von ihren beruflichen Anfängen bis zur aktuellen Zeit. Die Kapitel sind dabei in verschiedene Zeitabschnitte eingeteilt, sodass man als Leser im wahrsten Sinne des Wortes eine Zeitreise macht. Auch deshalb, weil sich persönliche Anekdoten mit Erzählungen zur Zeitgeschichte abwechseln.

Ich muss gestehen, dass ich Ute Lemper bisher eher dem Namen nach kannte und ich nur einige Filme zufällig von ihr gesehen hatte. Mit ihrer Person und ihrem Werdegang hatte ich mich bis dato noch gar nicht befasst. Aber das Cover und die ersten Zeilen haben mich sofort neugierig gemacht. Beim Lesen faszinierte mich ihre Weltanschauung, die Fähigkeit, die richtigen (oft poetischen) Worte für ihre Gefühle und Erlebnisse zu finden sowie ihre Disziplin und ihr Durchhaltevermögen. Sie hat nicht nur in der Schauspielerei, im Tanz und im Gesang ihren Beruf, sondern ihre Berufung gefunden und trotz vieler Widerstände eine beachtliche Karriere gemacht. "Nebenbei" hat sie auch noch vier Kinder bekommen und trotz dem hektischen Berufsleben und vielen Reisen ihre Familie zusammengehalten.

"Ich verabscheue Lügner, Wegrenner, Mitläufer, Verräter, Intriganten, Narzissten, Angeber, Übertreiber und aggressive, launische, ständig urteilende Besserwisser. Wer bleibt übrig? Die Stillen, die nach geheimen Dingen suchen." (S. 17)

Ich fand auch ihre Toleranz und ihr Mitgefühl bemerkenswert. Sie ist eine kluge und einfühlsame Frau. In ihrer Biografie hat sie auf ihrem ersten Werk aufgebaut, dass sie zu ihrem dreißigsten Geburtstag veröffentlicht hatte. Stellenweise zitiert sie ganze Passagen und fügt nur ab und zu ihre aktuellen Gedanken dazu ein. Besonders diesen älteren Teil fand ich etwas anstrengend zu lesen. Zum einen, weil er in Schreibmaschinenschrift wiedergegeben wurde, zum anderen, weil der Stil sachlicher als der Rest des Buches war und sich mir manchmal zu detailreich mit historischen Fakten beschäftigte oder dem Hintergrund von künstlerischen Werken, die ich nicht kannte und die mich weniger interessierten.
Frau Lemper ist in ihrem Leben mit vielen bekannten Personen zusammengekommen und solche Begegnungen sind natürlich zeitgeschichtlich relevant und spannend. Doch wer sich mit dem Künstlerleben nicht so gut auskennt, wird mit solchen Passagen nicht viel anfangen können.
Aber abgesehen davon fand ich dieses Buch sehr inspirierend und spannend zu lesen. Besonders die enge Bindung zu ihren Kindern hat mir sehr gut gefallen. Dazu passt, dass ihre Tochter im letzten Teil das Leben ihrer Mutter aus Tochter-Perspektive geschildert hat.

Fazit:
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Die neue Biografie von Ute Lemper: klug, inspirierend und ermutigend!

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  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.09.2023

Zwischen Aktivismus und Klimaangst

Über Leben in der Klimakrise
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Cover:
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Das Titelbild zeigt die Autorin mit ernstem Blick in einem Getreidefeld. Im Hintergrund düstere Wolken als Anzeichen auf ein Unwetter. Ich finde, dieses symbolische Foto passt gut ...

Cover:
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Das Titelbild zeigt die Autorin mit ernstem Blick in einem Getreidefeld. Im Hintergrund düstere Wolken als Anzeichen auf ein Unwetter. Ich finde, dieses symbolische Foto passt gut zum Titel und erregt beim Betrachter eine gewisse Unruhe und Angst. Ich empfand es als anziehend und wollte mehr zu dem Thema erfahren.

Inhalt:
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Die Autorin ist Erfinderin und erste Gründerin eines Unverpackt-Ladens in Deutschland. Sie setzt sich auch privat viel mit dem Thema Klimakrise und -schutz auseinander und möchte in diesem Buch Antworten finden, wie wir Menschen es schaffen, den zunehmenden Problemen durch die Klimaerwärmung zu begegnen. Dabei widmet sie sich verschiedenen Aspekten wie u. a. Städtebau, Hochwasserschutz, die Rolle der Landwirtschaft, (Trink-)Wassergewinnung und wie wir es schaffen, resilient den Veränderungen gegenüberzustehen.

Mein Eindruck:
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"Noch mal, um das ganz deutlich zu machen: Klimaanpassung ist nicht die Lösung der Klimakrise. Sie ist »nur« unsere Reaktion auf die vom Klimawandel bereits ausgelösten Veränderungen. Und je nachdem, was wir in Sachen Klimaschutz und Anpassung machen, wird sich zeigen, ob wir überleben werden. Oder nicht."

Die ersten Seiten haben mich gefesselt. Mir dabei die Mischung aus persönlichen Einblicken in Frau Glimbovskis Leben, Fakten zum Klimawandel und mögliche Strategien. Dabei ist das Wortspiel "Über Leben" doppeldeutig. Es geht hier über das Leben in der Klimakrise, aber auch, wie wir buchstäblich "überleben" können als Menschheit.

"Aktivismus ist die Antwort auf die Frage, was wir tun können für mehr Klimaschutz. Und er ist auch nötig, wenn wir uns dem geänderten Klima anpassen wollen."

Besonders die Einsichten in das Thema Aktivismus fand ich spannend. Ich stehe diesem Thema kritisch gegenüber. Auch die Autorin selbst mag keine Gewalt, hat aber ein gewisses Verständnis für die Akteure und gehört teilweise selbst dazu (z. B. Besetzung des Hambacher Forsts). Das Thema Gewalt lehnt sie grundsätzlich ab, räumt aber ein, dass Klimaschutz wehtun muss und dadurch das Thema eine Aufmerksamkeit erlangt, die es sonst nicht gehabt hätte. Das hat mich nachdenklich gestimmt. Dass Klimaschutz wehtun muss, sehe ich auch so. Aber manche Aktionen sind m. E. nicht zielführend. Dennoch waren die Interviews mit den unterschiedlichen Aktivisten interessant.
Ein anderer, im Buch stets wiederkehrender Aspekt war das Thema Anpassung. Es werden Tipps gegeben, wie man sich auf den Ernstfall (Blackout, Wasserknappheit, Hochwasser uvm.) vorbereiten kann. Rudimentär hatte ich mich mit "Preppen" im Kontext mit der Flutkatastrophe beschäftigt, aber hier gab es noch mal praktikable Tipps.
Die Autorin zieht bei ihren Darstellungen viele andere Quellen hinzu. Es werden Bücher, Filme, Zeitungsartikel, Internetquellen, Podcasts usw. herangezogen, um ihre Ansichten darzustellen. Das empfand ich als bereichernd und zeigte mir, dass sie sehr umfassend recherchiert hat.
Dass sie zwischen den Fakten persönliche Erlebnisse schildert, lockerte den Text für mich auf und ich konnte mich stellenweise auch mit ihren Gedanken identifizieren. Dabei kommt immer wieder ihre Angst vor der Zukunft im Kontext des Klimawandels zur Sprache. Man merkt daran, wie ihr dieses Buch am Herzen liegt. Sie will damit aufrütteln und die Leser zum Nachdenken anregen, denn einfach so weitermachen wie bisher ist keine Option! Sie geht dabei aber auch auf die psychologischen Aspekte ein und wie man mit Klimaängsten und Ohnmachtsgefühlen umgehen kann.

Obwohl ich schon einige Dinge wusste, empfand ich dieses Buch durch seine umfassende Herangehensweise an das Thema sehr bereichernd. Der einzige Mangel, für den ich einen Punkt abziehe, ist die Tatsache, dass sich einige Aspekte wiederholen in den einzelnen Kapiteln. Wenn man das Buch nicht chronologisch liest, mag dies ok sein, aber ansonsten sind diese Wiederholungen mit der Zeit etwas anstrengend.

Fazit:
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Möglichkeiten, in der Klimakrise zu überleben bzw. ihr vorzubeugen - Mischung aus Fakten und persönlichen Anekdoten

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Veröffentlicht am 03.08.2023

Eine starke Frau mit vielen Talenten

Die einzige Frau im Raum
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Cover:
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Das Titelbild ist kein Eyecatcher, die Frau ist nur im Hintergrund und teilweise abgebildet und sie wirkt sinnlich und geheimnisvoll. Und das hat meine Neugierde geweckt.

Inhalt:
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Hedy ...

Cover:
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Das Titelbild ist kein Eyecatcher, die Frau ist nur im Hintergrund und teilweise abgebildet und sie wirkt sinnlich und geheimnisvoll. Und das hat meine Neugierde geweckt.

Inhalt:
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Hedy Lamarr wird ursprünglich als Hedy Kiesler in Österreich geboren. Ihre Mutter ist ehemalige Konzertpianistin, ihr Vater Bankdirektor. Materiell leidet sie an nichts, aber sie fühlt sich schon früh einsam und vertreibt sich ihre Zeit zunächst mit Puppenspielen, dann schlüpft sie selbst in verschiedene Rollen und findet schließlich in der Schauspielerei ihre Berufung und feiert am Theater erste Erfolge. Dabei wird Friedrich Mandl auf sie aufmerksam. Er ist ein mächtiger Mann, stellt Waffen her und auf Drängen der Eltern, die sich durch ihre jüdische Herkunft und der zunehmenden Macht von Hitler und den Nazis in Gefahr sehen, geht Hedy mit ihm aus. Schließlich verliebt sie sich in ihn und heiratet ihn. Doch auch er trägt eine Maske und in ihrer Ehe ist er eifersüchtig, sperrt sie ein und misshandelt sie, wenn er wütend ist. Doch Hedy ist eine starke Frau, die durch ihren Vater nicht nur viel über Technik gelernt hat, sondern ihre Klugheit auch zu nutzen weiß, um Friedrich schließlich zu entkommen und in den USA ihr Glück zu machen.

Mein Eindruck:
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"Ich war immer allein gewesen unter meiner Maske, ich war stets die einzige Frau im Raum gewesen."

Ich hatte bisher nur den Namen gehört, mich mit Hedy Lamarr jedoch noch nicht näher befasst. Der Roman hat mich sofort gepackt, denn er ist aus der Ich-Perspektive von Hedy geschrieben und der Leser bekommt somit alles hautnah mit. Es ist spannend, ihre Gefühlslage mitzuerleben und wie sie ihr schauspielerisches Können im Alltag nutzt, um wichtige Informationen zu erlangen, ohne dass jemand Verdacht schöpft. Besonders die Misshandlungen durch ihren ersten Mann Fritz Mandl haben mich mitleiden lassen. Ich bekam sehr viel Respekt vor ihrer Stärke, denn sie lässt sich von ihm nicht brechen, sondern begehrt heimlich immer wieder auf, bis ihr schließlich die Flucht gelingt.
Aber auch ihre lebenslangen Schuldgefühle sind spürbar. Sie denkt immer an diejenigen, die von Hitler verfolgt werden, die sie zurücklassen musste und die nicht so ein Glück wie sie hatten. Und sie versucht alles, um Menschen zu retten und ihre Kenntnisse über Technik einzusetzen. Das fand ich sehr eindrucksvoll. Hier hat mir auch ihr Vater im Nachgang imponiert, der sie untypisch für die damalige Zeit zu einer selbstständig denkenden und technikinteressierten Frau erzogen hat.
Ich habe den Roman in einem Stück verschlungen und habe mit Hedy mitgefiebert und gleichzeitig genossen, mehr über das Leben der damaligen Zeit, auch in der Filmbranche zu erfahren. Schade fand ich nur, dass im Vergleich zur Ehe mit Fritz Mandl der Teil, in dem sie zur Erfinderin wird, eher kurz war und dass das Ende sehr abrupt war. Zwar erklärt die Autorin im Nachwort, dass es ihr wichtig war, diesen erfinderischen Anteil von ihr hervorzuheben, aber dafür war dieser zu wenig ausführlich und ich hätte auch gerne mehr über ihre späteren Jahre erfahren.

Fazit:
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Beeindruckender biografischer Roman über eine starke Frau, die sowohl als Schauspielerin als auch Erfinderin Großes bewirkt hat.

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Veröffentlicht am 29.07.2023

Eine Familie zu Zeiten der Klimakrise

Blue Skies
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"Veranstaltete man überhaupt noch Abendgesellschaften? Wozu eigentlich? Die eine Hälfte der Welt stand unter Wasser, die andere war ausgedörrt, und es gab eine Missernte nach der anderen. Menschen hungerten, ...

"Veranstaltete man überhaupt noch Abendgesellschaften? Wozu eigentlich? Die eine Hälfte der Welt stand unter Wasser, die andere war ausgedörrt, und es gab eine Missernte nach der anderen. Menschen hungerten, sogar hier in Kalifornien. Überall waren Flüchtlinge. Der Wein schmeckte nach Asche. Ottilie konnte sich nicht erinnern, wann es das letzte Mal geregnet hatte. Aber Frank ging in den Ruhestand, und sie wollte eine Party, wenn auch eine bescheidene." (S. 315)

Es geht um eine Familie zu Zeiten der Klimakrise: Cat wohnt mit ihrem Verlobten an Floridas Küste. Dort, wo es gefühlt ununterbrochen regnet und Überschwemmungen gibt. Dagegen wohnen ihr Bruder Cooper und ihre Eltern Ottilie und Frank in Kalifornien, wo die Menschen fast nur noch unter Hitze und Dürreperioden mit Waldbränden leiden. Vor diesen Extremen des Klimawandels spielt sich der Roman ab in einer unbenannten, aber nicht allzufernen Zukunft.
Frank ist Arzt und so sind er und Ottilie eher der wohlhabenden Schicht zuzuordnen. Weil ihr Sohn Cooper Entomologe (Insektenforscher) ist, befasst sich Ottilie mit dem Thema Umweltschutz. So versucht sie, Fleisch durch Grillen zu ersetzen, Wasser zu sparen und bestimmte Pflanzen als Nahrung für aussterbende Schmetterlingsarten zu pflanzen. Auf der anderen Seite braucht sie aber einen Pool und gewisse Luxusgüter wie z. B. Wein.
Ihre Tochter Cat ist ebenfalls an Wohlstand gewöhnt und kauft sich einfach so (weil ihr Ehemann weder Kinder noch Haustiere mit Fell haben will) eine Tigerpython. Für sie ist es ein Spielzeug und eine Gelegenheit, sich als Influencerin interessant zu machen sowie die Alltagslangeweile zu überbrücken, da ihr Mann viel unterwegs ist.
Coopers Leben sind die Insekten. Seine Favoriten sind die vom Aussterben bedrohten Monarchfalter und auch seine Freundinnen haben mit Insekten (Zecken und Kusswanzen) zu tun. Als ein Zeckenbiss Coopers Leben bedroht und ein rätselhaftes Massensterben von Insekten stattfindet, gerät seine Welt völlig aus dem Gleichgewicht.

Die Geschichte wird in drei chronologisch angeordneten Teilen erzählt. Zwischen diesen Abschnitten liegt ein undefinierter Zeitabstand in die Zukunft, sodass man die Entwicklung dieser Familie und des Klimas verfolgen kann. Die Natur ist dabei unterschwellig immer wieder eine Bedrohung: Die Schlange verhält sich auffällig ruhig, verschwindet kurz und taucht unvermittelt wieder auf, bis es zu einer unvorhergesehenen Katastrophe kommt. Insekten greifen plötzlich Menschen an, bei Überflutungen tauchen Alligatoren auf. Beim Lesen hatte ich ständig Gänsehaut und war gespannt, was als nächstes passiert.
Die Auswirkungen des Klimawandels sind heute schon spürbar und der Autor hat das Thema sehr realistisch in die Handlung eingewoben. Dabei werden auch mögliche Lösungsansätze wie Insekten oder Laborfleisch als Fleischersatz oder Möglichkeiten dem Albedo-Effekt entgegenzuwirken, thematisiert. Die umfassende Darstellung hat mir sehr gut gefallen.
Auch gefiel mir der stete, sarkastische Unterton in den Beschreibungen. Der Gesellschaft wird hier ein Spiegel vorgehalten und ich fühlte mich selbst an der ein oder anderen Stelle ertappt. Man neigt eben als Mensch dazu, sich seine Welt schön zu reden und möchte trotz aller Krisen seine Gewohnheiten aufrechterhalten.

Dagegen konnte ich mich mit den Figuren selbst leider nicht anfreunden. Zum einen liegt das daran, dass sie eher der amerikanischen Oberschicht zuzuordnen sind. Ihre Bedürfnisse und vor allem ihr Hang zu Partys und Alkohol sind mir fremd. Cat habe ich zwar als liebende, aber leider verantwortungslose Mutter empfunden, die ihr Leben selbst nicht in den Griff bekommt. Cooper war mir anfangs sympathisch, aber auch er entwickelt sich aus meiner Sicht nicht zu seinem Vorteil. Einzig Ottilies Gedanken konnte ich ansatzweise nachvollziehen.

Ich war aufgrund der sich wandelnen Umstände und stetigen Katastrophen sowie dem sarkastischen Unterton gefesselt und konnte das Ende nicht erwarten. Doch der von mir erwartete Knall blieb aus. Dennoch war das Ende für mich befriedigend.

Fazit:
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Realistisch dargestellte Auswirkungen des Klimawandels: Fesselnd trotz abgehobener Charaktere und mittels Sarkasmus zum Nachdenken anregend

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