Profilbild von hasirasi2

hasirasi2

Lesejury Star
offline

hasirasi2 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit hasirasi2 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.12.2023

Der Luftschutzbuchclub

Der Buchclub – Ein Licht in dunklen Zeiten
0

„Manchmal ließ Gertie die Finger über die Buchrücken in den Regalen gleiten, weil er dort war, in jedem einzelnen Buch, auf jeder Seite, in jedem Wort. Es verschaffte ihr ein wenig Trost – und vertiefte ...

„Manchmal ließ Gertie die Finger über die Buchrücken in den Regalen gleiten, weil er dort war, in jedem einzelnen Buch, auf jeder Seite, in jedem Wort. Es verschaffte ihr ein wenig Trost – und vertiefte gleichzeitig die Trauer. Gerti liebt ihre Buchhandlung, doch am meisten hatte sie den Laden in Verbindung mit Harry geliebt.“ (S. 29)
Gertie ist Ende 50 und hat seit dem Tod ihres Mannes Harry die Freude an Büchern verloren, sie trägt sich mit dem Gedanken, ihren Laden „Binghams Bücher“ zu verkaufen. Da fängt Deutschland den 2. WK an und Charles, der beste Freund ihres verstorbenen Mannes, der den Transport jüdischer Kinder aus Deutschland organisiert, bittet sie, eines aufzunehmen. Gertie kann sich das nicht vorstellen, da ihr nie eigene Kinder vergönnt waren, aber Charles insistiert: „Die Welt befindet sich am Rande einer Katastrophe, Gertie. Die Frage lautet, stehen wir daneben und sehen untätig zu, oder stehen wir auf und leisten unseren Beitrag?“ (S. 42)
Also nimmt sie Hedy (Hedwig) bei sich auf. Die 14jährige stammt aus München, spricht zum Glück etwas besser Englisch als Gertie Deutsch, vermisst aber ihre Familie sehr. Zum Heimweh kommt die Angst, wie es ihnen in Deutschland ergeht. Hedy verschließt sich und lässt niemanden an sich ran. Erst als Gertie die gemeinsame Liebe zu Büchern entdeckt, taut Hedy auf. Die Bücher sind es auch, die ihnen in den Nächten der Luftangriffe die Angst nehmen und sie ablenken. Und so laässt Gertie sie den Buchclub wieder aufleben, der mit Harry eingeschlafen war.

„Niemand ist eine Insel …“ (S. 119) sagt Gertie an einer Stelle und doch fühlt sich Hedy zu Beginn in England oft so – getrennt von ihrer Familie, in einem fremden Land, wo ihr das Essen und der Tee nicht wirklich schmecken und sie (noch) keine Freunde hat. Außerdem schlagen ihr auch hier Judenhass und Abneigung entgegen, weil sie als Deutsche der Feind ist.
Ich konnte mich sehr gut in sie einfühlen und mochte es, dass Annie Lyons nichts beschönigt, sondern deutlich aber behutsam zeigt, welche Probleme sich zwischen den beiden Frauen mit über 40 Jahren Alters- und kulturellen Unterschieden auftun. Hedy wartet auf ihre Familie, sie will und kann Gertie nicht als Ersatz annehmen, und das soll sie auch nicht. Denn auch Gertie fällt es nicht leicht, plötzlich für einen Teenager verantwortlich zu sein, der sie so sehr an ihre eigene Unfähigkeit erinnert, Kinder zu bekommen und ihren eingefahrenen Alltag durcheinander wirbelt. Dazu kommt das Grauen des Krieges, die Angriffe, die Zerstörung, die Angst. All das schweißt Hedy und Gertie immer mehr zusammen, sie geben sich gegenseitig Kraft, Mut und Halt.
Und natürlich sind auch sie beide keine Insel. Sie leben in einer Gemeinschaft, deren Mittelpunkt u.a. die Buchhandlung, deren (Luftschutz-)Keller und der Buchclub ist.

Auch, wenn das Thema und die Zeit, die Annie Lyons in ihrem Buch behandelt, für mich nicht neu sind, so konnte mich ihre Geschichte doch abholen und berühren. Für mich wird sie durch die Beziehung zwischen Gertie und Hedy besonders, zeigt, wie wichtig Zusammenhalt und Anpassungsfähigkeit sind und dass Bücher Mut und Hoffnung machen und die unterschiedlichsten Menschen verbinden können.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.11.2023

Mit Gottes Hilfe

Monsieur le Comte und die Kunst der Täuschung
0

„Die Welt ist voller Schwindler.“ (S. 129) und Lucien, der Comte de Chacarasse, ist einer von ihnen. Die Männer seiner Familie arbeiten seit Jahrhunderten als Assassinen. Auch Lucien wurde dazu ausgebildet, ...

„Die Welt ist voller Schwindler.“ (S. 129) und Lucien, der Comte de Chacarasse, ist einer von ihnen. Die Männer seiner Familie arbeiten seit Jahrhunderten als Assassinen. Auch Lucien wurde dazu ausgebildet, doch er will nicht töten. Aber nachdem sein älterer Bruder und sein Vater jeweils in Ausübung ihres Amtes umgekommen sind, musste er dieses Erbe antreten.
Sein zweiter Auftragsmord führt ihn nach Marseille, wo er den ehemaligen Mitarbeiter einer Pharmafirma beseitigen soll, der seinem Arbeitgeber zu unbequem geworden ist. Doch Lucien hat eine Idee. Mit Gottes Hilfe will er den Tod des Opfers nur vortäuschen …

Lucien ist und bleibt ein Lebemann, der nichts von geregelter Arbeit hält (muss er bei seinem Vermögen eigentlich auch nicht) und seine Tage lieber in seinem Restaurant mit (wechselnden) schönen Frauen verbringt. Außerdem lebt er an einem der schönsten Orte der Welt, der französischen Rivera zwischen Nizza und Monaco, und genießt die Annehmlichkeiten, die ihm diese Gegend bietet.

Wie schon der erste Band ist auch „Monsieur le Comte und die Kunst der Täuschung“ ein sehr unterhaltsamer Kriminal-Roman, der sich nicht nur um den angedeuteten Fall, sondern auch Luciens private Probleme dreht. Zum einen will er nicht als Killer arbeiten und wird immer kreativer im Nicht-Töten, aber die Aufträge werden ihm von seinem Onkel vermittelt, der gut daran verdient und auf die Einhaltung des Familienerbes pocht. Zum anderen hat er eine neue Freundin, die ihm leider beruflich gefährlich werden könnte und von ihrem Ex verfolgt wird. Überdies will er endlich aufklären, wie und warum sein Bruder und sein Vater sterben mussten. Und dann ist da noch die ehemalige Sekretärin seines Vaters, die nicht nur in alles eingeweiht ist, sondern ihr eigenes kleines Geheimnis hat …

Ich mag das Flair der Krimi-Reihe, die Riviera-Küste, die verschiedenen Orte und das Meer als verbindende Komponente, die sehr anschaulich beschrieben werden und Sehnsucht auf einen Sommer dort machen. Lucien genießt seine Leben natürlich auch im wörtlichen Sinne – bei den erwähnten Speisen und Weinen läuft einem das Wasser im Mund zusammen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.11.2023

Der Grabräuber

Felix Blom. Der Schatten von Berlin
0

„Denkst du manchmal daran … wieder in dein altes Leben zurückzukehren?“ (S. 22)
Berlin, 1879: Seit 8 Monaten schlagen sich die frühere Prostituierte Mathilde Voss und der ehemalige Meisterdieb Felix Blom ...

„Denkst du manchmal daran … wieder in dein altes Leben zurückzukehren?“ (S. 22)
Berlin, 1879: Seit 8 Monaten schlagen sich die frühere Prostituierte Mathilde Voss und der ehemalige Meisterdieb Felix Blom mit ihrer Detektei durch, aber sie nehmen kaum Geld ein. Jetzt soll auch noch das abbruchreife Haus, in dem sie wohnen und arbeiten, einem teuren Neubau weichen. Also brauchen sie dringend solvente Kundschaft. Zum Glück bekommen sie den Auftrag herauszufinden, wer den Sarg eines kürzlich verstorbenen Archäologen in einer verschlossenen Gruft aufgebrochen hat, ohne dann etwas daraus zu stehlen. Die Spuren führen ausgerechnet zu Bloms Ziehvater Lugowski, einem Gangsterboss, mit dem er eigentlich nichts mehr zu tun haben wollte, weil ihm seine Freiheit mehr wert ist.

„Müdigkeit, Hunger und Kälte sind Regungen, der man problemlos Herr wird, wenn man sie einem höheren Ziel unterordnet.“ (S. 101)
Zur gleichen Zeit bekommt die Berliner Kripo einen neuen Chef. Kommissar Heinrich Schlesinger war die letzten 3 Jahre Großwildjäger in Afrika und vorher der jüngste Kriminalkommissar Frankfurts. Im Gegensatz zu seinem mürrischen Assistenten Bruno Harting scheint Schlesinger mit allen Wassern gewaschen. Ihm können auch die perfiden Morde nichts anhaben, die er als erstes untersuchen muss und die ihn Bloms Wege kreuzen lassen.

„Der Schatten von Berlin“ ist der zweite Band der Reihe um Felix Blom, kann aber unabhängig vom ersten gelesen werden, da die Fälle in sich abgeschlossen sind. Alex Beer hat Felix und Mathilde hier zwei zähe Gegenspieler zur Seite gestellt, die, ohne es zu wissen, im gleichen Fall ermitteln, denn der Aufbruch des Sarges und die Morde hängen unmittelbar zusammen. Außerdem hat sich Harting auf Blom eingeschossen und will ihn unbedingt wieder hinter Schloss und Riegel bringen. Dabei schießt manchmal übers Ziel hinaus, dann greift Schlesinger wieder ein: „Nicht dass Sie vor lauter Blom den wahren Täter übersehen.“ (S. 204)

Mathilde und Blom stehen vor einem Scheideweg. Während Mathilde um jeden Preis „sauber bleiben“ und ein ehrbares Leben führen will, juckt es Blom in den Fingern, in seinen alten Beruf zurückzukehren. Er vermisst das bequeme Leben mit all seinen Annehmlichkeiten. Außerdem will er endlich Auguste heiraten, deren Vater strikt dagegen ist. Mathilde hingegen trauert ihrem Traum hinterher, Jura zu studieren, aber das war Frauen ja verboten. Überhaupt scheinen sie sich in verschiedenen Richtungen zu entwickeln: Während Blom nur seine Situation verbessern und (wieder) reich werden will, möchte Mathilde, dass es allen besser geht.

Wie schon im ersten Band besticht der Krimi durch die vielfältigen, liebevoll ausgearbeiteten und lebensnahen Protagonisten. Selbst die Nebenfiguren sind interessant und man weiß nie, wann und in welcher Situation man ihnen wiederbegegnet. Auch das Setting des alten Berlins mit seinen Armenvierteln, Eckkneipen und verlassenen Fabrikgeländen hat mir wieder gut gefallen.

Blom, Mathilde, Schlesinger und Harting geraten bei ihren Ermittlungen zwischen die Fronten zweier rivalisierender Banden. Außerdem macht die Polizei Jagd auf Sozialdemokraten, die für die beiden Anschläge auf den Kaiser verantwortlich gemacht wurden und man dadurch einen Grund hatte, sie mittels Verbannung loszuwerden. Diese politischen Hintergründe waren extrem spannend, zumal sie sich auch auf Blom auswirkten.

Ich muss zugeben, dass ich auch diesmal bis zum Ende keinen wirklichen Verdacht hatte, wer warum der Täter ist, weil mich die Vielzahl der Beteiligten und deren Zugehörigkeiten etwas verwirrt haben. Und auch, wenn der Fall an sich am Ende schlüssig und die Auflösung geradezu spektakulär war, passte für mich das Motiv des Mörders nicht ganz. Trotzdem ist es wieder ein sehr spannender Krimi mit viel Lokalkolorit und ich bin schon sehr gespannt auf den nächsten Fall von Felix Blom.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.10.2023

Ein Bücherschiff zum Verlieben

Das kleine Bücherschiff
0

„Mangelndes Wissen würden sie eben durch Engagement und ganz viel Liebe wettmachen.“ (S. 3) Nach einer schlimmen Trennung erfüllen sich die Freundinnen Miri und Katja einen Jungendtraum – sie eröffnen ...

„Mangelndes Wissen würden sie eben durch Engagement und ganz viel Liebe wettmachen.“ (S. 3) Nach einer schlimmen Trennung erfüllen sich die Freundinnen Miri und Katja einen Jungendtraum – sie eröffnen eine Buchhandlung. Aber nicht etwa irgendeine, nein, ein ganz besondere. Mit ganz viel Liebe, Enthusiasmus und fachmännischer Hilfe bauen sie ein ehemaliges Postschiff im Hamburger Museumshafen zum Bücherschiff um. Natürlich legen sie auch bei ihrem Programm den Schwerpunkt auf das Thema Meer und bieten „Kaperfahrten“ an(Lesungen, bei denen sie die Hamburger Handlungsorte mit ihrem Schiff anfahren). Sie haben Glück, ihr Konzept geht auf, der Laden läuft wirklich gut an und auch privat gibt es bald einen Lichtblick für Miri. Der alleinerziehende Architekt Henning gefällt ihr sofort, und dann werden sie auch noch Nachbarn. Aber leider scheint sein kleiner Sohn Finn noch nicht bereit zu sein für eine neue Frau in der Familie.
Dann flattert ihnen auch noch eine exorbitante Mieterhöhung für ihr Schiff ins Haus, es stellt sich heraus, dass es zu einer Luxusunterkunft umgebaut werden soll – und dass Henning mit den Plänen dafür beauftragt wurde. Gibt es noch Hoffnung für das Bücherschiff und die junge Liebe?!

„Das kleine Bücherschiff“ ist eine Geschichte mit ganz viel Herz, etwas Romantik und Drama, mit feinem Humor und natürlich vielen Büchern und Hamburger Flair, über Träume, Freundschaft und Liebe, in der man sich einfach wohlfühlt.
Tessa Hansen versteht es, die Leser sofort in Miris und Katjas Kosmos zu ziehen und die Besonderheiten des Bücherschiffs durch ihre plastischen Beschreibungen vor dem inneren Auge lebendig werden zu lassen. Aber auch schwerere Themen, wie z.B. ein verstörtes Kind, hat sie ohne moralischen Zeigefinger gut lesbar umgesetzt.

Miri und Katja sind mitten aus dem Leben gegriffen, zwei Freundinnen, die sich schon ewig kennen, viele Aufs und Abs zusammen durchgemacht haben und immer für einander da waren. Den Traum von der Buchhandlung hatten sie beide, haben dann aber doch erstmal etwas „Anständiges“ gelernt und als medizinische Fachangestellte und Floristin gearbeitet. Als sich die Chance ergibt, sich ihren Traum endlich zu erfüllen, greift Katja – vielleicht etwas blauäugig – sofort zu und reißt Miri einfach mit.
Dafür stürzt sich Miri in die Liebesgeschichte mit Henning, obwohl sie durch ihre letzte Beziehung große Schwierigkeiten hat, wieder Vertrauen zu fassen. Aber zum Glück geht es Henning ähnlich. Der Blitz hat einfach eingeschlagen. „Ich fühle mich Dir so nah, als würden wir uns schon ewig kennen.“ (S. 65)

Vor allem zum Ende hin kommt sehr viel Bewegung in die bis dahin in ruhigen Bahnen verlaufende Handlung, man leidet und fiebert mit Miri und Katja mit. Und da sich das Buch hauptsächlich um Miri gedreht hat, bin ich schon sehr gespannt auf die Fortsetzung und darauf, Katja besser kennenzulernen. Eine wirklich schöne Geschichte über Bücher und Träume.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.10.2023

Schlacht im Blut

Die Formel der Hoffnung
0

„Beim Wettlauf gegen Polio war die Zeit wie Treibsand: Je angestrengter sie versuchte, voranzukommen, desto tiefer wurde sie heruntergezogen, bis sie feststeckte.“ (S. 291)
Vanderbilt-Hospital, Nashville, ...

„Beim Wettlauf gegen Polio war die Zeit wie Treibsand: Je angestrengter sie versuchte, voranzukommen, desto tiefer wurde sie heruntergezogen, bis sie feststeckte.“ (S. 291)
Vanderbilt-Hospital, Nashville, 1940: Nur durch eine Unachtsamkeit hat Dr. Dorothy Horstmann die Stelle als Assistenzärztin überhaupt bekommen – man hielt sie für einen Mann, weil man ihre Bewerbungsunterlagen nicht gründlich genug gelesen hatte und weibliche Ärztinnen unüblich (wenn nicht sogar undenkbar) waren. Doch Dorothy will nicht „nur“ Ärztin werden, sondern in die Forschung. Sie hat sich dem Kampf gegen Polio verschrieben, das sich immer mehr ausbreitete. Ab 1880 forderte die „Kinderlähmung“, die zum Teil auch Erwachsenen befiel, immer mehr Opfer. Wenn die Krankheit schnell genug erkannt wurde, konnte man mit Gipsverbänden, heißen Wollpackungen und der eisernen Lunge gegensteuern, aber viele Patienten blieben trotzdem ihr Leben lang gezeichnet oder überlebten nicht.

„Ich habe es satt, so oft von etwas so Winzigen besiegt zu werden, das man nicht einmal in Mikroskop sehen kann.“ (S. 130) Dorothy Horstmann ist eine sehr spannende Persönlichkeit. Ihre Vorfahren stammten aus Deutschland und hatten sich in Amerika ein gutes Leben aufgebaut, als ihr Vater an Hirnhautentzündung o.ä. erkrankte und geistig behindert blieb. Seine Andersartigkeit hat Dorothy aber nicht als Einschränkung empfunden, sondern als Gewinn. Da ihre Mutter jetzt das Geld verdienen musste, kümmerte er sich um Dorothy, zeigte ihr die Welt durch seine Augen, brachte ihr Museen und Musik nahe. Wahrscheinlich hat sie von ihm die Fähigkeit übernommen, Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen und alles immer wieder zu hinterfragen. Sie war zielstrebig und sehr intelligent, stand aber leider zu selten für sich ein und ließ sich von ihren Kollegen und Vorgesetzten kleinhalten und übergehen.

„Am Ende wollen wir doch alle das Beste, für die Kinder, für alle.“ (S. 100) Beim Lesen fragt man sich unweigerlich, ob Dorothy manchmal zu blauäugig war und es ihren männlichen Kollegen wirklich um die Impfung ging, oder darum, einen Wettkampf um jeden Preis zu gewinnen. Es werden ethisch verwerfliche Tests gemacht, Ergebnisse von anderen gestohlen und als eigene ausgegeben ...

Lynn Cullen erzählt von einer Frau, die aneckte und herausstach (und dass nicht nur wegen ihrer Körpergröße), die ihr ganzen Leben der Forschung widmete, unzählige Feldstudien machte, Zahlen sammelte und Kongresse besuchte und trotzdem von der Geschichte vergessen wurde – weil sie „nur“ eine Frau war, weil sie kaum anerkannt wurde, weil sie zu spät Gelder für Studien bekam und ein Mann aufgrund ihrer Entdeckungen den Impfstoff entwickelte.
Doch damit stand sie nicht allein. Ich war erschüttert zu lesen, dass eine der Uni-Sekretärinnen promovierte Mathematikerin war und die Statistiken zu der Verbreitung der Polio-Fälle, die die Männer zwar machten, aber nicht auswerteten, längst interpretiert hatte. Oder das eine andere Assistentin, die sich bei der Arbeit angesteckt hatte, querschnittsgelähmt im Rollstuhl saß und ihre Hände kaum noch bewegen konnte, trotzdem weiter Auswertungen machte. Diese Frauen stehen für viele, die nicht gesehen wurden, die für ihre Arbeit lebten und ihr Privatleben dahinter zurück stellten.

Ein interessantes Buch über eine sehr spannende, leider vergessene Wegbereiterin.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere