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Veröffentlicht am 19.07.2024

Ménage à trois?

Die Sache mit Rachel
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„Das kann ich dir nicht erzählen. Es ist nicht meine Geschichte.“ (S. 391)
Beinahe hätte es diese Rezension nicht gegeben, denn ich habe mehrfach überlegt, das Buch abzubrechen. Caroline O’Donoghue verlangt ...

„Das kann ich dir nicht erzählen. Es ist nicht meine Geschichte.“ (S. 391)
Beinahe hätte es diese Rezension nicht gegeben, denn ich habe mehrfach überlegt, das Buch abzubrechen. Caroline O’Donoghue verlangt ihren LeserInnen viel ab. Die Sprache ist roh, manchmal regelrecht vulgär und auch die beschriebenen Szenen (Oralsex mitten am Tag auf einer öffentlichen Straße) waren zum Teil grenzwertig. Zudem wählt sie eine ungewöhnliche Erzählweise: Rachel scheibt rückblickend in aneinandergereihten Episoden auf, was sie 2009 – 2011 als Studentin in Irland erlebt hat. Damals lernte sie in dem Buchladen, indem sie arbeitete, James kennen. Er ist schamlos, lästert über alles und jeden – und hat meist recht. Und er will sie als Mitbewohnerin, weil er sich alleine keine Wohnung leisten kann. Auch zusammen reicht es nur für eine versiffte Bruchbude, in die sie heutzutage keinen Fuß mehr setzen würden. Aber sie waren jung, pleite und eh viel unterwegs.
Als James mitbekommt, dass sie in einen ihrer Professoren verliebt ist, organisieren sie eine Lesung für ihn mit dem Ziel, dass Rachel ihn danach verführt. Doch es kommt anders.

Ich dachte aufgrund des Klappentextes, dass es um eine Beziehung / Affäre Rachels mit ihrem Professor geht, aber stattdessen steht ihre Freundschaft mit James im Mittelpunkt. Der hat eine große Klappe und viele Ängste, weil er im katholischen Irland nicht zu seiner Sexualität stehen kann bzw. will. Doch als der Konten dann endlich platzt, ist sein Leben wie ein Rausch. Er verbringt nie zwei Nächte mit dem gleichen Mann – bis auf eine Ausnahme.
Rachel hingegen lernt bald Carey kennen, dessen animalische, dreckige Art sie anmacht – weil sie sich in ihm wiedererkennt. Und obwohl diese Beziehung alles andere als gesund ist, hält sie lange daran fest.
Trotzdem wirken nach außen James und Rachel wie ein Paar, das nichts zwischen sich kommen lässt. Alle Hochs und Tiefs werden gemeinsam verarbeitet, eventuelle Partner bleiben dann außen vor.
Und auch wenn Rachels moralischer Kompass auf keine Fall meinem entspricht, konnte ich sie verstehen und ihre Beweggründe nachvollziehen bzw. fand diese gerechtfertigt, als sie eine Chance nutzt und zum Schaden von jemand anderem weiterkommt.

Aber nicht nur mit ihrem Schreibstil, auch mit den Themen polarisiert die Autorin sicherlich. So kaufen Rachel und James lieber synthetische Drogen (weil die billig sind) als Essen und schnorren bzw. klauen regelmäßig Alkohol und Kippen.
Zudem geht es beim Thema Irland natürlich auch Religion und Abtreibung, um die Wirtschaftskrise und Trost- und Hoffnungslosigkeit der Bevölkerung, verschleierte Selbstmorde und die Abwanderung der Jüngeren nach Großbritannien oder Amerika.

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Veröffentlicht am 30.06.2024

Szenen einer Ehe

Agatha Christie
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Nachdem mich Susanne Lieder mit ihrem Buch über Astrid Lindgren so begeistert hatte, war ich gespannt, wie sie sich dem Phänomen Agatha Christie annähert, die ja nur wegen einer Wette mit ihrer Schwester ...

Nachdem mich Susanne Lieder mit ihrem Buch über Astrid Lindgren so begeistert hatte, war ich gespannt, wie sie sich dem Phänomen Agatha Christie annähert, die ja nur wegen einer Wette mit ihrer Schwester überhaupt zum Krimischreiben gekommen und dann auch noch berühmt geworden ist.

Die Rahmenhandlung bildet der Sommer 1926, als Agatha nach dem Tod ihrer Mutter deren Haus ausräumen muss. Dabei erinnert sie sich an ihr bisheriges Leben zurück und wird von ihrem Mann Arthur eiskalt mit der Forderung nach Scheidung erwischt, weil er sich neu verliebt hat. Sie ist gerade mal Mitte 30 und muss völlig neu anfangen ...

„Ich will einen Mann, der mich sieht … Ich will nicht nur versorgt sein, sondern glücklich.“ (S. 54) Agatha hatte sie immer von der großen Liebe und perfekten, harmonischen Ehe geträumt, wie ihre Eltern sie ihr bis zum frühen Tod ihres Vaters vorgelebt haben. Sie schlägt viele Bewerber aus, bis Arthur Christie sie im Sturm erobert. Bis sie dann allerdings wirklich endlich heiraten, vergehen Jahre voller Auf und Abs, in denen er seine Meinung gefühlt jeden Tag ändert. „Das war das wirklich Erstaunliche an Archie: Er war imstande, jetzt und hier eine Meinung zu revidieren, die kurz zuvor noch in Stein gemeißelt war. Und seine neue Meinung, die aktuelle, vertrat er genauso vehement wie die vorherige. Das nicht weniger Erstaunliche war: Man glaubt ihm, man nahm ihm beides ab.“ (S. 176)

Wie man hier vielleicht schon merkt, erfährt man in Susanne Lieders Romanbiographie sehr viel über Agathas Alltag, wobei ihre Ehe mit Archie leider den Anteil, indem es um ihre schriftstellerische Entwicklung und Karriere geht, deutlich überschattet. So kommt die Stelle mit dem im Klappentext erwähnten Gift und ihre daraus resultierende Idee für den Krimi inkl. Hercule Poirots Geburt erst nach der reichlichen Hälfte des Buches, auch wenn er sie ab da als imaginärer Freund / Ratgeber begleitet und immer wieder zum Schreiben anstachelt. Überhaut werden ihre Bücher und Kurzgeschichten oft nur am Rand erwähnt. Die Figur Miss Marple entsteht z.B. erst 20 Seiten vor dem Ende und damit ist Schluss.

Eins vorweg, Susanne Lieder kann wirklich toll schreiben. Ich konnte mich sehr gut in Agatha hineinversetzen, die trotz diverser Fehlversuche nie aufgegeben und immer weiter geschrieben hat. Auch die extrem enge und liebevolle Beziehung zu ihrer Mutter und Agathas Schmerz, als sie sie verloren hat, ist sehr schön beschrieben. Das Einzige, wo ich sie nicht verstehen konnte, was das Festhalten an der Beziehung zu Arthur, der sich von Beginn an nicht gerade wie ein Traummann ver- und sie ewig hingehalten hat.

Vielleicht waren meine Erwartungen einfach zu hoch oder der Klappentext ungünstig gewählt, aber so kann ich leider nur 3 von 5 Sternen geben.

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Veröffentlicht am 27.05.2024

Die Flitzer

Der Glashund
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„Das Einzige, was zählt, ist das Retten von Menschenleben, oder nicht?“ (S. 301)
Berlin 1936: Um zu beweisen, dass sich Juden und Arier nicht unterscheiden, bringt Henriette ihren Mitschüler Rolf (einen ...

„Das Einzige, was zählt, ist das Retten von Menschenleben, oder nicht?“ (S. 301)
Berlin 1936: Um zu beweisen, dass sich Juden und Arier nicht unterscheiden, bringt Henriette ihren Mitschüler Rolf (einen überzeugten Nationalsozialisten) dazu, sich in sie zu verlieben und lässt ihn dann abblitzen. Außerdem hat sie etwas entdeckt, was ihm gefährlich werden kann. Er fühlt sich gedemütigt und verraten und sinnt auf Rache. Als er 1942 im Referat IV B 4 arbeitet, Endlösung der Judenfrage, bemüht er sich, sie schnellstmöglich loszuwerden, aber jemand hält seine Hand schützend über sie. Dann kann er ihren Namen endlich auf eine Transportliste setzen, doch sie taucht sie im letzten Moment unter. Eine gefährliche Jagd beginnt.

Iris Conrad erzählt in ihrem Roman „Der Glashund“ am Beispiel der Kunststudentin Henriette und ihres Kommilitonen Benjamin, wie das Untertauchen jüdischer Menschen während des Naziregimes funktionierte, wer den „Flitzern“ oder „U-Booten“, wie sie sich selber nannten, wie half. Dazu setzt sie viele kleine Szenen und Helfer aneinander, die z.T. auf wahren Begebenheiten beruhen, allerdings wirken sie im Gesamtbild zu konstruiert, es werden zu viele Zufälle bemüht, damit am Ende alles aufgeht – hier wäre weniger mehr gewesen.
Zudem tauchen Henriette und Benjamin erst nach über einem Drittel des Buches unter und dann werden ausgerechnet die wirklich spannenden Jahre 1944 und 1945 mit wenigen Seiten abgehandelt. Auch die extrem wichtige Aufgabe, die Henriette übernimmt, wird nur kurz erwähnt, aber nicht näher beschrieben, obwohl gerade das interessant gewesen wäre.
Und trotz der vielen untergebrachten Informationen schafft es die Autorin nicht, Gefühle und Spannung zu erzeugen, man fiebert nicht mit, der Schreibstil ist zu zäh.

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Veröffentlicht am 16.05.2024

Das einsamste Kind der Welt

Mein ziemlich seltsamer Freund Walter
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Lisa ist fast 9 und unglücklich. Sie mag ihren Namen nicht, aber Computer, das Internet und Außerirdische. Auf ihrem Schulweg muss sie jeden Tag an einem Spielplatz vorbei, wo sie von älteren Jungs terrorisiert ...

Lisa ist fast 9 und unglücklich. Sie mag ihren Namen nicht, aber Computer, das Internet und Außerirdische. Auf ihrem Schulweg muss sie jeden Tag an einem Spielplatz vorbei, wo sie von älteren Jungs terrorisiert wird. Und in der Schule mögen sie weder die anderen Kind, noch die Lehrer.
Zu Hause läuft es auch nicht besser. Seit ihre Eltern arbeitslos sind, hocken sie den ganzen Tag trinkend auf der Couch und Lisa muss für Nachschub sorgen. Eines Abends beobachtet sie auf ihrem PC, dass gleich ein Raumschiff im Wald landen wird. Also geht sie hin und lernt Walter kennen, den die anderen Außerirdischen bei ihrem überstürzten Abflug vergessen haben, und der ihr von einer fast utopischen Welt erzählt, in der alle glücklich und zufrieden sind. Er zeigt ihr, wie sie sich verhalten und was sie sagen soll, damit sie endlich von anderen akzeptiert und nicht mehr gehänselt wird.

Ich habe das Buch als Überraschung vom Verlag bekommen und selber keine Kinder im passenden Alter, aber Nichten und Neffen. Die Altersempfehlung für diesen Comic-Roman von Sibylle Berg und Julius Thessing ist ab 10 Jahre, aber das finde ich zu alt. Meine Nichte ist 11 und ich fürchte, dass die Zeichnungen sie nicht erreichen würden, sie sind zu kindlich. Auch die dargestellten Probleme und deren Lösungen – Rüpel anschnauzen und in der Schule mitarbeite, aber nicht besser als die Lehrer sein – passen m.E. in dem Alter nicht mehr. Zudem stört mich, dass Walter quasi wie ein Heinzelmännchen über Nacht Probleme löst, Lisa also nicht wirklich in diesen Vorgang eingebunden ist. Zudem wird suggeriert, dass sie mit 8 den Alkohol für ihre Eltern kauft – das finde ich unrealistisch.

Mein Fazit: Für Kinder ab 10 nicht besonders geeignet, schon eher für Kinder in Lisas Alter – also ab 8.

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Veröffentlicht am 03.05.2024

Weder Fisch noch Fleisch

Ein Ort für immer
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10 Jahre hat Carol mit ihrem Lebensgefährten Declan in dessen Haus gelebt und ist auch geblieben, als bei ihm Demenz diagnostiziert wurde. Sie hat ihren Job als Lehrerin gekündigt, um sich rund um die ...

10 Jahre hat Carol mit ihrem Lebensgefährten Declan in dessen Haus gelebt und ist auch geblieben, als bei ihm Demenz diagnostiziert wurde. Sie hat ihren Job als Lehrerin gekündigt, um sich rund um die Uhr um ihn kümmern zu können. Für seine erwachsenen Kinder Sally und Kilian war das bequem, haben sie doch genug eigene Probleme.
Declan wollte das Haus nie verkaufen, aber als er in eine Kurzzeitpflege muss, weil er Carol verletzt hat und sie selber Hilfe braucht, nutzen das Kilian und Sally um ihn in ein Heim zu stecken und Carol aus dem Haus zu werfen. Die kann sonst nirgendwo hin und muss wieder in das alte Kinderzimmer bei ihren Eltern ziehen. Aber weil sie so sehr darunter leidet, kaufen ihre Eltern das Haus für sie. Doch als Carol wieder einzieht, macht sie eine schreckliche Entdeckung. Und kurz darauf taucht auch noch jemand aus Declans Vergangenheit auf. „Diese Frau weiß etwas. Du hast selbst gesagt, sie hat Geheimnisse!“

Graham Nortons „Ein Ort für immer“ ist eine Mischung aus Familiengeschichte und Krimi, aber für mich leider nicht richtig gelungen. Man hat das Gefühl, dass er sich nicht entscheiden konnte oder wollte, welches Genre er bevorzugt. Die Handlung plätschert lange vor sich hin. Norton schildert Carols eher trost- und ereignisloses Leben mit ihrem ersten Mann, dann als alleinerziehende Mutter und wie sie später mit Declan zusammenkommt. Sie wirkt bei allem sehr unsicher und passiv, macht stets, was andere sagen, egal ob es ihre Eltern oder Partner sind. Auch bei ihrem Sohn und Declans Kindern ist zu nachgiebig, hat sich noch nicht mal bei ihrem Ex-Mann gewundert oder gewehrt, als der sie verlassen hat.
Declan hat ebenfalls immer (für sie) entschieden, das fällt ihr aber jetzt erst auf. Sie hat keine Freunde mehr, weil er die nicht mochte, und sie sich nur noch um ihn und seine Bedürfnisse kümmern sollte, und seine Kinder haben sie noch nie gemocht.

Dann kommt es zu der Entdeckung, die der Handlung einen ordentlichen Twist verpasst, sofort Spannung aufbaut und die Erwartungen in Richtung Krimi weckt. Aber leider lässt er die Chance ungenutzt verstreichen. Carols übergriffige Mutter übernimmt sofort das Kommando und trifft Entscheidungen, die ich nicht nachvollziehen konnte und unlogisch finde, weil sie alles verkomplizieren – auch wenn sie später damit jemandem helfen, aber das können sie zu dem Zeitpunkt nicht wissen. Ich fand das alles sehr konstruiert hätte oft anders reagiert, auch das Ende hat mich nicht wirklich glücklich gemacht.

Positiv hervorheben möchte ich die tolle Atmosphäre, die Norton in diesem (Hör-) Buch schafft: die Familien und ihre Dramen passen gut in die raue Küstenlandschaft mit seinen schweigsamen Bewohnern, genauso gut wie die die unaufgeregte und gut modulierte Stimme der Sprecherin Cathlen Gawlich.

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