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Veröffentlicht am 18.04.2025

Spannend, bewegend und erhellend

Mondbad
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Eine Frau am Boden. Sie hat starke Schmerzen, will aufstehen, kann nicht. Hinter ihr rauscht die See. Vor ihr steht ein Mann, seine stinkenden Schuhe direkt vor ihrer Nase. Er lässt sein Nokia fallen, ...

Eine Frau am Boden. Sie hat starke Schmerzen, will aufstehen, kann nicht. Hinter ihr rauscht die See. Vor ihr steht ein Mann, seine stinkenden Schuhe direkt vor ihrer Nase. Er lässt sein Nokia fallen, trifft ihre Schläfe, hebt es auf ohne sie zu berühren, zittert, stottert ins Handy. Sie denkt an ihre Ahnen.

Tertulien ritt von Dorf zu Dorf, demonstrierte, lässig im Sattel sitzend, Macht. Mit breitkrempigem Strohhut über den hervorstehenden Augen, ein Langmesser am Gürtel, zwei weitere Reiter im Schlepptau zügelt Tertulien Mésidor sein nervöses Pferd. Sein Blick traf Olméne Durival, die davon nichts merkte. Sofort verfiel der fünfundfünfzigjährige der knapp vierzig Jahre Jüngeren. Er war ein Don, (Großgrundbesitzer), dreiviertel des Landes hinter den Bergen gehörten ihm. Er kaufte Olménes Mutter Ermencia den ganzen Fang Fische, die Hirse, Süßkartoffeln, Bohnen und Yamswurzel ab. Die beiden Frauen lebten in Ti Pistache, unweit von Anse Bleue, dem Dorf aus Tuff, Salz und Wasser. Sie waren die Nachkommen der Lafleurs, den Bauern und Fischern, die ihr Land schon längst an die Mésidors verloren hatten.

Bonal Lafleur musste dem alten Anastase Mésidor für wenig Geld Boden überlassen. Danach wurde er mit leeren Taschen gefunden, einen tiefen Schnitt im Rücken. Sie wussten, dass er einem Hinterhalt der Großfamilie Mésidor erlegen war und fühlten sich schutzlos, weil er seine Geister mit sich genommen hatte. Bonals Frau Dieula war eine namhafte Mamba (Voodoopriesterin). Sie bereitete die Rituale vor und verschwand vier Wochen im Busch um Buße zu leisten. Vier Tage nach ihrer Rückkehr starb Mésidors vierter Sohn, es kann die Schwindsucht gewesen sein oder Malaria, vielleicht auch das Dengue Fieber, man weiß es nicht.

Fazit: Die mehrfach ausgezeichnete haitianische Autorin erhielt für dieses Buch 2014 den Prix Femina und das ist völlig verständlich. Yanick Lahens zeigt mit ihrem allwissenden Erzähler die schwer verletzte Protagonistin. Sie liegt am Strand und ihre Gedanken erzählen die Geschichte ihres Landes. Zwei Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die einen sind seit ewig arm und versuchen mit Gemüseanbau und Fischfang zu überleben. Die anderen sind seit Generationen reich, skrupellos und ausbeuterisch. Die Bauern sind friedfertig und gläubig. Sie huldigen ihren Geistern und heißen durch Missionierung Fragmente der Katholiken in ihren Riten und Kulten willkommen. Voodoo bedeutet, die Geister durch Gaben und Tänze zu besänftigen, um bessere Ernten einzufahren, nicht um Rache zu führen. Sie sind eins mit der Natur und dem Großgrundbesitzer und der späteren Miliz hilflos ausgeliefert. Obwohl ich die anfänglichen Namen verwirrend fand (am Buchende gibt es einen hilfreichen Stammbaum) hat mich die Geschichte in ihren Bann geschlagen. Einmal, weil die Autorin ein ganz großes Schreibtalent ist, die mich bildreich durch die Seiten reisen ließ, aber auch, weil ich so viel über die haitianische Kultur der Ureinwohner erfahren habe. Über deren Bräuche, Speisen, Rituale und eben auch über ihre Ohnmacht darüber, den Machtverhältnissen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein. Das war spannend, erhellend und bewegend. Die Lust an der Karibik trieb mich nach dem Lesen ins Internet, um noch viel mehr über dieses gebeutelte Entwicklungsland zu erfahren. Und nun geht meine Vorstellung über dunkelhäutige schöne Menschen und Frauen in Baströckchen schon recht weit hinaus.

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Veröffentlicht am 17.04.2025

Berührendes Buch über familiäre Prägung

Zuhause ist das Wetter unzuverlässig
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1. Januar

Sie will keine tränenreiche Komödie. Sie will schwitzen und blauen Himmel. Zuhause ist das Wetter unzuverlässig, deshalb ist sie hier.

4. Januar

Sie hat immer davon geträumt, dass ihr jemand ...

1. Januar

Sie will keine tränenreiche Komödie. Sie will schwitzen und blauen Himmel. Zuhause ist das Wetter unzuverlässig, deshalb ist sie hier.

4. Januar

Sie hat immer davon geträumt, dass ihr jemand ein One-Way-Ticket schenkt und ihr sagt: „Herzchen, jetzt genieß mal dein Leben“. Sie hätte es sich einfach selbst kaufen können und jetzt hat sie es gemacht.

10. Januar

War tanzen, herrliches Jazz-Gejaule. Wut war immer ihr Motor, aber jetzt ist er still. Wut, Traurigkeit und Verzweiflung. Will jetzt raus aus dem Dunkeln auf niemanden mehr achten müssen. Schluss mit Gefallen, abwarten, sich absprechen. Sie will gehen, wann und wohin sie will.

Wie oft hat sie genickt, gelächelt, sich geduckt, weggeguckt, mitgespielt. Sich die ganze Rotze der anderen reingezogen, das ganze Gejammer, als sei sie der diensthabende Mülleimer. Jetzt will sie wissen, wer sie ohne die ganzen Erwartungen ist. Aber hält sie sich aus?

Rückblick:

1910 wurde Anna in einer Kleinstadt am Meer geboren, in eine Familie, in der viel getrunken und gebrüllt wurde. Sie bewunderte Gustav Mahler und träumte davon, auch Komponist zu werden und auch eine Villa am Meer zu haben. Ihr Kompromiss: Mit sechzehn zog sie aus und begann eine Schneiderlehre.

Rosa wurde 1908 geboren, ihr Lieblingsbuch war die Bibel. Sie betet rund um die Uhr. Ihr älterer Bruder kam nicht aus dem Krieg zurück, ihr Verbündeter und Schutz gegen den Vater. Sie heiratete pflichtschuldig den Kollegen des Vaters und gebar 1932 Viola. Das Leben als Frau und Mädchen war riskant, daher senkte Rosa den Blick, vermied jegliche Kontakte und sperrte Viola in den elterlichen Garten.

Fazit: Carolin Würfel hat eine Protagonistin geschaffen, die genug von ihrer Anpassungsfähigkeit hat, die jeden sieht nur sich selbst nicht. Im Laufe ihres Lebens hat sie viel Wut und Traurigkeit angestaut. Über das Stilmittel der Tagebucheinträge schenkt die Autorin uns einen Einblick in das aufgewühlte Innenleben der namenlosen Ich-Erzählerin. Tagebucheinträge und Rückblicke, in das Erleben zweier Generationen von Müttern und Töchtern, wechseln sich ab. Die Zeiten des Krieges und der Verluste, der strafenden Väter und ignoranten Männer unterstreichen die Charakterentwicklung aller Frauen. Zeigt, wie durch Erziehung und Prägung Frauen systematisch klein gehalten wurden. Während die letzten Generationen keine Möglichkeit hatten, sich zu verändern, ihren Groll herunterschluckten oder austeilten, stimmt die letzte Generation hoffnungsvoll. Doch es bleibt schwierig, alte Muster abzulegen und neue Wege zu finden. Die Geschichte ist gut gemacht, steigert sich bis zum Schluss und ruft heftige Reaktionen in mir hervor. Die letzte Erkenntnis

Ich bin auch nur das Kind einer Mutter. S. 211

hat mich zu Tränen gerührt, mir ein tiefes Verständnis geschenkt für meine eigene Mutter und für mich selbst. Das war sehr verbindend und versöhnend. Hundertpro lesenswert!

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Veröffentlicht am 17.04.2025

Plädoyer für die Lebensfreude

Jede Sekunde
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Er schreibt auf Instagram über sie beide und gibt ihrer Leidenschaft ein Gesicht. Die Menschen, die seine Worte betrachten und anerkennen, geben ihrem wackligen Konstrukt den Leim, der sie beieinanderhält. ...

Er schreibt auf Instagram über sie beide und gibt ihrer Leidenschaft ein Gesicht. Die Menschen, die seine Worte betrachten und anerkennen, geben ihrem wackligen Konstrukt den Leim, der sie beieinanderhält.

Er machte sich interessant, sie fühlte sich geschmeichelt. S. 9

Sie lebt in der Ferne ihr eigenes Sein. Er stellt sich die Blicke auf ihr vor, im Supermarkt, hinter dem Steuer, im Büro, als Mutter, Chefin, Frau.

Sie atmet irgendwo und ich existiere nicht. S. 10

Die Vorahnung des Endes hatte sie in dieser heißen Dringlichkeit vorangetrieben, die Gewissheit, dass ihnen die Zeit davonliefe.

Es ist nicht schwer, in der Lebensplanung die Leichtigkeit zu verlieren. Eine Zweizimmerwohnung suchen, rechte oder linke Betthälfte, deine oder meine Eltern.

Eines Tages der graue Umriss, der auf dem Bildschirm des Gynäkologen pulsiert. S. 39

Die Freude darüber, an jeder Hand fünf Finger zählen zu können und dann die schlaflosen Nächte.

Er beobachtet die Jugendlichen, den Lebenshunger der Mädchen. Wo war der erste Sommer, in dem er sich nach dem Kuss des schönsten Mädchens sehnte, die temporeichen Radfahrten zum See. Das Brennen der einen Hand in der anderen, der Mittagsschlaf im hinteren Zimmer und der volle Bauch.

Wo war die begehrenswerte Zeit und die Möglichkeit zu Sein? S. 65

Fazit: Wer hier einen schlüpfrigen Roman, eine knackige Liaison erwartet, wird enttäuscht sein. Der Autor schenkt uns auf diesen knapp einhundert Seite etwas Tieferes. Nicolas Mathieu zeigt einen zur Melancholie neigenden Autor, der resümiert. Er sinniert über diese intensive Leidenschaft, die er mit wenigen Worten nach fünf Jahren auseinandergetrieben hat. Seine Eifersucht, wenn sie nicht bei ihm war. Ihr eigenes Leben, die Selbstständigkeit, in der sie ihn nicht brauchte. Der Mann, immer an ihrer Seite, der nicht er war. Die Kinder, die sie allein bespaßte. Doch er hält nicht an dieser intensiven Beziehung fest, lässt sie vorüberziehens. Er beschreibt den Alltag, die Sorgen und Nöte, die einem jungen Paar die Liebe verleiden können. Seinen Vater entsinnt er, der jetzt täglich vergesslicher wird, aber stets nach seiner Frau sucht, die sich längst scheiden ließ. Wo sind die Anfänge, seine unbeschwerte Kindheit geblieben, die Lust am Leben zu sein, die Intensität eines Sommers. Er vermisst den Hunger nach allem, was bewegt und die Leichtigkeit, die noch keinen Schmerz kennt. Der Autor zeigt die Essenz der Vergänglichkeit, die ein Teil des Daseins ist und er plädiert, dass wir an unserer Freude festhalten. Zufriedenheit erlangen, Lebendigkeit im Moment spüren ist ein großes Thema, das er poetisch umgesetzt hat. Ein schöner Ausflug, der mein Herz erfüllt hat.

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Veröffentlicht am 15.04.2025

Diese Geschichte wirkt nach

Mädchentier
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Heiligabend 2038

Das Mädchen spielt draußen im Schnee, steht dann da, sieht verfroren aus. Sie rufen sie herein. Die Eltern streiten wegen der Soße, weint sie. Sie hören Schreie aus dem Nachbarhaus. Sie ...

Heiligabend 2038

Das Mädchen spielt draußen im Schnee, steht dann da, sieht verfroren aus. Sie rufen sie herein. Die Eltern streiten wegen der Soße, weint sie. Sie hören Schreie aus dem Nachbarhaus. Sie darf die Tannenspitze an den Baum bringen und dann schenken sie ihr noch ein kleines Paket. Sie packt einen Ring aus, strahlt wie die Sterne am Himmel und geht wieder rüber zu den Eltern.

2020

Sie ist dreizehn, war das späte Wunschkind. Die Mutter war neununddreißig und der Vater zweiundfünfzig, als sie geboren wurde. Sie glitt leicht hinaus, ein Kinderspiel. Sie war das Kind, von denen die Eltern geträumt hatten. Der Traum war ihnen genug. Das Kind, das sie dann war, war zu blass, zu still, zu laut in der Nacht. Anspruchsvoll. Mürrisch.

Der Vater hält zur Tochter, schlägt die Mutter, wenn es sein muss. Die Mutter vermutet, dass die Tochter sie beide manipuliert.

Sie kommt spät nach Hause. Die Eltern fauchen sich auf dem Sofa an. Sie betrachtet die Tomatensuppe in der Mikrowelle. Sie lässt sie abkühlen und gießt damit die Blumen. Die Mutter schaut nach ihr, ist froh, wünscht ihrem kleinen Engel „gute Nacht“.

Der Priester hat noch nicht geantwortet. Es wird 00 Uhr 6 und er schreibt „Schlaf schön“. Sie möchte gerne Rosa vom Priester erzählen, darf sie aber nicht anrufen. „Halts Maul“ hat Rosa zu ihr gesagt, sie verzeiht ihr ihren Verrat nicht. Rosa hat sie geküsst und Sara hat es einer Mitschülerin erzählt. Jetzt geht Rosas Blick in eine andere Richtung, wenn sie aufeinandertreffen. Der Priester will, dass sie zu ihm nach Hause kommt, Frau und Kinder seien nicht da.

Fazit: Cecilie Lind hat mich sprachlos und dann wütend gemacht. Selten begegnet mir eine Geschichte, die es so krass in sich hat und mich so heftig bewegt. Die Autorin hat eine sehr junge Protagonistin geschaffen. Ihre Mutter schwankt unberechenbar zwischen Besitzergreifung und Eifersucht. Sie missgönnt ihrer Tochter das gute Verhältnis zum Vater, das sie selbst gern hätte und neidet ihr ihre Schönheit und Jugend. Die Tochter fühlt sich erst im Begehrtwerden schön und hungert sich mit Perfektion in eine Krankheit, die sie für Schönheit hält. Während sie ihren Körper kontrolliert, kollabiert ihr Selbstwert. Sie sucht die körperliche Nähe zu augenscheinlich erwachsenen Männern, die sie wie eine lebendige Puppe missbräuchlich benutzen. Und das ist das Verstörende für mich, dass diese Männer sich einfach nehmen, was ihnen nicht zusteht. Sie geben jede Verantwortung, jedes Gespür für moralische Grenzen ab, benutzen ein junges Mädchen, um sich selbst in deren Bewunderung aufzuwerten. Es wirkt, als sei Sara ein frühreifes Mädel, das sich nimmt, was sie will, aber das ist Augenwischerei und verschleiert die Schuld dieser Männer mit der deutlich größeren Lebenserfahrung und suggeriert, die seien von dem jungen Ding verführt worden und konnten nicht anders. Genau diese kontroverse (gesellschaftliche) Sichtweise schafft die Autorin mit Bravour darzustellen. Dieses Buch wirkt nach. Von mir eine riesige Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 09.04.2025

Faszinierende Geschichte, ein Augenöffner

Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen
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Die Mutter hat wegen Eva die Uni nicht geschafft und muss jetzt jeden Tag hinter dem Obst- und Gemüsestand stehen. Sie hasst dieses langweilige Kaff Zeleznik und neigt insgesamt zu Unzufriedenheit. Der ...

Die Mutter hat wegen Eva die Uni nicht geschafft und muss jetzt jeden Tag hinter dem Obst- und Gemüsestand stehen. Sie hasst dieses langweilige Kaff Zeleznik und neigt insgesamt zu Unzufriedenheit. Der Vater hatte es geschafft. Zwar war er arbeitslos, bis die kleine Eva zwei war, aber dann fand er eine Anstellung als Turnlehrer in dem langweiligen Kaff. Sie verkauften die Wohnung in Belgrad und zogen in das langweilige … Als Vera kam, war sie das nächste Einzelkind in der Familie. Die Mutter hatte sie zehn Jahre nach Eva nur für sich selbst geboren.

Luka war ein guter Kerl, fand Eva, aber ein Ärztekind. Er war nicht durch Pfützen gesprungen wie sie und so wurde die Pfütze zwischen ihnen unüberwindbar. Sie besorgte sich einen Job mit höherem Gehalt und eine eigene Wohnung. Kurz kam Nenad bei ihr unter, weil er sich scheiden ließ. Sie schlitterten in eine Beziehung und nach drei Jahren musste er ausziehen, weil Eva ihre eigene Stimme wieder einmal hören wollte. Eva lernte Tomislar kennen und alles stimmte auf Anhieb, bis er sie wegen seiner Entscheidungsunlust so nervte, dass sie zu ihren Eltern zurückging, aber da war sie schon Marios Mutter.

Auf einer Firmenfeier lernte sie Viktor kennen, Adonis höchstpersönlich. Sie mochte nicht, wenn Männer zu gut aussahen, weil das immer über Unzulänglichkeiten hinwegtäuschte, aber Viktor war auch Journalist und Schriftsteller und außerdem Manipulator, Soziopath, krankhaft eifersüchtig und cholerisch, aber das stand nicht auf seiner makellosen Stirn geschrieben.

Fazit: Milica Vuckovic hat eine großartige Geschichte erzählt. Großartig, weil sie etlichen Frauen aus der Seele spricht. Ihre Protagonistin lernt einen Mann kennen, der charismatisch und charmant ist, dass er zu viel trinkt, merkt sie zuerst nicht, weil sie einfach mittrinkt. Jedes Mal, wenn er laut oder handgreiflich wird, entschuldigt er sich überschwänglich und tränenreich, kriecht mit kleinen oder größeren Aufmerksamkeiten zu Kreuze, je nachdem wie groß der Schaden ist, den er verursacht hat. Und dann sind da auch wieder die guten Gespräche und seine faszinierende Lebendigkeit und Wertschätzung im Wechsel mit seiner Übellaunigkeit, den Beschimpfungen und Erniedrigungen. Immer wenn sie so weit ist zu gehen, packt er Geschichten über seine schlimme Mutter, den armen Bruder oder den verlorenen Vater aus und leiert ihr echtes Mitgefühl aus dem Kreuz. Mich fasziniert diese Geschichte so sehr, weil sie ganz genau die Mechanismen zeigt, derer sich solche Menschen bedienen, zeigt warum es Frauen so schwerfällt Reißaus zu nehmen. Zuckerbrot und Peitsche höhlen die Hauptdarstellerin, die aus ihrer Sicht erzählt, zunehmend aus. Vortrefflich gelungen finde ich auch, dass die Autorin eine gute Prise Humor und Selbstironie einstreut, das Drama wäre sonst kaum zu ertragen. Und doch wäre ich zu gerne zwischenzeitlich ins Buch gesprungen, um ihr beizustehen, so wütend hat mich das Agieren des Täters gemacht. Wieder so ein ultrawichtiges Buch über Gewalt gegen Frauen und noch dazu so richtig gut lesbar und unterhaltsam. Wieder ein Augenöffner für die Gefahren bedürftiger Frauen.

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