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Veröffentlicht am 24.02.2018

Kühn - der funkelnde Diamant im Kiesbett der deutschen Kriminologie

Kühn hat Ärger
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Kühn, ein Kommissar Mitte 40, kommt nach einem Burnout zurück in den Job, um sich sogleich mit einem scheußlichen Mordfall befassen zu müssen.
Seine Ermittlungen führen ihn zu der wohlhabenden Familie ...

Kühn, ein Kommissar Mitte 40, kommt nach einem Burnout zurück in den Job, um sich sogleich mit einem scheußlichen Mordfall befassen zu müssen.
Seine Ermittlungen führen ihn zu der wohlhabenden Familie van Hauten, die in einer der besten Wohngegenden Münchens lebt. Kühn ist ganz geblendet von dieser Bilderbuchfamilie, in der alle lieb zueinander sind und einfach alles zu stimmen scheint. Doch, wie könnte es anders sein, bei näherem Hinsehen bekommt die Fassade Kratzer.

In Kühns Privatleben liegt so manches im Argen. Mit seiner Ehe steht es nicht zum Besten und das in einem Randbezirk der Stadt gekaufte Häuschen steht auf toxisch belastetem Grund und ist somit wertlos geworden. Gesundheitliche Probleme ignoriert er nach bester Vogel Strauß Manier. Als er dann noch seine Frau Susanne verdächtigt, eine Affäre mit einem ihm verhassten Nachbarn zu haben, brennen sämtliche Sicherungen bei ihm durch.

Obwohl es in „Kühn hat Ärger“ um einen Kriminalfall geht, steht dieser nicht im Vordergrund. Jan Weiler bietet unter anderem Einblicke in das Leben der Münchner Schickeria, in Bezirke, in denen vorrangig sozial schwache Leute mit Migrationshintergrund mehr schlecht als recht leben und in die Gegenden des mittelständischen „Pendlerprekariats“, wie sich Staatsanwalt Globke ausdrückt.

Was mir an dem Buch besonders gut gefallen hat, ist Jan Weilers Umgang mit der Sprache. Er schreibt flüssig und mit viel Sprachwitz. Zu keiner Zeit empfand ich beim Lesen Langeweile. Die Überschrift zu meiner Rezension ist übrigens nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern ist ebenfalls ein Zitat des wortgewandten Staatsanwalts. Wenn ich jetzt noch wüsste, was Schnippikäse ist, wäre ich rundherum zufrieden.

Mir hat dieses Buch ein paar vergnügliche Lesestunden bereitet und ich hoffe auf eine baldige Fortsetzung der Reihe.

Veröffentlicht am 17.02.2018

Adler-Pfadfinder, eine aussterbende Spezies

Die Herzen der Männer
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Der 13jährige Nelson hat keine Freunde. Weder im Pfadfinder-Feriencamp, noch zuhause in Eau Claire, Wisconsin. Vielleicht könnte man den 15jährigen Jonathan als Freund bezeichnen, allerdings verhält er ...

Der 13jährige Nelson hat keine Freunde. Weder im Pfadfinder-Feriencamp, noch zuhause in Eau Claire, Wisconsin. Vielleicht könnte man den 15jährigen Jonathan als Freund bezeichnen, allerdings verhält er sich nicht immer so loyal, wie man es von einem Freund erwarten sollte. Nelsons Vater, der den Jungen ins Camp begleitet, ist ein mit dem Leben und seiner Ehe unzufriedener Sadist, der ihn gerne verprügelt und auch die Mutter, zu der er ein gutes Verhältnis hat, kann Nelson nicht vor ihm beschützen.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1962. Nelson ist das, was man einen guten Jungen nennt, was ihn aber in den Augen der Gleichaltrigen zum Gespött macht. So lassen sich die anderen Jungs im Feriencamp alle möglichen Gemeinheiten einfallen, um ihn zu demütigen. Nur einer sieht, was in ihm steckt: der Leiter des Feriencamps, Pfadfinderführer Wilbur, dem Nelson eine Menge verdankt, nachdem sein Vater endgültig das Weite gesucht hat.

Die zweite Zeitebene spielt im Jahr 1996. Nelson und Jonathan sind inzwischen erwachsene Männer, Jonathan ist verheiratet und fährt mit seinem Sohn Trevor in das Pfadfinderlager seiner Jugend, wo Nelson inzwischen die Stelle des Pfadfinderführers bekleidet. Zuvor will er dem Teenager jedoch ein paar Fakten des Lebens näherbringen und ihm seine romantische Vorstellung von Liebe austreiben.
Diesen Teil des Buchs fand ich sehr grausam. Dem Vater ist viel daran gelegen, dass Trevor seine Freundin Rachel betrügt, allerdings will er damit lediglich die Tatsache rechtfertigen, dass auch er seit Jahren fremdgeht.

Der dritte Handlungsstrang spielt im Sommer des Jahres 2019. Wir wissen inzwischen viel über Nelson und Jonathan und wie es ihnen im Leben ergangen ist. Im Jahr 2019 begleiten wir Rachel, Trevors Frau, und ihren Sohn Thomas ins Pfadfinderlager. Thomas hat eigentlich gar keine Lust darauf, denn Pfadfinder sind mittlerweile ein Auslaufmodell. Die anderen Jungs im Lager werden von ihren Vätern begleitet, die nicht begeistert davon sind, eine weibliche Begleitperson in ihrer Mitte zu haben. Ein besonders unangenehmer Zeitgenosse ist der eingebildete Dr. Platz, der sogar versucht, Rachel durch Bestechung loszuwerden. Als dies nicht gelingt, ersinnt er einen perfiden Plan...

Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen. Ich mag Geschichten, in denen man die Entwicklung der Hauptpersonen über einen längeren Zeitraum mitverfolgt. Nickolas Butler ist es sehr gut gelungen, den Leser zu fesseln und an den Ängsten und Sorgen, Hoffnungen und Freuden seiner Charaktere teilhaben zu lassen.

Veröffentlicht am 09.01.2018

Justitia und die Fiktion von Gerechtigkeit

Die Vergessenen
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Die Journalistin Vera Mändler arbeitet als Redakteurin bei einer Frauenzeitschrift und würde liebend gern das Ressort wechseln. Als sie durch Zufall einer Geschichte auf die Spur kommt, bei der es um Euthanasie ...

Die Journalistin Vera Mändler arbeitet als Redakteurin bei einer Frauenzeitschrift und würde liebend gern das Ressort wechseln. Als sie durch Zufall einer Geschichte auf die Spur kommt, bei der es um Euthanasie im Dritten Reich geht, setzt sie alles auf eine Karte und kündigt trotz einer in Aussicht gestellten Beförderung ihren Job. Ihre Tante, die mit Schlaganfall im Krankenhaus liegt, war Krankenschwester in einer Einrichtung, in der während des 2. Weltkriegs Behinderte und für den Arbeitsmarkt wertlose Menschen „aus dem Volkskörper ausgeschieden“ wurden. Vera macht sich auf die Suche nach einem Dossier, mit dem die damals Verantwortlichen vor Gericht gebracht werden könnten und begibt sich dabei selbst in höchste Gefahr.
Manolis Lefteris ist ein Problemlöser, der für seine Arbeitgeber Kunden einschüchtert oder Schlimmeres. Er wird beauftragt, Vera zu beschatten und, falls sie die Unterlagen finden sollte, ihr diese abzunehmen. Er fragt nicht nach, wer ihn beauftragt hat, doch in diesem Fall verliert er die professionelle Distanz, handelt es sich doch um die Aufklärung von Verbrechen, die während der Nazizeit begangen wurden. Da die gesamte Familie seines Vaters einem von deutschen Soldaten in Griechenland begangenen Massaker zum Opfer fielen - der damals sechsjährige Vater war der einzige Überlebende und für den Rest seines Lebens schwer traumatisiert - geht es Manolis gegen den Strich, dass er einem Naziverbrecher dabei helfen soll, ungeschoren davonzukommen.
Die Geschichte ist sehr spannend erzählt, wobei jeweils zwei Handlungsstränge in der Vergangenheit und in der Gegenwart spielen. Die Autorin, die erstmalig unter dem Pseudonym Ellen Sandberg veröffentlicht, ist leicht zu erkennen, wird im Buch doch an einer Stelle auf „Kommissar Dühnfort“ Bezug genommen. Das 500 Seiten starke Buch fesselt von der ersten bis zur letzten Seite und, was ich besonders schätze, auch die Auflösung ist schlüssig. Für mich einer der besten Krimis seit langem!

Veröffentlicht am 23.11.2017

Schmetterlingseffekt

Drei Tage und ein Leben
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Nicht der Flügelschlag eines Schmetterlings löst hier eine Katastrophe aus, sondern ein Hund, der angefahren und anschließend anstatt von seinem Besitzer zum Tierarzt gebracht von diesem erschossen wird. ...

Nicht der Flügelschlag eines Schmetterlings löst hier eine Katastrophe aus, sondern ein Hund, der angefahren und anschließend anstatt von seinem Besitzer zum Tierarzt gebracht von diesem erschossen wird. Den 12jährigen Antoine stürzt dies in ein schreckliches Gefühlschaos, war der Hund doch sein treuer Begleiter und bester Freund. Außer sich vor Trauer schlägt Antoine um sich und erschlägt dabei den 4jährigen Nachbarsjungen Rémy mit einem Ast. Um seine Tat zu vertuschen, versteckt er die Leiche des Jungen. Eine großangelegte Suchaktion beginnt. Antoine ist sich sicher, dass er bald als Täter entlarvt wird und erleidet Höllenqualen. Er erwägt zu fliehen oder sich umzubringen.
Sturm Lothar, der im Dezember des Jahres 1999 über Westeuropa fegt, kommt ihm zu Hilfe, denn er verwüstet Antoine und Rémys Heimatort und verwischt Spuren. Der Mord ist auch Jahre später noch unaufgeklärt, doch die Angst vor der Entdeckung hängt wie ein Damoklesschwert über Antoines Leben.
Antoine hat mittlerweile Medizin studiert und eine Frau getroffen, die er heiraten möchte, da führt ihn das Schicksal zurück in seinen Heimatort und er erkennt, dass die Tat von damals sein Leben immer noch grundlegend beeinflusst...
Drei Tage und ein Leben ist ein außergewöhnliches Buch, wortgewaltig und intensiv. Von mir eine klare Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 27.10.2017

Hakan Nesser in Bestform

Der Fall Kallmann
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Nachdem seine Frau und seine Tochter bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen bzw. vermisst sind, hält Leon Berger nichts mehr in Stockholm. Eine ehemalige Kommilitonin, Ludmilla, die er zufällig wiedertrifft, ...

Nachdem seine Frau und seine Tochter bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen bzw. vermisst sind, hält Leon Berger nichts mehr in Stockholm. Eine ehemalige Kommilitonin, Ludmilla, die er zufällig wiedertrifft, erzählt ihm von einer freien Lehrerstelle an ihrer Schule in der Kleinstadt K. und Berger nutzt die Chance, bewirbt sich darauf und wird genommen.
Bald erfährt er, dass sein bei den Schülern äußerst beliebter Vorgänger an der Schule, Eugen Kallmann, unter ungeklärten Umständen zu Tode gekommen ist. Als Berger beim Ausräumen von Kallmanns Schreibtisch auf dessen Tagebücher stößt, ist sein Interesse geweckt und er beginnt, gemeinsam mit Ludmilla und einem weiteren Kollegen Kallmanns Leben und Tod unter die Lupe zu nehmen.
Vieles in den Tagebüchern erscheint ihnen wie Fiktion. Beispielsweise behauptet Kallmann, er könne erkennen, wenn ein Mensch ein Mörder ist, indem er ihm in die Augen blickt. Wo endet die Realität, wo beginnt die Fiktion? Sie stellen fest, dass keiner den Kollegen Kallmann wirklich gut gekannt hat, obwohl er mehr als 25 Jahre an der Schule tätig war.
Der Kriminalfall Kallmann, sofern es sich wirklich um einen solchen handelt, sowie weitere ungeklärte Verbrechen bilden das Gerüst dieses Romans, stehen jedoch nicht im Vordergrund. Liebhaber von möglichst grusligen und spektakulären Thrillern, in denen viel Blut fließt, werden an diesem Buch keine Freude haben. Die Personen und ihre Lebensumstände werden genau und äußerst humorvoll beschrieben. Obwohl das Buch fast 600 Seiten umfasst und manchmal nicht sonderlich viel passiert, sondern vielmehr die Gedanken und das Seelenleben der einzelnen Personen beleuchtet werden, hat mir das Lesen jeder einzelnen Seite Spaß gemacht. Nesser ist ein Schriftsteller, dessen Bücher von gleichbleibend hoher Qualität sind. Ich habe jedes seiner Bücher gelesen, dieses hat mir sprachlich besonders gut gefallen, was nicht zuletzt der hervorragenden Übersetzung von Paul Berf geschuldet ist. Ein großer Lesegenuss für alle Nesser-Fans!