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Veröffentlicht am 02.03.2025

Krieg ist auch an der Heimatfront die Hölle ...

Ginsterburg
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Mit seinem Roman „Ginsterburg“ entführt der Autor Arno Frank mich in eben dieses fiktive Städtchen und macht mich mit seinen Bewohnern bekannt. Aufgeteilt in drei Zeitabschnitte, die in den Jahren 1935, ...

Mit seinem Roman „Ginsterburg“ entführt der Autor Arno Frank mich in eben dieses fiktive Städtchen und macht mich mit seinen Bewohnern bekannt. Aufgeteilt in drei Zeitabschnitte, die in den Jahren 1935, 1940 und 1945 spielen, versucht Frank seine Leser auf den Zweiten Weltkrieg einzustimmen, der mit seinem Grauen auch vor Ginsterburg nicht halt macht. Im Jahr 1935 versuchen die Menschen noch zu begreifen, was da auf sie zurollt. Und während die einen versuchen zu ignorieren, kontemplieren die anderen schon, wie sie sich diese Situation zu Nutze machen können. Erstaunlich war in diesem Abschnitt mal wieder, wie leicht manche Menschen und besonders auch Jugendliche zu beeinflussen sind. Schon marschieren heranwachsende Jungen in der Hitlerjugend für die nationalsozialistische Ideologie, um sie auf den bevorstehenden Krieg vorzubereiten, Blockleiter bespitzeln und Kreisleiter geben Vergehen an die Gauleitung weiter. Doch noch gibt es auch Stimmen der Opposition, von Menschen, die nicht an ein 1000jähriges Reich glauben wollen und sich weigern zu marschieren. Mit dem nächsten Sprung finde ich mich im Jahr 1940 wieder. Der Krieg ist in vollem Gange und noch läuft es so gut für Deutschland, dass man sich für übermächtig und unsterblich hält. „Getreu sein ist alles“ ist das Motto, dann wird es schon funktionieren. Umso ernüchternder dann der letzte Zeitsprung, der mich ins Jahr 1945 und seine letzten Kriegstage führt. An den Endsieg glauben inzwischen nur noch die wenigsten doch dies laut auszusprechen, gilt immer noch als Wehrkraftzersetzung und wird bitter geahndet. Jetzt heißt es durchhalten und auch noch den letzten Mann in den Kampf zu schicken, doch dann folgt auch in Ginsterburg die Strafe auf dem Fuß und die könnte grausamer kaum sein …

Schon wieder ein Kriegsroman, werden viele von euch denken und das nicht zu Unrecht, wird doch der Markt im Moment geradezu geflutet damit. Auch Arno Frank widmet sich diesem gerade heute wieder allzu präsenten Thema, doch er hat eine ganz besondere Herangehensweise. Fein ausgearbeitet sind seine Figuren und deren Handlungen, und reale Schicksale und Fiktion verschmelzen hier auf ganz wunderbare Weise. Während der Schreibstil gewiss nicht immer einfach ist, hatte ich mich schnell in diesen eingelesen und bewundere den Autor für seine Fähigkeit hier ganz ohne reißerische Akte auszukommen, sondern alle Themen subtil anzusprechen, den Leser so zum Nachdenken anzuregen, um direkt in die Gedanken der Charaktere reinzuschlüpfen. Während nicht jeder Leser meine Meinung teilt, möchte ich hier für diesen gelungenen Roman unbedingt die volle Punktzahl vergeben. Fünf Sterne verbunden mit einer vorbehaltlosen Leseempfehlung sind absolut verdient. Ich wünsche dem Autor mit diesem Roman noch viele Leser und spätere Fans. Mich konnte Arno Frank absolut abholen!

Veröffentlicht am 25.02.2025

Dann feiern wir wieder Silvester zusammen ...

Ich bin ja heut so glücklich
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Wer ist Renate Müller? Dem Namen nach kann sie doch höchstens das nette Mädchen aus der Nachbarschaft sein, vielleicht die Schwester von „Lieschen“ Müller? Solche Gedanken mögen einige hegen, wenn sie ...

Wer ist Renate Müller? Dem Namen nach kann sie doch höchstens das nette Mädchen aus der Nachbarschaft sein, vielleicht die Schwester von „Lieschen“ Müller? Solche Gedanken mögen einige hegen, wenn sie den Namen zum ersten Mal hören. Und so ganz unrecht haben sie auch nicht. Renate Müller, geboren im Jahr 1906, wächst gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Gabriele und ihren wunderbaren Eltern in einem behüteten Elternhaus auf. Mit umwerfender Schönheit ist sie nach damaligen Standards nicht gesegnet aber ihr sonniges Gemüt, ihr Gerechtigkeitssinn und ihr Antrieb, stets für Schwächere einzustehen, machten dies mehr als wett. Die Eltern haben stets ein offenes Ohr aber auch ein offenes Haus für alle, so dass es immer recht lustig zu geht im Müller‘schen Haushalt. Vater Eugen wünscht sich für seine beiden Töchter eine solide Schulausbildung, gerne verbunden mit einem späteren Studium, um eine anständige berufliche Laufbahn einschlagen zu können. Doch Renate hat ihren eigenen Kopf, der voll von Sehnsucht nach Theater und Leinwand steckt. Entschlossen schmeißt sie die Schule und begibt sich nach Berlin. Mit ihrer etwas pummeligen Statur und dem blonden Lockenköpfchen entspricht sie eigentlich so gar nicht dem Bühnenvorbild der damaligen Zeit, aber schnell gewinnt sie dennoch die Herzen der Regisseure und schließlich auch dem Publikum. Der unerwartete Ruhm, das Geld und das schnelle Leben tun ihr nicht immer gut. Und als schließlich die Nationalsozialisten an die Macht kommen, wird nichts mehr so sein wie zuvor …
Gleich zu Anfang betont die Autorin Charlotte Roth, dass es sich bei ihrem Buch um einen Roman und keineswegs eine Biografie handelt. Über diese Ehrlichkeit habe ich mich gefreut, denn niemand war dabei während Renate ihr leider viel zu kurzes Leben lebte und sie war nicht berühmt genug, um genug Recherchematerial hinterlassen zu haben. Dennoch bin ich mehr als froh, dass Charlotte Renate mit „Ich bin ja heut so glücklich“ ihr nochmal die ganz große Bühne ermöglicht hat. Charlotte schreibt so lebhaft und intensiv, dass ich die großen Silvesterfeiern im Haus der Müllers miterleben durfte, dass ich Renate singen hören durfte und vor allem, dass ich in eine Gefühlswelt eintauchen durfte, die mich sehr bewegt hat. Ich hatte am Schluss Tränen in den Augen und habe um Renate aber auch die Liebe ihres Lebens, ihren Georg, geweint. Verfilmt wurde ihr Leben 1960 in „Liebling der Götter“, aber auch hier konnte die Wahrheit nur erahnt werden. Wie dem auch sein, für den großartigen Roman der talentierten und sehr sympathischen Autorin Charlotte Roth vergebe ich sehr gerne funkelnde fünf Sterne verbunden mit einer uneingeschränkten Leseempfehlung. Schön, dass sich hiermit an Renate Müller erinnert wurde.

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Veröffentlicht am 24.02.2025

Wer hat hier wirklich etwas auf dem Kerbholz?

Kerbholz
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Es sollte ein Neuanfang für die Familie Chamberlain werden in Neuseeland, ein besserer Job, eine Beförderung und ein noch besseres Leben. Doch bevor für Vater John der Ernst des Lebens wieder beginnen ...

Es sollte ein Neuanfang für die Familie Chamberlain werden in Neuseeland, ein besserer Job, eine Beförderung und ein noch besseres Leben. Doch bevor für Vater John der Ernst des Lebens wieder beginnen sollte, wollte er mit der Familie die Insel noch ein wenig erkunden, sich einfach nur treiben lassen. Was ihn jedoch dazu bewegte, mitten in der Nacht, statt ein Hotelzimmer zu nehmen, die Weiterfahrt bei Regen und in unwirtlicher Umgebung zu forcieren, kann im besten Fall lediglich als Sturheit abgetan werden. Eine Sturheit, die er, seine Frau und das Baby in seinem Bettchen im Fußraum mit dem Leben bezahlen. Verletzt, ausgekühlt, durchnässt und vollkommen verängstigt überleben seine Söhne Maurice und Tommy sowie Tochter Katherine. Maurice, der Älteste des Trios, ist dank eines gebrochenen Beins nicht mehr mobil, der kleine Tommy vollkommen apathisch und so hängt es an Katherine Hilfe zu suchen, damit die Drei überleben. Kurz vor knapp stellt sich Rettung ein, aber kommen sie hiermit womöglich vom Regen in die berühmte Traufe?
Nur ein Neuseeland-Native wie der Autor Carl Dixon kann sich so gekonnt in diese Materie hineinversetzen, wie er es mit seinem Roman „Kerbholz“ getan hat. Er schafft es den Leser mitzunehmen in eine für die viele von uns Europäern unbekannte Welt mit ihren eigenen Regeln und Gesetzen. Dort ist nicht mal eben Hilfe an jeder Ecke anzutreffen, vom Internet in der Einöde ganz zu schweigen. Doch Carl übermittelt uns mit seinem Roman so viel mehr. Er gibt jedem der Charaktere eine eigene Stimme und zeigt auf, wie unterschiedlich die Wahrnehmung des Einzelnen ist und wie unterschiedlich jeder von ihnen mit der gegebenen Situation umgeht. Auch zu Hause, im fernen England, setzt besonders die Schwester der Mutter alle Hebel in Bewegung, die Familie zu finden und weigert sich zu glauben, dass alles zu spät sein könnte.
Ein großartiges Buch, das die Abgründe der Menschheit beleuchtet aber nie ganz ohne Hoffnung bleibt. Mich hat dieser Roman derart fasziniert, dass es mir schwerfiel, es zu Seite zu legen. Ach, machen wir uns nichts vor, ich habe ihn tatsächlich in einem Rutsch ausgelesen 😉. Dafür gibt es von mir absolut verdiente fünf von fünf Sternen und natürlich eine uneingeschränkte Empfehlung, nicht nur für Neuseelandfans. Ich muss das Buch nun erstmal sacken lassen …

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Veröffentlicht am 10.02.2025

"Wenn du das Glück begreifen willst, musst du es als Lohn und nicht als Ziel verstehen."

Der Poet mit dem gebrochenen Flügel
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Wer war Antoine de Saint-Exupery? Und sollte man ihn wirklich auf sein bekanntestes Werk „Der kleine Prinz“ reduzieren? Niemals, denn er ist so viel mehr! Als drittes von fünf Kindern und erstgeborener ...

Wer war Antoine de Saint-Exupery? Und sollte man ihn wirklich auf sein bekanntestes Werk „Der kleine Prinz“ reduzieren? Niemals, denn er ist so viel mehr! Als drittes von fünf Kindern und erstgeborener Sohn wächst er trotz des frühen Verlustes seines Vaters recht behütet und geliebt auf. Schon früh in seinem Leben kristallisiert es sich heraus, dass er hoch hinaus, nämlich Pilot werden und durch die Lüfte segeln will. Was ihm die Armee verweigert, erreicht er auf privatem Wege und verwirklicht seinen Traum. Doch Fliegen allein füllt seinen Kopf nicht aus und so beginnt er sich bereits früh auch als Schriftsteller. Gleich der erste Roman „Vol de nuit“ (Nachtflug) beschert ihm den Durchbruch als Autor. Als er schließlich die rassige Latina Consuelo, eine junge Witwe aus El Salvador, kennenlernt und schließlich ehelicht, scheint er im Leben alles erreicht zu haben. Doch weit gefehlt, denn „Tonio“, wie ihn alle liebevoll nennen, ist ein Getriebener, ein ewig Suchender nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit. Viel zu oft macht er sich dadurch zum Gefangenen seiner selbst …

Liebe Gabrielle, ich bin einfach nur sprachlos und tief beeindruckt von deinem Buch über diesen besonderen Menschen, über den ich bis dato gar nichts wusste. Du hast mir mit deinem biografischen Roman „Der Poet mit dem gebrochenen Flügel“ einen Einblick in das Leben von Antoine de Saint-Expery gewährt, den ich nicht für möglich gehalten hätte. Als hättest du neben ihm im Flugzeug gesessen, wenn er mal wieder eine Bruchlandung hinlegte oder auch einfach nur ein Chanson summte und sinnierte. Als wärst du Zeugin gewesen, wenn Consuelo und er sich mal wieder lautstarke verbale und Geschirr zerschmetternde Kämpfe lieferten. Du warst sein Herz und sein Gewissen, wenn er mal wieder nicht treu sein konnte und Bestätigung in fremden Betten suchte. Ich habe nach dem Lesen dieses Buchs nun selbst das Gefühl in das Herz des oft einsamen Eroberers der Lüfte sehen zu können. Sein ganzes Leben lang war er auf der Suche und man kann ihm nur wünschen, dass er tatsächlich am Ende seinen Frieden finden konnte. Fünf Sterne sind hier als Bewertung fast zu wenig. Ich bin begeistert und berührt und spreche natürlich gerne eine absolute Leseempfehlung für dieses wunderbare Buch aus. Vielen Dank dafür, liebe Gabrielle!

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Veröffentlicht am 07.02.2025

Für mich hätte es immer so weiter gehen können ...

Die Töchter der Ärztin
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Zum letzten Mal darf ich mit diesem dritten Band der Trilogie die „Thomasius Ärztinnen“ begleiten und verabschiede sie mit einem weinenden Auge. Auch im Jahr 1931/32 stehen die Drei wieder vor einigen ...

Zum letzten Mal darf ich mit diesem dritten Band der Trilogie die „Thomasius Ärztinnen“ begleiten und verabschiede sie mit einem weinenden Auge. Auch im Jahr 1931/32 stehen die Drei wieder vor einigen Herausforderungen. Hennys Mann Victor muss sich endlich, endlich eingestehen, dass auch er nicht unverwundbar ist. Sein Gesundheitszustand führt die Familie aus Kalifornien zurück nach Deutschland, wo Henny wider Erwarten ein weiteres Mal glücklich wird, ihre Tochter Vicky jedoch umso mehr unter dem Umzug leidet. Toni gibt sich endlich der Liebe hin und Ricarda und ihr Mann machen sich auf den Weg nach Südfrankreich, denn auch Siegfrieds Gesundheit lässt zu wünschen übrig. Und rund um sie herum – wie könnte es anders sein – geben die von Freystettens wieder ihr Bestes, um das Leben für alle Beteiligten gehörig durcheinander zu wirbeln. Im „Reich“ gewinnen die braunen Schergen derweil immer mehr an Macht und versetzen viele Mitbürger in Angst und Schrecken. Wie das schließlich enden wird, wissen wir heutigen Leser ja leider zur Genüge. Es ist und bleibt spannend …

Obwohl nicht alle meine Vorrezensenten meiner Meinung sind, möchte ich auch für diesen letzten Band gerne mit fünf Sternen die Bestnote vergeben. Ich habe mich durch die drei Bände fast nahtlos hintereinander quasi „durchgesuchtet“ und sogar etwas meiner Nachtruhe dafür geopfert. Während die Familiengeschichte an sich fesselnd ist, haben mich auch die wahren Begebenheiten, Orte und Personen wieder fasziniert. Ich konnte spüren, wie die Stimmung in Deutschland zu kippen begann und die Menschen entweder entsetzt darüber waren oder dem Führer bereits jetzt an den Lippen hingen. Auch die medizinischen Details waren packend. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass es vor knapp hundert Jahren schon künstliche Befruchtung gab? Und als die Großmutter Klara schließlich ihre Schatzkammer an althergebrachten, natürlichen Heilmitteln öffnete, war ich schwer beeindruckt. Wie bereits geschrieben, von mir gibt es wieder eine absolute Empfehlung und es macht mich sehr traurig, dass es das Ehepaar „Helene Sommerfeld“ bedingt durch den Tod von Ilona Maria Hilliges, dem weiblichen Part des Duos, nun nicht mehr gibt. Umso mehr freut es mich aber, dass die Trilogie rund um die Polizeiärztin Magda Fuchs aus der Feder der Beiden noch auf meinem SuB schlummert. Die werde ich nun wirklich bald mal zum Leben erwecken.

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