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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.12.2024

Akute Krankheitserfahrung gut geschildert

Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon
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Martin Simons reiht sich ein in die Liste von Autoren, die eigene autobiografische Krankheitserlebnisse in Romanform packen und veröffentlichen. Hier zu nennen sind zum Beispiel David Wagner mit "Leben", ...

Martin Simons reiht sich ein in die Liste von Autoren, die eigene autobiografische Krankheitserlebnisse in Romanform packen und veröffentlichen. Hier zu nennen sind zum Beispiel David Wagner mit "Leben", Kathrin Schmidt "Du stirbst nicht" oder Anika Decker "Wir von der anderen Seite". Der Plot ähnelt sich: Eine akute Erkrankung bzw. Verschlechterung des Gesundheitszustandes tritt durch Leberversagen/Hirnblutung/Trombose ein und der Weg zur Genesung mit Rückblicken auf das eigene Leben wird geschildert.

Bei Simons ist es die Hirnblutung, die ihn kurz vor Weihnachten erwischt und auf die Stroke Unit befördert. In recht kurzen Kapiteln und auch insgesamt einem recht kurzen Roman beschreibt er seine Empfindung in diesem Zeitraum der Rekonvaleszenz. Dies macht er literarisch auf hohem Niveau. Mitreißen konnten mich das Buch und die Gedankengänge des Autors leider nicht so stark wie bei Schmidt oder Decker. Sind es die eher unsympathischen egozentrischen Einstellungen des Autors, die ihn und seine Geschichte weniger empathisch machen? Obwohl ich es für einen Pluspunkt halte, dass er ehrlich mit seiner Person umgeht.

Insgesamt ein gut bis sehr gutes Leseerlebnis, welches bei mir jedoch keine tiefergründigere Auseinandersetzung mit Krankheit und Tod anregen konnte.

Veröffentlicht am 24.12.2024

"Das ist nicht 'Die Welle' oder 'Der Club der toten Dichter'!"

2001
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Die jugendliche Protagonistin und Ich-Erzählerin Julia schlägt sich im Jahr 2001 mit vielem herum: Nicht nur die Lehrer nerven, da Julia sich im Abschlussjahrgang der Hauptschule befindet und innerhalb ...

Die jugendliche Protagonistin und Ich-Erzählerin Julia schlägt sich im Jahr 2001 mit vielem herum: Nicht nur die Lehrer nerven, da Julia sich im Abschlussjahrgang der Hauptschule befindet und innerhalb dieser zum sogenannten "Restmüll" gehört, den Schülerinnen, die wenig Erfolgsaussichten bezüglich ihrer Schulkarriere haben. Auch der große Bruder verlangt von ihr mehr Einsatz. Der Freundeskreis gerät in Schieflage. Rettung scheint es nur im Hip Hop und dem Rappen zu geben. Eine Passion, die den Freundeskreis ("die Crew") zusammenhält.

Zwar in der Grundstimmung recht trist und perspektivlos, aber auch durchaus süffig und amüsant nimmt uns Angela Lehner mit ins Jahr 2001 und führt uns an der Seite Julias durch dasselbe. Monat für Monat erleben wir die Veränderungen in Julias Leben aber auch die in "Tal", einem Touri-Ort in Österreich. Alles erzählt durch die Brille einer 15-Jährigen, die viel Frust erlebt. Nebenbei bekommen wir noch ein Klassenexperiment eines aufstiegsorientierten Geschichtslehrers, präsentiert, in welchem jedem
r Schülerin ein zeitgenössischer, gesellschaftsrelevanter Charakter zugeordnet wird. Dieser Plotanteil ist meines Erachtens hauptsächlich im Buch, um neben den unzähligen Marken- und Bandnamen der Zeit um 2001 herum das Feeling für das titelgebende Jahr aufkommen zu lassen. Beim Lesen werden den Leserinnen also immer wieder Eckpunkte zu politischen und jugendkulturellen Ereignissen des Jahres geboten. Das sorgt schon für ein gewisse (zwiespältige) Nostalgie, ist jedoch auch mitunter zu deutlich dargestellt und scheint (vor allem das Experiment) als reines Vehikel zu dienen, die Erinnerung Leserinnen zu wecken. So wirklich plotrelevant bezogen auf die Lebenssituation Julias scheint dies jedoch nicht zu sein. Sodass das kurze Erwähnen von Markennamen und das Einwerfen von VIP-Namen der damaligen Zeit mitunter sogar etwas over-the-top wirkt. Sich aber gleichzeitig auch wieder nicht zu ernst nimmt und mit den Erwartungen der Leserinnen spielt. Häufig musste ich schmunzeln über die Anspielungen.

Trotzdem gab es mir zu wenig Entwicklung der Protagonistin über das Buch hinweg, vielmehr passiert scheinbar alles nur um Julia herum. Einen bleibenden Eindruck hinterließ eigentlich nur das überraschende Ende des Romans bei mir, sonst aber nur vereinzelte Erzählmomente. Es handelt sich hier um ein durchaus kurzweiliges, lesenswertes, sehr gutes Buch, weshalb ich 3,5 Sterne vergeben würde. Mit der Tendenz nach unten zu den drei Sternen hat die Autorin und ihr Werk weniger zu tun, dies liegt vor allem an dem Verlag, der (mal wieder und wie auch andere Verlage) durch einen aufgeplusterten Klappentext, unpassende Erwartungen an das Buch schürt. Eine Reduktion auf das Wesentliche, nämlich das Aufwachsen ohne Zukunftsperspektive als eine der Abgehängten in der österreichischen Provinz zur Jahrtausendwende, hätte es doch ganz gut und ausreichend getroffen.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Mehr Menschlichkeit, weniger Ideologie

Über Menschen
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Juli Zeh greift wieder ein Thema auf, was sie bereits früher umtrieb und weiter umtreiben wird: Die Freiheit der Bürger in ihrer Meinung und ihrem Leben. Im Vergleich zum facettenreichen "Unterleuten" ...

Juli Zeh greift wieder ein Thema auf, was sie bereits früher umtrieb und weiter umtreiben wird: Die Freiheit der Bürger in ihrer Meinung und ihrem Leben. Im Vergleich zum facettenreichen "Unterleuten" begrenzt Zeh in diesem Roman den Blick jedoch auf nur eine Protagonistin und deren Erlebnisse. Dora, welche der Stadt entflieht und in einem Dorf in Brandenburg vor Berliner Corona-Aufregung und dogmatischem Freund Schutz sucht. Dort entwickelt sich, für sie unerwartet, eine Nähe zum Dorf-Nazi und den politisch nicht immer korrekt eingestellten Dorfbewohnern.

Gewohnt süffig und durchaus witzig beschreibt Zeh nun die Annäherung zwischen Städterin und Dörflern. Leider ist der Plot zu überzufällig-märchenhaft angelegt und wenig überraschend. Es menschelt gar sehr im neuen Roman, wobei man zugeben muss: Er heißt ja nun einmal "Über Menschen". Für Leserinnen aus dem städtischen Mittelstand (laut stereotypen Bild) könnten hier noch neue Erkrenntnisse lauern, für ländliche oder offenere Leserinnen wohl eher weniger. Denn wer z.B. sowieso schon in einem Dorf mit 50% AfD-Wählern lebt, wird eines schon kapiert haben: Auch diese Menschen, so wenig man deren Einstellungen mag oder teilt, sind Menschen und können durchaus auch unerwartet nette Dinge tun.

Die Dramaturgie des Romans ist knackig und flott angelegt. So könnte man sich gut eine Verfilmung vorstellen. Mir war das Ganze manchmal schon fast ein wenig zu sehr Richtung Kitsch geneigt.

Und trotzdem: Zeh konnte mich einmal mehr fesseln und erreichen mit ihrem Roman. Zwar weniger als noch mit "Unterleuten", trotzdem handelte es sich um eine durchaus lohnenswerte Lektüre.

Veröffentlicht am 11.11.2024

When life gives you lemons…

Zitronen
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...make lemonade! Heißt ein bekannter Spruch. So begleiten wir hier August Drach, der in einem Dorf in Österreich aufwächst und dem das Leben nur Zitronen zu geben scheint. Erst wird er von seinem Vater ...

...make lemonade! Heißt ein bekannter Spruch. So begleiten wir hier August Drach, der in einem Dorf in Österreich aufwächst und dem das Leben nur Zitronen zu geben scheint. Erst wird er von seinem Vater ständig verprügelt und psychisch misshandelt, dann verschwindet der Vater und August meint kurz, dass jetzt das Leben besser werden könnte, aber dann liegt er mit einem Virusinfekt darnieder und statt sich zu erholen, bleibt sein gesundheitlicher Zustand fast die gesamte Kindheit weiterhin schlecht. Was er nicht weiß, wir Leser:innen allerdings: Die Mutter von August sucht Bestätigung und Selbstwerterhöhung in der Pflege des Jungen, weshalb sie auch diejenige ist, die ihn krank macht.

In der ersten Hälfte des Romans lernen wir August, seine Mutter und sein Dorf kennen, sowie die dysfunktionalen Bewältigungsstrategien, die in dieser Geschichte ein jeder und jede anwendet. Im zweiten Teil der Geschichte springen wir in Augusts Erwachsenenleben und erfahren, was diese Dysfunktionalität später mit einem Menschen macht, wie sie ihn tief prägen kann und was August aus seinem Leben macht. Er versucht, im übertragenen Sinne Limonade aus den Zitronen, die ihm bisher das Leben gegeben hat, zu machen. Ob ihm dies gelingt, sollte man sich selbst erlesen.

All dies beschreibt Valerie Fritsch mit einer gleichsam poetischen und hochpräzisen Sprache. Meines Erachtens ist die Sprache das Herausragendste an diesem kurzen Roman. Aber auch wie Fritsch die psychologischen Zusammenhänge darstellt und mit einem mitunter bitterbösen Ton Familiendynamiken herausschält. Wie in diesem Roman immer wieder Bilder auftauchen, die später aufgegriffen werden und Handlungen enden, die man so nicht hat kommen sehen, finde ich äußerst gelungen.

Insgesamt hätte ich mich auch noch etwas länger in diesem Kosmos aufgehalten und empfand den Roman einen Tick zu kurz. Auf jeden Fall eine interessante Idee, das Münchhausen-Stellvertretersyndrom prosaisch darzustellen und dessen Folgen auf das betroffene Kind in dessen Erwachsenenleben zu extrapolieren.

3,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 16.10.2024

Sprachlich wirklich bezaubernd

Krummes Holz
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Ich finde es sehr erfrischend, dass dieser Debütroman von Julja Linhof mal nicht einer der vielen aktuellen „wir kehren zurück an den Ort unserer Kindheit, den Bauernhof, uns stellen fest, dass heutzutage ...

Ich finde es sehr erfrischend, dass dieser Debütroman von Julja Linhof mal nicht einer der vielen aktuellen „wir kehren zurück an den Ort unserer Kindheit, den Bauernhof, uns stellen fest, dass heutzutage alles trister ist durch die Landflucht, aber trotzdem hilft die Landluft gegen den Elektrosmog aka ‚Stress‘ der modernen Welt“- Romane ist. Nein, sie datiert die Handlung des Romans ins Jahr 1987 zurück. In diesem Jahr kehrt Jirka aus dem Internat auf das väterliche Gehöft zurück. Nur ist vom Vater keine Spur. Nur die ältere Schwester Malene sowie Leander, der Sohn des ehemaligen Hofverwalters sind noch da und kümmern sich um die letzten Reste der Landwirtschaft. Ach und die Großmutter wandert auch noch dement durchs Bild. Gleich mit dem Eintreffen Jirkas im ‚Krummen Holz‘ merken wir, dass in dieser (erweiterten) Familie so einiges schiefläuft und durch Rückblicke erfahren wir, dass auch in der Vergangenheit viel Schreckliches passiert ist.

Am überzeugendsten am ganzen Buch finde ich die unglaublich bezaubernde, einfallsreiche Sprache der Autorin. Mit wunderbaren Sätzen und gekonnten Formulierungen fängt sie die Atmosphäre ganz genau ein und vermittelt zwischenmenschliche Abgründe. Das Buch liest sich erstaunlich süffig runter und zieht in seinen Bann.

Auch die Handlung fand ich über weite Strecken sehr interessant. Leider blieben mir manche Figurenzeichnungen zu oberflächlich. Gerade die des abwesenden Vaters, den wir durch Rückblicke kennenlernen, ist mir zu flach. Hier kann ich kaum die Beweggründe erkennen, warum er seine Familie so behandelte, wie er es in der Vergangenheit tat. Bei anderen Figuren geht die Autorin mehr in die Tiefe, auch wenn mir hier ebenso Gefühle nebulös dargestellt bleiben.

Das Finale des Buches ist ab einem ganz bestimmten Zeitpunkt vollkommen vorhersehbar und gleichzeitig für mich auch sehr abwegig gewesen. Ich dachte nur: „Das macht sie (die Autorin) jetzt nicht wirklich, oder?“. Leider hat sie es gemacht und so war das Ende etwas enttäuschend für mich.

Insgesamt ein schöner Debütroman, der definitiv dafür sorgen wird, dass ich die Veröffentlichungen der Autorin weiterhin im Blick behalten werde.

3,5/5 Sterne

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