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Veröffentlicht am 31.12.2024

Spannung in völliger Abgeschiedenheit

One Perfect Couple
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Wenn ich bedenke, wie viele Bücher von Ruth Ware auf dem deutschen Buchmarkt erschienen sind, dann ist es schon etwas überraschend, dass ich bislang von ihr nur „Woman in Cabin 10“ gelesen habe. Zumal ...

Wenn ich bedenke, wie viele Bücher von Ruth Ware auf dem deutschen Buchmarkt erschienen sind, dann ist es schon etwas überraschend, dass ich bislang von ihr nur „Woman in Cabin 10“ gelesen habe. Zumal ich dieses auch nicht negativ in Erinnerung habe. Vielleicht ist es auch der unscheinbare Name, der mir etwas durchgerutscht ist. Umso besser, dass das Cover von „One Perfect Couple“ so knallig gestaltet wurde, denn es fällt sofort ins Auge und da habe ich dann doch mal genauer hingesehen.

Ich musste ein wenig an „Murder in the Family“ von Cara Hunter denken, das mir sehr gut gefallen hat. Dort wurde ein True-Crime-Format sehr anschaulich aufgebaut und spannend für uns Leser zum Mitverfolgen gestaltet. „One Perfect Couple“ nimmt sich nun Reality-TV vor. Es war etwas schwierig ins Geschehen hineinzufinden, was überhaupt nicht am Schreibstil lag, sondern eher an gewissen Puzzleteilen. Während Nico perfekt für Reality-TV wirkt, erweckt Lyla ganz andere Eindrücke. Dazu ist es absolut verwunderlich, dass sie es überhaupt mit jemandem wie Nico aushält. Man merkt ihre Zweifel auch, aber danach handeln tut sie (noch) nicht. Dementsprechend war es alles etwas seltsam und mir war nicht ganz klar, wie sich von diesen seltsamen Voraussetzungen eine Geschichte entwickeln soll. Doch diese anfänglichen Irritationen legen sich sehr schnell. Spätestens als die Paare aufeinandertreffen und es dann auf die Insel geht, da wurde es immer spannender. Anfänglich ist auch deutlich zu erkennen, wie sich Ware bemüht hat, die inszenierten Seiten vom Reality-TV zu beleuchten und zu entlarven. Es ist aber nicht das Hauptansinnen des Buchs, was dann spätestens nach dem Sturm zu merken ist.

Danach hat Reality-TV gar keinen Raum mehr in der Geschichte, was auch überhaupt nicht schlimm war, denn es hat sich so tatsächlich ein klassischer Thriller entwickeln können. Und wie gut, dass Lyla ist, wie sie ist. Da die anderen Paare tatsächlich eher dem üblichen Beuteschema von Reality-TV entsprechen, sticht Lyla völlig heraus und das erweist sich im Verlauf der Handlung auch immer wieder als wichtig. Umgekehrt muss man positiv aber auch sagen, dass die anderen Charaktere sich vom oberflächlichen Eindruck auch lösen muss, denn wenn es ums nackte Überleben geht, da geht es nicht mehr um Äußerlichkeiten. Das habe ich gut erkennen können, weil jede Figur über sich hinauswachsen musste. Es wurden auch weniger schöne Seiten aufgedeckt, aber unterm Strich zählte für mich, dass alle involvierten Figuren ambivalent gestaltet waren, so dass die Spannung auch nie ausging.

Es war schon verrückt, welcher Überlebenskampf sich entwickelt hat. Ich hatte auch mehrfach den Gedanken, wie genial dieser Inhalt wohl als Serie oder Film wirken würde. Auch wenn es das Genre nicht neu erfindet, aber ich fand die Stimmung, die Überraschungen und die verschiedenen Botschaften wirklich gut. Zum Schluss war es auch nochmal richtig aus dem Nichts, warum diese Figuren alle zusammen waren. Da hat man also deutlich gemerkt, dass dieses Buch – wie man es sich auch wünscht – von vorne bis hinten sorgfältig erdacht war. Für mich hat Ware damit einen mehr als soliden Thriller hingezaubert.

Fazit: „One Perfect Couple“ hat mit dem Reality-TV-Bezug einen sicherlich funktionierenden Aufhänger, aber es ist nur ein kleiner Anteil, weil es ansonsten ein Thriller mit spannendem Überlebenskampf ist. Die feministische Botschaft habe ich auch wahrgenommen und ich habe mich so nach anfänglichen kleinen Stolperstellen sehr gut unterhalten gefühlt.

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Veröffentlicht am 12.12.2024

Saum-tastischer Abschied!

Vergissmeinnicht – Was die Welt zusammenhält
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Kerstin Gier und ihre „Vergissmeinnicht“-Trilogie war für mich ganz eindeutig eine Reise, von eher unten nach oben. Wirkte im ersten Band noch alles sehr ziellos und zu gigantisch in der Dimension, hat ...

Kerstin Gier und ihre „Vergissmeinnicht“-Trilogie war für mich ganz eindeutig eine Reise, von eher unten nach oben. Wirkte im ersten Band noch alles sehr ziellos und zu gigantisch in der Dimension, hat sich das im zweiten Band schon ganz anders entwickelt. Der dritte wurde nun tatsächlich als Finale angekündigt. Im zweiten Teil hatte ich stellenweise noch das Gefühl, Gier könnte sich da ewig austoben, weswegen mich die Botschaft doch erleichtert hat, denn alles Schöne muss mal enden.

Neu war für mich, den dritten Band nun als Hörbuch zu erleben. Jasna Fritzi Bauer und Timmo Niesner lesen in der Hauptsache als Matilda und Quinn. Sind nun beides keine Jugendliche, aber sie haben beide sehr junge Stimmen, weswegen die Besetzung sinnig ist. Bei Niesner war es tatsächlich etwas seltsam, weil hier zusammengekommen ist, dass ich „The Day of the Jackal“ als Sky-Co-Produktion mit Eddie Redmayne gerade schaue, so dass ich eine Stimme in völlig unterschiedlichen Kontexten erlebt habe. Das war dann schon mal irritierend, aber unterm Strich habe ich Niesner irgendwann gut als Stimme von Quinn verordnen können. Zudem ist das Lob auch dahingehend, dass der humoristische Stil von Gier durch beide Erzähler sehr gut rübergekommen ist. Es wirkte nicht lächerlich, sondern genauso lustig-authentisch, wie es sein soll.

Kommen wir aber nun zum eigentlichen Inhalt und der gewählten Stilistik von Gier. Es war sehr gut zu merken, dass es das große Finale ist. Denn es war durchgängig Zug drin. Nach einer wiederholt genialen Zusammenfassung durch unseren Lieblingsdämon zu Beginn des Buchs wird mit der Entführung von Lieblingscousinchen gleich eine Hausnummer gesetzt. Auch im weiteren Verlauf habe ich durch die Prozentzahl des Hörbuchs immer wieder gedacht, dass die erzählerischen Höhepunkte sehr regelmäßig gesetzt. Zur Mitte ist neben dem Ende dann ein großer Höhepunkt gesetzt, aber auch zwischendurch gibt es immer mal wieder Vollgas-Erlebnisse. Das hat angesichts der Laufzeit gut bei Laune gehalten. Zudem muss ich gerade mit meiner Kritik an Band 1 auch sagen, dass es sich zwischen Quinn und Matilda wirklich sehr gerecht aufgeteilt hat, dass sie beide ihre eigenen und gemeinsame Erlebnisse haben. Auch wenn Quinn die meiste Zeit der drei Bände der Auserwählte war, so hat es sich zum Finale wunderbar aufgelöst, dass ohne Matilda gar nichts gelaufen wäre.

Über die zwei Bände hinweg sind einige Fragen aufgeworfen worden und im Finale war es jetzt löblich, dass Gier nicht noch zig weitere aufgeworfen hat, sondern dass sie sich an die Antworten gemacht hat. So sind nach und nach Puzzleteile zusammengesetzt worden. Es war auch herrlich, dass das wirklich große Figurenensemble in der Gesamtschau noch jeweils seine Momente hatte. Da merkt man dann doch sehr deutlich, dass Gier als Erzählerin erstens erfahren ist, sie zweitens aber schon Reihen geschrieben hat, weswegen sie weiß, was die Leserschaft will. Ich fand es jedenfalls toll, dass neben Matilda und Quinn deutlich wurde, dass es auf viele Figuren ankam, die ihr Herz für den Saum und alles drum herum gegeben haben. Das ist auch insofern so löblich, weil Gier sehr spezielle Figuren geschaffen hat und es ist einfach cool, wenn eben diese trotzdem funktionieren und man mit ihnen fiebert. Man merkt also, obwohl ich lange bei dieser Reihe brauchte, um richtig drin zu sein, ich bin erleichtert, dass es irgendwann Klick gemacht hat und ich so jetzt dieses würdige Ende miterlebt habe.

Fazit: „Vergissmeinnicht – Was die Welt zusammenhält“ ist ein sehr empfehlenswerter Abschlussband, um von Saum Lebewohl zu nehmen. Ich musste mich in die Reihe reinfuchsen, aber das hat sich gelohnt. Tolle Höhepunkte nochmal, weitere Heldenmomente und viel, viel Sympathisches, das den Abschied bittersüß macht.

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Veröffentlicht am 06.12.2024

Nahezu ideale Mischung aus Juristik und Liebesgeschichte

In Case We Dare
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Als „Suits“-Fan habe ich natürlich die NA-Reihe von Tess Tjagvad sofort auf dem Schirm gehabt. Der erste Band, „In Case We Trust“, war da ein guter erster Eindruck, der aber noch angemessen Luft nach oben ...

Als „Suits“-Fan habe ich natürlich die NA-Reihe von Tess Tjagvad sofort auf dem Schirm gehabt. Der erste Band, „In Case We Trust“, war da ein guter erster Eindruck, der aber noch angemessen Luft nach oben gelassen hat. Gut, dass ich mir die Luft nach oben auch gelassen habe, denn der zweite Band hat sich sichtlich gesteigert.

Für mich das Hauptargument für den verbesserten Eindruck machte der juristische Anteil aus. Während es im ersten Band noch mehr um den allgemeinen Alltag in einer Kanzlei ging und wie Fälle gewälzt werden, ging es hier in „In Case We Dare“ richtig in die Vollen. Es gibt eine Mordermittlung, die wir bis zum Ende begleiten und dementsprechend gab es auch einige Szenen vor Gericht. Ich fand hier die Ausgestaltung sehr spannend, weil ich natürlich auch mitgerätselt habe, was wohl genau in dem Fall vorgefallen ist, aber es war auch anschaulich, die verschiedenen Seiten, Ermittlungen, Befragungen, Prozesstage so miteinander verwoben zu sehen. Ob das jetzt juristisch gesehen, wirklich alles hieb- und stichfest ist, das ist für mich gar nicht so entscheidend, denn man hat einen roten Faden, mit ansprechenden Wendungen bemerkt und ich wurde mitgerissen, das ist wichtig.

Laurel kannten wir schon ausgiebig aus dem ersten Band, dementsprechend war der interessantere Aspekt, nun Aaron richtig kennenzulernen. Er hat sich auch echt als sehr warmherziger Kerl erwiesen. Auch wenn er nach außen sich manchmal etwas arrogant geben mag (was aber glaube ich auch der Branche geschuldet ist), so braucht man nur eine Minute in seinem Kopf und schon war klar, dass er ein Herz aus Gold hat. Ich fand auch seine ganze Ausgestaltung sehr ansprechend. Mit dem privaten Umfeld, seine Art, wie er seinen Job auslebt und wie er aber gleichzeitig doch immer ein warmes Auge auf die Menschen um sich herum hat. Ich empfand ihn schon als das Highlight des Bandes. Lauren war deutlich komplexer. Das finde ich eigentlich auch immer realistisch, aber es gibt natürlich so menschliche Seiten, mit denen man sich trotz allem Verständnis einfach etwas schwer tut. Das war hier bei Laurel eindeutig ergeben. Ihre Geschichte erklärt natürlich vieles, aber es gab dennoch so Szenen, wenn Aaron ihr dann mal etwas klar auf den Kopf zugesagt hat, dass sie richtig aufgewacht ist, weil sie so in einer Denkweise feststeckt, dass sie sonst kaum was sieht. Dementsprechend ist sie einfach etwas launischer gestaltet, aber umgekehrt dann das Lob, dass Tjagvad das auch konsequent durchgezogen hat.

Wenn ich die beiden Figuren nun zusammenziehe, dann war in jedem Fall ein Prickeln da. Ich denke auch, dass Laurels auf der einen Seite sehr selbstbewusste Art entscheidend dazu beigetragen hat, denn sie hat vieles auch forciert und da kam sofort immer Chemie rüber. Aaron war umgekehrt mehr für die intimen und süßen Momente zuständig und das hat sich für mich gut ausgeglichen. Auch wenn die beiden also keine rosarote Liebesgeschichte haben, so war es dennoch unterm Strich das Gefühl, dass sie jeweils einander gut tun. Wenn ich dann nochmal auf die anderen Figuren blicke, dann ist Lucie als so wichtiger Mensch in Laurels Leben etwas kurz gekommen. Da hätte ich mir etwas mehr gewünscht. Umgekehrt fand ich es aber sehr cool, dass die Anfängergruppe auch weiterhin in Szenen zusammengebracht wurde. Sei es bei der offiziellen Veranstaltung oder beim privaten Feiern, das passte. Es war aber echt super, als Laurel Hilfe sucht und das aus vielfältiger Richtung bekommt. Lob da auch speziell nochmal an Ira. So fern ab von seiner Perspektive wurde auch nochmal deutlich, dass er ein toller Bookboyfriend ist. Dazu wurde auch viel für den finalen Band getan. Da bin ich jetzt auch schon sehr gespannt drauf.

Fazit: „In Case We Dare“ hat mir deutlich bewiesen, dass sich die Verknüpfung von Jura und Liebesgeschichte auf jeden Fall mitreißend gestalten lässt. Zwar war auch der erste Band schon gut zu lesen, aber das hier ist nahezu das ideale Beispiel dafür, was ich mir vorher vom Konzept her nur hätte erahnen können. Also großes Lob an Tess Tjagvad, die hier Liebesgeschichte und Mordfall gut aufgeteilt und gleichzeitig auch miteinander ausgestaltet bekommen hat.

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Veröffentlicht am 28.10.2024

Unterhaltsame göttliche Spiele

The Games Gods Play – Schattenverführt (Schattenverführt-Reihe 1)
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Die römischen und griechischen Sagen habe ich schon relativ früh für mich entdeckt, da mein Vater sehr alte Bücher dazu hatte und ich fand es interessant, die Geschichten zu verfolgen, die ähnlich wie ...

Die römischen und griechischen Sagen habe ich schon relativ früh für mich entdeckt, da mein Vater sehr alte Bücher dazu hatte und ich fand es interessant, die Geschichten zu verfolgen, die ähnlich wie Märchen dem menschlichen Leben so ähnlich und doch auch ganz anders erscheinen. Auch später habe ich dann immer wieder Serien/Filme und Bücher gesehen und gelesen, die sich bei den Göttern bedient haben. Für mich vor allem prominent wird da die „Göttlich“-Reihe nach Josephine Angelini sein, aber auch Percy Jackson ist sicherlich nicht zu vergessen. Dennoch würde ich römische und griechische Götter nicht als Hype-Thema sehen, weil es da immer Projekte jeglicher Art zu gibt, so hat es in meiner Beobachtung in den letzten Jahren auch viele Versuche gegeben, die klassischen ‚Bösewichte‘ wie Medusa etc. mit einer möglichen Hintergrundgeschichte mehr zu vermenschlichen. Nun also „The Games Gods Play“ nach Abigail Owen und ich hatte mal wieder richtig Lust auf das Thema.

„The Games Gods Play“ habe ich als Hörbuch konsumiert und ich habe Franziska Trunte wiederholt als gute Hörbuchsprecherin wahrgenommen. Sie hat sich als Ich-Erzählerin von Lyra sehr hervorragend präsentiert und ihre verschiedenen Schichten sehr gut abgebildet. Richtig beeindruckt hat mich aber, dass Trunte auch sehr bemüht war, den anderen Figuren in Dialogen sehr individuelle Stimmfarben oder Charakteristiken (Akzent, Nuscheln etc.) zu geben. Es wirkte auch aufgrund der stattlichen Länge des Hörbuchs wie ein Kunstwerk, weil man auch die Liebe für Details gemerkt hat. Das ist sicherlich aber auch nur durch Owens Vorleistung auch möglich gewesen. Denn auch wenn ich die gedruckte Version nicht vorliegen habe, so denke ich auch, dass Owen auch genug Hinweise gegeben hat, um sich beim Vorlesen ihres Buchs austoben zu können. Abseits des Hörerlebnisses bin ich in einem sehr großen Teil auch höchst zufrieden gewesen. Die ganze Idee fand ich zunächst lobenswert. Auch wenn ich mir noch nicht sicher bin, ob sie wirklich in allem Details clever bedacht ist, aber Owen zieht das Ganze auch so abwechslungsreich und groß auf, dass ich mich da auch gar nicht total kritisch hintergewagt habe. Denn bei mir blieb vor allem die Faszination hängen, dass wir in einer Welt leben könnten, in den die Götter ein Teil des Ganzen sind und nicht nur in einer antiken Vorstellung unser Leben mitgestalten, sondern auch in modernen Zeiten. Das ist tatsächlich auch das Thema, wo ich mir für die nächsten Bände wohl auch mehr wünschen würde, denn ein Großteil hat im Olymp gespielt und damit dann doch vom typischen menschlichen Leben abgekapselt, aber diese Art auf die Götter zu blicken, sie zu ehren oder auch zu verachten, das hat noch mehr Potenzial.

Auch das Crucival ist als Wettbewerbsidee clever. Klar, erinnert auch irgendwie an Hunger Games, zumal auch tatsächlich ein ganzes Crucival im ersten Band abgebildet wird, aber es war hier dennoch so individuell und einzigartig, weil die ganze Mythologie in allen Facetten eingebaut wurde, so dass es sich echt wie eine überzeugende Hommage anfühlte. Auch im Vergleich zur „Göttlich“-Reihe ist hier noch einmal so viel mehr möglich gewesen und man hat richtig gemerkt, wie Owen Spaß hatte, sich mit den Vorlagen auszutoben. Es war auch genial, wie die Götter dargestellt wurden, weil es ähnlich wie bei den Sagen rübergekommen ist. Sie sind höchst ambivalente Gestalten, uns als Menschen so ähnlich, obwohl es aufgrund ihres Einflusses ganz anders sein könnten, so dass es vertraut und doch fern wirkt. Auch wenn die Götter bewusst eher als Antagonisten zu sehen sind, so ist abseits von Hades, Charon und Cerberus auch bei den anderen zu merken, dass es da mehrere Schichten gibt. Das ist bei Aphrodite und Demeter schon deutlich gewesen und ich könnte mir vorstellen, dass es für die weiteren Bände auch hier noch weiter ausgebaut werden könnte.

Die ganze Struktur war löblich, denn es war eine gute Mischung aus einzelnen Heldentaten, die sehr spannend inszeniert wurden, und Zwischenkapiteln, die mehr auf der menschlichen Ebene angelegt waren. Aber auch bei den Heldentaten, wenn alle Champions zusammen waren, ist viel an den Beziehungen und den einzelnen Entwicklungen gearbeitet worden, aber dennoch fühlte es sich beim Rest wie eine nötige Pause an. Ein Pluspunkt ist auch die Darstellung der zentralen Liebesgeschichte. Auch wenn die Funken schnell flogen und speziell Hades‘ Perspektive dann auch mal fehlte, aber ich fand es dennoch für die Länge des ersten Bandes sehr angemessen. Denn es war ein Hauptteil, aber für mich dennoch nicht der Hauptteil, deswegen bin ich auch froh, dass die körperliche Ebene nicht ständig in den Fokus gerückt wurde. Zwischen Hades und Lyra durfte sich auch ohne ständige Intimität viel entwickeln. Nun kommen wir zu zwei Kritikpunkten, die ich vielleicht auch erst richtig einschätzen kann, wenn ich die gesamte Reihe gelesen habe. Das eine wäre Lyras extrem selbstlose Art. Eigentlich würde ich mir selbst in die Tasche lügen, wenn ich das nicht eigentlich sympathisch finde, weil ich sehr ähnlich bin. Aber für die Handlung hätte ich mir bei manchen Heldentaten gewünscht, dass es nicht immer darauf hinausgelaufen wäre, dass Lyra einen Vorteil ihrer Mitmenschlichkeit opfern würde. So war es irgendwann so, dass ich das immer erwartet habe und das nimmt dem Spannungseffekt etwas die Wirkung. Außerdem muss Lyra auch kein absoluter Gutmensch sein. Sie funktioniert als Figur gut, auch wegen der Derbheit ihrer Sprüche und die Respektlosigkeit, die sie vor allem den Göttern gegenüber hat, aber ein bisschen mehr Komplexität, ein bisschen mehr Rotz, das hätte ihr nicht geschadet.

Ein zweiter Punkt ist die Frage, wie lange die Reihe geht und was sie wohl noch alles erzählen wird? Dazu war noch nicht wirklich etwas zu finden. Zwischendurch habe ich mich nämlich gefragt, warum der gesamte Crucival abgebildet wurde. Es wurde am Ende durch den Cliffhanger natürlich deutlich, aber so die Struktur durch die Heldentaten war natürlich genial. Aber weil für mich nicht wirklich abzuschätzen ist, was kommen wird, wirkte das Potenzial des Crucivals an manchen Stellen auch verschenkt. Ich kann hier nicht zu sehr ins Detail gehen, aber ein paar Heldentaten wurden ausgespart und da merkte man auf einmal eine gewisse Hektik. Dafür ist das Ende dann auch erst zu rosarot, nur um dann doch blutrot zu enden. Aber wie sich das wirklich alles ideal zusammensetzt und was verschenkt oder doch genau passend zurückgehalten wurde, das kann nur die Zukunft zeigen.

Fazit: „The Games Gods Play“ ist sehr groß und sehr überzeugend aufgezogen. Als Hörbuch war es definitiv auch ein Erlebnis. Von der Welt her hat man gemerkt, wie sich Owen ausgetobt hat, aber auch die Liebesgeschichte war in meinen Augen eigentlich ideal erzählt. Ich mochte auch die ganzen anderen Ebenen, die Abwechslung in Tempo und kurz ausgebremst. Lyra könnte mehr Ecken vertragen und ob das Ende so clever ist, wir werden es sehen, aber doch insgesamt eine empfehlenswerte Lektüre.

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Veröffentlicht am 30.09.2024

Kleinstadt-Setting perfekt ausgenutzt

Was wir im Stillen fühlten
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Brittainy Cherry hat zwar schon genug Reihen veröffentlicht, jedoch bedeuten bei ihr Reihen doch oft etwas anderes als bei anderen Autoren. Während bei vielen aufbauende Handlung und ein Figurenrepertoire ...

Brittainy Cherry hat zwar schon genug Reihen veröffentlicht, jedoch bedeuten bei ihr Reihen doch oft etwas anderes als bei anderen Autoren. Während bei vielen aufbauende Handlung und ein Figurenrepertoire die Stichworte sind, hat Cherry oft mit inhaltlichem Rahmen, aber doch ganz eigenen Figurenwelten gearbeitet. Mit der „Problems“-Reihe ist nun etwas anderes geplant, denn es soll um die Kingsley-Schwestern und die Kleinstadt Honey Creek gehen. Auch wenn ich ohnehin alles von ihr lese, aber das klingt doch vielversprechend, denn Cherry kann schließlich besondere Beziehungen, die man gerne weiterverfolgt.

Da die Weihnachtszeit wahrlich nicht mehr fern ist und in den entsprechenden Filmen Kleinstädte immer an der Tagesordnung sind, ist es die perfekte Vorbereitung, denn ich hatte bei Honey Creek auch sofort die passende Atmosphäre vor Augen. Das liegt vor allem an den Kingsley-Schwestern, speziell natürlich Yara, weil wir mit ihr in die Umgebung und in die Dynamiken eintauchen. Es war natürlich furchtbar, wie durch Coles Einfluss die Menschen teilweise mit ihr umgegangen sind, aber trotz allem hatte ich sofort den Eindruck, dass sie alleine durch ihre Familie einen Zirkel hat, der auf sie aufpasst, der sie so nimmt, wie sie ist, so dass sie sich auch voll ausleben darf. Yara ist für mich auch eine typische Cherry-Protagonistin. People-Pleaser, lebensfroh, im Einklang mit ihren Emotionen, lustig und hart kämpfend für die, die sie liebt. Ich habe diese Figuren immer bildlich vor Augen, weil Cherry diese Mischung wie kaum jemand sonst schreibt. Nun könnte man argumentieren, dass es vielleicht auch etwas langweilig ist, wenn es immer sehr ähnliche Frauen sind, aber auch wenn Cherry einen klarer Stil hat, so gelingt es ihr doch immer, jeder Geschichte ihren eigen Stempel aufzudrücken.

Bei Alex wiederum war ich erst etwas irritiert. Nicht charakterlich, weil Brummbären hat es bei Cherry auch immer schon mal gegeben. Für mich war es anfangs aber echt schwer, genau bei ihm zu kategorisieren, in welcher Lebensphase er gerade ist, wer mit ihm was ist, also die zeitliche Einordnung mit seiner Teresa etc., das war doch etwas kompliziert. Da ich auch nicht denke, dass das wirklich geheimniswürdig war/ist, hätte Cherry hier etwas mehr Ordnung finden können. Aber ansonsten habe ich nicht wirklich etwas zu meckern, weil die Art von Geschichte, die ich von ihr kenne, die habe ich bekommen. Zwischen Yara und Alex hat es sich wirklich wunderbar entwickelt. Für mich war eine tolle Chemie da, die zuerst über Hass sich schnell zu mehr entwickelte. Ich fand es hintenraus auch schön, wie einige Fäden gesponnen wurden, was perfekt zur Kleinstadt passte. Genauso war es aber schön, wie so eine typische Kleinstadt-Fehde drum herum erzählt wurde. Da wurden für mich die Vor- und Nachteile gleichermaßen betont. Es kann eben Fluch und Segen zugleich sein. Gleichzeitig versprechen die Ansätze aber schon, dass es mit Avery und Willow genug Potenzial gibt. Gerade auf die Geschichte von Avery bin ich sehr gespannt, da für sie auch schon einiges getan wurde und da gleich zwei Kerle sind, was einigen Herzschmerz bedeuten könnte.

Aber nochmal zurück zu diesem Roman. Mit dem Restaurant und der Hundebetreuung sind für mich auch so ideale Berufe gefunden worden, um die Dynamiken zu unterstreichen. Denn beide Jobs sind nah am Menschen, so dass man wirklich da viel mit machen kann. Ich fand auch viele Darstellungen von Nebenfiguren echt lustig, gerade weil es so überspitzt war. Unterhaltung war hier sicher. Auch wenn einige Entwicklungen vorhersehbar waren, aber auch das ist für mich ein Aspekt, dessen ich mir bewusst, wenn ich von dieser Autorin lese. Dementsprechend macht es das für mich hier rund.

Fazit: „Was wir im Stillen fühlten“ ist als Auftakt einer Reihe, in der die einzelnen Bände ineinandergreifen, sehr gut gelungen. Yara und Alex haben mein Herz erobert, aber auch die anderen Schwestern machen schon Lust auf mehr. Die Kleinstadt passte hier bestens als Setting und es ist dann die ideale Mischung aus Klischees, kleinen Ärgern und purer charmanter Unterhaltung.

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