Platzhalter für Profilbild

Monsieur

Lesejury Profi
offline

Monsieur ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Monsieur über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.01.2025

Ein leiser und sanfter Dorfroman, der auch die Härte nicht verschweigt

Im Schnee
0

Mit „Im Schnee“ liefert der Autor Tommie Goerz im Piper Verlag einen schmalen Prosaband, der gleich zu Jahresbeginn einen kleinen, leisen und in vielerlei Hinsicht entschleunigten Lesegenuss bereitet. ...

Mit „Im Schnee“ liefert der Autor Tommie Goerz im Piper Verlag einen schmalen Prosaband, der gleich zu Jahresbeginn einen kleinen, leisen und in vielerlei Hinsicht entschleunigten Lesegenuss bereitet. Auf gerade einmal 134 Seiten gelingt Goerz ein Werk, das durch seine Schlichtheit und Authentizität besticht und den Leser in eine vermeintliche Idylle entführt – eine Welt abseits des Trubels und der Hektik unserer Zeit. Doch wie trügerisch dieser Eindruck ist, darüber sinniert nicht nur der Protagonist Max am Ende des Romans, sondern diese Frage drängt sich dem Leser während der Lektüre immer wieder auf.
Die Geschichte spielt in einem kleinen Dorf, dessen Name und genaue Verortung bewusst unbestimmt bleiben. Diese Anonymität verleiht dem Setting eine universelle Gültigkeit, sodass es als Symbol für viele ähnliche Orte stehen kann, die im Laufe der Zeit immer weiter in Vergessenheit geraten. Max, der Protagonist, ist ein in die Jahre gekommener Mann, der allein lebt und seine Tage meist verträumt und verschlafen verbringt. Als sein langjähriger Freund Schorsch unerwartet stirbt, wird Max aus seiner Routine gerissen. Die beiden Männer verband eine tiefe Freundschaft, geprägt von ihrer zurückgezogenen, eigenbrödlerischen Art. Schorschs Tod löst bei Max eine Flut von Erinnerungen an gemeinsame Zeiten und Erlebnisse aus, die sich mit einer gewissen Wehmut und Melancholie in sein Bewusstsein drängen.
Doch nicht nur Max, auch die anderen Dorfbewohner verbinden Erinnerungen mit Schorsch. Sein Tod wird zum Anlass, bei einer gemeinsamen Totenwache Anekdoten auszutauschen und sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Dabei wird die enge Verbindung zwischen der Geschichte des Dorfes und den Biografien der Bewohner offenbar. Gleichzeitig wird deutlich, wie sehr sich die Gegenwart von dieser Vergangenheit unterscheidet. Die alten Zeiten, die von den Anwesenden oft mit Wehmut betrachtet werden, waren nicht immer glücklich. Die Erlebnisse, die während der Totenwache erzählt werden, zeugen sowohl von Zusammenhalt und Gemeinschaft als auch von harten Lebensbedingungen und Grausamkeiten.
Als moderner Leser wird man unweigerlich mit der Frage konfrontiert, ob man in dieser Zeit hätte leben wollen. Die Antwort ist oft ein klares Nein, trotz des romantischen Bildes, das manchmal mit ländlichen Gemeinschaften verbunden wird. Die Dorfbewohner selbst scheinen unterschwellig zu spüren, dass ihre Vergangenheit ebenso von Schmerz und Entbehrung geprägt war wie von gemeinschaftlichem Zusammenhalt. Dennoch bleibt ihnen nichts anderes, als der verlorenen Zeit nachzutrauern und sich allmählich mit ihrem eigenen Sterben auseinanderzusetzen. Schorschs Tod wird so zu einem Symbol für den unaufhaltsamen Verfall der alten Lebensweise und den nahenden Abschied der übriggebliebenen Generation.
Max ist dabei ein vielschichtiger Charakter, dessen Tiefe erst nach und nach offenbar wird. Als einfacher Mann, der sich mit Geschick im Umgang mit Motoren durchs Leben geschlagen hat, scheint er auf den ersten Blick unspektakulär. Doch seine Genügsamkeit und seine natürliche Art zu leben – ohne Fernseher oder Radio, mit selbstgesammeltem Tee und einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber Besitz und Habgier – machen ihn zu einem faszinierenden Protagonisten. Diese Bescheidenheit teilt er mit den anderen Dorfbewohnern, die sich in ihrer Einfachheit deutlich von der modernen Welt unterscheiden.
Besonders raffiniert sind die wenigen Szenen, in denen die Dorfgemeinschaft durch außenstehende Figuren ergänzt wird. Ein Beispiel ist der Fotograf, der als Wanderer in die Gegend kommt. Seine Weltanschauung und Gewohnheiten unterscheiden sich stark von denen der Dorfbewohner, doch er nimmt die Welt von Max und den anderen als idyllisch wahr. Max selbst kann sich dieser Auffassung nicht anschließen – warum das so ist, erschließt sich dem Leser aus den Geschichten und Erinnerungen, die während der Totenwache geteilt werden.
Goerz gelingt es, mit wenigen, nicht einmal sonderlich brisanten Anekdoten eine sterbende Epoche zu zeichnen, die in der modernen Welt kaum noch Platz hat. Seine ruhige, entschleunigte Erzählweise und der wunderbar langsame Schreibstil laden den Leser dazu ein, in die Welt der Dorfbewohner einzutauchen. Beinahe wirkt es, als wäre man selbst Teil der Totenwache, wo mit leiser und respektvoller Stimme gesprochen wird. Die winterliche Atmosphäre des Romans – unterstrichen durch den Schnee und die Abgeschiedenheit des Dorfes – verleiht der Geschichte eine besondere Tiefe und einen melancholischen Charme, ohne jemals kitschig zu werden.
Und auch der Sprecher Thomas Loibl verleiht „Im Schnee“ mit seiner angenehm ruhigen Stimme eine besondere Note. Seine Vortragsweise bleibt durchgehend auf einem gleichmäßigen Stimmniveau, ohne viele Höhen und Tiefen, und unterstreicht so die entschleunigte Atmosphäre des Romans. Anstatt durch den Text zu eilen, gibt er den Worten und Pausen Raum, wodurch er den Hörer einlädt, sich Zeit zu nehmen und die subtilen Nuancen der Geschichte auf sich wirken zu lassen.
Auch wenn seine Lesung insgesamt gelungen ist, bleibt sie für mich persönlich hinter der Lesung von Max von Pufendorf zurück, der mit seiner Interpretation von „Der andere Name“ von Jon Fosse Maßstäbe für leise und unterschwellige Romane gesetzt hat. Allerdings bewegt sich Fosse mit seinem Werk auf einem ganz anderen literarischen Niveau, das sich nur bedingt mit „Im Schnee“ vergleichen lässt.
In seiner Gesamtheit ist „Im Schnee“ vielleicht einer der bemerkenswertesten Dorfromane der letzten Zeit. Mit ordentlicher handwerklicher Präzision und ohne viel Aufhebens erzählt Goerz von einfachen Menschen, einfachen Gemeinschaften und einfachen Themen. Gerade diese Schlichtheit macht den Roman so eindringlich und wahrhaftig.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.11.2024

Vielschichtiger Roman über ein wichtiges Thema

Antichristie
0

Die Aufarbeitung der kolonialistischen Vergangenheit ist in Großbritannien bis heute eher Mangelware – auch in der Literatur ist dieses Thema, vor allem wenn es um Romane von etablierten Autorinnen und ...

Die Aufarbeitung der kolonialistischen Vergangenheit ist in Großbritannien bis heute eher Mangelware – auch in der Literatur ist dieses Thema, vor allem wenn es um Romane von etablierten Autorinnen und Autoren geht, beschämend unterrepräsentiert. Diesen Mangel füllen mitunter ausländische Schriftsteller aus Indien oder Südafrika. Mithu Sanyal ist es zu verdanken, dass es 2024 mit ihrem zweiten Roman „Antichristie“ zumindest einen erwähnenswerten deutschsprachigen Titel zum Kolonialismus und seinen Folgen gibt.
Als Zeitreisende bewegt sich die Protagonistin Durga durch zwei Welten: In der Gegenwart wird sie mit Themen wie Cancel Culture und Rassismus konfrontiert, wobei der Tod der Queen die Ausgangsbasis des Geschehens bildet. In den Tagen der offiziellen Trauer ist Durga damit beauftragt, für eine Fernsehserie eine alternative Version von Hercule Poirot – dem legendären Ermittler von Agatha Christie – zu entwickeln, was unmittelbar zu tiefgreifenden Debatten über kulturelle Aneignung, Identität und Diversität führt. Und auch der Tod von Queen Elizabeth II. wird zum Anlass genommen, deren Rolle im Kolonialismus zu hinterfragen.
In der Vergangenheit taucht Durga ins Londoner India House des frühen 20. Jahrhunderts ein, wo sich historische Figuren wie Vinayak Damodar Savarkar versammeln, um mit Bombenbau und Waffenschmuggel für Indiens Unabhängigkeit zu kämpfen.
Stets von einem unterschwelligen Humor begleitet, präsentiert sich Sanyals Text als eine dynamische Abfolge steiler Thesen und provokanter Aussagen, die nicht nur historische Tatsachen hinterfragen, sondern ihnen oft auch ironisch eine neue Bedeutung verleihen; ebenso werden auch historische Figuren mitunter ziemlich entfremdet. In teilweise ellenlangen Dialogen kommt es zu scharfen Auseinandersetzungen, in denen politische und ideologische Gegensätze aufeinandertreffen. Dabei gelingt es der Autorin, das Wesen des modernen Menschen als zutiefst zwiegespalten zu zeigen: selbstbewusst in seinen Ansichten, jedoch zunehmend verunsichert durch gesellschaftliche Normen und die Frage, wie weit Meinungsfreiheit reichen darf. Dieses psychologische Porträt spiegelt die zeitgenössischen Spannungen wider, die das Denken und Handeln in einer von Cancel Culture und wachsender Diversität geprägten Welt beeinflussen.
Dass die Autorin bei dieser Vielzahl an unterschiedlichen Themen und Auslegungsarten nicht immer zu finalen Schlussfolgerungen kommen kann, ist kaum verwunderlich. So mal in den meisten Fällen unterschiedliche Sichtweisen durchaus nachvollziehbar sind. So entzieht sich auch ihre fiktive Version von Savarkar einer endgültigen Beurteilung, was im Anbetracht dessen, dass seine Reputation auch in der Realität nicht zweifelsfrei geklärt ist, nur vernünftig ist.
Die Vielschichtigkeit des Romans ist beachtlich. Sanyal geht mit großer Ambition an ihr Projekt heran und verwebt zahlreiche Ebenen – von gesellschaftspolitischen Debatten über historische Ereignisse bis hin zu Fragen der Identität und kulturellen Verantwortung. Aufgrund dieser Komplexität ist eine einmalige Lektüre kaum ausreichend, um alle Facetten angemessen würdigen zu können. Als ein Spiegel aktueller Diskurse und einer gleichzeitig tiefgründigen Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit darf „Antichristie“ aber in jedem Fall als ein mutiges literarisches Experiment angesehen werden, das Historienroman und Gesellschaftskritik auf einzigartige Weise verbindet.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.11.2024

Erst weiß, dann grün, dann gelb

Über allen Bergen
0

Valentine Gobys Roman „Über allen Bergen“ hat mir etwas beschert, was ich in diesem Jahr selten erleben durfte: das Gefühl, einen echten literarischen Glücksgriff in den Händen zu halten. Der Fluchtroman ...

Valentine Gobys Roman „Über allen Bergen“ hat mir etwas beschert, was ich in diesem Jahr selten erleben durfte: das Gefühl, einen echten literarischen Glücksgriff in den Händen zu halten. Der Fluchtroman über den jungen Juden Vadim aus Paris, der in den Bergen eine Zuflucht findet, entwickelt rasch eine eigene Dynamik und hebt sich deutlich von der Vielzahl zeitgenössischer Romane über den Zweiten Weltkrieg ab, die nur selten etwas Neues bieten.
Die Brillanz von Gobys Werk liegt in der klugen Erzählperspektive: Der Krieg bleibt ein fernes Echo, während die eigentliche Handlung sich in einer anderen Welt abspielt – einer Welt, die von Natur, Gemeinschaft und der Suche nach Identität geprägt ist. Vadim wird von seiner Mutter in die Berge geschickt, um den wachsenden Schikanen gegen Juden zu entkommen. Dort soll er als „Vincent“ ein neues Leben beginnen, in der Hoffnung, dass er fernab der Stadt sicher ist.
Anfangs schüchtern und unsicher, findet Vincent durch die Herzlichkeit seiner neuen Familie und der Dorfbewohner langsam Anschluss. Über mehrere Jahreszeiten hinweg – vom Winter bis zum Ende des Sommers – taucht der Leser in das einfache, aber muntere Leben in den Bergen ein. Vincent lernt Kühe zu melken, erlebt die Geburt von Kälbern und saugt wie ein Schwamm die Wunder der Natur auf. Besonders auffällig ist seine Sensibilität für Farben: Während der Winter für ihn in reines Weiß getaucht ist, empfindet er den Frühling als Grün und den Sommer als Gelb. Diese Farbempfindung erinnert an den von Goby erwähnten Maler Kandinsky, der in seinen Bildern unter anderem die Zugehörigkeit von Farben an bestimmte Formen nachzuweisen versuchte. Für Vincent haben ebenso auch die Naturspiele ihre ganz eigenen Farbwerte. Für den von Asthma geplagten Jungen wird die Welt abseits der Zivilisation zu einem Ort der Heilung – ein Ort, an dem die Zeit stillzustehen scheint, während er innerlich und äußerlich heranwächst. Gobys Stärke liegt in der einfühlsamen Darstellung von Vincents Reifeprozess, der sich in der Verbindung mit der Natur und der Gemeinschaft vollzieht. Doch nicht nur Vincent, auch die Menschen um ihn herum werden mit viel Wärme und Authentizität gezeichnet. Besonders glänzt der Roman jedoch durch die detailreiche Schilderung des Lebens in den Bergen. Mit einer fast dokumentarischen Präzision beschreibt Goby die bäuerlichen Arbeiten und den Alltag der Dorfbewohner, als wäre sie selbst Teil dieser Welt gewesen.
Stilistisch besticht „Über allen Bergen“ durch einen ruhigen, melodiösen Schreibstil. Die Übersetzerin Marlene Frucht hat diese Leichtigkeit auf beachtliche Weise ins Deutsche übertragen, ohne dabei die unterschwellige Poesie zu verlieren. Die Sätze fließen sanft, wie Blätter, die im Wind tanzen.
Obwohl ich Gegenwartsromane über den Zweiten Weltkrieg oft überdrüssig bin, schafft Goby es, diesem ausgeloteten Genre neue Facetten abzugewinnen. Indem sie den Krieg bewusst in den Hintergrund rückt, eröffnet sie Raum für die kleinen, alltäglichen Dinge des damaligen Lebens, die in vielen anderen Werken unbeachtet bleiben.
Ein kleiner Wermutstropfen bleibt jedoch: Mit knapp 340 Seiten wirkt der Roman stellenweise etwas zu langatmig. Für eine so leise und atmosphärische Erzählung hätte sich eine kürzere Form möglicherweise besser geeignet. Zudem bleibt der Roman, trotz seiner Feinfühligkeit, am Ende doch ein Werk seines Genres und kann sich nicht ganz mit den großen Meisterwerken der Kriegsromane messen.
„Über allen Bergen“ ist dennoch ein kleines literarisches Schmuckstück – ein Nebenwerk von unerwarteter Eleganz und Tiefe. Es erzählt eine Geschichte, die den Leser mit ihrer Wärme und Melancholie fesselt, und seine Veröffentlichung als stiller, poetischer Beitrag zum Genre ist allemal gerechtfertigt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.08.2024

Zwei auf Wanderschaft

Zwei in einem Leben
0

David Nicholls ist mit seinen Romanen, auch wenn sie vorrangig das Ziel der Unterhaltung verfolgen, immer wieder eine gute Wahl, denn sein Gespür für Charaktere und Dialogwitz machten bereits Bücher wie ...

David Nicholls ist mit seinen Romanen, auch wenn sie vorrangig das Ziel der Unterhaltung verfolgen, immer wieder eine gute Wahl, denn sein Gespür für Charaktere und Dialogwitz machten bereits Bücher wie "Zwei an einem Tag" oder "Drei auf Reisen" zu einem besonderen Leseerlebnis.
Bei Fischer Krüger erscheint nun sein neuer Roman "Zwei in einem Leben", wobei bereits beim deutschsprachigen Titel abzusehen ist, dass der Versuch unternommen wird, an frühere Erfolge anzuknüpfen. Die Konstruktion der Geschichte ist typisch für Nicholls, alles dreht sich um zwei Hauptcharaktere, eine Frau und einen Mann, Marnie und Michael. Beide befinden sich in ihren mittleren Jahren und durchleben derzeit eine Art Krise. Marnie, die als selbstständige Lektorin arbeitet, ist seit der Trennung von ihrem Ehemann vereinsamt und verbarrikadiert sich zunehmend in ihrer kleinen Wohnung, trifft kaum noch Freunde oder Bekannte, und erwischt sich hin und wieder dabei, wie sie mit ihren Einrichtungsgegenständen spricht. Ihre Lebenssituation wird wunderbar spezifisch geschildert, es werden nicht nur banale Klischees formuliert, mehr noch wird ihre Einsamkeit mit vielen zutreffenden Details ausgeschmückt.
Der zweite Protagonist Michael, ein Erdkundelehrer, lebt ebenfalls getrennt von seiner Lebensgefährtin, doch das Leben als Alleinlebender stellt für ihn eine Herausforderung dar, weil auch er von Einsamkeit und Zweifeln geplagt wird.
Bei einer gemeinsamen Gruppenwanderung treffen diese beiden Einzelgänger zufällig aufeinander. Ihr ersten Konversationsversuche sind zögerlich und unbeholfen, doch mit einer zunehmenden Zahl gewanderter Meilen beginnen sie, sich einander zu öffnen, und vertrauen sich schon bald sogar ihre Sorgen an. Je vertrauter der Umgang miteinander wird, desto stärker werden auch die Gefühle, die sie füreinander hegen. Der Aufbau des Romans lässt ihrer Beziehung viel Raum zur Entwicklung, die beiden Hauptfiguren nähern sich einander nur langsam an, und nicht zu jedem Zeitpunkt der Geschichte ist abzusehen, wer von den beiden, wenn überhaupt, sich einen weiteren Schritt voran wagen wird.
Vieles von dem, was man an David Nicholls Romanen schätzt, lässt sich in "Zwei in einem Leben" wiederfinden. Zum einen sein Händchen für die Protagonisten, immer wieder gelingt es ihm, bei der Beschreibung ihres Innenlebens den Nagel auf den Kopf zu treffen, ihre Gefühle und Gedanken werden so glaubhaft dargestellt, dass beim Lesen nahezu der Eindruck entsteht, der Autor habe reale Menschen porträtiert. Vor allem zu Beginn der Geschichte sind die Dialoge spritzig, pointiert und teilweise komisch, hier sticht Nicholls‘ Erfahrung als Drehbuchautor durch. Zudem ist er in der Lage, die Stimmungslage zu variieren, denn je näher Marnie und Michael sich kommen, desto tiefsinniger werden auch ihre Gespräche, anstatt einer Prise Humor, sind ihre Unterhaltungen dann von einer untergründiger Melancholie durchzogen, ebenso von neu erweckter Hoffnung. Nur die wenigsten von Nicholls‘ Autorenkollegen können Dialoge auf diesem Niveau schreiben, das ist zu würdigen.
An "Zwei an einem Tag" oder "Drei auf Reisen" kann Nicholls neuer Roman jedoch nicht heranreichen, das mag zum einen am Thema liegen. Die Chronik einer Wanderung bei englischem Wetter birgt zwar viel Potenzial für ruhige Momente, jedoch bietet der Wechsel zwischen englischen Ortschaften weniger Abwechslung als eine Tour quer durch Europa wie in "Drei auf Reisen". Und die Themen Alleinsein und Einsamkeit sind vom Autor an sich zwar gekonnt umgesetzt worden, jedoch fehlt vor allem in der zweiten Hälfe des Romans an einigen Stellen die Interaktion mit weiteren Figuren, weil Marnie und Michael zunehmend nur noch mit sich selbst beschäftigt sind. Womöglich hätte die Einführung eines zweiten Themengebiets die Geschichte noch etwas abwechslungsreicher gestaltet und somit für den letzten Rest Tiefgang gesorgt, den Nicholls Vorgängerromane nicht vermissen lassen. Dennoch bietet "Zwei in einem Leben" als Unterhaltungslektüre eine gelungenen Mischung aus Humor und Welterfahrenheit, nach der auf der Suche nach einer Romanze bevorzugt gegriffen werden sollte, als nach manch anderem Machwerk dieses Genres.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.05.2026

Liebe, Macht und Moral als Kräfte gesellschaftlicher Selbsttäuschung

Die Liebeshungrigen
0

Mit Romanen wie »Die Gierigen« und »Die Zeit der Ruhelosen« hat sich Karine Tuil nicht nur in Frankreich, sondern längst auch im deutschsprachigen Raum den Ruf einer ernstzunehmenden Autorin für politische ...

Mit Romanen wie »Die Gierigen« und »Die Zeit der Ruhelosen« hat sich Karine Tuil nicht nur in Frankreich, sondern längst auch im deutschsprachigen Raum den Ruf einer ernstzunehmenden Autorin für politische und gesellschaftliche Themen erarbeitet. Entsprechend groß waren die Erwartungen an ihren neuen Roman »Die Liebeshungrigen«, den ich mit spürbarer Vorfreude erwartet habe – und tatsächlich gelingt es Tuil erneut, eine Geschichte vorzulegen, die von gesellschaftlichen Spannungen, politischen Fragestellungen und moralischen Konflikten durchzogen ist. Dabei richtet sie ihren Blick zwar in erster Linie auf ihr Heimatland Frankreich, greift jedoch Themen auf, die weit über nationale Grenzen hinausreichen und viele moderne Gesellschaften gleichermaßen betreffen dürften.
Wie bereits in ihren früheren Werken arbeitet Tuil mit mehreren Figuren, die gleichberechtigt nebeneinanderstehen und jeweils ihren eigenen Beitrag zu dem komplexen Gesamtbild leisten, das der Roman entwirft. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem die Welt des Films, genauer gesagt die Entstehung eines künstlerisch anspruchsvollen Films, der bewusst in aktuelle feministische Debatten eingreifen und gesellschaftliche Diskussionen anstoßen soll. Doch gerade dieses Vorhaben setzt zahlreiche Spannungen und Konflikte frei: beim ehrgeizigen Regisseur ebenso wie bei den Schauspielerinnen, der Autorin, den Kritikern, der Social-Media-Öffentlichkeit und letztlich auch beim Publikum, das sich zwischen moralischer Empörung, Sensationslust und echtem Interesse bewegt. Parallel dazu erzählt der Roman die Geschichte von Dan Lehman, einem ehemaligen Präsidenten, der zunehmend im Alkohol Zuflucht sucht und sich immer weiter in einen persönlichen Abgrund hineinbegibt.
Im Vergleich zu einigen ihrer vorherigen Romane wirkt »Die Liebeshungrigen« weniger global ausgerichtet, doch das bedeutet keineswegs, dass Karine Tuil auf große gesellschaftliche oder ethische Fragen verzichten würde. Vielmehr konzentriert sie sich diesmal stärker auf die Mechanismen öffentlicher Debatten und auf die Macht kultureller Narrative, insbesondere im Medium Film, das heute wie kaum ein anderes gesellschaftliche Resonanz erzeugen kann. Tuil beschreibt eindrucksvoll, welche Dynamik entsteht, wenn Kunst nicht lediglich der Unterhaltung dienen will, sondern bewusst versucht, in aktuelle Diskurse einzugreifen und unbequeme Wahrheiten sichtbar zu machen – oft mit provozierenden und ungeschönten Mitteln.
Erneut ist Karine Tuil damit ein Roman gelungen, der sich durchaus als literarischer Beitrag zu gegenwärtigen Debatten lesen lässt, wobei sie gesellschaftliche Konflikte nicht einfach nur abbildet, sondern durch ihre Figuren und Konstellationen weiterdenkt. Besonders überzeugend ist dabei, dass der Fokus nie ausschließlich auf den behandelten Themen liegt, sondern immer auch auf den Menschen selbst, auf ihren Widersprüchen, Sehnsüchten und persönlichen Interessen. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Mosaik unterschiedlichster Perspektiven und Motivationen.
Wie schon in ihren früheren Büchern bewegt sich Tuil dabei überwiegend innerhalb privilegierter gesellschaftlicher Kreise: Sie schreibt über Politiker, Schriftsteller, Schauspieler und Regisseure und richtet ihren Blick damit weniger auf die breite Gesellschaft als vielmehr auf jene Menschen, die öffentliche Debatten prägen oder zumindest beeinflussen können. Das mag mitunter distanziert wirken, erscheint jedoch keineswegs unpassend, denn gerade in Zeiten sozialer Medien sind es häufig Kulturschaffende und Intellektuelle, von denen man sich differenzierte Beiträge zu gesellschaftlichen Fragen erhofft – auch wenn die Realität oft genug zeigt, dass dort ebenfalls Eitelkeit, Egoismus und der Wunsch nach Aufmerksamkeit dominieren. Genau diesem Spannungsverhältnis verleiht Tuil in »Die Liebeshungrigen« eine literarische Form und macht deutlich, wie stark persönliche Bedürfnisse, verletzte Egos und die Sehnsucht nach Liebe selbst politische oder moralische Entscheidungen beeinflussen können.
Als Autorin gesellschaftspolitischer Literatur bleibt Karine Tuil damit weiterhin äußerst bemerkenswert. Zwar zeichnet auch sie ein eher düsteres Bild der modernen Gesellschaft, doch wirkt ihre Perspektive weniger radikal und kompromisslos als etwa die von Virginie Despentes, hinter deren literarischer Wucht Tuil letztlich doch etwas zurückbleibt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere