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Veröffentlicht am 25.09.2017

Die unheimliche Botschaft aus der Vergangenheit

SOG
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„Für Märtyrer hatte am Ende niemand Bewunderung übrig, höchstens nach ein paar hundert Jahren. Und selbst dann war diese Bewunderung zu teuer erkauft.“

Inhalt

Kommissar Huldar von der isländischen Polizei ...

„Für Märtyrer hatte am Ende niemand Bewunderung übrig, höchstens nach ein paar hundert Jahren. Und selbst dann war diese Bewunderung zu teuer erkauft.“

Inhalt

Kommissar Huldar von der isländischen Polizei steht vor einem weiteren mysteriösen Fall seiner Karriere. Von einem Mann wurden erst die Hände, wenig später die abgetrennten Füße gefunden und vom Opfer fehlt noch jede Spur. In der Zwischenzeit ergeben sich aber weitere Tötungsdelikte, die allesamt zusammenzuhängen scheinen. Nachdem die Opfer eine kurze Warnung erhalten haben, werden sie wenige Tage später selbst grausam hingerichtet. Huldar stößt auf einen Zusammenhang zwischen den Morden, nachdem er einen Fall neu aufrollt, der schon Jahre zurückliegt. Damals hat ein Schüler die Todesfälle aus der Gegenwart angekündigt, indem er die Initialien der Opfer in einem Schulaufsatz verewigte. Ebenjener Schüler scheint nun, als Erwachsener in die Mordserie verwickelt zu sein, doch eine stichhaltige Verbindung lässt sich nicht herstellen. Erst als Huldar entdeckt, wer der Vater des jungen Mannes ist und wie dessen Vergangenheit aussah, scheint sich eine dramatische Verkettung der Umstände abzuzeichnen …

Meinung

Dieser isländische Thriller aus der Feder der bekannten Autorin Yrsa Sigurdardóttir ist mein erstes Buch von ihr und damit auch das erste dieser Reihe, wobei es sich bereits um den zweiten Band rund um den Ermittler Huldar und seine rechte Hand die Psychologin Freyja handelt. Gerade zu Beginn des Buches fehlte mir der persönliche Background und ich konnte das Zusammenspiel der Ermittler nur durch Erahnen erschließen. Deshalb empfehle ich an dieser Stelle die Chronologie einzuhalten. Ansonsten kann man den Fall aber auch sehr gut isoliert lesen, weil er in sich geschlossen ist und keine Fragen offenlässt.

Die Autorin webt ein feines Netz aus kausalen Zusammenhängen und unvorhersehbaren Wendungen, so dass der Spannungsfaktor sehr hoch ist und es von der ersten bis zur letzten Seite Freude macht, den Verlauf der Ermittlungen zu verfolgen. Sie legt dabei großen Wert auf die umfassende Charakterisierung ihrer Protagonisten und widmet sich auch der psychologischen Seite der Verbrechen und ihrer Wurzeln in der Vergangenheit. Dadurch kann der Leser schon bald erahnen, welches Motiv den Verbrechen zu Grunde liegt, auch wenn er noch überhaupt nicht abschätzen kann, welcher Täter in Frage kommt. In angenehmer Reihenfolge wechseln dabei die Passagen zwischen den polizeilichen Fortschritten und den tatsächlichen Bedrohungen des nächsten Opfers. Dieser Perspektivenwechsel wird hier kontinuierlich eingesetzt und ergibt damit ein rundes Gesamtbild, dem man anmerkt, wie viel Hintergrund sich zwischen der Tat und der Ursache eigentlich verbirgt.

Dieses Buch ist für mich dennoch eher ein Kriminalfall als ein Thriller, einmal abgesehen von den grausamen Tötungsmethoden liegt der Fokus doch sehr stark auf der Polizeiarbeit und weniger auf der Motivation und den Gedankengängen des Täters. Außerdem bekommt der menschliche Faktor zwischen den Mitarbeitern der Polizeibehörde einen für mich nicht ganz so interessanten Stellenwert. Zwischendurch unternimmt der Leser immer wieder Ausflüge in das schwierige Privatleben des Kommissars, der zwischen zwei Frauen schwankt und sich mit deren Eifersucht auseinandersetzen muss. Klare Sache, diese kleine aber andauernde Nebenhandlung hat mich ziemlich kalt gelassen, wobei vielleicht genau dieser Punkt die Reihe an sich rechtfertigt. Möglicherweise interessiert es den Leser, wie die Lovestory von Huldar/ Freya/ Erla weitergeht, für mich bringt das keinen Zusatznutzen.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen isländischen Thriller, der mit einer komplexen Handlung aufwartet und sich richtig gut lesen lässt. Ein gelungener Mix aus Ermittlungsfall, persönlichem Schicksal und dem Versagen der Justiz im gesellschaftlichem Rahmen. Den ersten Band „DNA“ möchte ich nun gerne nachträglich kennenlernen, weil mich sowohl der Schreibstil als auch der Fall sehr für sich einnehmen konnten. Eine Leseempfehlung spreche ich für alle Liebhaber von hintergründiger Spannungsliteratur aus, die nicht auf bloße Action und willkürliches Morden setzen, denn hier hat alles eine Bedeutung und einen Sinn.

Veröffentlicht am 21.09.2017

Die lange Flucht im Untergrund

Underground Railroad
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„Die Wahrheit war eine wechselnde Auslage im Schaufenster, von menschlicher Hand verfälscht, wenn man gerade nicht hinsah, verlockend und stets außer Reichweite.“

Inhalt

Cora wird als Kind einer Sklavin ...

„Die Wahrheit war eine wechselnde Auslage im Schaufenster, von menschlicher Hand verfälscht, wenn man gerade nicht hinsah, verlockend und stets außer Reichweite.“

Inhalt

Cora wird als Kind einer Sklavin mitten hinein in ein menschenunwürdiges Leben geboren. Sie wächst auf einer Baumwollplantage in Georgia auf und wird mit 10 Jahren von ihrer Mutter im Stich gelassen, als diese beschließt, zu fliehen und der Farm unerlaubter Weise den Rücken zu kehren. Fortan muss sich das Mädchen allein durchschlagen und wird auch bald unter Ihresgleichen ausgebeutet und in die Hob verbannt, einen Ort an dem all jene leben, von denen niemand etwas wissen will und die gnadenlos aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Demütig erträgt Cora ihr Leid, bewahrt sich aber auch ihren Stolz und beginnt erst ernsthaft über die eigene Flucht nachzudenken, nachdem ihr der junge Sklave Caesar den Vorschlag gemacht hat, mit ihr gemeinsam über die sagenumwobene „Underground Railroad“ – einer Eisenbahnlinie unter der Erde, dem unausweichlichem Schicksal zu entkommen. Gemeinsam gelingt es ihnen dank einiger Verbündeter, die gefährliche Reise anzutreten und weiter nördlich ein besseres Zuhause zu finden. Doch ihre Häscher sind ihnen dicht auf den Fersen und der Abstand wird immer geringer. Als die beiden schließlich getrennt werden, muss sich Cora alleine durchschlagen, wenn sie überleben will. Ihre Odyssee durch das Land beginnt, gebeutelt von Verrat, gemildert durch wenige Menschen, die ein Herz haben, reist sie von Bundesstaat zu Bundesstaat und begegnet dem ganzen Ausmaß der Sklaverei, erkennt die vielen Formen der Gewalt und hofft dennoch auf ein Leben in Freiheit, wenn auch in ferner Zukunft …

Meinung

Der amerikanische Autor Colson Whitehead hat mit diesem Roman ein ganz besonderes Buch geschaffen, indem sich auf angenehme Art und Weise Realität und Fiktion vermischen. Seine erfundene Eisenbahnlinie unterhalb der Erde mit dunklen Stationen in engen Tunneln ist zwar erfunden, doch die Organisation selbst, die es einigen Leibeigenen ermöglicht hat, ein besseres Leben in einem anderen Land zu finden, gab es sehr wohl. Doch nicht nur dieser gelungene Mix macht den Roman so besonders, sondern in erster Linie der schonungslose Blick auf ein düsteres Kapitel der Menschheitsgeschichte. Sehr detailliert und ausdauernd beschreibt er die Sklaventreiberei, die alltäglichen Lebensumstände dieser „Untermenschen“, die von ihren Besitzern schlimmer noch als manches Tier behandelt werden. Und so kommt einen die Aussage des Buches nicht wie ein trauriges Einzelschicksal vor, sondern wie ein Schreckensbildnis der Tyrannei. Gerade dieser historische, undankbare Aspekt, der zwischen Willkür, Gräueltaten und Massenmord angesiedelt ist, untermalt die gesamte Geschichte und brennt sich ins Gedächtnis des Lesers.

Dabei legt Whitehead großen Wert auf die Charakterisierung seiner Protagonisten, die der Geschichte die notwendige Innerlichkeit geben. Ihre Handlungen und Gedanken werden vortrefflich eingefangen und sehr menschlich und direkt wiedergegeben. Fast wie der Tropfen auf dem heißen Stein erscheint dieses willkürliche Betrachten eines erbarmungswürdigen Lebens, doch niemals gewinnt das Mitleid die Oberhand sondern vielmehr die Wut auf all jene, die es vermocht haben, Menschen wie Abfall zu behandeln. Und so offenbart sich dem Leser die Hölle, deren Wurzeln zwar in der Vergangenheit liegen aber auch heute noch unerschütterliche Präsenz haben.

Ein kleiner Makel, der keiner ist, weil er hervorragend zur Geschichte passt, ist diese allesumfassende Schwere, die bedrückende Stimmung und dieser viel zu kleine Hoffnungsschimmer, der nicht einmal glimmt, geschweige denn brennt. Stellenweise mochte ich das Buch mit all seinen Facetten nicht wahrnehmen, weil ich immer noch geglaubt habe, dass am Ende des Weges etwas wartet, für dass sich dieses dargestellte Leben lohnt. Doch so gut, wie sich das Ende des Textes in das Gesamtkonzept des Buches einfügt, mir war die Geschichte etwas zu düster und schwer, auch und vor allem, wegen der Echtheit der Gefühle und der Realitätsnähe, die man trotz aller Fiktion sehr unmittelbar spürt.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen wichtigen zeitgenössischen Roman, der der Thematik Sklaverei, Ausbeute und Misshandlung einen sehr hohen Stellenwert einräumt und Geschichte greifbar macht. Zurecht hat dieses Buch seine Auszeichnungen bekommen und es ist ein nachhaltiges, wenn auch schwer verdauliches Werk über Menschen und die Auswüchse ihrer Unbarmherzigkeit, die sich in einer maßlosen Selbstüberschätzung äußern.

Veröffentlicht am 11.09.2017

Der Held des Widerstands

Der Gefangene des Himmels
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„Wie ein gischtender Wasserfall stürzte die Helligkeit auf die Winkel des großen Labyrinths aus Gängen, Tunnels, Treppen, Bögen und Gewölben, die aus dem Boden zu sprießen schienen gleich einem riesigen ...

„Wie ein gischtender Wasserfall stürzte die Helligkeit auf die Winkel des großen Labyrinths aus Gängen, Tunnels, Treppen, Bögen und Gewölben, die aus dem Boden zu sprießen schienen gleich einem riesigen Baumstamm aus Büchern, der sich in einer unmöglichen Geometrie zum Himmel hin öffnete.“

Inhalt

Fermín Romero de Torres zählt sich zu den guten Freunden von Daniel Sempere, dem jungen Buchhändler, der die Familientradition fortsetzt und in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist. Doch um die Hochzeit mit seiner Angebeteten feiern zu können, benötigt Fermín zunächst eine offiziell bestätigte Geburtsurkunde, die er jedoch nicht mehr besitzt. Denn seine Vergangenheit ist mehr als düster und bedrohlich. Mit Hilfe von David Martín, dem begnadeten Schriftsteller, der immer mehr dem Wahnsinn verfällt, ist es Fermín vor Jahren gelungen, aus dem Gefängnis zu fliehen und seitdem existiert er nicht mehr, denn seine Personalien wurden gelöscht und er ist für tot erklärt worden. Gemeinsam mit Daniel erkundet er die bedrückende Vergangenheit und weiht seinen einzigen Vertrauten in die Ereignisse hinter den Gefängnismauern ein. Eine Zeit, die er nur knapp überlebte und in der andere die Opfer des brutalen Gefängniswärters Mauricio Valls wurden. Und ebenjener hat nach seiner Karriere als Misshandelnder einen wahren Blitzstart in Gunst und Ansehen der oberen Gesellschaftsschichten hingelegt und lebte viele Jahre seine Medienpräsenz, doch nun ranken sich auch um Valls Gerüchte und Fermín kennt die Hintergründe, die schließlich auch Daniel und seine verstorbene Mutter Isabella betreffen …

Meinung

Auch der dritten Band der Reihe um den „Friedhof-der-vergessenen-Bücher“ überzeugt mit erzählerischem Können und einer geheimnisvollen Geschichte hinter Gefängnismauern. Diesmal spielt der Schauplatz Barcelona eher eine untergeordnete Rolle, hier sind es vor allem die Personen, die miteinander in Verbindung gebracht werden und deren vielfältige Interaktionen in der Vergangenheit weitreichende Auswirkungen auf die Zukunft haben. Ein Buch, in dem man viele „alte“ Bekannte wiedertrifft und sich die Generationenfolge der Buchhandlung Sempere und Söhne offenbart. Dafür verzichtet der Autor etwas auf die gewohnte Mystik und setzt den Schwerpunkt auf ganz menschliche Verhaltensweisen. Aus diesem Grund, empfinde ich Band 3 der Reihe etwas schwächer als seine Vorgänger, weil es an geheimnisvollen Begebenheiten fehlt und auch an der subtilen Gruselatmosphäre, die Zafón bisher gewählt hatte.

Sehr gelungen finde ich hier das Beziehungsgeflecht der Personen, ihre Interaktion aber auch die Rätsel der Vergangenheit, die sich nun wie ein weiteres Puzzlestück zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammensetzen. Empfehlenswert ist es, dieses Buch in der chronologischen Reihenfolge zu lesen, weil es anders als die bisherigen Bücher der Reihe, eine eher unscheinbare Geschichte erzählt, die nur dann ihre volle Bedeutung entfaltet, wenn man die Beteiligten schon kennt und ihre Geheimnisse im rechten Licht erscheinen.

Fazit

Ich vergebe 4 Lesesterne für diesen Roman, der eine ideale Kombination aus bisher Bekanntem und möglichen Folgen im letzten Band der Reihe schafft. Ein Buch, welches die vier Bände verbindet und großen Wert auf die Charaktere und ihre Sichtweisen legt. Kleine Abstriche gibt es nur bezüglich des erhofften mystisch-gruseligen Faktors, der hier etwas zu kurz kommt. Dennoch bin ich mit der Gesamtheit der Geschichte mehr als zufrieden und werde mich demnächst in „Das Labyrinth der Lichter“ wagen, um gemeinsam mit den Bibliothekaren der Buchhandlung Sempere die letzten verborgenen Dinge, die Grenzen der Vorstellungskraft zu entdecken. Eine wirklich beeindruckende Geschichte, deren Erzählniveau mich begeistert.

Veröffentlicht am 22.08.2017

Der Sozialbetrug und seine tödliche Strafe

Selfies
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„Von überall her starrten Gesichter sie an: „Schlag das Kreuzzeichen über uns, wenn du dem Bösen den Weg versperren willst“, schrien sie.“

Inhalt

Nachdem die kompetente Mitarbeiterin Rose Knudsen ihre ...

„Von überall her starrten Gesichter sie an: „Schlag das Kreuzzeichen über uns, wenn du dem Bösen den Weg versperren willst“, schrien sie.“

Inhalt

Nachdem die kompetente Mitarbeiterin Rose Knudsen ihre Arbeit im Sonderdezernat Q im Kellergeschoss der Kopenhagener Polizeistation niedergelegt hat und wutentbrannt davon gestürmt ist, droht durch eine falsche Übermittlung der Daten bald schon eine Stellenkürzung in der Abteilung, die sich mit längst vergangenen Fällen beschäftigt. Doch Carl Mørck und sein beherzter Kollege Assad wissen das zum Glück aufzuhalten, indem sie möglichst schnell Licht in verschüttete Fälle bringen. Doch diesmal stoßen sie auf eine interessante Verbindung zwischen einer aktuellen Unfallserie, die augenscheinlich das Werk eines Serienmörders ist, der junge, hübsche Frauen mitten auf der Straße zu Tode fährt und einem ungeheuerlichen Coup auf eine Diskothek, in der mehrere Tausend Kronen gestohlen wurden. Die Verbindung führt sie direkt in Roses Haus, zu deren Nachbarin und ihrer Familie. Doch Rose selbst kann nicht mehr mitwirken, denn sie wurde aus der psychiatrischen Klinik entlassen und in ihrer Wohnung findet sich ein Abschiedsbrief. Was wusste sie wirklich und wird das Sonderdezernat Q rechtzeitig kommen, um sie zu retten und den Täter dingfest zu machen?

Meinung

Auch in seinem 7.Fall ermittelt das Team um Carl Mørck auf gewohnt gewiefte und realitätsnahe Art und Weise, wie immer mit einer guten Prise Humor, die sich besonders in der Interaktion zwischen dem Vizepolizeikommissar und seinem ausländischen Teamkollegen zeigt. Das interessante an dieser Reihe sind gar nicht mehr die einzelnen Fälle und ihre Zusammenhänge, sondern in erster Linie die Hauptprotagonisten und deren bewegtes Leben. Mittlerweile fiebert der Leser regelrecht mit, wie es der akkuraten, schillernden Persönlichkeit Rose denn wirklich gehen wird und welche Leichen in ihrem Keller verborgen liegen.

Interessant finde ich hier auch den Aspekt, der sich diesmal darauf konzentriert die „Cold Cases“ der Vergangenheit mit den aktuellen Ermittlungen in Verbindung zu bringen und Parallelen zwischen Gestern und Heute aufzuzeigen. Allerdings bleibt Fall 7 etwas hinter meinen Erwartungen zurück, was daran liegt, das die Kerngeschichte eher stiefmütterlich behandelt und mit der Sensationsgier der Presse aufgehübscht wird. Das Verbrechen der Vergangenheit tritt zugunsten des aktuellen Geschehens in den Hintergrund, obwohl es mir andersherum besser gefallen hätte. Nichtsdestotrotz ereignen sich viele glückliche Zufälle und andererseits traurige Begebenheiten, die dem Gesamtkomplex nichts von seiner Besonderheit nehmen. So kämpft unsere liebgewonnene Rose um ihre Rehabilitierung, während der seit 11 Jahren gelähmte Hardy vielleicht endlich wieder ein Lebenszeichen in seinem tauben Körper spürt.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen Klassiker aus der Reihe um den Sonderermittler der dänischen Polizei Carl Mørck. Sicher nicht der spannendste der bisher erschienenen Bände aber doch eine gute Fortsetzung. Für Fans sicherlich kein Problem, wenn es auch mal etwas ruhiger zugeht und das Leben der Ermittler im Vordergrund steht, wer den Autor aber kennenlernen möchte, sollte zu einem der ersten Bände greifen, allein schon wegen der Chronologie der Ereignisse. Mir hat das Buch gut gefallen und ich erwarte die Fortsetzung gespannt.

Veröffentlicht am 18.08.2017

Zwischen Kriegen, Gräbern und guten Freunden

Das Ministerium des äußersten Glücks
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„Der Augenblick war so kurz wie ein Herzschlag. Aber das war unwichtig. Wichtig war, dass er existierte. Es war ein himmelweiter Unterschied, ob man in der Geschichte präsent war, oder ob man darin abwesend ...

„Der Augenblick war so kurz wie ein Herzschlag. Aber das war unwichtig. Wichtig war, dass er existierte. Es war ein himmelweiter Unterschied, ob man in der Geschichte präsent war, oder ob man darin abwesend war, völlig aus der Geschichte herausgeschrieben.“

Inhalt

Indien ist ein Land voller Absurditäten, voller Einwohner mit kreativen Ideen, voller Proteste und Konflikte auf den Straßen aber auch ein Land der Besonderheiten, der bescheidenen Ansprüche und der Aufrichtigkeit zwischen Menschen mit reinem Herzen. So beginnt Anjum, ein anfangs recht einsames Leben, aus der Not heraus auf einem Friedhof. Sie schläft zwischen Gräbern, kommuniziert mit den Besuchern des Friedhofs und beginnt, aus ihrer Misere eine stabile Lebenssituation zu schaffen, indem sie ein „Gästehaus“, eine Art Pension aufbaut, in der Fremde willkommen sind und wo es keinen Unterschied macht, woher man kommt, was man ist, wer man sein möchte und wohin einen der Weg führen wird.

Bald ist Anjum bekannt und ihr Freundeskreis wächst. Sie beherbergt Menschen mit einer bewegten Vergangenheit aller Altersgruppen und urteilt nicht über deren Leben. Gemeinsam mit Anjum entdeckt der Leser viele Geschichten über das Leid eines Landes, die Zerbrechlichkeit der Liebe, die Unbeständigkeit der Zeit, die Willkür des Lebens und die Gewaltverbrechen Einzelner an einer scheinbar hilflosen Minderheit. Doch zwischen den Grabsteinen erblüht auch die Hoffnung, die Zuversicht deren, die trotz ihres Schicksals an ein Morgen glauben und die sich einfach nicht unterkriegen lassen.

Meinung

Nach zwanzig Jahren hat die indische Preisträgerin Arundhati Roy ihren zweiten Roman veröffentlicht. Nach ihrem Erfolg mit „Der Gott der kleinen Dinge“ schließt sie nun ein monumentales Zeugnis der inneren Situation ihres Landes an, in dem sie eine Geschichte erzählt, die so besonders und aufwühlend geschrieben ist, dass sie sich ins Gedächtnis einbrennt und Lust darauf macht, sie ein zweites Mal aus einer anderen Perspektive, mit mehr Hintergrundwissen und anderen Vorstellungen zu lesen.

Tatsächlich handelt es sich bei diesem Roman um ein äußerst intensives, komplexes Leseerlebnis mit zahlreichen Namen, diversen Gedichtzeilen, einzelnen Erzählungen und einer Gesamtkomponente, die sich erst nach gut der Hälfte des Werkes erahnen lässt. Es gibt einen roten Faden, an dessen Rändern Menschen mit dramatischen Schicksalen, Ereignisse mit unbeschreiblichen Gewaltszenen und Weisheiten aus einer fremden Kultur stehen. Und erst nachdem man glaubt, diesen Faden fast verloren zu haben, schwingt sich die Erzählung zu Neuem auf und verrät plötzlich das, was man verzweifelt gesucht hat. Erst in der zweiten Buchhälfte wird der Leser mit dieser Geschichte vertraut, die laut Klappentext „in Scherben liegt“.

Dieses Buch prägt sich ein, es hinterlässt Spuren und Fragen, es ist wie ein Vorhang, der sich kurz öffnet um ein Szenario zu zeigen, welches voller Bilder und Emotionen ist und er schließt sich bald schon wieder um die Gedankengänge des Lesers anzuregen. Gerade dieses anspruchsvolle, sprachlich auf hohem Niveau angesiedelte Experiment, bringt den Zusatznutzen für Literaturbegeisterte.

Dennoch erfordert das Lesen höchste Konzentration und in gewisser Weise auch die Bereitschaft, sich auf vollkommen fremde Situationen und Menschen einzulassen, die so rein gar nichts mit dem eigenen Leben gemeinsam haben. Das fiel mir besonders schwer, weil es keinen Protagonisten gab, mit dem ich mich hätte identifizieren können und weil das Denken hier so universell ist wie der Glaube, die Politik und die Gesamtheit der Welt. Eine Beurteilung kann man nur in Ansätzen schreiben, jeder wird hier etwas anderes finden aber jeder kommt auf seine Kosten.

Fazit

Ich vergebe 4 Lesesterne, für diesen Roman, der auf mich wie ein Manifest wirkt, den ich nicht wirklich ins Herz geschlossen habe, der mich aber zutiefst bewegt hat und in seiner schriftstellerischen Form absolut überzeugen konnte. Dieses Buch trifft man irgendwann wieder, in einer anderen Situation, vielleicht mit anderen Ansichten und tieferen Bezügen zum Land selbst. Ein Buch zu dem man auch sagen könnte: „Man sieht sich immer zweimal im Leben.“ Und dessen Nutzwert, jedes Mal auf einer anderen Schwelle stehen wird. Hier hilft nur eins – selberlesen!