Hinter dem Gartenzaun lauert das Misstrauen
Lauter kleine LügenIn Lauter kleine Lügen entfaltet Kate Kemp ein fesselndes Porträt einer australischen Vorortsiedlung, in der die Idylle nur oberflächlich besteht. Erzählt wird vieles aus der Sicht der zwölfjährigen Tammy, ...
In Lauter kleine Lügen entfaltet Kate Kemp ein fesselndes Porträt einer australischen Vorortsiedlung, in der die Idylle nur oberflächlich besteht. Erzählt wird vieles aus der Sicht der zwölfjährigen Tammy, deren unvoreingenommener Blick auf ihre Nachbarn überraschend klar, manchmal aber auch herrlich naiv ist. Ihre kindliche Neugier bringt sie dazu, einen Mord in ihrer Straße auf eigene Faust aufzuklären – ein Unterfangen, das gleichzeitig charmant, spannend und tief bewegend ist.
Was mich besonders angesprochen hat, war die feine Beobachtungsgabe, mit der Kemp das kleinstädtische Zusammenleben seziert. Es geht weniger um das Verbrechen an sich als um die Dynamik zwischen den Bewohnern – wie Misstrauen, alte Verletzungen und Vorurteile das Miteinander vergiften. Die Gespräche auf dem Gehweg, das Tuscheln über Hecken hinweg, die stille Überwachung aus dem Fenster – all das wirkt beunruhigend authentisch.
Die Figur der Tammy ist dabei ein großartiger erzählerischer Kniff. Ihre Sicht ist durch und durch ehrlich, aber auch begrenzt – was dazu führt, dass ihre Schlussfolgerungen oft ins Leere laufen. Gerade darin liegt aber der Reiz: Immer wieder wird der Blick geweitet, und die tatsächlichen Zusammenhänge offenbaren sich – meist weniger dramatisch, aber umso tragischer oder absurder.
Ein großer Pluspunkt ist auch das Zeitkolorit. Kemp lässt die späten 70er Jahre in Australien in vielen Details wieder lebendig werden – sei es in der Sprache, in den gesellschaftlichen Spannungen oder in der Gestaltung der häuslichen Rollenbilder. Dass Themen wie Rassismus, Homophobie und familiäre Vernachlässigung eine Rolle spielen, wirkt nie aufgesetzt, sondern ergibt sich ganz organisch aus der Handlung.
Ein Wermutstropfen bleibt jedoch: Im Mittelteil verliert die Geschichte spürbar an Tempo. Die Vielzahl der Figuren und Nebenhandlungen droht das eigentliche Geschehen zu überlagern. Einige Kapitel wirken beinahe wie eigenständige Episoden, was den roten Faden ein wenig ausfransen lässt.
Trotzdem gelingt Kemp ein bemerkenswerter Debütroman, der mehr als nur eine klassische Krimigeschichte erzählt. Lauter kleine Lügen ist eine kluge, feinfühlige Studie über das soziale Gefüge einer Gemeinschaft – und darüber, wie schnell Misstrauen wachsen kann, wenn jeder glaubt, den anderen durchschaut zu haben.