Rebecca F. Kuang ist eine außergewöhnliche, vielseitige amerikanische Schriftstellerin mit chinesischen Wurzeln, die eine Ausnahme-.Stellung auf dem internationalen Buchmarkt behauptet. Ihr biographischer Background spiegelt sich in ihrem literarischen Schaffen. Nachdem mich die bereits erschienenen Romane "Yellowface" und "Babel" tief beeindruckt hatten, wollte ich mir ihren neuen Roman "Katabasis" nicht entgehen lassen. Er ist bereits die sechste Publikation von Rebecca F. Kuang, die sie neben ihrer wissenschaftlichen Karriere veröffentlicht. Ihre Bücher lassen sich nicht miteinander vergleichen, sondern stehen für sich; sie weisen keinerlei Übereinstimmungen auf, was den literarischen Stil und das ausgewählte Thema angeht.
Optisch gesehen, ist das elegante, schlichte Cover ein Hingucker in allen Buchhandlungen. Für mein persönliches Empfinden ist die Farbauswahl ist stimmig, das dunkle Grün kontrastiert mit dem goldenen Buchschnitt und sorgt für eine magisch aufgeladene Atmosphäre, unterstrichen durch eine kunstvolle Darstellung, die viele unterschiedliche Interpretationen zulässt. Man konzentriert sich auf den Querschnitt eines unbekannten Gebäudes. Während eine Person die Treppen hinabstürmt, steht eine zweite vor einer Bibliothek, auf der Suche nach einer bestimmten Publikation. Draußen ist es stockdunkel, das Gebäude strahlt in einem goldenen Ton. Auf den Zinnen liegen mehrere Stapel Papiere, erfasst vom Wind, flattern einzelne Blätter in die Tiefe. Der Titel ist der altgriechische Begriff für den Abstieg in die Unterwelt; man darf ihn als Hinweis auf eine intellektuell fordernde Lektüre verstehen.
"Katabasis" ist kein typisches Fantasy-Buch, sondern ein sprachlich virtuos komponierter Roman, der von Machtmissbrauch und Sexismus an Hochschulen erzählt. Zeitlich gesehen, spielt dieses literarische Werk in den 1980er Jahren. Im Fokus stehen Alice Law und Peter Murdoch, zwei Studierende, die als wissenschaftliche Mitarbeitende des verstorbenen Professor Jacob Grimes das gleiche Ziel (den Abstieg in die Hölle) verfolgen, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. Alice Law ist eine ehrgeizige Studentin, die ihren (weltweit anerkannten) Cambridge-Abschluss durch ihre Schuld am Ableben ihres Doktorvaters gefährdet sieht. Peter Murdoch hingegen ist ein genialer Student, ein (an einer unheilbaren Krankheit leidender) "Überflieger", der aus der Masse von Student*innen herausragt. Das Studium fällt ihm leicht, für seine wissenschaftlichen Leistungen wird er mit Preisen ausgezeichnet, eine steile Karriere scheint für ihn vorgezeichnet. Auch Peter wünscht sich Professor Grimm als Doktorvater; mehr verrät er nicht über seine Motivation, zu seinen privaten Angelegenheiten schweigt er sich aus. Er recherchiert zu den gleichen Themen wie Alice - und scheint ihre Wissenslücken schließen zu können, was in als perfekten Partner auf dieser gefährlichen Reise ins Ungewisse erscheinen lässt. Mit Hilfe von Rückblenden werden wichtige Stationen im Leben von Alice und Peter vergegenwärtigt. Sowohl Alice als auch Peter sind Opfer von Professor Jacob Grimes, eines gewissenlosen, narzisstischen Mannes, der andere Menschen für seine persönlichen Zwecke ausnutzt, missbraucht und fallen lässt. Diskriminierung, Gewalt und Sexismus sind an der Tagesordnung; an der Hochschule wird das extreme Fehlverhalten von Professor Jacob Grimes nicht geahndet, sondern toleriert und totgeschwiegen.
Im Gegensatz zu den üblichen Fantasy-Romanen ist "Katabasis" keine reine Unterhaltungs-Lektüre, sondern ein tiefgründiges literarisches Werk, das nicht leicht zu lesen und zu verstehen ist. Sprachlich gesehen, bewegt sich Rebecca F. Kuang auf einem hohen Niveau, der Text ist geprägt von Ironie und Sarkasmus, wie der verbale Schlagabtausch zwischen den literarischen Figuren aufzeigt. Trotz der eleganten, geschliffenen Sprache habe ich meine Lektüre hin und wieder als etwas anstrengend und sperrig empfunden. Denn eigentliche Handlung ist durchbrochen von zahlreichen philosophischen und wissenschaftlichen Exkursen, auf die man sich (intellektuell und zeitlich!) einlassen und auseinandersetzen muss - und will.