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Veröffentlicht am 02.06.2025

Frauen auf der Flucht

Killer Potential
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Mit Nachhilfe verdient Evie Gordon ihr Geld. Als sie zu ihrem nächsten Einsatzort, einer reichen Familie in Beverly Hills kommt, wird sie regelrecht aus der Bahn geworfen, denn der Vater liegt ertrunken ...

Mit Nachhilfe verdient Evie Gordon ihr Geld. Als sie zu ihrem nächsten Einsatzort, einer reichen Familie in Beverly Hills kommt, wird sie regelrecht aus der Bahn geworfen, denn der Vater liegt ertrunken im Teich, die Mutter erschlagen im Garten. Ein heiserer Schrei aus dem Raum unter der Treppe führt zu einer Gefesselten jungen Frau. Während Evie diese befreit, taucht die Tochter der Familie - die Nachhilfeschülerin selbst - auf und bekommt in der surrealen Situation eine schwere Vase auf den Kopf, geworfen von Evie in deren Panik. Als vermeintliche Täterin flieht Evie mit der Unbekannten vor der Polizei.

Was zwar aberwitzig, aber durchaus spannend klingt, entpuppt sich schnell als langatmiger Roadtrip zweier einander völlig fremden Frauen. Mit ausschweifenden Kindheits- und Jugenderinnerungen gespickt, geht es quer durch Amerika, schlagen die Beiden den Verfolgern stets ein Schnippchen. Nach wenigen Tagen kommen sich die Frauen nun auch noch körperlich näher, wodurch die Handlung immer weiter von einem fesselnden Thriller abdriftet. Die kurzen Kapitel lesen sich vom Schreibstil her locker und flott, die Handlung selbst bleibt jedoch deutlich hinter den Erwartungen zurück, auch die Auflösung der Morde an Mr. und Mrs. Victor kann am Ende den bisherigen eher schwachen Eindruck über das Buch nicht mehr aufwiegen.

Ein Thriller, der mit wenig Blutvergießen auskommt, dafür zwei raffinierte Frauen in den Mittelpunkt rückt. Wenn man offen und ohne bestimmte Erwartungen an dieses Buch herangeht, wird man auch mit der ungewöhnlichen Geschichte selbst unterhaltsame Stunden genießen können.


Veröffentlicht am 09.05.2025

Architektur und Sprache

Tokyo Sympathy Tower
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Sara Machina ist eine bekannte Architektin in Japan und steht nun vor der Herausforderung, einen Gefängnisturm zu planen, der neben dem Olympiastadion in Tokio errichtet werden soll. Das Besondere an ...

Sara Machina ist eine bekannte Architektin in Japan und steht nun vor der Herausforderung, einen Gefängnisturm zu planen, der neben dem Olympiastadion in Tokio errichtet werden soll. Das Besondere an diesem Turm wird sein, dass er ein Gefängnis beherbergt, wobei aber das Wort „Gefängnis“ tunlichst vermieden wird. Die Inhaftierten sind dort Gäste, die in ansprechenden Appartements leben, die sich in Bibliotheken bilden können und denen man mit Fürsorge und Wohlwollen begegnet. Machina steht dem Konzept skeptisch gegenüber, möchte den Wettbewerb dann aber doch nicht einfach anderen überlassen.

Ein spannendes Thema, Architektur und Sprache sind interessant, der neu gedachte Umgang mit Straftätern weckt mein Interesse. Allerdings kommt im Roman dann alles anders als erwartet. Die Erkenntnis, dass Worte die Wirklichkeit prägen, wird mit einer Künstlichen Intelligenz diskutiert, aber wie sich dies tatsächlich auf die Menschen auswirkt, ob das Ausklammern von abwertenden Wörtern Vorteile nach sich zieht und die Turmbewohner bessere Menschen werden lässt, bleibt ein offenes Experiment. Denn im Buch geht es vielmehr um die Architektin selbst und ihre innere Zerrissenheit zwischen diversen Problemfeldern. Da kommen Themen zur Sprache wie Gendergerechtigkeit oder sexuelle Gewalt, Körpergerüche und porentiefe Hygiene, Euphemismen und bewusste Veränderung der Sprachstruktur. In inneren Monologen oder Dialogen, zum Teil mit einen Chatbot, wird dann diskutiert und überlegt.

Leider konnte mich dieser Roman weder inhaltlich noch sprachlich fesseln, die etwa 160 Seiten werden nicht durch eine stringente Handlung geprägt, sondern durch eine Fülle an Gedanken, welche teils vom Menschen, teils von der Künstlichen Intelligenz genährt werden. Möglicherweise bin ich mit einer falschen Erwartungshaltung an dieses Buch herangegangen, andere werden mitunter eher etwas mit dem Text anfangen können.


Veröffentlicht am 02.05.2025

Von Kolberg

Altenstein
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Familie von Kolberg muss 1945 kriegsbedingt endgültig ihr Gut verlassen und nach dem Tod des Grafen im Westen neu anfangen. Konrad, der Jüngste in der großen Kinderschar, will Jahrzehnte später das Land ...

Familie von Kolberg muss 1945 kriegsbedingt endgültig ihr Gut verlassen und nach dem Tod des Grafen im Westen neu anfangen. Konrad, der Jüngste in der großen Kinderschar, will Jahrzehnte später das Land seines Vaters in Ostpreußen zurückbekommen, eine Restitution wird allerdings ausgeschlossen. Schwester Bobby hat genug Geld zur Verfügung, aber nun entfacht sich unter den Geschwistern ein Streit, ob eine Rückkehr das Richtige sei.

Mit einem beklemmenden Prolog rund um eine Fluchtszene aus Ostpreußen beginnt dieser umfangreiche Roman und fesselt damit seine Leser. Allerdings flacht die Spannung bald deutlich ab, da im weiteren Handlungsverlauf jeweils die Sicht eines anderen Familienmitglieds eingenommen wird und wild in unterschiedlichsten Zeitebenen umhergesprungen wird. So fehlt jegliche Chronologie und jedwede Möglichkeit, sich in die einzelnen Personen hineinzuversetzen und eine gewisse Nähe zu ihnen aufzubauen. Die Geschichte selbst wirkt grundsätzlich durchaus interessant, die Sichtweise der Figuren aufgrund ihres Abwechslungsreichtums ansprechend. Allerdings hat man mitunter das Gefühl, dass manche Erzählstränge irgendwo beginnen aber nirgendwo weiterführen. Daher konnte mich dieser Roman nicht wirklich in seinen Bann ziehen.

Ein vielversprechender Klappentext und ein überaus hübsches Titelbild wecken Neugierde, diese wird dann – für mich – allerdings nur teilweise gestillt, zu unruhig und sprunghaft verläuft die Handlung.

Veröffentlicht am 02.09.2024

Paranoia

Aus dem Haus
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Eine Immobilien-Paranoia begleitet die Mutter der nicht näher benannten Ich-Erzählerin. Das selbst gebaute Haus sei Ursache allen Pechs und Unglücks, welches über sie hereinstürzt. Miriam Böttger zeigt ...

Eine Immobilien-Paranoia begleitet die Mutter der nicht näher benannten Ich-Erzählerin. Das selbst gebaute Haus sei Ursache allen Pechs und Unglücks, welches über sie hereinstürzt. Miriam Böttger zeigt uns Betrachtungen einer sonderbaren Familienkonstellation.

Das Buch beginnt mit dem Ende, was ich sehr spannend finde, sodass ich freudig und neugierig weiterlese. Aber schon bald kommt auch eine gewisse Ernüchterung, denn der angekündigte tragikomische Roman entpuppt sich als Aneinanderreihung verschiedener Episoden und Szenen, welche aus meiner Sicht keine stimmige Handlung im herkömmlichen Sinne aufkommen lassen. Da geht es beispielsweise um Großeltern und Tanten, sonderbare Familienkonstellationen, einen Kirchenchor oder einen Besuch, bei dem man nicht weiß, welches Essen man auf den Tisch bringen soll. Während ich auf witzige Ereignisse und humorvolle, selbstironische Darstellungen warte, die in einem Eigenheim passieren können, lese ich eher nichtssagende Kapitel, die sich eins ans andere reihen. Obwohl Mutter und Vater von „Ich“ – hat sie überhaupt einen Namen? – sehr detailliert und gut vorstellbar beschrieben werden, stellt sich keine Nähe zu diesen Personen ein, kann ich nicht mitfühlen und verstehen, wie es ihnen tatsächlich geht.

Leider kann mich dieses Buch nicht überzeugen, vielleicht bin ich einfach von falschen Erwartungen ausgegangen.

Veröffentlicht am 17.07.2024

Jana

Gallwitz
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Jana Gallwitz reicht um ihren Ruhestand ein und freut sich auf gemeinsame Aktivitäten mit ihrem Mann Hartmut, nachdem sie sich in den letzten Jahren oft nur am Wochenende gesehen haben. Inzwischen hat ...

Jana Gallwitz reicht um ihren Ruhestand ein und freut sich auf gemeinsame Aktivitäten mit ihrem Mann Hartmut, nachdem sie sich in den letzten Jahren oft nur am Wochenende gesehen haben. Inzwischen hat Hartmut sich jedoch verändert, steckt voller Hass und Engstirnigkeit, zuletzt hat er sich sogar - ohne mit Jana darüber zu sprechen - einer rechten Partei angeschlossen.

„Ein hochaktueller, gesellschaftlich brisanter Roman über die Selbstradikalisierung eines Mannes, politischer Brandstifter und das Ende einer Ehe.“ Dieser Satz hat meine Neugierde geweckt, voller Vorfreude beginne ich zu lesen und begleite Jana durch die Stadt.

Leider findet sich im Klappenext aber kein Hinweis darauf, dass man nach wenigen Momenten in eine Corona-Diskussion geworfen wird mit FFP2/FFP3-Masken, einer Covid-Krankenstation und einem Aufschrei in Richtung Covid-Impfskeptiker. „Als naives Versuchskaninchen hast du mich beschimpft, weil ich mich impfen ließ.“ (kindle, Pos. 97). Ich bin verwundert, ja fast ein wenig verärgert, lese dennoch interessiert weiter. Nach dem Prolog scheint es in die richtige Richtung zu gehen, Hartmuts Kindheit wird mit lebendigen Worten rekapituliert, könnte ja genau hier der Grundstein für Hartmuts aktuellen Sinneswandel liegen. Während dieser als Teil 1 gekennzeichnete Abschnitt also durchwegs spannend und glaubwürdig dargestellt wird, wechselt die Handlung alsdann zu einem zweiten Teil, in welchem Janas früherer Lehrer Karl Niemetz eine zentrale Rolle einnimmt. Unwesentliche Details wie Autoreifen von O bis O (von Ostern bis Oktober) (kindle, Pos. 2126) werden aufgegriffen, die Handlung wird zunehmend zäher. Quer durch alle Kapitel ziehen sich böse Blicke auf jene, die für den „verdammten Brexit“ (kindle, Pos. 666) gestimmt haben, den Klimawandel als „Märchen“ (kindle, Pos. 729) bezeichnen und an „Covidiotentreffen“ (kindle, Pos. 972) teilnehmen. Es geht um (Covid)Abstandsregeln und PCR-Tests, Integration von Flüchtlingen und politische Korrektheit, die Suche nach der Ursache für Hartmuts Gesinnungsänderung rückt mehr und mehr in den Hintergrund, ich erkenne den roten Faden nicht mehr und schon gar nicht die Botschaft, welche dieses Buch mir mitgeben möchte.

„Ich glaube, das Outing hat eine therapeutische Wirkung. Seit ich es dir erzählt habe, fühle ich mich erleichtert.“ (kindle, Pos. 1180) Diese Aussage weckt in mir das Gefühl, dass sich die Autorin etwas von der Seele schreiben wollte, eine Lebenskrise aufarbeiten möchte. Leider hat mich dieser Roman nicht angesprochen, haben mich die Figuren nicht emotional berührt, viel eher bin ich auch nach der Lektüre noch darüber enttäuscht, dass nicht Jana und Hartmut im Zentrum stehen, sondern immer wieder die SARS-CoV-2-Pandemie. Lange genug haben entsprechende Maßnahmen unser Leben bestimmt, jetzt auch noch einen Roman darüber zu lesen, war nicht mein Plan. Hier hat – aus meiner Sicht – die Kurzinformation zum Buch versagt. 2 Sterne für Hartmuts Kindheit.