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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.11.2024

»Richtig großzügig ist es, wenn man etwas gibt, was man selbst gerne hätte.«

Löwenherzen
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»Richtig großzügig ist es, wenn man etwas gibt, was man selbst gerne hätte.«

Seitdem ich vor sechs Jahren Haratischwilis umfangreichen Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“ gelesen und auch eine Aufführung ...

»Richtig großzügig ist es, wenn man etwas gibt, was man selbst gerne hätte.«

Seitdem ich vor sechs Jahren Haratischwilis umfangreichen Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“ gelesen und auch eine Aufführung im Theater gesehen habe, bin ich ein großes Fan von ihr und habe zeitnah ihre drei weiteren, damals erschienen Bücher gelesen.

Diesmal handelt es sich jedoch um keinen Roman für Erwachsene, sondern um ihr preisgekröntes Theaterstück, welches nun in einer von Julia B. Nowikova illustrierten Fassung als Bilderbuch vorliegt. Das Cover des Buchs – mir gefällt dieser Stil sehr – ähnelt anderen der Autorin.

Eine Rahmenhandlung bestimmt das Buch. Zu Beginn träumen wir mit dem achtjährigen Anand eine Zirkuswelt herbei, bis die Realität einbricht und wir uns in einer Plüschtierfabrik in Bangladesch befinden, in welcher er täglich Kuscheltiere nähen muss, um bereits mit seinen jungen Jahren Geld zum Überleben beisteuern zu können. Eben, in Träumen versunken, hat er einem Löwen ein schiefes Auge angenäht und versucht dies vor dem strengen „Chinamann“ zu verbergen.
Der Plüschlöwe geht auf die Reise und nimmt Anands Wunsch auf ein besseres Leben mit sich. Mehrere andere Kinder kommen kurzzeitig in dessen Besitz und vertrauen ihm deren Sorgen, Hoffnungen und Wünsche an. Manche fürchten sich u.a. vor einer bevorstehenden Flucht, andere vor einer Zwangsheirat und ein Mädchen aus Deutschland möchte nicht nur ihre ganzen Spielsachen, sondern ihren gesamten Besitz an bedürftige Kinder in Afrika spenden.

„Löwenherzen“ ist nicht nur ein Buch für Kinder und Jugendliche, sondern für alle. Es ist ein Buch, das Mut macht, verlorengegangenes Vertrauen wiederbelebt und Hoffnung schenkt. Zudem befeuert es den Mut zur Veränderung, dem Anderssein und ist ein loderndes Plädoyer für ein gemeinsames, einfühlsames Miteinander, indem es verschiedene globale Themen anreist und Platz lässt, um darüber nachzudenken und z.B. mit den eigenen Kindern zu sprechen.

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Veröffentlicht am 10.11.2024

»Der Anfang von allem Konsumverzicht ist der Verzicht auf Anpassung.«

Ich möchte lieber nichts
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»Der Anfang von allem Konsumverzicht ist der Verzicht auf Anpassung.«

Ich hatte erst wenige Seiten gelesen, doch war ich bereits von dem bewussten und schönen Schreibstil begeistert. Nicht anders ging ...

»Der Anfang von allem Konsumverzicht ist der Verzicht auf Anpassung.«

Ich hatte erst wenige Seiten gelesen, doch war ich bereits von dem bewussten und schönen Schreibstil begeistert. Nicht anders ging es mir mit dem Inhalt, der zwar banal klingen mag, aber die Lesenden abholt und daran teilhaben lässt, indem man sich über die erwähnten Fragestellungen selbstständig Gedanken macht und diese auf das eigene Leben projiziert.

Der Autor reist für zwei Tage nach Edinburgh um sich mit Fiona, einer Kommilitonin aus seinen Studientagen, zu treffen. Dabei hatten die beiden während ihres Philosophie-Studiums keine besondere Beziehung zueinander, vielmehr drehten sich ihre Gespräche um die Alltäglichkeit des Seins.
Nun vergingen 35 Jahre ohne Kontakt, bis er sie ausfindig machte und ein Treffen vorschlug. Sein Ziel war es, die damaligen Wortwechsel weiterzuführen sowie aus Distanz auf die damalige Zeit zu blicken.

Neben dem Treffen in Edinburgh umfasst das Buch noch zwei weitere, wenn auch deutlich kürzere Kapitel. Einerseits ein kurzer – hauptsächlich von ihm ausgehender – zutiefst philosophischer Briefwechsel nach dem Wiedersehen sowie andererseits ein Treffen mit Fionas Tochter, welches einiges enthüllt.

Gespräche über den Kapitalismus bis hin zum Individualismus entspinnen sich zwischen den beiden. Sie merken, dass andere Menschen aus ihnen geworden sind und sie doch gewissermaßen noch die gleichen sind, die sie waren – verschieden in deren Persönlichkeit. Ebenso beschäftigen sie sich mit der Frage, wie man der Angst vor Veränderung begegnen kann, ob diese nicht vielmehr als Chance gesehen werden sollte und Stagnation dagegen als der schlimmere Zustand?
Die Hierarchie und die Abhängigkeit von Konsum, stehen dabei unablässig in einer Relation zur Anpassung. Die Suche nach Anerkennung und besonders das Reden über Einsamkeit, dürfte keinen leicht fallen, umso überraschender auf welche intime, ehrliche und bewundernswerte Weise John von Düffel seine eigenen Gefühle und Seelenzustände offenbart.

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Veröffentlicht am 07.11.2024

»Nie stand der Menschheit das Tor zur Zukunft so weit auf wie heute.«

Herrliche Zeiten - Die Himmelsstürmer
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»Nie stand der Menschheit das Tor zur Zukunft so weit auf wie heute.«

Peter Prange entführt die Lesenden in diesem ersten Teil seiner Duologie mitten ins deutsche Kaiserreich.
Schon während des Prologs ...

»Nie stand der Menschheit das Tor zur Zukunft so weit auf wie heute.«

Peter Prange entführt die Lesenden in diesem ersten Teil seiner Duologie mitten ins deutsche Kaiserreich.
Schon während des Prologs – 1871 in Karlsbad – treffen die drei Protagonisten das erste Mal aufeinander.
Vicky Paxton-Stokes, eine englische Industriellen-Erbin, befindet sich auf dem Weg zum Frühstücksaal des Hotels, jedoch wird sie von einer lautstarken Auseinandersetzung aufgehalten, welche sie kurz darauf, um eine Eskalation zu vermeiden, unterbindet. Bei den zwei Streithähnen handelt es sich um Paul Biermann, einen Ingenieur aus Deutschland und um den französischen Koch Auguste Escoffier. Auf frischer Tat ertappt, bereuen beide ihren Zwist augenblicklich.

Schon auf diesen ersten Seiten bahnt sich eine große Liebesgeschichte an, welche den ganzen Roman sowie die Lebensläufe der drei Protagonisten überschattet. Dabei werden stets einzelne Figuren mit den gesellschaftlichen Problemen der Zeit konfrontiert. Insbesondere Paul Biermann, der für den Bau des Kurfürstendamms zuständig ist, aber sich zugleich, um seinem politischen Amt gerecht zu werden, mit dem stetig wechselnden Kurs der Kolonialpolitik unter Bismarck auseinandersetzen muss.
Der immer währende Kampf zwischen Fortschritt und länderübergreifender Verständigung oder Stagnation und blühendem Patriotismus betrifft dagegen alle Länder gleichermaßen.
Pranges kurze Kapitel und die wechselnden Perspektiven, lassen die Lesenden an den zeitlichen Geschehnissen bis zur Jahrhundertwende 1900 in Großbritannien, Frankreich und Deutschland wahrhaftig teilhaben.
Obwohl dieser Roman großteils auf erfundenen Fiktionen beruht, werden einige reale Ereignisse und Persönlichkeiten geschildert. Darunter der Koch Auguste Escoffier, welcher später mit dem Schweizer Hotelier und Unternehmer César Ritz gemeinsame Sache macht und beide durch das Hotel Savoy in London oder das Ritz in Paris Weltruhm erlangen.

Ein Roman, in dem man sich regelrecht verliert. Schade nur, dass man nicht sogleich weiterlesen kann.

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Veröffentlicht am 25.10.2024

»[D]ie grausame Unmöglichkeit der hiesigen Situation frisst uns täglich ein bisschen Leben weg.«

Allianz der Heimatlosen
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»[D]ie grausame Unmöglichkeit der hiesigen Situation frisst uns täglich ein bisschen Leben weg.«

Erika Mann, Klaus Mann und Annemarie Schwarzenbach. Ein Trio mit vielen Gemeinsamkeiten und doch waren ...

»[D]ie grausame Unmöglichkeit der hiesigen Situation frisst uns täglich ein bisschen Leben weg.«

Erika Mann, Klaus Mann und Annemarie Schwarzenbach. Ein Trio mit vielen Gemeinsamkeiten und doch waren sie so verschieden.
Als die drei im Herbst 1930 aufeinandertrafen, war Annemarie sofort von den beiden Geschwistern fasziniert und verliebte sich augenblicklich in Erika. In den nächsten Jahren folgten unendlich viele bewundernde Briefe, mit dem Wunsch nach Erikas Anerkennung.

Alle drei schrieben beruflich, strebten einer erfolgreichen Karriere entgegen und engagierten sich gemäß ihrer antifaschistischen Haltung. Während sich Erika zu einer gefragte Schriftstellerin, Kabarettistin und Vortragsrednerin entwickelte, Klaus Herausgeber mehrerer Zeitungen und selbstverständlich Schriftsteller wurde, überholte beide der Ruhm und Annemarie blieb zurück. Zwar veröffentlichte sie einige Werke, aber weder ein beruflicher, noch privater Erfolg mochte sich bei ihr einstellen. Ebenfalls entwickelten alle drei eine große Liebe zu immer stärkeren Drogen, doch keiner fiel diesen, gleichfalls dem Alkohol, so gravierend zum Opfer wie Annemarie.
Zeitlebens hatte sie eine schwierige Beziehung zu ihrer Mutter, welche – selbst eine gleichgeschlechtliche Affäre unterhaltend – die Homosexualität, Emanzipation und das politische Engagement ihrer Tochter verabscheute und selbst eng mit der „Schweizer Front“ verbunden war, welche einen Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland anstrebte.
Nach Annemaries frühen Tod, infolge eines Fahrradsturzes sowie schwerer Hirnschäden, sollte dieser Zwist – an Dreistigkeit kaum zu überbieten – jedoch seinen Höhepunkt erreichen. Gemäß ihrem Testament sollte ihr Nachlass, insbesondere die Briefe, Tagebücher und Manuskripte, ihrer Freundin Anita Forrer vermacht werden. Doch ihre Mutter Renée und Oma Clara Wille verbrennen zwei Kisten ihrer Korrespondenz, darunter die Briefe von Erika und Klaus Mann.

Was für eine turbulente Reise!

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Veröffentlicht am 25.10.2024

Eine große Empfehlung!

Mein Weg als Deutscher und Jude
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»Genau betrachtet war man Jude nur dem Namen nach und durch die Feindseligkeit, Fremdheit oder Ablehnung der christlichen Umwelt«

Wie verlief das Leben des Jakob Wassermann? Wie kam er überhaupt zum Schreiben? ...

»Genau betrachtet war man Jude nur dem Namen nach und durch die Feindseligkeit, Fremdheit oder Ablehnung der christlichen Umwelt«

Wie verlief das Leben des Jakob Wassermann? Wie kam er überhaupt zum Schreiben? Und welche Rolle nahm dabei sein Judentum ein?

Dieses autobiografische Buch erzählt eindrücklich vom Aufwachsen des gebürtigen Fürther Schriftstellers Jakob Wassermann und seiner oftmals erfolglose Suche nach einer Rolle in der Gesellschaft – als Jude unter nichtjüdischen Menschen. Gleichfalls schildert er seine ersten Schreibversuche. Dem vorangegangen waren Geschichten, welche er seinem um fünf Jahre jüngeren Bruder, vor dem Schlafengehen, erzählte. Daraufhin verspürte er bald den Drang, diese Geschichten schriftlich festzuhalten und als er gar den Wunsch äußerte Schriftsteller zu werden, waren erwidernde Reaktionen nur verhöhnender Spott. Mit nur fünfzehn Jahren hatte er bereits seinen ersten Roman geschrieben und dessen Anfang erschien kurz darauf, gedruckt in einer Zeitung.
Eigentlich sollte er eine Karriere als Kaufmann unter der Obhut seines Onkels anstreben, doch dies widersprach seinen Vorstellungen. Auch ein anschließendes Studium sowie der Militärdienst, bescherten ihm keine rechte Freude.
Wassermann sah sich im Zwiespalt gefangen. Wollte er Deutscher sein oder Jude? Beides gleichermaßen schien ihm, der Gesellschaft geschuldet, nicht miteinander vereinbar.
Dieser Zerissenheit folgend, entstanden seine wohl bekanntesten Romane „Die Juden von Zirndorf“ und „Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens“.
Mit diesem Buch wollte er einen Weckruf entsenden, der auf selbst durchlebten Erfahrungen beruht und Ungerechtigkeiten anprangert.

Mittlerweile muss man leider sagen, dass Wassermann, obwohl er einer der größten Erzähler seiner Zeit war, eher zu den vergessenen Autoren gehört. Liest man seine Werke oder allein dieses Buch, ist diese Tatsache nicht nachvollziehbar, denn er schreibt einfach großartig!

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