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Veröffentlicht am 22.08.2024

Berliner Dystopie

Hinter den Mauern der Ozean
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Berlin, eine Insel. Berlin, die Mauerstadt. Das gab es schon einmal. Doch in Anne Reineckes Roman "Hinter den Mauern der Ozean" geht es nicht um die Vergangenheit im Kalten Krieg, sondern eine ferne Zukunft, ...

Berlin, eine Insel. Berlin, die Mauerstadt. Das gab es schon einmal. Doch in Anne Reineckes Roman "Hinter den Mauern der Ozean" geht es nicht um die Vergangenheit im Kalten Krieg, sondern eine ferne Zukunft, gestaltet durch Klimakatastrofe und wer weiß, was noch. Berlin ist von einer hohen Mauer umgeben und jenseits der Mauern ist Land unter. Wie weit sich dieser Ozean erstreckt, bleibt unklar. Das Meer ist, der hohen Mauer wegen, nicht zu sehen, höchstens je nach Jahreszeit zu hören oder zu riechen.

Und Berlin ist nicht länger eine Millionenmetropole sondern die Heimstatt der fünf "Ewigen" - Lola, Friedrich, Wilhelm, Alexander und Else. Lauter Namen, die fest mit preußischem/Berliner Kulturgut und Historie verbunden sind. Sind auch die Fünf mehr Symbol als echte Menschen? Als Bewahrer des kollektiven Gedächtnisses der "Alten" haben sie eine Rolle zu spielen. Sind sie überhaupt Menschen oder eine Art Klon? Wenn eine*r von ihnen alt wird, kommt die Zeit des "Entschwindens" - und der Ersatz durch ein Kind gleichen Namens, wohl auch ähnlicher Persönlichkeit?

Erzählt wird aus der Perspektive von Lola, der bis dahin jüngsten der der Ewigen. Die anderen waren alle schon da, als sie als Kind dazukam. Ihre Vorgängerin hat sie nie kennengelernt, das ist unüblich. So bleibt die "alte Lola" für sie ein Rätsel. Friedrich, der älteste der fünf, steht Lola nahe und plant mit ihr eine Flucht, im selbstgebastelten Ballon über die Mauer - noch so eine Reminiszenz aus der Zeit der Berliner Mauer. Lola ist auch die einzige, die in das eigentlich verbotene ungesicherte Gebiet vordringt, in dem sie Spuren der Vergangenheit vor der Zeit der Ewigen sucht.

Vieles bleibt rätselhaft. Reinecke lässt in ihrem Buch Leerstellen und Interpretationsspielräume, die die Lesenden selbst mit ihrer Vorstellungskraft füllen können. Wie die Ewigen ausgesucht werden, was aus ihnen wird, wenn sie durch ein jüngeres Exemplar ersetzt werden bleibt ebenso offen wie die Frage, ob die Berliner Insel Schutzzone oder Gefängnis für die Hüter des Wissens ist. Auch die Begegnung mit den Fremden, die einmal im Jahr kommen und mit denen die Kommunikation nur über Übersetzer möglich ist, wirft Rätsel auf: Gehören sie überhaupt derselben Spezies an? Was wurde aus dem Rest der Menschheit? Wo leben die Fremden? Was existiert jenseits des Berliner Mauerrings? Ist diese Existenz die Folge einer ökologischen Katastrofe, eines Krieges oder eines Zusammenspiels mehrerer Faktoren?

Reineckes Sprache ist teils poetisch, teils archaisch im Stil alter Epen oder der Bibel, wenn die Ewigen mit den Fremden sprechen. Das Setting ist mystisch und geheimnisvoll. Ein ungewöhnliches Buch, das manche Antwort offen lässt und gerade deshalb zum Nachdenken anregt.

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Veröffentlicht am 19.08.2024

Zwischen Themse und Tigris

Am Himmel die Flüsse
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Es gibt Schriftsteller, die bleiben bei einem sicheren Erfolgsrezept und alle ihre Romane scheinen einander ein bißchen zu ähneln. Und es gibt andere, bei denen jedes neue Buch eine Überraschung ist: Wohin ...

Es gibt Schriftsteller, die bleiben bei einem sicheren Erfolgsrezept und alle ihre Romane scheinen einander ein bißchen zu ähneln. Und es gibt andere, bei denen jedes neue Buch eine Überraschung ist: Wohin werden die Leser*innen als nächstes geführt? Elif Shafak, türkische Autorin im englischen Exil, gehört zu meinen Lieblingsautorinnen, seit ich sie mit "Unerhörte Stimmen" für mich entdeckt habe. Ihr neues Buch, "Am Himmel die Flüsse" bestätigt mich darin wieder.

Wenn es einen roten Faden gibt, der sich durch Shafaks Bücher zieht, dann ist es nicht ein bestimmtes Sujet, sondern die poetische, bildhafte Sprache, ihre Positionierung für Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen oder anders sind als die in ihrer Umgebung. Ihr neues Buch spielt zwischen Themse und Tigris, verbindet die Liebe zu Dichtung und Geschichte mit Schicksalen zwischen 19. Jahrhundert und Gegenwart und lässt auch ein bißchen das alte Mesopotamien einfließen.

Es sind Keilschriftzeichen, Zitate aus dem Gilgamesch-Epos, Flüsse und eine blaue Tafel aus Lapislazuli, die ganz unterschiedliche Menschen in diesem Roman letztlich über Raum und Zeit verbinden: Die von einem Kindheitstrauma geprägte Zaleekha, Wissenschaftlerin und Hydrologin im London des Jahres 2018, die neunjährige Narin, die 2014 in einem Ezidendorf aufwächst und nichts von den nahenden Gefahren durch den IS ahnt und Arthur, der 1840 im Schlamm der Themse geboren wird und dank seiner Intelligenz und einigen glücklichen Wendungen einer Kindheit in größter Armut entkommen kann und als autodidaktischer Wissenschaftler im britischen Museum das Gilgamesch-Epos entziffert.

Trauma, Verlust, aber auch Liebe erfahren diese drei Protagonisten, die von ihrer Persönlichkeit her ganz unterschiedlich, aber alle sensibel und voller Nähe geschildert werden. Shafak verbindet einen historischen Roman, der auf wahren Gegebenheiten beruht, mit Herausforderungen der Gegenwart durch Wasserverschmutzung, Umweltzerstörung und Klimawandel sowie den Massakern - man kann durchaus auch von Völkermord sprechen - an den Eziden über Jahrhunderte hinweg.

"Am Himmel die Flüsse" ist offensichtlich akribisch recherchiert, ohne "trocken" zu wirken, Wissenswertes wird in die Geschichte verwoben, in der immer wieder Zeit und Perspektive der jeweiligen Protagonisten wechseln. Elif Shafak zeigt sich hier einmal wieder als großartige Geschichtenerzählerin voller Tiefe und Lebendigkeit. Unbedingte Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 19.08.2024

Wiener Klüngel

Freunderlwirtschaft
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"Freunderlwirtschaft", das klingt im Österreichischen so viel charmanter als "Klüngel", aber es geht um das gleiche Prinzip in Petra Hartliebs gleichnamigen Wien-Krimi, eigentlich Politkrimi. Gleich der ...

"Freunderlwirtschaft", das klingt im Österreichischen so viel charmanter als "Klüngel", aber es geht um das gleiche Prinzip in Petra Hartliebs gleichnamigen Wien-Krimi, eigentlich Politkrimi. Gleich der ersten Fall der neu ernannten Leiterin der Wiener Mordkommission, Alma Oberkofler, hat es in sich. Es ist nicht die übliche aus den Fugen geratene Streiterei im Milieu oder Beziehungstat, nein, der junge, gutaussehende Landwirtschafts- und Tourismusminister wird tot in seiner schicken Penthousewohnung gefunden.

Ein Unfall, ein eskalierter Streit, eine geplante Tat? Fragen könnte vielleicht die Verlobte des Toten beantworten, als Pressesprecherin der Wirtschaftsministerin selbst Profi im Politikbetrieb. Doch die ist verschwunden und offenbar bewusst abgetaucht, nachdem sie erst das Maximum an Bargeld von einem Geldautomaten abgehoben, ihr Handy zerstört und ihren Wagen auf dem Parklplatz eines Einkaufszentrums stehen gelassen hat.

Manches kommt Alma in diesem Fall, in dem ihr sofort der Staatsschutz zur Seite gestellt wird, merkwürdig vor, angefangen bei den Wohnverhältnissen des Paares, die doch einige Fragen aufwerfen. Dass Jessica als Verlobte des Toten in den Focus gerät, ist zwar nicht merkwürdig, wohl aber, dass jeder gewillt scheint, andere Optionen schnell auszuschließen.

Hartlieb splittet ihren Roman in zwei Handlungsstränge - einmal die aktuellen Ermittlungen in Wien, anderererseits Jessicas Flucht und eigene Recherchen, mit Rückblicken in die Vergangenheit, die die Beziehung zwischen ihr und dem toten Minister einzuordnen helfen. Und wo der Tote der beste Freund des jungen Kanzlers war, wächst auch ganz schnell der Druck auf die Ermittler.

Schnell muss Alma feststellen, dass sie von einer gut vernetzten Journalistin mehr über die Hintergründe des Wiener Politikbetriebs erfährt als auf dem Amtsweg. Dann gibt es einen weiteren Todesfall, der so schnell zum Unfall erklärt und abgeschlossen wird, dass Alma misstrauisch wird. Doch je tiefer sie gräbt, desto größer wird der politische Druck. Um zur Wahrheit vorzudringen, braucht sie Hilfe von ungewöhnlicher Seite.

"Freunderlwirtschaft" ist spannend und unterhaltsam geschrieben und angesichts früherer Skandale um mächtige Männerbünde und ihre Interessen in der Alpenrepublik durchaus glaubwürdig und konsequent. Ein Alleinstellungsmerkmal Österreichs sind solche Zustände allerdings nicht. Mit Alma Oberkofler und ihrem Team wurde eine sympathische, unbestechliche und aufrechte Protagonistin in den Mittelpunkt gestellt. Wer einen Kriminalroman mit einem guten Plot zu schätzen weiß, ist hier gut aufgehoben.

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Veröffentlicht am 17.08.2024

Langer Abschied

Alte Eltern
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Schon der Titel "Alte Eltern" verrät, dass Volker Kitz einerseits ein sehr persönliches Buch geschrieben hat und andererseits eines über die Erfahrung, die viele Menschen ab einem bestimmten Alter machen: ...

Schon der Titel "Alte Eltern" verrät, dass Volker Kitz einerseits ein sehr persönliches Buch geschrieben hat und andererseits eines über die Erfahrung, die viele Menschen ab einem bestimmten Alter machen: Plötzlich sind die Eltern nicht nur älter, sie sind alt. Sie werden langsamer, sie werden müder. Krankheiten treten auf - einige machen sie körperlich schwächer, andere greifen den Geist an, wie bei Kitz´s Vater, der an Demenz erkrankt.

Kitz ist sehr ehrlich, wenn er den Prozess, auch die eigene Reaktion beschreibt: Erst die Verleugnung und Verdrängung, bis die Symptome nicht zu übersehen sind. Die Rat- und Hilflosigkeit der beiden Söhne, die sich eingestehen müssen, dass der Vater nicht mehr alleine im Elternhaus auf dem Dorf leben kann, die Suche nach der besten Lösung, die dem Endsiebziger gerecht wird, denn beide leben schon lange nicht mehr in der Nähe der alten Heimat.

Kitz drückt sich nicht vor der Verantwortung, er findet eine Seniorenresidenz in Berlin, nahe der eigenen Wohnung. Ein Heim, das ein bißchen wie ein Hotel aussieht. Gelingt es, dass der Vater sich einlebt? Findet er, der wie viele Männer seiner Generation den Aufbau sozialer Kontakte seiner Frau überlassen hat, überhaupt Anschluss oder wird er vereinsamen? Alle paar Tage ist der Sohn für mehrere Stunden zu Besuch, zu oft, mahnt eine Pflegerin, denn dadurch ist der Vater ganz auf den Sohn focussiert. Der wiederum will so auch verhindern, dass der Vater ihn irgendwann nicht mehr erkennt.

Als Autor von Sachbüchern geht Kitz das Thema zugleich analytisch an, recherchiert zu Gedächtnis, Erinnerung, Demenz. Doch wie gelingt ein sachlicher Zugang zu einem Thema, das ihn ganz persönlich betrifft? Es gibt die guten Tage, die Hoffnung machen, dass es vielleicht gar nicht so schnell so schlimm ist - und die, an denen Geduld zur harten Aufgabe wird, an denen das Erschrecken überwiegt über selbstverständliche Dinge, die plötzlich "weg" sind im Skillset des Vaters - wie eine Türklinke funktioniert zum Beispiel.

Es ist eine Geschichte von Bangen und Begleiten, von einem langen Abschied, von dem Punkt, wo der Sohn den unter einer Lungenentzündung leidenden Vater eigentlich gehen lassen sollte - und dennoch zögert, den Ärzten die vor Jahren erstellte Patientenverfügung zu geben. Es ist auch, weit über das Thema Demenz hinaus, eine Vater-Sohn-Geschichte, geprägt von Liebe und Wertschätzung. Ein Buch, in dem sich viele, die in ähnlichen Situationen standen, wieder erkennen werden und das auch diejenigen, deren Eltern noch nicht in der letzten Lebensphase sind, nachdenklich machen dürfte. Großer Respekt für dieses ehrliche Buch.

Veröffentlicht am 14.08.2024

Ermittlungen zwischen Oslo und Edinburgh

Furcht
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Mit "Furcht" hat der norwegische Autor Sven Petter Ness einen Kriminalroman geschrieben, der nicht nur zwischen Oslo und Edinburgh wechselt und dabei zwei Ermittlungsteams in den Focus stellt, das Buch ...

Mit "Furcht" hat der norwegische Autor Sven Petter Ness einen Kriminalroman geschrieben, der nicht nur zwischen Oslo und Edinburgh wechselt und dabei zwei Ermittlungsteams in den Focus stellt, das Buch hat auch etwas von einem Zwiebelprinzip oder einer russischen Matrjoschka-Puppe: Immer dann, wenn etwas klar erscheint, steckt dahinter nur die nächste Frage, das nächste Geheimnis - und das konsequent bis ganz zum Schluss. Es ergibt sich also so manche überraschende Wendung.

Mit Harinder Singh ist der Protagonist nicht ganz der typische blonde, blauäugige Skandinavier, auch wenn er in Norwegen als Sohn eines indischen Einwanderers geboren wurde. Erwahrungen mit Alltagsrassismus werden allerdings nur eher nebenbei erwähnt, und wenn Singh in seiner Ermittlereinheit aneckt, dann hat das eher mit seiner Hartnäckigkeit zu tun, die von Vorgesetzten manchmal auch als Sturheit oder Eigensinn ausgelegt wird.

Singh ist zunächst einmal als besorgter Verwandter unterwegs: Seine Nichte Amandeep, seit ein paar Monaten als Austauschstudentin an der Universität Edinburgh, wurde misshandelt und halbtot aus dem Fluss geborgen, liegt im künstlichen Koma. Sie wurde auf der Rückkehr von einer Bergtour entführt. Ihre Mutter ist Singhs Halbschwester, und so reist er einerseits zur emotionalen Unterstützung nach Schottland, andererseits aber auch mit dem Wunsch, herauszufinden, was eigentlich passiert ist. Sowohl seine norwegischen Vorgesetzten als auch die schottischen Kollegen weisen ihn darauf hin, dass er keinerlei Ermittlungsbefugnisse hat, doch Singh ist wie gesagt eigensinnig.

Als seine norwegische Kollegin auf seine Bitte Amandeeps Ex-Freund befragt, kommen neue Einzelheiten ans Licht, die plötzlich einen Ermittlungsansatz bieten könnten: Denn Amandeep hatte mehr als ein Jahr lang in einem Club gejobbt, der einem Brüderpaar gehört, das in der Organisierten Kriminalität von Oslo ganz oben mitmischt - nur nachweisen lässt sich das nicht. Ein Informant wurde kürzlich erschossen aufgefunden, die Tatweise erinnert an einen zweiten Mord, dessen Opfer aber in keinerlei Zusammenhang zur OK steht. Hat Amandeep etwas gesehen, was sie nicht sehen sollte, war das Studium im Edinburgh eher eine Flucht? Ein schottischer-Ex-Polizist, den Singh einmal bei einer Interpol-Tagung kennenlernte, glaubt an eine Verbindung zu einem einheimischen Gangsterboss, hinter dem er viele Jahre vergeblich her war.

Eine Spur Oslo-Edinburgh? Wie gesagt, in diesem Fall gibt es eine Reihe von Wendungen und Ermittlungsansätze, die in beiden Städten die Ermittler auf Trab halten. Naess schafft es, beiden Teams zu folgen, ohne auszuufern, vernachlässigt auch die persönlichen Aspekte nicht und sorgt buchstäblich bis zur letzten Seite für Spannung. Ich kannte den Autor bisher nicht, werde jetzt aber auf jeden Fall nach anderen Büchern Ausschau halten.

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