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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.08.2025

»Und so tun wir das, was wir immer tun: Wir begegnen der Brutalität der Welt, indem wir sie ignorieren.«

Am Grund des Himmels
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»Und so tun wir das, was wir immer tun: Wir begegnen der Brutalität der Welt, indem wir sie ignorieren.«

Claire hat eigentlich alles, was sie sich je gewünscht hat. Sie arbeitet bei einem großen, angesehenen ...

»Und so tun wir das, was wir immer tun: Wir begegnen der Brutalität der Welt, indem wir sie ignorieren.«

Claire hat eigentlich alles, was sie sich je gewünscht hat. Sie arbeitet bei einem großen, angesehenen Unternehmen und das, obwohl sie aus eher ärmlicheren Verhältnissen kommt. Ihre Gedanken beschäftigen sich mit ihrem neuen Leben und lassen ihre Herkunft gewissermaßen hinter sich. Eines Tages jedoch öffnet sie die Luke über dem Bürotrakt und steigt aufs Dach. Dort genießt sie den Blick, der ihr jedoch schnell bewusst macht, welches Leben sie aktuell lebt. Claire bleibt auf dem Dach. Auch als ein Sturm aufzieht, entschließt sie sich dort oben zu übernachten. Der Wind, der um sie fliegt, lässt sie über alles Nachdenken. Ist das noch ihr Leben, das sie leben möchte? Und was hat eigentlich ihr Job aus ihr gemacht? Ganz sicher eine Frau, die sie nie sein wollte.
Als sie am nächsten Morgen durch die Luke steigen möchte, sieht sie, dass sie zugefallen ist…

Wie bereits in Navarros erstem Roman findet sich eine Protagonistin an einem entlegenen Ort wieder, diesmal auf dem Dach während eines Unwetters.
Mit gewohnter sprachlicher Wucht und zugleich auf poetische Art und Weise kommt der Text daher. Er zieht die Leserinnen in den Bann, irritiert und verwirrt sie und reflektiert das Leben der Protagonistin, als Einladung zum Abwägen des eigenen Lebens und dessen Umstände. Man spürt nicht nur ihren Schmerz und die zurückgehaltene Wut, sondern meint den Sturm auf der eigenen Haut zu erahnen und ist schockiert über die Gleichgültigkeit ihrer Kolleginnen.
Auch wenn ihr Debütroman schon komplex war, ist ihr zweiter Roman es nochmal in gesteigerter Form. Man muss sich auf den Text einlassen, ihn genau und sogar stellenweise mehrmals lesen, doch man wird belohnt. Tut man das, erlebt man einen Roman, der einen fordert und zum Nachdenken animiert, wie man ihn nur selten liest, wenn auch ihr neues Buch für mich nicht ganz an „Über die See“ heranreicht, das mich wirklich dermaßen begeistert hat!

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Veröffentlicht am 27.08.2025

»Zu lange habe er in den Büchern gelebt, ein Fehler, er sei dem Leben so aus dem Weg gegangen.«

Botanik des Wahnsinns
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»Zu lange habe er in den Büchern gelebt, ein Fehler, er sei dem Leben so aus dem Weg gegangen.«

Alles beginnt damit, dass bei der Zwangsräumung der Wohnung seiner Mutter die Sachen von Wert mit den nutzlosen ...

»Zu lange habe er in den Büchern gelebt, ein Fehler, er sei dem Leben so aus dem Weg gegangen.«

Alles beginnt damit, dass bei der Zwangsräumung der Wohnung seiner Mutter die Sachen von Wert mit den nutzlosen verwechselt wurden und alles, was ihm nun bleibt, Nichtigkeiten aus dem gemeinsamen Leben sind. Nichtigkeiten, aus bewegten Leben, die alle ihre eigenen Kämpfe zu bestreiten hatten. Seien es seine Eltern oder gar Großeltern – sich selbst nicht ausgenommen. Der Vergangenheit zugewandt erzählt der Protagonist Leon von seiner Familie, von Suizid, Abhängigkeiten und der stetigen Hoffnung auf ein besseres Leben. In seinen Erinnerungen begegnet er sich selbst und seiner größten Angst, auch so zu enden, sodass am Ende von ihm nichts bleibt – mit Ausnahme eines Haufens von Nichtigkeiten.

Voller Schmerz, Sorge und aufkeimender Hoffnung hinsichtlich der Familie, die doch immer mehr in Hoffnungslosigkeit umschlägt, erzählt der Protagonist seine eigene Geschichte und zugleich die seiner gesamten Familie. Selten habe ich ein derartiges Buch gelesen, mit so vielen klugen Sätzen, in denen man sich selbst wiederzufinden scheint und die einen auf unverhoffte Weise mehr berühren, als sie es vielleicht sollten.
Jedoch fiel es mir schwer, allen einzelnen Schicksalen zu folgen, einfach weil bei jedem Einzelnen so viel bei passiert und man schnell den Überblick hinsichtlich der Handlung und den erwähnten Figuren verliert. Der Hauptstrang – das Leben des Protagonisten selbst – führte die ausschweifenden Handlungen wieder zusammen und machte deutlich, dass man wahrscheinlich gar nicht alles verstanden haben muss, sondern diese Überforderung an Schicksalen, mit welcher der Protagonist konfrontiert wird, auf die Leser*innen übergehen soll.
Besonders gelungen fand ich die essayistischen Einflechtungen über Literatur, Philosophie und Psychologie.
Der Autor wollte mit seinem Buch viel – vielleicht zu viel? – und hat es auch damit erreicht, denn ganz sicher wird man so ein Buch selten nochmal zu lesen bekommen.

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Veröffentlicht am 18.08.2025

»Wir beuten aus, was geht. Ist nur die Frage, um welchen Preis.«

Kurilensee
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»Wir beuten aus, was geht. Ist nur die Frage, um welchen Preis.«

Schon seit mehreren Jahren ist die dreißigjährige Anna von Mai bis September teil eines Forschungsteams am Kurilensee, um den Lachsbestand ...

»Wir beuten aus, was geht. Ist nur die Frage, um welchen Preis.«

Schon seit mehreren Jahren ist die dreißigjährige Anna von Mai bis September teil eines Forschungsteams am Kurilensee, um den Lachsbestand zu bestimmen und die dortigen Wasserverhältnisse sowie Lebensbedingungen für die Fische zu überprüfen. Aufgrund des Klimawandels und kommerzieller Überfischung ist die Lachspopulation schwindend.
Das Team der Forschungsstation besteht aus ganz verschiedenen Persönlichkeiten, was ein Zusammenleben über den Zeitraum und solch einer Abgeschiedenheit nicht eben leichter, aber für uns Leser*innen ansprechender macht. Noch dazu die wilde Natur Kamtschatkas um sie herum. Glücklicherweise ist auch ihr Partner Vova dabei.
In diesem Jahr soll zudem abgewägt werden, ob eine Düngung des Sees ratsam sei oder ob dies die vorherrschenden Begebenheiten nur noch verschlimmern würde…

Die Autorin Sophia Klink verwebt in dieser Geschichte viel biologisches, geografisches und anatomisches Wissen, was den Roman meiner Meinung zwar ein bisschen trockener macht, aber die erzählende Perspektive um eine wissenschaftliche ergänzt, aus der man viel mitnehmen kann. Dementsprechend empfand ich, je mehr ich von dem Buch las, den Stil stellenweise sehr distanziert und manchmal fast journalistisch.
Andererseits wird in vielen knappen, sanft dahinplätschernden und oft poetisch anmutenden Sätzen viel geschildert. Sei es betreffend gelungener Landschaftsbeschreibungen, der meist nicht sichtbaren Magie der Natur und der Wildnis Kamtschatkas oder hinsichtlich des Alltags der Forschungsstation.
Besonders viele innere Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonistin Anna werden präzise herausgearbeitet.

Auf leise Art überzeugt dieser idyllische Roman durch viele Zwischentöne, das Sichtbarmachen von sonst Unsichtbarem und einem – manchmal zu – ruhigen aber dennoch überzeugten Weckruf für ein aktives Handeln, nicht nur den Kurilensee betreffend.

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Veröffentlicht am 05.05.2025

Der zweite Fall für Mann & Müller

Unheimliche Gesellschaft
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»Er spürte, dass mit seiner Person zugleich der Humanismus, für den er stand, diese höhere deutsche Idee für das Bessere und Anständige und Wahre, verbannt worden war.«

Das Ermittler-Duo Mann & Müller ...

»Er spürte, dass mit seiner Person zugleich der Humanismus, für den er stand, diese höhere deutsche Idee für das Bessere und Anständige und Wahre, verbannt worden war.«

Das Ermittler-Duo Mann & Müller schlägt zurück.
Es ist Herbst 1933. Die Manns kehrten nach einer Vortragsreise nicht mehr zurück nach Deutschland, sondern wohnen nun in der sog. neutralen Schweiz. An eine Rückkehr nach Deutschland ist nicht zu denken.
Als der litauische Übersetzer Žydrūnas Miuleris nach längerer Funkstille ein beunruhigendes Telegramm von Thomas Mann bekommt, macht er sich sofort auf den Weg nach Zürich. Was ihn dort erwartet, enttäuscht ihn zuerst, denn dort gibt es ausschließlich Probleme mit Katia Manns nicht eben ungefährlichen Autofahrkünsten.
Doch der Schein trügt. Was Žydrūnas zuerst als harmlose Banalität erscheint, entpuppt sich als ernst zu nehmende Gefahr für alle Beteiligten und hält sogar ein unvorhergesehenes und nicht eben wünschenswertes Wiedersehen mit einem Bekannten aus Nidden bereit.

Auch der zweite Fall des Ermittlerduos hat mir gut gefallen, jedoch sollte man auch hierbei keinen spannenden Krimi erwarten. Diesmal gingen mir manche Sachen auch zu schnell, bzw. bestimmte Geschehnisse und auflösende Situationen erschienen mir etwas unlogisch. Trotz dessen ist dieser Krimi eine gelungene Mischung aus Fiktion und Realität in brisanten Zeiten, die sich zu lesen lohnt.

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Veröffentlicht am 26.03.2025

Eine aufschlussreiche Lektüre

Amerikas unwahrscheinlicher Sieg
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„We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“

Der ...

„We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“

Der Beginn der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten vom 04. Juli 1776 ist neben der sog. Boston Tea Party das einzige, was ich noch aus meiner Schulzeit über die Entstehung der Vereinigten Staaten von Amerika wusste. Anlass genug, um sich mit dem Buch tiefer in das Geschehen der Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zu begeben.
Wie komplex die vielen Auseinandersetzungen, Angriffe und Belagerungen zwischen den dreizehn Kolonien und der britischen Kolonialmacht innerhalb des acht Jahre währenden Kriegs waren, war mir nicht bewusst. Mit fortschreitender Lektüre entstehen dann auch vermehrt Parallelen zu anderen gleichzeitig stattfindenden gesellschaftlichen Ereignissen.
Zudem erfährt man neben dem Kriegsgeschehen auch einiges über die wichtigsten Gründerväter der USA.

Auf jeden Fall ist es geglückt, mehr über diese spannende Thematik und Amerikas Weg zur Unabhängigkeit zu erfahren. Dennoch war das Buch zugleich eine relativ anspruchsvolle Lektüre, insbesondere wenn man sich noch so gar nicht mit den Ereignissen auskennt.
Gleich der Anfang hat mich überfordert, da mir die vielen Namen großteils noch überhaupt nichts gesagt haben und das Buch direkt ins Geschehen eingestiegen ist.
Das soll nicht heißen, dass es kein gutes Buch war, ganz und gar nicht. Es ist bloß für Laien, wie ich es einer bin, bedingt zu empfehlen, da ein gewisses Vorwissen durchaus von Vorteil ist.

Auch wenn das Buch mich wirklich gefordert hat, gibt es wahrscheinlich kein besseres und detailliertes Überblicksbuch über Amerikas Weg zur Unabhängigkeit, welches ergänzend noch einige Bilder der wichtigsten Ereignisse enthält.

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