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Veröffentlicht am 17.10.2017

In jedem Mensch wohnt eine Bestie ...

Das Floß der Medusa
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Gleich vorweg: Wer Schwierigkeiten hat mit Brutalität, Ekligkeiten und Obszönität, sollte sich die Lektüre dieses Buches besser verkneifen. Denn was Franzobel, der Autor, hier schildert, ist schon harter ...

Gleich vorweg: Wer Schwierigkeiten hat mit Brutalität, Ekligkeiten und Obszönität, sollte sich die Lektüre dieses Buches besser verkneifen. Denn was Franzobel, der Autor, hier schildert, ist schon harter Tobak, obwohl er vermutlich mit seiner literarischen Ausschmückung der tatsächlichen Geschehnisse nicht allzu sehr übertrieben hat.
Das Buch hält sich sehr eng an die tatsächlichen Geschehnisse, die sich im Jahre 1861 ereigneten. Am 17. Juni bricht ein Schiffsverband mit der Medusa als Flaggschiff von Frankreich aus auf, um in die Hauptstadt des Senegals zu segeln. Die Besatzung der Schiffe besteht aus mehr als 600 Menschen, darunter Ingenieure, Lehrer, Priester, Bauern, Arbeiter und Soldaten, die die französische Kolonie neu aufbauen sollen. Doch durch die Unfähigkeit des Kapitäns der Medusa läuft diese auf auf eine 40 Meilen von der Küste entfernt liegende Sandbank und zerbricht bei einem in der Nacht stattfindenden Unwetter. Das Schiff muss evakuiert werden, doch es gibt nicht genügend Rettungsboote, sodass 147 Menschen auf ein provisorisches Floß müssen, das von den anderen Booten gezogen wird. Doch man kommt nicht voran, weshalb die Verbindung gekappt und das Floß sich selbst überlassen wird.
Wider Erwarten nimmt die Geschichte der Schiffsbrüchigen auf dem Floß nur etwas mehr als ca. 1/3 des Buches ein, der Rest beschreibt die Fahrt des Schiffes bis zum Auflaufen auf die Sandbank. Franzobel hat einen besonderen Schreibstil, der zumindest zu Beginn für mich etwas gewöhnungsbedürftig war. Es gibt einen allwissenden Erzähler, der in unserer Zeit lebt und sich nicht scheut, Damaliges mit Heutigem zu vergleichen. So werden Offiziere mit Alain Delon und Lino Ventura verglichen und auch Kate Winslet und Leonardo di Caprio von der Titanic schaffen es in das Buch Ansonsten hält er sich überzeugend genau (so weit ich das beurteilen kann) an diverse Sprachgepflogenheiten der damaligen Zeit, insbesondere die der Seefahrt: Da werden Stengen und Rahen vertaut und mittels Taljen heruntergelassen, die Seeleute warpen, fieren und pullen was das Zeug hält. Auch die sonstigen Redeweisen wirken überzeugend und es dauert nicht lange, bis man sich mitten drin fühlt, als würde man neben dem Erzähler stehen.
Doch was dieses wirklich tolle Buch so schrecklich macht, sind die Menschen, über die hier erzählt wird. Es ist wohl ein Durchschnitt der damaligen Bevölkerung, der sich auf der Medusa versammelt. Scheinbar hochzivilisierte Aristokraten, die jedoch ebenso primitiv und ordinär sind wie dieser 'Abschaum der Gesellschaft', auf den sie mit einer Arroganz herabblicken, dass ich das Buch manchmal vor Wut in die Ecke hätte werfen können. Natürlich essen sie mit Silberbesteck, sind luxuriös gekleidet, aber bleiben völlig teilnahmslos, wenn ein Junge über Bord geht (Keine Zeit) oder ein Matrose totgepeitscht wird. Und schicken ohne zu zögern fast 147 Menschen in den Tod, um eine Guillotine zu retten und 'die höchsten Güter der Nation! Kleider!'. Dieses Verhalten empfand ich um Vieles schlimmer als das, was sich auf dem Floß ereignete, wo sich die Menschen in einer existentiellen Notlage befanden. Keine Frage, was dort geschah, war unvorstellbar entsetzlich. 'In jedem Mensch wohnt eine Bestie, ein zweites Ich, rücksichtslos, brutal und ohne Hemmungen.' (S. 376). Die Adligen brauchten aber noch nicht einmal eine Notlage, um diese Bestie zum Vorschein kommen zu lassen; sie fällt bei ihnen nur nicht so auf, denn sie hat bessere Manieren. Das wäre dann aber auch schon der einzige Unterschied.
So ist dieses Buch nicht nur ein Roman über eine historische Begebenheit, sondern auch ein Lehrstück über die Natur des Menschen. Grauenhaft gut.

Veröffentlicht am 26.09.2017

Ein durchweg amüsanter, historischer Abenteuerroman

Der Gentleman
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London um das Jahr 1850: Der 22jährige Lionel Savage ist ein Dichter, wie ihn sich unsereins zu jener Zeit wohl vorstellt. Adlig, völlig lebensunpraktisch, egozentrisch und den Kopf voller Gedanken, die ...

London um das Jahr 1850: Der 22jährige Lionel Savage ist ein Dichter, wie ihn sich unsereins zu jener Zeit wohl vorstellt. Adlig, völlig lebensunpraktisch, egozentrisch und den Kopf voller Gedanken, die mit der realen Welt so gut wie nichts zu tun haben. Als er feststellen muss, dass sein Vermögen gänzlich verbraucht ist, plant er reich zu heiraten. Gesagt, getan, die schöne, reiche Vivian wird seine Frau. Doch kurz nach der Hochzeit muss Lionel feststellen, dass er nicht mehr schreiben kann. Seine Kreativität ist versiegt. Voller Verzweiflung verflucht er seine Heirat bzw. seine Gemahlin (die der Grund dafür sein muss) und als während eines Maskenballes, den seine Frau veranstaltet, plötzlich der Teufel bei ihm auftaucht, klagt er diesem sein Leid. Unmittelbar nach dessen Besuch ist Vivian nicht mehr auffindbar und Lionels Kreativität beginnt wieder zu fließen, bis er zu seinem Entsetzen feststellen muss, dass ihm seine Gemahlin fehlt. Schlimmer noch: Er liebt sie heiß und innig. Doch wie soll er sie aus der Hölle holen, wo sie sich zweifelsohne befindet?
Kaum zu glauben, dass der Autor ein US-Amerikaner ist. Denn die komplette Geschichte wirkt so typisch britisch, dass ich mir fast sicher war, nur ein Einheimischer könne ein solches Buch schreiben. Im Stil einer Screwball-Komödie sind die Protagonisten ziemlich exzentrisch, aber dennoch liebenswert. Da gibt es Ashley, der Bruder Vivians, ein gutaussehender, muskelbepackter Abenteurer, der nur selten in England weilt, aber gerade jetzt zu Besuch kommt. Lizzie, die 16jährige, völlig unkonventionelle Schwester Lionels, vor der die Männerwelt erzittert. Und Simmons, der mustergültige Butler Lionels, der immer und sofort für Alles eine Lösung und Antwort parat hat. Lionel, der als Ich-Erzähler fungiert, erzählt die Erlebnisse mit einer (vermutlich) umfänglichen Ehrlichkeit und jugendlichen Naivität, sodass ich ihn trotz seiner Egozentrik einfach gernhaben musste.
Systematisch machen sich die Drei auf die Suche nach der Hölle, beginnen mit Kunst und Literatur, und einigen sich schließlich darauf, in Island mit einem Vulkan zu beginnen. Dorthin wollen sie mit der Hilfe eines Erfinders gelangen, der ein wundersames Fluggerät konstruiert hat und sich im Club Hefestaeum aufhält, einer wundersamen Lokalität: "Ich könnte mir vorstellen, dass hier vor langer Zeit einmal ein zweigeschossiges Haus stand; und dass dann ein ehrgeiziger, aber ungelernter Architekt entschieden hatte, einen Turm auf das Haus zu bauen; und dass einige Zeit danach ein weniger ehrgeiziger, aber gelernter Architekt den Turm in so etwas wie ein anständiges Gebäude umzuwandeln begann, aber vor der Fertigstellung verstarb und niemandem mitgeteilt hatte, wie es weitergehen sollte, und die Arbeit dann von einem geisteskranken Hafenarbeiter mit einem Hang zur Flasche fortgeführt wurde, woraufhin die Lage völlig außer Kontrolle geriet." Zudem unterliegt der Club einer besonderen Regelung der Feuerwehr: "Das Hefestaeum hatte so oft die Hilfe der Städtischen Feuerwehr bemüht, dass sich schließlich die Regierung einschaltete und ein Bußgeldsystem einführte. Dem Club wurden pro Jahr zwei Feuer zugestanden, deren Löschung die Feuerwehr unentgeltlich übernimmt. Jedes weitere Feuer zieht eine hohe Gebühr nach sich." Es gibt noch eine ganze Menge weiterer Verwicklungen und Gefahrensituationen (Duelle, Schießereien, Gefangennahmen), wobei Lionel völlig überrascht ein bisschen den Abenteurer in sich entdeckt.
Diese herrlich schrägen und liebenswerten Figuren bei ihren Erlebnissen zu begleiten, ist ein rundweg abwechlungsreiches und unterhaltsames Lesevergnügen.

Veröffentlicht am 26.09.2017

Krimi, Liebesgeschichte und wie man ein Buch schreibt - alles in einem

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert
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1.221 Minuten, das sind mehr als 20 Stunden - so lange dauert dieses von Torben Kessler vorgetragene Hörbuch. Was sich vielleicht erst mal etwas abschreckend anhören mag, aber grundsätzlich dürfte es kein ...

1.221 Minuten, das sind mehr als 20 Stunden - so lange dauert dieses von Torben Kessler vorgetragene Hörbuch. Was sich vielleicht erst mal etwas abschreckend anhören mag, aber grundsätzlich dürfte es kein Problem sein, denn die Geschichte ist durchweg spannend, unterhaltsam und abwechslungsreich. Doch sollten keine längere Pausen dazwischen liegen, da stets zwischen verschiedenen Zeiten hin und her gesprungen wird. Mir fehlte dann ein bisschen die Orientierung, sodass ich wiederholt von vorne begonnen habe.
Marcus Goldman ist ein erfolgreicher Autor, zumindest nach seinem ersten Buch. Doch sein zweites Werk lässt auf sich warten, es fehlt ihm schlicht an Inspiration. Da erreicht ihn die Nachricht, dass im Garten seines verehrten Lehrers und Freund Harry Quebert das Skelett eines jungen Mädchens gefunden wurde, das vor 33 Jahren verschwand. Quebert soll der Mörder sein, der ein Verhältnis mit der erst 15jährigen Nola hatte. Marcus reist sofort nach Aurora, dem Ort des Verbrechens, und macht sich auf die Suche nach der Wahrheit, denn er ist (als Einziger) von der Unschuld seines Freundes überzeugt. Dabei bringt er Dinge ans Tageslicht, die für immer vergessen sein sollten und bringt sich selbst in Gefahr.
Wie ich oben bereits erwähnte, ist die Handlung recht verschachtelt. Haupterzählstrang ist die Gegenwart im Jahre 2008, in der das Skelett der vermissten Nola gefunden wird. Marcus Goldman beschreibt als Ich-Erzähler detailliert seine Nachforschungen und erinnert sich dabei an die gemeinsame Zeit mit seinem Lehrer (um 1999 glaube ich), in der sie sich anfreundeten. Die Erkenntnisse, die er über die Zeit von Nolas Verschwinden gewinnt, Sommer 1975, werden wie eine eigenständige Erzählung berichtet, jeweils aus der Perspektive unterschiedlicher Personen. So entsteht auch eine Liebesgeschichte, nämlich die von Harry und Nola. Daneben gibt es Rückblicke in die noch frühere Vergangenheit, womit einzelne Figuren genauer beschrieben werden (Woher kommen Nolas Eltern? Wie kam Luther zu seiner Entstellung? usw.). Doch damit nicht genug Ein ebenfalls wichtiger Bestandteil dieses Romans dreht sich um die Schwierigkeit, ein gutes Buch zu schreiben, genauer: Marcus Goldmans Schwierigkeiten damit. So sind es mehrere Geschichten in einer, sodass bei mangelnder Aufmerksamkeit oder längeren Pausen beim Hören (beim Lesen weiß ich es nicht) mir schon mal der rote Faden abhanden kann.
Was dieses Buch auszeichnet, sind seine zahlreichen und vielfältigen Überraschungen. Irgendwie glaubt man zu wissen, in welche Richtung sich das Alles entwickelt - doch weit gefehlt. Nichts, absolut nichts ist so wie es scheint und eine Verblüffung folgte auf die nächste. Obwohl es eine Vielzahl von undurchsichtigen Zusammenhängen gibt, gelingt es dem Autor, wirklich alles ohne Unlogiken aufzulösen, sodass man vor Verwunderung und Erstaunen nur noch den Kopf schütteln kann. Selten habe ich bei einer Hörlektüre so häufig 'Das gibt es doch nicht' oder 'Das kann nicht wahr sein' vor mich hin gemurmelt.
Auch der Vorleser macht seine Sache sehr gut, denn es ist wohl keine Leichtigkeit, einen Roman mit mindestens zehn, eher mehr unterschiedlichen, häufig vorkommenden Personen so vorzutragen, dass man sich nicht völlig verliert. Obwohl er die Stimmlagen meist nicht allzu markant verändert, wusste ich doch immer gleich, wer gerade spricht. Torben Kessler, ein Name den ich mir für Hörbücher merken werde.
Fazit: Ein wirklich klasse Hörvergnügen für mehr als 20 Stunden.

Veröffentlicht am 26.09.2017

Eine Tragödie nicht ohne Humor

Drei Tage und ein Leben
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Ein 12jähriger bringt aus Schmerz und Verzweiflung unbeabsichtigt einen Sechsjährigen um. Unentdeckt geblieben verfolgt ihn diese Tat sein weiteres Dasein und bestimmt schlussendlich seinen Lebensweg.
Diese ...

Ein 12jähriger bringt aus Schmerz und Verzweiflung unbeabsichtigt einen Sechsjährigen um. Unentdeckt geblieben verfolgt ihn diese Tat sein weiteres Dasein und bestimmt schlussendlich seinen Lebensweg.
Diese vergleichsweise dürftige Handlung umfasst grob 250 Seiten, wobei die ersten 170 dem verhängnisvollen Unglück und den darauffolgenden drei Tagen gewidmet sind, in denen die Suche nach dem kleinen Jungen erfolgt. Überwiegend wird aus der Sicht des 12jährigen Antoine erzählt, der hin- und hergerissen ist zwischen dem Wunsch, sein Gewissen zu erleichtern und der Angst, als Mörder entlarvt zu werden und somit seiner Mutter das Herz zu brechen. Auch als Lesende erlebte ich ein Wechselbad der Gefühle: voller Empathie für den 12jährigen, dessen Handlungen ich durchaus nachvollziehen konnte. Dann die widersprüchliche Furcht, er könnte erwischt werden (denn das sollte er doch auch - oder nicht?) und immer wieder die Hoffnung, irgendwie würde Alles wieder gut werden. Pierre Lemaitre beschreibt Antoines Innenleben so detailliert und ausdrucksvoll, dass ich mit ihm fürchtete und hoffte und litt, wie beispielsweise während seiner 'Krankheit': "Die Flutwelle bildete sich tief unten im Magen und fuhr mit einem heftigen Schwall durch ihn hindurch, zermalmte ihm die Nieren und explodierte in seiner Kehle, während es ihn buchstäblich aus dem Bett riss."
Obwohl sich dies nun nicht gerade nach einer kurzweiligen Lektüre anhört, habe ich mich beim Lesen dennoch immer wieder amüsiert. Denn stets auf's Neue blitzt ein feiner Humor auf, mit dem Lemaitre liebevoll die französische Provinz beschreibt, wie etwa kurz nachdem ein schwerer Sturm das kleine Dorf in großen Teilen zerstört hat: "In den Gärten und im Schutt der verwüsteten Häuser fand man mitunter eine Babywiege, eine Puppe, eine Brautkrone und andere kleine Dinge, die Gott taktvoll platziert zu haben schien, um zu zeigen, dass man bei Ihm alles auf einer höheren Ebene sehen muss. Der junge Pfarrer war zweifellos sehr damit beschäftigt, seinen Schäfchen im Departement zu erklären, dass das, was ihnen widerfuhr, eigentlich eine gute Sache sei - da hatte er sich was vorgenommen ...".
Eine tragische Geschichte, die aber durchaus ihre humorvollen Seiten hat, nicht zuletzt auch durch die absolut nicht vorhersehbaren Wendungen, die sich in Antoines Erwachsenenleben noch ereignen. Und ein Buch, in dem die Schuldfrage von Beginn an eindeutig geklärt ist, was aber nicht daran hindert, dem Täter ungeteilte Sympathie entgegenzubringen.

Veröffentlicht am 26.09.2017

Wie Lila und Elena die 68er erleben

Die Geschichte der getrennten Wege
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Lila und Elena sind erwachsen geworden und trotz ihrer ähnlichen Herkunft und ihrer engen Freundschaft könnten ihre Lebenswege kaum unterschiedlicher verlaufen. Lila, getrennt von ihrem Mann Stefano, führt ...

Lila und Elena sind erwachsen geworden und trotz ihrer ähnlichen Herkunft und ihrer engen Freundschaft könnten ihre Lebenswege kaum unterschiedlicher verlaufen. Lila, getrennt von ihrem Mann Stefano, führt ein ärmliches Dasein mit ihrem Sohn und verdient sich ihren Lebensunterhalt mühsam in einer Fleischfabrik. Elena hingegen setzt ihre Schriftstellerkarriere fort: Ihr erstes Buch wird ein Erfolg, sie beginnt Artikel für Zeitungen zu schreiben und festigt so ihren Ruf als Autorin und Intellektuelle. Doch als sie Pietro heiratet, den Sohn einer bedeutenden Familie, lässt sie sich nach und nach in die Rolle der Hausfrau und nach der Geburt ihrer Kinder in die der Mutter drängen, während sich um sie herum die Gesellschaft in einem Umwälzungsprozess befindet, in den auch ihre früheren Freunde verwickelt sind.
So krass wie in diesem Buch sind mir die Unterschiede zwischen Lila und Elena, der Ich-Erzählerin, bisher nicht bewusst geworden. Doch hier ist es überdeutlich, finde ich: Während Lila stets nach ihren Überzeugungen handelt und dafür jede Menge Nachteile in Kauf nehmen muss, ist bei Elena der vorherrschende Gedanke ihres Handelns: Was denken die Anderen von mir? In all ihrem Tun findet sich bis knapp vor dem Ende des Buches nie der Satz: Ich will ... Ihr Erfolg ist auch die Belohnung dafür, stets den Erwartungen derer zu entsprechen, zu denen sie gehören will. Doch als ihre unterdrückten Wünsche und Bedürfnisse zu stark werden, endet Alles in einem Eklat.
Lila hingegen hat noch nie den Erwartungen entsprochen, was sie eine Menge Kraft gekostet hat. Als sie endlich Erfolg hat und richtig viel Geld verdient, sieht man im Rione über ihre Extravaganzen hinweg und heisst sie wieder willkommen - doch bis dahin war es ein harter Weg.
Neben den Schilderungen dieser Zeitabschnitte im Leben der beiden Frauen spielt auch die damalige gesellschaftliche Situation in Italien eine wichtige Rolle in der Geschichte. Auch dort gab es die 68er, studentische Unruhen, man kämpfte für die unterdrückten Arbeiter, ohne jedoch eine Ahnung davon zu haben, wie es diesen tatsächlich erging oder was diese wollten. Ferrante beschreibt beispielhaft an der Situation der beiden Frauen, wie Elenas 'Seite' nur das Beste für die Armen wollte, wohingegen Lila und ihre KollegInnen den Unmut ihrer Arbeitgeber ausbaden mussten.
Wer will, kann dieses Buch (wie auch die beiden vorherigen Bände) als fesselnde Erzählung einer Frauenfreundschaft lesen. Es ist aber auch ein Gesellschaftspanorama, das einem die Welt eines Italiens nahe bringt, das so noch nicht bekannt war (mir zumindest nicht ). Ich freue mich schon sehr auf den vierten Band!