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Veröffentlicht am 26.03.2025

Solide Unterhaltung

Für Polina
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"Polina" ist in aller Munde und sofort in die Bestsellerlisten eingestiegen. Das hat mich sehr neugierig auf dieses Buch gemacht, sodass ich es unbedingt lesen musste.

Was schätze ich an Literatur?

1. ...

"Polina" ist in aller Munde und sofort in die Bestsellerlisten eingestiegen. Das hat mich sehr neugierig auf dieses Buch gemacht, sodass ich es unbedingt lesen musste.

Was schätze ich an Literatur?

1. Gute Geschichten mit tiefgründigen Charakteren, die eine nachvollziehbare Entwicklung durchmachen:

Hier kann das Buch einiges vorweisen: es gibt nachvollziehbare, gut voneinander unterscheidbare und überwiegend sympathische Charaktere, mit denen man mitfühlen und mitfiebern kann. Einige davon liebenswürdig unkonventionell:

- etwa die frech-selbstbewusste Mutter von Hannes, Fritzi Prager, die als Teenagerin locker-flockig nach Italien reist, dort mit einem deutlich älteren Mann schläft, schwanger wird und das alles auf die leichte Schulter nimmt und für alles unkonventionelle Lösungen findet - sehr sympathisch und inspirierend!

- Günes, die ebenfalls alleinerziehende Mutter wird, weil sie sich von ihrem gewalttätigen Partner getrennt hat, und die zufällig neben Fritzi auf der Geburtenstation liegt, und die trotz türkischer Herkunft ihrer Tochter den Namen "Polina" gibt, inspiriert von einer Figur in einem Roman von Dostojewski. Fritzis Sohn Hannes und Günes' Tochter Polina sind also am gleichen Tag geboren, liegen schon als Babys aneinandergekuschelt im Bett, werden große Teile ihrer Kindheit miteinander verbringen und beste Freunde werden... bis hin zu der unglücklichen Liebesgeschichte später.

- Hannes selbst, nicht sonderlich attraktiv, nicht gut in der Schule, nicht sehr groß, wirkt als Kind eher langsam entwickelt, aber ist hochsensibel, feinfühlig und musikalisch hochbegabt

- die freche, schlaue, mutige Polina

- Heinrich Hildebrand, ein alter Mann mit einem großen Herzen, bei dem die junge Fritzi und ihr Baby Unterschlupf und eine emotionale Heimat finden

Das sind die Hauptcharaktere aus etwa dem ersten Drittel des Buches und die sind wirklich sympathisch, originell und gut gezeichnet. Danach kommen weitere Charaktere dazu, die deutlich klischeehafter sind, etwa Hannes' Vater, den er als Teenager kennen lernt, und der es mit seinem Unternehmen zu einigem Reichtum gebracht hat, für den nur das Beste gut genug ist und der wenig Sensibilität zeigt. Oder, viel später in Hannes' Leben, seine Partnerin Leonie, eine Ärztin, die sich mit ihm, der zu dieser Zeit als Möbelpacker arbeitet, einlässt, aber ansonsten ein Klischeebild des Lebensstils eines gewissen Milieus verkörpert.

Daran zeigt sich schon: während ich anfangs das Buch total begeistert gelesen habe, hat es mich mittendrin ein bisschen verloren. Zu klischeehaft wurden die neuen Figuren, zu sehr hat sich Hannes jahrelang in seinem Elend gewälzt, keine wirklichen Bewältigungsversuche unternommen und sein selbstschädigendes Verhalten regelrecht zelebriert, während er sich insgeheim nach Polina gesehnt hat. Dazu sehr viele Wendungen, viele davon nicht sonderlich glaubhaft.

2. Eine besonders schöne Sprache:

Damit punktet dieses Buch nicht. Es ist sehr verständlich und zugänglich geschrieben, es liest sich leicht, aber besondere Sprachbilder weist es nicht auf.

3. Authentisch recherchierte Hintergrundinformationen zu sozialen Milieus:

Auch das weist dieses Buch nicht auf, es ist klar Unterhaltungsliteratur, und ich habe nicht das Gefühl, über irgendein soziales Milieu glaubhaft irgendetwas Neues gelernt zu haben.

4. Originelle neue Ideen oder Konzepte:

Hier mochte ich die Idee, das Wesen eines Menschen in eine Melodie oder sogar Symphonie fassen zu können, so wie Hannes das mit Polina und später mit anderen Menschen gemacht hat. Und auch die durchaus tiefgründigen Reflexionen dazu, dass solche Symphonien viele Menschen tief bewegen, auch wenn jede/r je nach persönlichen Erlebnissen anderes mit den Melodien verbinden wird.

5. Emotional berührt zu werden:

Auch hier punktet das Buch, und die tiefe Liebe von Hannes zu Polina und die Verbindung, die die beiden Menschen seit frühester Kindheit trotz aller deutlichen Wesensunterschiede miteinander teilen, und dieses Festhalten daran über Jahrzehnte, das hat mich sehr berührt.

Somit ist es durchaus zu Recht ein sehr sympathisches und lesenswertes Buch und eine schöne Liebesgeschichte, aufgrund der angeführten Kritikpunkte aber für mich eindeutig im Bereich der Unterhaltung zu verorten, und keine anspruchsvolle Literatur.

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Veröffentlicht am 21.03.2025

Auf in Richtung Zukunftsgeist: Geschichten, Ideen und praktische Übungen für mehr Mut zur Innovation

Radikal besser.
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Dr. Frederik G. Pferdt hat lange als Googles erster Innovationschef daran gearbeitet, in diesem Unternehmen noch mehr Raum für Kreativität, Innovation und Zukunftsgeist zu schaffen, berät Unternehmen zu ...

Dr. Frederik G. Pferdt hat lange als Googles erster Innovationschef daran gearbeitet, in diesem Unternehmen noch mehr Raum für Kreativität, Innovation und Zukunftsgeist zu schaffen, berät Unternehmen zu diesen Themen und lehrt an Universitäten.

Sein Buch "Radikal besser" ist eine Einladung, das eigene Leben und die eigenen Vorstellungen von der Zukunft zu hinterfragen und dabei zu üben, unkonventionell zu denken, neue Erfahrungen zu machen und sich für neue Blickwinkel zu öffnen. Gerade in Zeiten, in denen viele Menschen eher besorgt in die Zukunft schauen, ist so ein inspirierendes und Hoffnung machendes Buch sehr wertvoll.

Das Buch ist in insgesamt acht Kapitel geteilt. In diesen geht es um Themen wie "Radikaler Optimismus", "Grenzenlose Offenheit", "Unbedingte Neugier" oder Konstantes Experimentieren". In einem unterhaltsamen Erzählstil, angereichert mit Geschichten aus der Zeit bei Google und auch sonst aus seinem Leben, führt der Autor in diese Themen ein. Dabei gibt es viele praktische Beispiele und Impulse zum Experimentieren und selbst ausprobieren, welche Effekte eine kleine Veränderung auf das eigene Leben haben könnte. Zum Beispiel könnte man die eigene Berufslaufbahn unter einem neuen Blickwinkel betrachten, auch private Erfahrungen miteinbeziehen und mit Farben und Formen thematisch gliedern und so auf neue Erkenntnisse kommen. Oder man könnte üben, nicht mehr "Ja, aber...", sondern "Ja, und..." zu sagen, wenn jemand einen Vorschlag macht, und zu schauen, wie man basierend auf dem, was der andere beigetragen hat, gemeinsam etwas entwickeln kann. Oder bewusst durch eine Tür gehen und wahrnehmen, was die eigene Aufmerksamkeit erregt: die Atmosphäre im Raum, die Geräuschkulisse oder etwas anderes?

An diesen und weiteren Übungen merkt man, dass der Autor vielseitig interessiert und gebildet ist und zum Beispiel auch Erfahrung mit 10-tägigen Kursen in Schweigemeditation hat, so ist er neben seiner Expertise im Bereich Kreativität auch mit Themen wie Achtsamkeit und bewusster Wahrnehmung vertraut.

Insgesamt ist es ein wertvolles und spannendes Buch, das viele interessante Impulse zum Thema Kreativität liefert. Gefehlt haben mir dennoch an einigen Stellen die Quellenangaben: viele der Methoden und Übungen, die in diesem Buch vorgestellt wurden, gibt es schon lange in diversen therapeutischen Verfahren oder an anderer Stelle, und nicht immer wurden die Urheber genannt, auch das Quellenverzeichnis am Ende ist ziemlich mager. Das suggeriert fälschlicherweise, dass viele der Methoden von Google oder dem Autor erstmalig angewandt oder erfunden wurden, hier hätte ich mir mehr Respekt gegenüber den Quellen gewünscht, dafür ein Stern Abzug bei einem sonst empfehlenswerten und guten Buch.

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Veröffentlicht am 17.03.2025

Spannender literarischer Thriller mit Tiefgang

Der Gott des Waldes
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"Der Gott des Waldes", das neue Buch von Liz Moore, weckt schon von der Aufmachung her enorm hohe Erwartungen: in der gebundenen Ausgabe sehr hochwertig mit fast 600 dicken Seiten aus robustem Papier, ...

"Der Gott des Waldes", das neue Buch von Liz Moore, weckt schon von der Aufmachung her enorm hohe Erwartungen: in der gebundenen Ausgabe sehr hochwertig mit fast 600 dicken Seiten aus robustem Papier, mit einem geheimnisvollen Titelbild, einem See, über den ein rosafarbener Blutstrom rinnt, der sich sogar haptisch vom Rest des Buches abhebt. Dazu Lobpreisungen an verschiedenen Stellen auf dem Schutzumschlag, die von einem "literarischen Thriller der Spitzenklasse", einem "seltenen Juwel" und einem "Meisterwerk" sprechen. So ein Marketing lässt also ein ganz besonderes Buch erwarten. Ist es das?

Ich lese sehr gerne anspruchsvolle Literatur und gelegentlich mal den einen oder anderen Krimi oder Thriller, kenne also beide Genres. Viele Thriller sind mir zu banal konstruiert und haben wenig glaubwürdige, sehr stereotype Figuren. Davon hebt sich der "Gott des Waldes" durchaus wohltuend ab: es wird nicht nur einfach eine sehr spannende Handlung erzählt, sondern das Setting und die Figuren regen auch zum Nachdenken über die Zeit zwischen 1950 und 1975 in den USA, die Geschlechterrollen damals, soziale Ungleichheit und die mit Geld und Macht einhergehenden Privilegien und unfairen Vorteile an. Damit bietet das Buch deutlich mehr als ein einfacher Krimi oder Thriller und kann sich durchaus als literarisch bezeichnen.

Die Handlung spielt überwiegend im Sommer 1975, mit Rückblenden erzählt aus der Perspektive der 1950er und 1960er Jahre, um die Hintergründe und insbesondere die Entwicklungen einer Familie zu zeigen. Wir befinden uns in den Adirondacks Mountains, wo die vermögende Familie Van Laar ihren Sommersitz hat und außerdem, gemeinsam mit einer befreundeten Familie, ein Abenteuerferiencamp für Kinder betreibt, in dem diese den Sommer verbringen, Spaß und Unterhaltung haben, neue Freundschaften knüpfen können und lernen, wie man alleine im Wald überleben kann.

Die Familie Van Laar ist sehr reich, verschlossen und konservativ, und sie möchte genau ein Kind pro Generation haben, damit niemand das Erbe teilen müsse: am besten einen Jungen, Peter Van Laar, der erste, der zweite, der dritte und der vierte. Peter Van Laar I, der Gründervater, ist schon verstorben, doch mit seinem Sohn, Peter Van Laar II, mittlerweile ein alter Mann, dessen Sohn, Peter Van Laar III, einem Mann mittleren Alters, und wiederum dessen Sohn Peter Van Laar IV, genannt "Bear", einem Kind, leben zeitweise drei dieser Peters van Laar in der großen, aus der Schweiz hergeschafften und in den USA wieder aufgebauten Villa "Self-Reliance" am Rande des Feriencamps. Jeden Sommer wird das Fest "Blackfly Goodbye" gefeiert, bei dem sich alle gemeinsam darüber freuen, dass die Zeit der lästigen, blutsaugenden Kriebelmücke "Blackfly" für die Saison zu Ende geht, und zu dem all jene eingeladen werden, die die Familie als Freunde ansieht oder von denen sie sich geschäftliche Vorteile erhofft.

Frauen gibt es natürlich auch in der Familie, generationenlang als angeheiratete Gattinnen, blass und machtlos an der Seite der übermächtigen und manipulativen Peters. "Bear", der jüngste Peter, scheint aus der Reihe zu schlagen, alle haben ihn als freundliches, empathisches und zugewandtes Kind beschrieben... bis er leider auf tragische Weise im Wald verschwunden ist. Nach seinem Verschwinden brauchte es einen neuen Erben und Peter III und seine Gattin Alice machten sich an diese Zeugung desselben... doch diesmal wurde es ein Mädchen, Barbara. Ein sehr rebellisches, unabhängiges Mädchen, das sich nicht unterdrücken lassen will und sich gegen die lieblose Erziehung auflehnt. Mit 12 oder 13 Jahren möchte Barbara auch am Feriencamp teilnehmen und es wird ihr gewährt - die Eltern sind froh, sich mit der rebellischen Tochter mal einen Sommer weniger herumschlagen zu müssen. Doch gegen Ende des Feriencamps verschwindet auch sie im Wald.

Dieses Buch hat einige sehr interessante Charaktere. Besonders gemocht habe ich die unangepasste und trotz all ihrer Kindheitsverwundungen selbstbewusste und ihren eigenen Weg gehende jugendliche Barbara. Weitere interessante Figuren sind Tessie Jo, genannt "T.J.", die ebenfalls nicht den Geschlechternormen der damaligen Zeit entspricht, wild und frei ist, sich androgyn kleidet, nicht heiraten will und ihren Weg geht. Sie hat das Glück, von ihrem Vater die Campleitung übertragen bekommen zu haben und damit eine Aufgabe und ein Einkommen zu haben. Außerdem gibt es Judyta, eine junge Ermittlerin polnischer Abstammung, die es als eine der wenigen Frauen bei der Polizei nicht leicht hat, aber auch mutig ihren Weg gibt. Tracy, eines der Ferienkinder, die sich mit Barbara anfreundet und diese bewundert. Oder Louise, mit schwierigem familiärem Hintergrund, die im Camp als Sommerbetreuerin arbeitet und sich um die Zukunft ihres jüngeren und von der Mutter vernachlässigten Bruders sorgt. Alice, die Frau von Peter III, eine wenig selbstbewusste Frau, die von ihrem Mann und dessen mächtiger Familie unterdrückt wird und sich in eine psychische Erkrankung und die Einnahme von Medikamenten flüchtet.

Das sind nur einige der Figuren, die wir in diesem umfangreichen Buch sehr genau kennen lernen, denn es wird abwechselnd aus der Perspektive verschiedener Charaktere erzählt. Dadurch, dass somit Perspektive und Erzählzeit wechseln, bekommen wir einen sehr vielschichtigen, umfassenden Einblick in die Welt des Buches. Es werden insbesondere ganz verschiedene Frauenfiguren gezeigt, die jeweils mit den Normen und Beschränkungen ihrer Zeit zu kämpfen haben und sich ganz unterschiedlich dazu positionieren. Aus männlichen Perspektiven wird nur selten erzählt - wenn ich nichts vergessen habe, gibt es nur einen männlichen Protagonisten, dessen Sicht wir lesend kennen lernen können: Carl, der im Camp arbeitet, dem jungen Bear viel beibringt und ihn als letzter vor dessen Verschwinden gesehen haben soll. Es könnte sein, dass das Buch mit dieser Darstellung eher weibliche als männliche Lesergruppen anzieht. Ach ja, und Jacob, einen verurteilten Frauenmörder, der aus dem Gefängnis ausgebrochen und auf dem Weg in diese Gegend ist, und der aus dessen Perspektive ganz selten zwischendurch auch erzählt wird.

Es ist keineswegs offensichtlich, was mit Bear und mit Barbara geschehen ist, und bis zum Ende des Buches gibt es so einige spannende Überraschungen, die sich aber durchaus plausibel in die Handlung einfügen. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass für klassische Thriller-/Krimi-Lesende die Handlung etwas zu langsam voranschreitet bzw. sich in zu vielen Nebenaspekten verliert... um dieses Buch zu mögen, sollte man sich schon für mehr interessieren als für die Spannungsaspekte alleine (obwohl das Buch sich durchaus sehr spannend liest) und auch die sozialen Hintergründe interessant finden.

Es ist ein gutes Buch, ein solider literarischer Thriller, den ich sehr gerne gelesen habe und der mir neben Unterhaltung auch Aspekte zum Nachdenken geboten hat. Sehr geschätzt habe ich auch die leserfreundliche und hochwertige Gestaltung des Buches: so gibt es etwa eine Übersichtskarte des Camps und außerdem am Anfang der Kapitel Zeitleisten, die die Orientierung, wo wir uns zeitlich gerade in der Handlung befinden, sehr erleichtern.

Für ein 5-Sterne-Buch fehlt mir dennoch ein bisschen etwas. Insbesondere in der Auflösung und Verbindung der Handlungsstränge am Ende gab es Aspekte, die ich in Bezug auf die vorherige Figurenzeichnung und -entwicklung nicht sonderlich plausibel gefunden habe, dafür einen Stern Abzug (inhaltlich mehr dazu zu erwähnen würde spoilern). Dennoch insgesamt ein wunderschön gestaltetes, unterhaltsam und spannend geschriebenes und lesenswertes Buch.

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Veröffentlicht am 28.02.2025

Stellenweise langatmige Geschichte einer sehr reichen Familie

Die Fletchers von Long Island
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Die Fletchers, eine jüdische Familie auf Long Island, haben richtig viel Geld. Selbst in der reichen Gegend auf Long Island, auf der sie wohnen, stechen sie noch durch ihren besonderen Reichtum unter den ...

Die Fletchers, eine jüdische Familie auf Long Island, haben richtig viel Geld. Selbst in der reichen Gegend auf Long Island, auf der sie wohnen, stechen sie noch durch ihren besonderen Reichtum unter den anderen Familien hervor.

Dabei ist Gründungsvater Zelig Fletcher mit nichts als einer Formel zur Herstellung von Styropor in den 1940er Jahren mit dem Schiff nach Amerika geflüchtet, hat es hier aber mit Intelligenz, Taktik und Glück zu einem wahren Vermögen gebracht. Sein Sohn Carl wächst also schon reich auf, dessen Frau Ruth heiratet in die reiche Familie ein, und die beiden bekommen drei Kinder: Nathan, Bernard ("Beamer") genannt und Jenny. Während der Schwangerschaft mit Jenny wird Carl entführt und fünf Tage gefangen gehalten, bis es durch die Zahlung von Lösegeld gelingt, ihn scheinbar ohne dauerhafte Schäden freizubekommen. Aber nur scheinbar... sowohl Carls Psyche als auch die seiner Frau und der Kinder werden durch diese Erfahrung lebenslang beeinträchtigt sein, wie man im weiteren Verlauf des Buches mitbekommt.

Das Buch beginnt mit der Schilderung der Entführung und der Versuche der Familie, Carl zu finden und schließlich freizubekommen. Schon da lernen wir das sehr reiche Umfeld der Familie, inklusive einer Selbstverständlichkeit zu Schönheitsoperationen, kennen.

Danach widmet sich je ein knappes Drittel des sehr umfangreichen Buches je einem der drei Kinder von Carl und Ruth: zuerst geht es um Beamer, dann um Nathan und schließlich um Ruth. Beamer ist ein erfolgloser Drehbuchautor, der in jedem Drehbuch die Entführung seines Vaters reinszenieren möchte, indem es immer nur um Entführungen geht. Verheiratet ist er mit Noelle, einer Nicht-Jüdin, was seiner Mutter ein Dorn im Auge ist, und die beiden haben miteinander zwei Kinder, die ausgerechnet Liesl und Wolfi heißen. Treu ist er aber nicht, er hat diverse Affären und geht außerdem wöchentlich zu einer Domina und nimmt Drogen.

Nathan ist Anwalt, aber ebenfalls als solcher nicht sonderlich erfolgreich und zum Partner wird er es wohl nie schaffen. Er ist ebenfalls verheiratet und hat nach Intervention der Kinderwunschklinik mit seiner Frau nach langem Probieren doch noch zwei Kinder bekommen. Geprägt ist sein Leben von starken Ängsten und dem Wunsch, absolut alles unter Kontrolle zu haben und abzusichern, so schließt er etwa eine Unzahl an Versicherungen ab.

Und dann gibt es noch Jennifer, die jüngste und in der Schule als hochbegabt und Wunderkind gehyped, die aber im Studium daran scheitert, sich festzulegen und für ein Fach zu entscheiden, sehr einsam ist und schließlich bei der Gewerkschaft arbeitet, um ihre inneren Schuldgefühle aufgrund ihrer privilegierten Herkunft zu bekämpfen.

Drei verkorkste, im Leben wenig erfolgreiche, reiche Kinder also, die mit viel innerem Ballast zu kämpfen haben und die wir in diesem Buch ausführlich kennen lernen. Und was passiert eigentlich mit diesen erwachsenen Kindern und ihrem Leben, wenn überraschend der finanzielle Wohlstand nicht mehr durch die Mittel der Familie gesichert ist?

Das Buch bietet einigen Stoff zum Nachdenken über soziale Ungleichheit, Klasse und darüber, was es psychologisch mit Kindern macht, sehr privilegiert aufzuwachsen. Die Entführung Carls habe ich eher nur als Aufhänger wahrgenommen - viel von der psychologischen Dynamik der Familie hätte sich problemlos auch ohne diese erzählen und erklären lassen können, alleine durch das so privilegierte Aufwachsen der Kinder und die anderen Familienthemen, die sich über Generationen ziehen, z.B. das Aufwachsen in Armut und sich selbst etwas schaffen bzw. das Einheiraten in eine reiche Familie mit deutlich ärmerem eigenem familiärem Hintergrund.

Denn das ist das übergreifende Thema des Familienromans: was macht es mit Menschen, so privilegiert aufzuwachsen? Wie wirkt es sich auf ihre Persönlichkeit, ihre Weltsicht, ihre Sozialbeziehungen aus? Und woran liegt es, dass so viele Kinder und Enkel aus sehr reichen Familien sich schwer tun, beruflich ihren Platz im Leben zu finden und sich für etwas zu entscheiden?

Mit diesen Hintergrundthemen ist es ein spannendes Buch. Allerdings hat es fast 600 Seiten, von denen man nach meiner Beurteilung locker ein Drittel kürzen hätte können, z.B. hätte ich die endlosen Schilderungen von Beamers Besuchen bei der Domina und seinem Drogen- und Medikamentenmissbrauch nicht in dieser Ausführlichkeit lesen müssen, genauso wie einiges andere - Verknappung und Reduktion auf das Wesentliche hätte diesem Buch also gut getan und dazu beigetragen, die Kernbotschaften prägnanter rüberzubringen und das Leseerlebnis interessanter zu gestalten.

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Veröffentlicht am 27.02.2025

Wie eine Katastrophe eine Familie zerstört

Der Junge
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Im Jahr 1980 ist in der kleinen Stadt Ortuella im spanischen Baskenland eine unvorstellbare Katastrophe passiert: in einer Schule ist es zu einer Gasexplosion gekommen, die 50 Kinder und drei Erwachsene ...

Im Jahr 1980 ist in der kleinen Stadt Ortuella im spanischen Baskenland eine unvorstellbare Katastrophe passiert: in einer Schule ist es zu einer Gasexplosion gekommen, die 50 Kinder und drei Erwachsene getötet haben. Dieser reale Vorfall wird im neuen Roman von Fernando Aramburu literarisch aufgearbeitet, dazu hat er eine der Hinterbliebenen befragt. Dieses Vorhaben ist nicht unumstritten, viele andere Hinterbliebene wollten nun nach 45 Jahren nicht, dass ihre Geschichte dermaßen in den Vordergrund rückt, und es gibt auch Protest gegen die geplante Verfilmung des Romans durch eine Netflix-Serie.

Vielleicht auch deshalb konzentriert sich der Roman sehr stark auf eine einzige Familie und lässt fast alles andere außen vor. Von den anderen trauernden Familien erfahren wir nichts, und auch nicht, ob sich diese in irgendeiner Weise miteinander ausgetauscht oder gegenseitig zur Seite gestanden sind.

Gleich am Anfang des Buches wird klar, dass die Katastrophe passiert ist, und schnell zeigt sich auch: der 6-jährige Nuco, Sonnenschein und Zentrum der Familie, hat nicht überlebt. Zuerst gab es noch Hoffnung, weil er nicht gleich zu den Toten gezählt wurde, sondern erst einmal ins Krankenhaus eingeliefert wurde, doch sein Gesicht war völlig zerstört und auch sein Körper hat aufgegeben, er ist im Krankenhaus gestorben.

Eine besonders enge Beziehung hatte der Großvater Nicasio zu Nuco. Oft hat er ihn in die Schule begleitet. Für Nicasio, der auch noch vor wenigen Jahren seine Frau an den Krebs verloren hat, ist der Tod seines Enkels eine unvorstellbare Katastrophe. So unvorstellbar, dass er sie gar nicht wahrhaben will und seine Bewältigung in der Leugnung sucht: er geht auf imaginierte Spaziergänge mit dem toten Enkel, unterhält sich mit ihm, als wenn er am Leben wäre, stellt in seinem eigenen Haus dessen ehemaligen Zimmer (das die Eltern los werden wollten, um nicht ständig an den Schmerz erinnert zu werden) originalgetreu nach, mauert dafür sogar ein Fenster zu und lebt mit dem vorgestellten "Geist" von Nuco an seiner Seite. Das ist berührend zu lesen und gleichzeitig schmerzhaft, man fühlt mit dem Großvater seine tiefe Verzweiflung.

Dann gibt es die Eltern des verstorbenen Jungen: Mariaje und José Miguel. Verliebt war Mariaje nie in José Miguel, sie hält ihn für gutmütig, aber langweilig, und hat sich aus Vernunftgründen und auf Rat ihrer Eltern als sehr junge Frau für die Ehe mit ihm entschieden. Die Ehe blieb einige Jahre kinderlos, erst dann kam Nuco, der ihr einziges Kind bleiben sollte, und den sie nun verloren haben. José Miguel schlägt nun nach dem Tod des Jungen vor, ein weiteres Kind zu zeugen... das wird erfolglos bleiben und es werden sich einige Abgründe auftun, die die Ehe der beiden, die ganze Familie und ganz besonders Mariajes Charakter in einem neuen Licht erscheinen lassen.

Mariaje, die Mutter der verstorbenen Jungen... trauert bestimmt auf ihre Weise und ist auch mit ihrer Perspektive stark ins Buch eingeflossen - für sie gab es wohl ein reales Vorbild, eine Hinterbliebene, die als alte Frau mit dem Autor die Geschichte geteilt hat. Sie ist eine sehr pragmatische Frau, die doch auch ihr eigenes Wohl und Überleben in den Vordergrund stellt... in manchem verständlich, insgesamt aber moralisch zumindest sehr ambivalent bis klar verwerflich (je nach eigenem moralischen Kompass und je nachdem, wie man es letztendlich nach der Lektüre des Buches beurteilt).

"Der Junge" ist kein entspannendes Buch. Es ist in vielen Strecken sehr hart, sich mit diesem harten Schicksalsschlag und all seinen Konsequenzen für die Familie auseinanderzusetzen. Gleichzeitig ist es ein wertvolles Buch und insbesondere die Trauer des Großvaters und das schrittweise Auseinander-Fallen der Familie nach dem Todesfall werden sehr berührend und authentisch gezeigt. Interessant ist auch, dass der Autor immer wieder kleine Abschnitte eingefügt hat, die "aus der Perspektive des Buches" seine Überlegungen während des Schreibprozesses zeigen.

Etwas hat mir aber gefehlt, um das Buch wirklich rund zu machen: vielleicht vielfältige Perspektiven auch anderer Betroffener, und insgesamt lag für mich etwas zu sehr der Fokus auf der moralisch sehr ambivalenten Figur der Mariaje, deshalb 4 Sterne von 5.

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