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Veröffentlicht am 30.05.2025

Starker Auftakt

Commissario Gaetano und der lügende Fisch
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Was wie ein launiger Italien-Krimi aussieht, entpuppt sich als düsterer, kluger Auftakt für eine neue Reihe: „Commissario Gaetano und der lügende Fisch“ von Fabio Nola ist alles – außer bequem.

Schon ...

Was wie ein launiger Italien-Krimi aussieht, entpuppt sich als düsterer, kluger Auftakt für eine neue Reihe: „Commissario Gaetano und der lügende Fisch“ von Fabio Nola ist alles – außer bequem.

Schon der Einstieg lässt keine Zweifel: Ein Mann wird enthauptet, mitten im Centro Storico von Neapel, zur Hoch-Zeit des San-Gennaro-Festes. Was wie ein Ritual wirkt, wird zur Tür in einem vielschichtigen Fall – voller Wendungen, Abgründe und gesellschaftlicher Fragen. Mafia? Eifersucht? Fanatismus? Alles denkbar.

Commissario Gaetano selbst ist eine Zumutung: cholerisch, zynisch, alkoholabhängig und gegenüber seinen Kolleg:innen ist er grob, herablassend, manchmal schlicht gemein. Aber glaubwürdig bis ins Mark. Nola verzichtet auf falsche Heldenmythen. Gaetano darf unsympathisch sein, solange er echt ist – und genau das ist er. Ein Ermittler, der mit sich selbst im Clinch liegt, der scheitert, aufsteht, weitermacht. Kein Genie, kein Held – einfach ein Mensch in einer kaputten Welt.

Und Neapel? Keine Postkarte. Die Stadt lebt, flucht, verdirbt, betört – und ist immer präsent. Die Hitze, die Gerüche, die engen Gassen, die Korruption – all das wird zum Klangteppich des Romans. Nola kennt seine Stadt – und zeigt sie ohne Zuckerguss.

Der Fall selbst ist hart, aber nie Selbstzweck. Die Gewalt dient nicht dem Schock, sondern treibt die Fragen voran: Was ist Schuld? Was treibt Menschen an? Die Ermittlungen verlaufen in Wellen, nie geradlinig, nie vorhersehbar. Und auch das ist Teil der Spannung.

Fazit: Kein Wohlfühlkrimi, sondern ein literarisch anspruchsvoller, psychologisch dichter Krimi mit bissiger Hauptfigur, glaubhaftem Setting und erzählerischer Substanz. Wer Lust hat auf einen düsteren Neapel-Krimi mit Tiefe statt Klischees – hier entlang.

9/10

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Veröffentlicht am 28.05.2025

Einmalig

IMITATHYOS
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IMITATHYOS: Das unendliche Alphabet von Matthias A. K. Zimmermann ist kein Roman wie jeder andere. Hier geht es nicht nur um eine Geschichte, sondern um ein Konzept – um eine Welt, in der Buchstaben nicht ...

IMITATHYOS: Das unendliche Alphabet von Matthias A. K. Zimmermann ist kein Roman wie jeder andere. Hier geht es nicht nur um eine Geschichte, sondern um ein Konzept – um eine Welt, in der Buchstaben nicht mehr harmlos sind, sondern Realität formen, beeinflussen und gefährden. Eine junge Schriftstellerin landet auf einer künstlich geschaffenen Luxusinsel, doch was wie ein stylisches Zukunftsresort beginnt, wird schnell zum sprachphilosophischen Albtraum. Die Sprache selbst beginnt zu kippen, wird unberechenbar – und genau das ist der Reiz dieses Buches.

Zimmermann mixt Utopie, Technik, Mythologie und Identitätsfragen zu einem Text, der sich traut, anders zu sein. Keine literarischen Konventionen, keine sicheren Pfade – dafür Ideenreichtum, Tiefgang und eine klare Haltung. Wer Popkultur kennt, erkennt Anklänge an Matrix, Westworld oder Borges, aber das Buch steht absolut für sich.

Fazit: Es fordert volle Aufmerksamkeit, aber schenkt im Gegenzug eine Erfahrung, die bleibt. Für alle, die Bücher lieben, die etwas Frisches lesen möchten – das hier ist einer dieser seltenen Volltreffer.

10/10

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Veröffentlicht am 17.05.2025

Starkes Debüt

Frankfurt Beats
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Frankfurt Beats von Oliver Baier ist kein klassischer Thriller – es ist ein düsteres, verdammt atmosphärisches Debüt, das mehr über die Gegenwart erzählt, als viele lautere Bücher es je könnten. Und das ...

Frankfurt Beats von Oliver Baier ist kein klassischer Thriller – es ist ein düsteres, verdammt atmosphärisches Debüt, das mehr über die Gegenwart erzählt, als viele lautere Bücher es je könnten. Und das schon mit der ersten Seite.

Im Zentrum steht Milan: jung, verloren, drogenvernebelt, zerrissen – auf der Flucht vor sich selbst und dem Tod seines Zwillingsbruders. Statt Trauerbewältigung gibt’s Absturz in Frankfurts Clubnächte. Aber Baier macht aus ihm keine Figur zum Mitleiden, sondern eine, bei der man mitgeht, obwohl man nicht immer mit ihr mitfühlt. Und das ist genau richtig so. Frankfurt ist dabei nicht Kulisse, sondern Mitspieler. Zwischen Bankentürmen und Bahnhofsviertel, zwischen Glanz und Dreck pulsiert ein Beat, der mehr ist als Soundtrack: Er ist Taktgeber für Milans Verdrängung, Halt in der Haltlosigkeit – und irgendwann: Risiko.

Was Baier kann: Figuren schreiben, die nicht sauber einzuordnen sind. Martina, die Auftragskillerin mit Reue. Eine Rechtsradikale, die ausgerechnet von denen Hilfe braucht, die sie hasst. Und Milan, der mal egoistisch, mal zärtlich, mal völlig neben sich steht. Kein Schwarzweiß, sondern durch und durch grau. Und das tut weh – aber auf die gute Art. Der Thrillerplot läuft mit, klar. Aber die Spannung kommt nicht aus dem „Whodunit“, sondern aus der Frage: Wie weit kann ein Mensch zerbrechen, bevor nichts mehr übrig bleibt? Und was passiert, wenn plötzlich doch noch jemand die Hand reicht?

Baier schreibt klar, direkt, mit genau dem richtigen Maß an Poesie. Kein Stil-Gehampel, kein Pathos – aber immer wieder Sätze, die sitzen. Und der Rhythmus: wie ein DJ-Set. Mal laut, mal leise, aber nie beliebig. Frankfurt Beats ist kein Buch, das gefallen will. Es konfrontiert. Mit Schmerz, mit Rausch, mit Schuld. Aber es erzählt auch von Sehnsucht, von Überleben, von Veränderung. Für ein Debüt? Unfassbar souverän.

Fazit: Wer Thriller will, bekommt Spannung. Wer mehr will, bekommt alles. Pflichtlektüre für alle, die wissen wollen, wie sich deutsche Gegenwartsliteratur anfühlen kann, wenn sie was zu sagen hat.

10/10 - Jahreshighlight

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Veröffentlicht am 02.05.2025

Tolle Gay-Romance

Permafrost-Dämmerung
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Permafrost-Dämmerung von Tove Blaustedt ist kein romantisierter Abenteuerroman. Es ist eine stille, eindringliche Geschichte über Kälte, Einsamkeit – und darüber, wie sich trotzdem neue Nähe und Hoffnung ...

Permafrost-Dämmerung von Tove Blaustedt ist kein romantisierter Abenteuerroman. Es ist eine stille, eindringliche Geschichte über Kälte, Einsamkeit – und darüber, wie sich trotzdem neue Nähe und Hoffnung entfalten können.

Im Zentrum steht Leo, ein gescheiterter Physikstudent, der statt eines sonnigen Kalifornien-Aufenthalts im arktischen Spitzbergen strandet. Longyearbyen, eine Siedlung zwischen Eis, Dunkelheit und langsamem Verfall, wird zum Schauplatz seines persönlichen Neuanfangs. Was zunächst wie Strafe wirkt, wird zum Raum für Veränderung.

Blaustedt schildert die Arktis ohne Kitsch. Kein Ort der Sehnsucht, sondern ein raues, ehrliches Setting. Die Einsamkeit, die klirrende Luft, das Monotone der Dämmerung werden spürbar. Und doch entsteht gerade aus dieser Härte heraus eine leise Form von Geborgenheit – besonders in der vorsichtigen Liebesgeschichte zwischen Leo und dem Tourguide Tom. Blaustedt erzählt diese Annäherung mit einer wohltuenden Langsamkeit, die sich absetzt vom üblichen Erzähltempo vieler Romane: kein falsches Drama, keine plötzlichen Geständnisse, sondern kleine, glaubwürdige Schritte.

Auch die großen Themen klingen mit: Klimawandel, das Schmelzen des Permafrosts, die Bedrohung durch freigesetzte Gefahren, die schon immer unter der Oberfläche lagen. Blaustedt bindet diese Bedrohung klug in den Hintergrund ein – präsent, aber nie aufdringlich.

Stilistisch bleibt sie klar, unprätentiös, nah an ihren Figuren. Nur an wenigen Stellen gerät der Text etwas zu weitschweifig – kleine Längen in einem ansonsten beeindruckend balancierten Roman.

Fazit: Permafrost-Dämmerung ist eine Einladung, sich auf unbekanntes Terrain zu wagen – geographisch wie emotional. Ein stilles Buch über Verlust, Neuanfang und darüber, wie Widerstandskraft manchmal im leisesten Moment entsteht.

9/10 - Ein stiller, kraftvoller Roman, der zeigt, dass auch in der kältesten Einsamkeit Liebe und Hoffnung überleben können.

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Veröffentlicht am 29.04.2025

Gefühlvolle Geschichte

Phoenixwalzer
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Phoenixwalzer von Elyseo da Silva ist ein leiser, eindringlicher Roman über zwei Männer, die darum kämpfen, in einer zerrissenen Welt bei sich selbst anzukommen.

Luk und Galiano tragen Narben, die tiefer ...

Phoenixwalzer von Elyseo da Silva ist ein leiser, eindringlicher Roman über zwei Männer, die darum kämpfen, in einer zerrissenen Welt bei sich selbst anzukommen.

Luk und Galiano tragen Narben, die tiefer reichen als die Zeit, in der sie leben. Luk kämpft mit den Geistern seiner Kindheit, mit Gewalt, Scham und der Sehnsucht nach einem Leben, das ihm niemand mehr vorschreibt. Galiano versinkt in Dunkelheit, kämpft gegen Depression, gegen die eigene Unsichtbarkeit – und beginnt langsam, in der noch zaghaften Schwulenszene Kölns neue Räume für sich zu finden. Räume voller Unsicherheit, voller Angst, aber auch voller Möglichkeiten.

Phoenixwalzer erzählt nicht von schnellen Heilungen. Da Silva hat keine Angst vor Schmerz, vor Rückschlägen, vor Momenten, in denen nichts besser wird, nur anders. Gerade dadurch berührt der Roman tief. Er nimmt seine Figuren ernst – in ihrer Verletzlichkeit, in ihrem Stolz, in ihrer Wut.

Hinter allem liegt eine Atmosphäre aus Bedrohung und Hoffnung zugleich. RAF-Terror, Anti-Atomkraftbewegung, die Angst vor einem dritten Weltkrieg – sie drücken auf das Leben der Menschen, doch sie definieren es nicht vollständig. Wichtiger sind die kleinen, intimen Revolutionen: der erste Kuss an einem unsicheren Ort, das erste Aufbäumen gegen die eigene Angst.

Besonders stark sind die Szenen, in denen da Silva die beginnende HIV-Stigmatisierung schildert – subtil, schmerzhaft genau. Ohne Anklage, aber mit einer Dringlichkeit, die noch lange nach dem Lesen bleibt.

Fazit: Phoenixwalzer ist kein Liebesroman im klassischen Sinn. Es ist ein Roman über das Überleben, über die Suche nach Würde, nach Nähe, nach einer Zukunft, die trotz allem möglich bleibt. Über Menschen, die lernen müssen, dass Glück keine Belohnung ist, sondern etwas, das immer wieder neu errungen werden muss.

9/10 - Elyseo da Silva hat ein Buch geschrieben, das bleibt. Weil es ehrlich ist. Weil es weh tut. Und weil es genau deshalb Hoffnung macht.

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