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Veröffentlicht am 20.08.2024

Zwei Freundinnen und ein ungewöhnliches Projekt

Unser Buch der seltsamen Dinge
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Die 12jährige Miv lebt mit Vater, Mutter und Tante in einem kleinen Ort im ländlichen Yorkshire. Die früher so liebevolle und lustige Mutter ist vor zwei Jahren verstummt, was genau mit ihr passierte und ...

Die 12jährige Miv lebt mit Vater, Mutter und Tante in einem kleinen Ort im ländlichen Yorkshire. Die früher so liebevolle und lustige Mutter ist vor zwei Jahren verstummt, was genau mit ihr passierte und weshalb sie depressiv wurde, ist lange nicht klar. Die resolute alleinstehende Tante Jean führt seitdem den Haushalt, ist aber kein Ersatz für die Mutter, die Miv sehr vermisst. Ein Glück, dass sie ihre beste Freundin Sharon hat, mit der sie ein Herz und eine Seele ist.

Die Geschichte spielt in den 1980er Jahren, einer Zeit, in der der Yorkshire Ripper in der Gegend sein Unwesen treibt und schon etliche junge Frauen, hauptsächlich Prostituierte, ermordet hat. Nicht zuletzt wegen des Rippers, aber auch, weil ihm ein lukrativer Job angeboten wird, will Mivs Vater in den Süden ziehen. Eine Katastrophe für Miv, denn dann müsste sie sich von Sharon trennen! So kommt sie auf die Idee, eigenhändig den Yorkshire Ripper zu stellen und überzeugt Sharon davon, bei ihrem Plan mitzumachen. Sie beginnen damit, Leute aus ihrer Umgebung zu beobachten und alles, was ihnen seltsam erscheint, in einem Buch festzuhalten. Dazu zählen unter anderem Beobachtungen wie „mal gute Laune, mal schlechte“. Aber auch „Er hat einen Schnurrbart“ kann schon dazu führen, als Verdächtiger geführt zu werden, denn auch der Ripper soll Schnurrbartträger sein. Im Laufe ihrer Ermittlungen erfahren die beiden Mädchen so einiges über ihre Mitmenschen, zum Beispiel über die nette junge Bibliothekarin mit einem Hang zu Unfällen.

„Unser Buch der seltsamen Dinge“ ist ein wunderschönes und herzerwärmendes Buch. Da es aus der Sicht einer Zwölfjährigen geschrieben ist, mutet der Schreibstil altersentsprechend etwas naiv an, doch stört dies überhaupt nicht. Es ist ein Buch über Freundschaft und erste Liebe, über Mobbing und Rassismus und natürlich über das Aufwachsen im England der 1980er Jahre, als es noch keine TikTok Videos und Handys gab. Wir erleben, wie Miv zunehmend erwachsen wird und begleiten sie auf ihren teilweise doch recht gefährlichen Exkursionen auf der Suche nach dem Yorkshire Ripper. Mir hat dieser Debütroman ganz hervorragend gefallen und ich kann ihn wärmstens empfehlen.

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Veröffentlicht am 14.08.2024

Im Labyrinth der Erinnerungen

So ist das nie passiert
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Das prägendste Ereignis in Willas Leben ist das Verschwinden ihrer kleinen Schwester Laika vor 22 Jahren. Die Familie ging von einer Entführung aus, doch es kam nie ein Erpresserschreiben. Auch ihre Leiche ...

Das prägendste Ereignis in Willas Leben ist das Verschwinden ihrer kleinen Schwester Laika vor 22 Jahren. Die Familie ging von einer Entführung aus, doch es kam nie ein Erpresserschreiben. Auch ihre Leiche wurde nie gefunden, weshalb Willa glaubt, sie müsse noch am Leben sein. Überall wo sie ist, meint sie, ihre Schwester zu sehen, ein Umstand, der ihr Umfeld zunehmend zu nerven beginnt.
Eines Abends ist Willa bei ihrer Freundin Robyn zu einer Dinnerparty eingeladen und trifft dort auf eine Frau, in der sie ebenfalls ihre Schwester zu erkennen glaubt. Allerdings ist die Frau Französin und nur in England auf Besuch.
„So ist das nie passiert“ ist ein spannender Pageturner, der hauptsächlich aus Willas und Robyns Perspektive erzählt wird. Oft geht es dabei um die gleichen Ereignisse, die jedoch völlig unterschiedlich erinnert werden. Als Leser weiß man nie, welche Version eines Ereignisses man denn nun glauben soll. Die Personen sind alle authentisch und gut beschrieben, der Schreibstil flüssig. Ich bin nur so durch die Seiten geflogen, da ich unbedingt wissen wollte, was denn nun passiert ist. Die Auflösung fand ich teilweise etwas unbefriedigend, weil sie mir unplausibel erschien, doch kann ich nicht näher darauf eingehen ohne zu spoilern. Nichtsdestotrotz hat mir das Buch sehr gut gefallen. Es ist unterhaltsam und spannend und ich kann es auf jeden Fall empfehlen.

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Veröffentlicht am 26.07.2024

Was ist wichtig im Leben?

Mein drittes Leben
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Lindas Leben scheint perfekt. Sie ist erfolgreiche Kuratorin und glücklich in ihrer Ehe mit Richard. Das Glück geht jäh zu Ende, als die 17jährige Tochter bei einem Fahrradunfall stirbt. Linda kündigt ...

Lindas Leben scheint perfekt. Sie ist erfolgreiche Kuratorin und glücklich in ihrer Ehe mit Richard. Das Glück geht jäh zu Ende, als die 17jährige Tochter bei einem Fahrradunfall stirbt. Linda kündigt ihren Job und zieht sich vollkommen zurück. Während Richard es schafft, weiter soziale Kontakte zu halten, beschließt Linda, sich eine Auszeit in einem kleinen Dorf in Brandenburg zu nehmen. Sie mietet einen heruntergekommenen Bauernhof und kümmert sich um ihre Hühner und den Hund, den sie von der verstorbenen Vorbesitzerin übernommen hat. Tagelang schafft sie es kaum aus dem Bett, sie gibt sich ganz ihrer Trauer hin. Auch Selbstmordgedanken schleichen sich ein. Von Richard, der in der gemeinsamen Wohnung in Leipzig geblieben ist, entfremdet sie sich immer mehr, doch er besucht sie regelmäßig und hofft, dass sie wieder zu ihm zurückkommt. Doch die Linda von früher gibt es nicht mehr und eine Trennung scheint unausweichlich.
Daniela Krien gelingt es in „Mein drittes Leben“ ganz hervorragend aufzuzeigen, wie der Verlust eines geliebten Menschen alles verändert. Sie findet Worte für Gefühle und die unvorstellbare Trauer der Protagonistin, die es kaum schafft, nach ihrem Verlust das eigene Leben weiterzuleben. Erst ganz allmählich lässt Linda wieder andere Menschen an sich heran, beispielsweise die alleinerziehende Natascha mit ihrer behinderten Tochter oder ihre direkten Nachbarn auf dem Dorf, die alle mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen haben.
Daniela Kriens Schreibstil, der von schonungsloser Ehrlichkeit geprägt ist, hat mir sehr gefallen und ich kann das Buch uneingeschränkt empfehlen.

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Veröffentlicht am 16.07.2024

Ein Verlust und seine Folgen

Mitternachtsschwimmer
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Evan und seine Frau haben ein Kind verloren. Die Trauer entzweit sie und Evan beschließt, eine Woche Auszeit in einem Ferienhaus an der Küste zu nehmen. Was er nicht ahnen kann, ist, dass aus der Woche ...

Evan und seine Frau haben ein Kind verloren. Die Trauer entzweit sie und Evan beschließt, eine Woche Auszeit in einem Ferienhaus an der Küste zu nehmen. Was er nicht ahnen kann, ist, dass aus der Woche ein längerer Aufenthalt wird, denn die Pandemie und der ausgerufene Lockdown machen ihm einen Strich durch seine Pläne. Sein Cottage ist muffig und dunkel, die Möbel alt, WLAN gibt es nur im Pub, es sind also nicht die besten Voraussetzungen für einen längeren Aufenthalt. Er lernt seine wortkarge Vermieterin Grace kennen, von der alle sagen, sie sei verrückt, und trifft nach und nach die Dorfbewohner, die ihre anfängliche Reserviertheit gegenüber dem Städter mit der Zeit ablegen. Evan hat sich gut eingelebt, als seine Frau ihm eröffnet, er müsse für eine Weile den achtjährigen Sohn Luca zu sich nehmen, was ihn vor neue Herausforderungen stellt, denn Luca ist taub und ein schwieriges Kind.
„Mitternachtsschwimmer“ versetzt seine Leser in ein idyllisches irisches Dorf mit skurrilen, aber liebenswerten Bewohnern. Es hat mir großen Spaß gemacht, gemeinsam mit Evan ihre Bekanntschaft zu machen. Nach und nach schafft Evan es, sich in der Abgeschiedenheit der Natur seiner Trauer zu stellen und sein Leben zu überdenken.
Roisin Maguire ist eine wunderbare Erzählerin, schon lange hat mir die Sprache in einem Roman nicht mehr so viel Spaß gemacht. Ein großes Kompliment an die Übersetzerin Andrea O‘ Brien, der es hervorragend gelungen ist, die eigenwilligen Wortschöpfungen der Autorin kreativ ins Deutsche zu übertragen. Für mich war dieser Roman ein absolutes Lesehighlight.

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Veröffentlicht am 04.07.2024

Drei Frauen am Stettiner Haff

Unter dem Moor
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Die junge Berliner Ärztin Nina leidet an Burnout und beschließt, sich eine Auszeit in einem Ferienhaus am Stettiner Haff zu nehmen. Kaum ist sie angekommen, läuft ihre Hündin Ayla, die sie erst kürzlich ...

Die junge Berliner Ärztin Nina leidet an Burnout und beschließt, sich eine Auszeit in einem Ferienhaus am Stettiner Haff zu nehmen. Kaum ist sie angekommen, läuft ihre Hündin Ayla, die sie erst kürzlich aus der Tierrettung geholt hat, davon. Panisch beginnt Nina nach ihr zu suchen und findet sie nach langer Suche eingeklemmt in ein Tellereisen im Wald. Mit Hilfe eines Nachbarn wird Ayla befreit und zur Tierarztpraxis gebracht, doch am nächsten Tag führt die Hündin Nina zurück zu der Stelle und beginnt zu graben. Ayla fördert einen großen Knochen zutage, der Ninas Meinung nach nur von einem Menschen stammen kann. Sie meldet ihren Fund der Polizei.
In einem zweiten Handlungsstrang, der im Jahr 1937 spielt, werden junge Berliner Mädchen, darunter die 14jährige Gine, zu einem Landjahr auf einen Gutshof am Stettiner Haff geschickt. Angeblich auserwählt, sind sie nichts anderes als ausgebeutete Arbeitskräfte, die von früh bis spät schuften müssen. Nach einem sexuellen Übergriff darf Gine schwer traumatisiert das Arbeitslager verlassen.
Schließlich führt uns die Autorin zurück in die DDR im Jahr 1972. Die zwanzigjährige Sigrun lebt mit ihrem Mann und einem kleinen Sohn in einem Dorf am Stettiner Haff, wo die Stasi jeden bespitzelt. Sie träumt von einem freieren Leben und beneidet ihre beste Freundin, die den Absprung schafft und nach Berlin geht, dort jedoch wegen ihrer umstürzlerischen Aktivitäten festgenommen und in ein berüchtigtes Frauengefängnis gesteckt wird.
Zwei Dinge haben die Frauen gemeinsam: den Wunsch nach Freiheit und die Verbindung sowohl zu Berlin als auch zum Stettiner Haff. Die Geschichte wird spannend und mitreißend erzählt. Wir tauchen nicht nur ein in die Lebensgeschichte der einzelnen Frauen, sondern erleben auch die Grausamkeit und die Bespitzelung während der Nazizeit bzw. durch die Stasi in der DDR. Ich habe das Buch als Hörbuch gehört, ganz hervorragend gelesen von Verena Wolfien, die mir mit ihrer angenehmen Stimme und unaufgeregten Sprechweise ein schönes Hörerlebnis geboten hat.
Das Einzige, was ich zu bemängeln habe, ist der irreführende Klappentext: „Als sich dort ein Mann an Gine vergeht, schwört das Mädchen Rache und ahnt nicht, wie sehr es damit den Lauf der Zeit beeinflussen wird.“ Ich habe keine Ahnung, inwiefern Gine den Lauf der Zeit beeinflusst haben soll.

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