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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.02.2024

Lil‘s geniale Rache

Lil
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Sarah erzählt die Geschichte ihrer Ur-Ahnin Lillian Cutting, die Ende des 19. Jahrhunderts eine erfolgreiche, intelligente und selbstbewusste Unternehmerin war. Für die damalige Bevölkerung New Yorks und ...

Sarah erzählt die Geschichte ihrer Ur-Ahnin Lillian Cutting, die Ende des 19. Jahrhunderts eine erfolgreiche, intelligente und selbstbewusste Unternehmerin war. Für die damalige Bevölkerung New Yorks und auch für ihren eigenen Sohn Robert war Lil etwas zu unabhängig für diese Zeit und so geschah es, dass sie unter einem heimtückischen Vorwand in einer Psychiatrie behandelt wurde. Dort wurde ihr Schreckliches angetan, doch Lil beschloss, sich zu rächen.


Ich habe den knapp 240 Seiten schlanken Roman geradezu verschlungen. Die Erzählerin Sarah berichtet so grandios sarkastisch von ihrer Familiengeschichte, dass ich schon nach wenigen Seiten mit Haut und Haaren von ihr gefangen war. Die absolute Krönung ist ihre Gesprächspartnerin Miss Brontë, womit der Autor zu 100 % meinen Geschmack getroffen hat.

Das Buch beinhaltet so viele weiblich gelesene Charaktere, in die man sich nur verlieben kann. Für die damalige Zeit sind Lil, Libby, Eve und Colby so fantastische Vorbilder, dass ich einfach nur dahingeschmolzen bin. Sie bieten ihren Widersachern auf so raffinierte Weise die Stirn, dass ich gerne mehrfach laut gejubelt hätte.

Dass ausnahmslos alle Psychiatrien, Psychotherapeut:innen und stationäre Einrichtungen für psychische Erkrankungen im Roman „Lil“ sehr schlecht wegkommen, ist ein bisschen schade und mein einziger Kritikpunkt.

Mein absolute Highlight war schließlich die Gerichtsverhandlung. Der Richter Stamford Brook ist dabei zur Höchstform aufgelaufen und hat so heroisch alle Scheusale und alle Ungerechtigkeiten diskreditiert, dass ich bei seiner Urteilsverkündung Gänsehaut bekam und beinahe ein Freudentränchen verdrücken musste.

Vom Sprachstil des Autors bin ich sehr beeindruckt. Es gelingt ihm dadurch, den Roman so mitreißend und amüsant zu gestalten, dass das Lesen für mich zur wahren Freude wurde. Ich kann das Buch unbedingt empfehlen, wenn du Lust hast auf geniale Rachefeldzüge, exzellenten Sarkasmus, Kreativität und Genugtuung en masse.

Veröffentlicht am 04.01.2026

Idylle pur - oder nicht?

Landleben
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Rivka und Esse ziehen aufs Land. Am Rand des Maisfelds liegt ihr neues Heim. Es gibt einen Garten mit einer schattenspendenden Platane und mit einem Gartenhaus. Während sich Rivka das Gartenhaus zum Schreiben ...

Rivka und Esse ziehen aufs Land. Am Rand des Maisfelds liegt ihr neues Heim. Es gibt einen Garten mit einer schattenspendenden Platane und mit einem Gartenhaus. Während sich Rivka das Gartenhaus zum Schreiben einrichtet, fühlt sich Esse bei der Gartenarbeit so wohl, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Schon bald wird die Idylle getrübt. Anfeindungen, ein Wanderweg, die unüberwindbare Schreibblockade, eine Psychaterin, die sich in die Beziehung drängt.

🌾

Der Roman hat sich wunderbar in meine zappelige Gedankenwelt eingefügt. Völlig unerwartet ergaben sich neue Schauplätze, skurrile Charaktere tauchten auf. Situationen erforderten schnelles Handeln, wurden anschließend überdacht, neu beleuchtet, hinterfragt. Damit konnte ich mich super identifizieren.

Ein bisschen wuselig ist die Handlung also und super spontan. Und alles ist ausgekleidet mit Sarkasmus und ein bisschen Genugtuung - eben absolut menschlich.

Auch ernste Themen werden auf diese Weise enttabuisiert, was mir sehr gut gefallen hat. Die mentale Gesundheit spielt bei vielen verschiedenen Figuren eine Rolle, in völlig unterschiedlichen Ausprägungen. Die Autorin zeigt, wie wichtig es ist, sich damit zu beschäftigen und einen ganz individuellen Weg zu finden.

Vor dieser Herausforderung stehen auch die beiden Hauptcharaktere. Sowohl Rivka als auch Esse sind auf der Suche nach sich selbst, nach ihrem Glück und überaus sympathisch, ich habe beide sehr gemocht - gerade weil sie so gegensätzlich handeln, lieben, leiden.

Ich empfehle „Landleben“ sehr gerne, vor allem weil die Handlung so unvorhersehbar war. Viele Romane handeln von der Flucht aus der Stadt in die Natur - dieser gibt dem Thema mal eine völlig neue Facette. Wir dürfen miterleben, dass nicht jeder Mensch dafür geschaffen ist und dass es okay ist, zu scheitern.

Wer nach hübscher Landidylle sucht, ist mit diesem Roman vielleicht nicht ganz glücklich. Wer aber nach schonungsloser Ehrlichkeit und ganz viel Authentizität sucht, umso mehr. Ich fand‘s klasse!

Veröffentlicht am 29.07.2025

Zwischen Sehnsucht und Selbstverlust

Women
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Die Ich-Erzählerin zieht nach einem Entzug nach New York und verliebt sich dort zum ersten Mal in eine Frau. Finn ist 19 Jahre älter und lebt in einer festen Beziehung. Es entwickelt sich eine Affäre, ...

Die Ich-Erzählerin zieht nach einem Entzug nach New York und verliebt sich dort zum ersten Mal in eine Frau. Finn ist 19 Jahre älter und lebt in einer festen Beziehung. Es entwickelt sich eine Affäre, die schnell aus dem Gleichgewicht gerät.



Zwischen bibliothekarischer Routine und emotionaler Eskalation entfaltet sich ein Sog aus Abhängigkeit, Verlangen und Selbstverlust. Die Beziehung ist ein ständiger Drahtseilakt: erst Nähe, dann Rückzug und dann folgt wieder das nächste Hoch. Aber Finn bleibt ungreifbar – sie ist zwar irgendwie immer da, aber nie ganz. Und die Erzählerin zerreibt sich daran. Das Buch schwankt zwischen Extremen und schnell wird klar, wie man sich eine toxische Beziehung vorstellen kann.

Die Sprache ist schlicht und direkt mit kurzen Kapiteln, die wie Ausschnitte aus einem Tagebuch wirken. Dadurch entsteht Nähe mit der Protagonistin, wobei es weniger um eine klassische Handlung geht, sondern mehr um ihr Innenleben – um Orientierung, Verlust und das schwierige Ringen um Klarheit in einer komplexen Beziehung.

Wer eine romantische, queere Liebesgeschichte erwartet, wird hier nicht fündig. Women zeigt vielmehr die Realität einer einseitigen, verletzenden Beziehung – ehrlich, konsequent und ohne Beschönigung. Auch wenn manche Klischees nicht ganz vermieden werden, hat mich die emotionale Offenheit immer wieder gekriegt.

Das Buch hinterlässt zwischendurch und auch am Ende ein Gefühl der Besorgnis. Die Ich-Erzählerin kämpft mit Depressionen und Drgenkonsum, was das Leseerlebnis zusätzlich aufwühlt. Dennoch glaube ich, fast jeder von uns kann sich an manchen Passagen auch an eigene negative Beziehungs-Erlebnisse erinnern – und auch nach vielen Jahr(zehnt)en hilft es ein kleines bisschen bei der Aufarbeitung.

Veröffentlicht am 01.04.2025

Wohin der Fluss uns trägt

Stromlinien
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Die Elbe, die Zwillinge und die Gefängnisinsel. Achtunddreißig Jahre Haft, siebzehn Jahre Schweigen.

Die Elbmädchen Enna und Jale warten sehnsüchtig auf die Haftentlassung ihrer Mutter Alea. Denn bei ...

Die Elbe, die Zwillinge und die Gefängnisinsel. Achtunddreißig Jahre Haft, siebzehn Jahre Schweigen.

Die Elbmädchen Enna und Jale warten sehnsüchtig auf die Haftentlassung ihrer Mutter Alea. Denn bei Oma Ehmi herrscht vor allem Stille. Doch am Morgen, an dem die Familie endlich zusammenfinden soll, kommt alles anders. Eine Familiengeschichte, die 1923 beginnt, durchströmt uns mit 100 Jahren Höchstspannung und verästelten Ereignissen, die alle miteinander verbunden sind - genau wie die Mädchen mit der Marsch.

⛵️

„Die Stromlinienform ist die ideale Form eines Körpers, die sich durch einen möglichst geringen Strömungswiderstand gegenüber dem […] Medium Wasser auszeichnet.“ (𝘞𝘪𝘬𝘪𝘱𝘦𝘥𝘪𝘢)

Gemäß der Definition trifft der Titel perfekt auf Jale zu. Anpassung und Höflichkeit, ja nicht anecken - so geht Jale lange Zeit gut durchs Leben. Ihre Zwillingsschwester Enna ist das Gegenteil und eine der wichtigsten Figuren des Romans. Die Rebellion, die sie verkörpert, bringt die Wellen und Strömungen in die Elbe. Doch ob die Schwestern ihrem Muster treu bleiben werden?

Ennas Perspektive wechselt sich mit anderen Familienmitgliedern ab und so reisen wir zusammen durch die Zeit, durch die Elbmarschen und mit Schiffen und Booten über die Gewässer.

Als Lesende werde ich schnell zur Detektivin und möchte tatkräftig mithelfen, die Mysterien zu klären. Dass der Roman über 500 Seiten umfasst, merke ich nur an der enormen Breite der Thematik und an den vielen Nebenflüssen und -flüsschen. Denn gelesen habe ich „Stromlinien“ tatsächlich in nur zwei Tagen - an Spannung mangelt es keineswegs.

Ich bin nicht ganz sicher, ob die vielen Perspektiven und Handlungsstränge zwingend nötig waren. Denn die Mystik der Marschen in Verbindung mit den tollen Schwestern und der Naturnähe hätten die Geschichte bereits wunderbar erzählt. Dennoch habe ich den Roman sehr gerne gelesen und mochte vor allem die spannenden Charaktere und den enormen Sog, der „Stromlinien“ ausmacht. Eine Leseempfehlung von mir!

Veröffentlicht am 04.01.2025

Von Kristallskorpionen und Wiewölfen

Das Einhörnchen, das rückwärts leben wollte
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Ich habe mich mal in ein eher fremdes Genre gewagt und wollte schauen, was es mit den Büchern von Walter Moers auf sich hat. Entschieden habe ich mich für das neueste Werk - ein ganz schlankes, bestehend ...

Ich habe mich mal in ein eher fremdes Genre gewagt und wollte schauen, was es mit den Büchern von Walter Moers auf sich hat. Entschieden habe ich mich für das neueste Werk - ein ganz schlankes, bestehend aus 20 sogenannten Flabeln: Kurze Geschichten, die sich irgendwo zwischen Fabel, Märchen und Parabel einordnen lassen. Und bei den meisten muss man ein bisschen schmunzeln.

🐿️

Wir reisen zusammen nach Zamonien, wo schon viele andere Bücher von Moers spielten. Da wäre zum Beispiel das titelgebende Einhörnchen, das beschließt, sein Leben rückwärts zu leben – eine Auseinandersetzung mit dem Wunsch, den Tod zu überlisten. Oder die Begegnung zwischen Biber und Kristallskorpion mit einem wirklich unerwarteten Ausgang.

Nachhaltig beeindruckt hat mich, dass Moers es schafft, mit wenigen Worten ganz neue Universen zu erschaffen, mich zum Lachen zu bringen und im nächsten Moment mit einem bitteren Nachgeschmack zurückzulassen. Diese Phantasie, mit welcher zum Beispiel ein Schuhu zum Leben erwacht, ist wirklich phänomenal.

Geschrieben sind die Flabeln in einfacher Sprache, sodass sie sich für einen ganz gemütlichen Leseabend eignen. Und trotzdem fordert uns jede Geschichte dazu auf, über uns selbst nachzudenken: über Mut, über Scheitern, und ganz oft fühle ich mich ertappt, aber auf eine sympathische Weise.

Bei all der zamonischen Magie war das Buch für mich ein netter Ausflug in eine andere Welt, mit bleibenden Eindrücken. Jedoch hat es mich nicht unbedingt dazu animiert, die weiteren Werke unbedingt lesen zu wollen. Aber das ist - wie so häufig - eben Geschmacksache.

Dennoch ist „Das Einhörnchen, das rückwärts leben wollte“ eine unterhaltsame Sammlung, die mit Witz und ganz viel Weisheit überzeugt. Das Highlight sind für mich übrigens die wundervollen Illustrationen, die den magischen Wesen ein niedliches Gesicht verleihen. Diese haben mich wirklich verzaubert!