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Veröffentlicht am 09.07.2025

Bittersüße Geheimnisse

Bretonische Versuchungen
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In „Bretonische Versuchungen“ können wir bereits zum vierzehnten Mal Kommissar Dupin bei seinen Ermittlungen in einem höchst ungewöhnlichen Fall über die Schulter schauen. Die Mitinhaberin einer Traditionsconfiserie ...

In „Bretonische Versuchungen“ können wir bereits zum vierzehnten Mal Kommissar Dupin bei seinen Ermittlungen in einem höchst ungewöhnlichen Fall über die Schulter schauen. Die Mitinhaberin einer Traditionsconfiserie in Concarneau, bekannt für ihre exquisiten Produkte, wird in einem Bottich mit geschmolzener Schokolade tot aufgefunden. Ein Unfall kann ausgeschlossen werden, alle Spuren weisen auf Mord hin. Aber wer könnte ein Interesse an ihrem Tod haben, war sich doch die dreiköpfige Geschäftsleitung bisher in allem einig? Zumindest dem äußeren Anschein nach.

Für Dupin kommt der Fall zu rechten Zeit, kann er so doch der Konfrontationstherapie entgehen, die ihm die Angst vor der rauen See nehmen soll. Unterstützt von seiner resoluten Mitarbeiterin Nolwenn sowie dem im Hintergrund arbeitenden Team aus Rival, Le Menn und Kadeg stürzt er sich in die Ermittlungen, die ihm körperlich und mental das Äußerste abverlangen, ihn tief in den Herstellungsprozess der bittersüßen Köstlichkeiten eintauchen lassen und ihn auf den Spuren des Rohstoffs bis ins Baskenland führen…

Schaut man sich die Fälle der einzelnen Bände genauer an, lässt sich eine Gemeinsamkeit feststellen, die diese Reihe von den üblichen Urlaubskrimis unterscheidet. Natürlich arbeitet der Autor auch mit atmosphärischen Landschaftsbeschreibungen, aber ihm geht es in erster Linie darum, tiefer in die regionalen Eigen- und Besonderheiten der Bretagne einzutauchen und diese seinen Leserinnen und Lesern zu vermitteln. So zumindest mein Eindruck.

Es ändern sich nicht nur die Schauplätze sondern auch die Themen, die die jeweiligen Fälle dominieren. Mal sind es außergewöhnliche bretonische Produkte, dann wieder kulturelle Mythen oder ethnografische Besonderheiten, die typisch für die Handlungsorte sind, an denen Dupin plus Team im Einsatz ist. Bemerkenswert ist die Tiefe, in der Bannalec dies en passant in die meist doch recht konventionellen, gemächlich inszenierten Storys einarbeitet und so immer wieder nicht nur auf die Bretagne neugierig macht, sondern uns damit auch einiges an Wissen vermittelt. Das trifft auch auf diesen Fall zu und ist mit ein Grund, weshalb ich immer wieder gespannt auf die Fortsetzung der Reihe warte.

Veröffentlicht am 05.07.2025

Die unsichtbare Frau

Die Frau des Farmers
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Aufgewachsen auf dem elterlichen Bauernhof im Lake District in Cumbria im Nordwesten Englands, hat Helen Rebanks eigentlich andere Pläne für ihr Leben. Sie verlässt diese schroffe Gegend, beginnt ein Kunst-Studium, ...

Aufgewachsen auf dem elterlichen Bauernhof im Lake District in Cumbria im Nordwesten Englands, hat Helen Rebanks eigentlich andere Pläne für ihr Leben. Sie verlässt diese schroffe Gegend, beginnt ein Kunst-Studium, will das harte, bäuerliche Leben hinter sich lassen. Doch es soll anders kommen. Sie trifft James Rebanks, die beiden verlieben sich, heiraten, bauen sich ein gemeinsames Leben auf. Sie kehrt zurück in den Lake District, denn die ökologisch betriebene Farm, in die sie einheiratet, ist nur zehn Kilometer von Helens elterlichem Bauernhof entfernt.

Die Aufgabenverteilung ist klassisch. Helen organisiert das Drinnen mit den vier Kindern, dem Haushalt und den familiären Angelegenheiten, ihr Mann ist für das Draußen verantwortlich, insbesondere die Tierhaltung (Schafe, Rinder, Hühner), wobei sich die beiden Bereich aber durchaus auch überschneiden können.

Natürlich beschreibt Helen Rebanks nicht nur einen Tag in ihrem Leben, aber es sind die Aufgaben die sich meist täglich wiederholen. Besonderen Schwerpunkt legt sie auf die Ernährung und die Qualität der Lebensmittel, weshalb sehr viele ihrer interessanten und leckeren Rezepte in dieses Buch Einzug gehalten haben. Da dies allerdings den Lesefluss stört, hätte ich sie zwar lieber in einem Anhang zusammengefasst gesehen, aber das liegt leider außerhalb meines Einflussbereichs.

Natürlich ist sie sich dessen bewusst, dass ihre Arbeit für die Außenwelt weitestgehend unsichtbar bleibt, aber nichtsdestotrotz genauso wichtig wie die ihres Mannes ist, der dies ebenfalls schätzt. Getrieben werden sowohl Helen als auch James von ihrer Verantwortung gegenüber der nachfolgenden Generation, für die sie ihren Bauernhof mit aller Kraft erhalten wollen. Kein leichtes Unterfangen, sind die Probleme der englischen Landwirte und Viehzüchter insbesondere durch die erfolgreiche Prime-Serie „Clarkson’s Farm“ in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt.

„Die Frau des Farmers“ bietet die lesenswerte Innenansicht einer unsichtbaren Frau und eines nicht immer einfachen bäuerlichen Lebens, das nicht nur für englische Bauernfamilien gültig ist und mit den romantischen Vorstellungen der Stadtbewohner vom Landleben aufräumt.

Veröffentlicht am 31.05.2025

Leichte Lektüre zu gewichtigem Thema

Beeren pflücken
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Amanda Peters, Autorin mit Mi'kmaq-Wurzeln, beschäftigt sich in ihrem Debüt mit einem Thema, das insbesondere in Kanada, aber auch in den Vereinigten Staaten relevant ist. Indigene Kinder wurden ihren ...

Amanda Peters, Autorin mit Mi'kmaq-Wurzeln, beschäftigt sich in ihrem Debüt mit einem Thema, das insbesondere in Kanada, aber auch in den Vereinigten Staaten relevant ist. Indigene Kinder wurden ihren Eltern weggenommen und in Pflegefamilien oder in den von der katholischen Kirche betriebenen Residential Schools untergebracht. Beides geleitet von dem Ziel, ihnen ihre Sprache, ihre Kultur, ja ihre Identität zu nehmen.

In „Beeren pflücken“ setzt sie diese Thematik zumindest in Ansätzen um. Die vierjährige Ruthie, Kind einer Mi'kmaq-Familie, die als Erntehelfer zur Blaubeer-Ernte nach Maine gekommen sind, verschwindet spurlos, wird im Vorübergehen einfach so von einem kinderlosen Paar mitgenommen und in eine Familie verschleppt, die peinlich darauf achtet, die Herkunft zu verschleiern. Stellt sich die Frage, was macht das a) mit dem Kind und b) dessen Eltern und Geschwistern über die Jahre? Soweit die Ausgangssituation, die Peters für ihren Roman nutzt.

Die Herkunftsfamilie leidet jahrzehntelang unter diesem tragischen Verlust. Insbesondere Ruthies Bruder Joe ist traumatisiert, damals sechs Jahre alt und der letzte, der seine Schwester am Rand der Blaubeerfelder gesehen hat. Er liegt im Sterben, ist nicht nur ein seelisches sondern auch ein körperliches Wrack, versucht Schuldgefühl und Trauma mit Alkohol zu betäuben, das Verschwinden der Schwester aus dem Kopf zu bekommen. Es gelingt ihm nicht. Ruthie hingegen wird zu Norma, die als Einzelkind eines kinderlosen, weißen, wohlhabenden Paares aufwächst, die ihre Fragen nicht hören, geschweige denn beantworten wollen. Erst nach dem Tod ihrer „Mutter“ wird das Geheimnis ihrer Herkunft gelüftet.

Fünfzig Jahre folgen wir in abwechselnden Kapiteln Joes und Normas. Wir machen Bekanntschaft mit ihrer Trauer, ihren Schuldgefühlen, aber auch ihrem Hoffen und Sehnen. All das zeichnet Peters zwar eindrücklich und mit feinem Strich, aber vermeidet eindeutige Positionierungen z.B. zu den Diskriminierungen, mit denen Indigene in Kanada noch immer zu kämpfen haben.

Eine leichte Lektüre zu einem gewichtigen Thema. Dennoch ist dieser Roman nicht schlecht, eignet sich durchaus für alle, die einen Überblick zur Situation der Indigenen in Kanada bekommen möchten. Aber wer sich umfassender in Romanform informieren möchte, sollte Richard Wagamese und Tommy Orange lesen.

Veröffentlicht am 28.05.2025

Vergangenheit trifft Gegenwart

Das Ministerium der Zeit
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Großbritannien, in naher Zukunft. Das „Ministerium der Zeit“ holt Menschen aus längst vergangenen Tagen der Historie zurück in die Gegenwart. Damit dieser Übertritt reibungslos vonstattengeht, werden ihnen ...

Großbritannien, in naher Zukunft. Das „Ministerium der Zeit“ holt Menschen aus längst vergangenen Tagen der Historie zurück in die Gegenwart. Damit dieser Übertritt reibungslos vonstattengeht, werden ihnen Mitarbeiter/in des Ministeriums als Betreuung zur Seite gestellt, die sie mit den Errungenschaften des modernen Lebens vertraut machen sollen. Doch ganz so einfach wie gedacht ist es nicht.

Das muss auch die (namenlose) Betreuerin feststellen, die sich um den ihr zugewiesenen Commander Graham Gore kümmert. Gore kommt aus dem Jahr 1847, war John Franklins Erster Offizier auf der Erebus, war verschollen, aber ist eigentlich schon tot. Ein viktorianischer Offizier im heutigen London? Das bietet einerseits jede Menge Stoff für Alltagssituationen, die uns ein Lächeln entlocken, andererseits vernachlässigt die Autorin aber auch nicht den Blick auf brisante und übertragbare Themenkomplexe aus Vergangenheit und Gegenwart wie z.B. Kolonialismus, Flüchtlingskrise und Migration, immer unter besonderer Berücksichtigung der individuellen Moralvorstellungen im Hintergrund in die Handlung eingebaut.

Wobei gerade die Handlung etwas mehr Drive vertragen hätte. Sie plätschert lange Zeit vor sich hin, legt den Fokus auf das Verhältnis zwischen Gore und seiner Betreuerin, das sich allmählich zu einer Romanze entwickelt. Erst Richtung Ende bringt eine unerwartete Wendung Spannung in die Story, die plötzlich völlig unerwartet durch die Verschwörungsthematik Tempo und Thrill entwickelt.

Normalerweise lese keine Science Fiction, und romantisches Gedöns ist auch nicht meins. Aber ich mag historische Romane und fand deshalb die Ausgangssituation dieses Romans sehr interessant. Oft sind Zeitreise-Romane nach dem 08/15-Prinzip konstruiert, zielen ab auf die schnellen Lacher, die sich aus der Konfrontation der Zeitreisenden mit unserer Gegenwart ergeben. Kaliane Bradley macht das wesentlich einfühlsamer, geht behutsam und empathisch mit ihren Protagonisten um und macht aus einem eher abstrusen Thema einen lesenswerten und thematisch in der Gegenwart verankerten Roman, der mich sehr gut unterhalten hat.

Veröffentlicht am 11.05.2025

Unterhaltsamer Schmöker für zwischendurch

Elbnächte. Schatten über St. Pauli
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Wie bereits in der vierbändigen Reihe um „Die Hafenärztin“ nimmt uns Henrike Engel auch in „Elbnächte. Die Lichter über St. Pauli“ - der Untertitel lässt es erahnen - mit in die historische Hansestadt ...

Wie bereits in der vierbändigen Reihe um „Die Hafenärztin“ nimmt uns Henrike Engel auch in „Elbnächte. Die Lichter über St. Pauli“ - der Untertitel lässt es erahnen - mit in die historische Hansestadt an der Elbe. Wir schreiben das Jahr 1913, und abseits der noblen Villenviertel kreuzen sich in der Hamburger Unterwelt die Lebenswege dreier Menschen, die verschiedener nicht sein könnten. Luise, Ella und Paul, drei Menschen, deren Lebensumstände sich anders als erwartet entwickelt haben und die sich deshalb Herausforderungen stellen müssen, an denen sie wachsen werden.

Luise, die Tochter aus gutem Haus, steht vor den Trümmern ihres Lebens, als sie die Nachricht erhält, dass ihr Ehemann bei einem Duell ums Leben gekommen ist. Die Umstände erscheinen ihr zwar fragwürdig, aber alles Jammern hilft nichts. Sie, die noch nie selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen musste, steht plötzlich vor einer Situation, in der sie ihre anfängliche Verzweiflung beiseiteschieben und zupacken muss, wenn sich eine Chance bietet. Umso mehr, da sie weder Ausbildung noch besonderen Qualifikationen hat, dafür aber den Schuldenberg, den ihr der Tote hinterlassen hat. Aber da ist auch der Schuldschein eines Barbesitzers auf St. Pauli der ihr beim Sichten der Unterlagen in die Hände fällt.

Durch einen glücklichen Zufall lernt sie Ella kennen, eine gutherzige, junge Prostituierte, die vor ihren Peinigern geflohen ist und in Hamburg ein neues Leben beginnen will. Sie kennt sich im Milieu aus und unterstützt mit ihrer praktischen Intelligenz und Tatkraft Luises Plan, auf St. Pauli eine Bar zu eröffnen.

Und dann ist da noch Paul, der nach einem Anschlag einarmige Ex-Polizist, der des Lebens zwar überdrüssig ist, aber vor seinem Abgang unbedingt denjenigen zur Verantwortung ziehen will, der für sein erbärmliches Leben verantwortlich ist. Hinter all dem steckt seiner Meinung nach der Anführer einer Bande von Straßenkindern, die in dessen Auftrag Raubzüge durchführen, die nicht immer glimpflich ablaufen.

Als einer dieser Jugendlichen die beiden Frauen um Hilfe bittet, weil er des Mordes beschuldigt wird, gewähren sie ihm Unterschlupf, weil er beteuert unschuldig zu sein. Aber schnell müssen Luise und Ella feststellen, dass es höchst gefährlich ist, wenn man die Bahnen der Unterweltgrößen kreuzt. Glücklicherweise eilt ihnen Paul zur Hilfe und gemeinsam machen sich auf die Suche nach dem skrupellosen Mörder.

„Elbnächte“ ist einmal mehr ein historischer Frauenroman, in dem die Protagonistinnen ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Der Autorin scheint aber gleichzeitig auch daran gelegen zu sein, den Leserinnen einen Eindruck vom täglichen Leben und dem Tanz auf dem Vulkan ein knappes Jahr vor Beginn des Ersten Weltkriegs zu vermitteln, aber das ist ihr leider nur in Ansätzen gelungen. Zum einen mag das daran liegen, dass sie sich auf den Mikrokosmos Kiez konzentriert, zum anderen scheint es ihr in erster Linie darum zu gehen, das Wachsen und die Veränderungen der drei Hauptfiguren zu zeigen. Ob das in der Realität zu der damaligen Zeit so funktioniert hat, sei dahingestellt. Natürlich wird mit den üblichen Zutaten und den glücklichen Zufällen gearbeitet, aber das ist in diesem Genre üblich und habe ich auch nicht anders erwartet. Es gibt Rückschläge, gefährliche und unangenehme Situationen, aber dennoch werden die beiden Frauen ihre Ziele gegen alle Widerstände erreichen. So kennt man das. Der besondere Dreh war hier das Einbetten eines Spannungsfaktors durch die Krimihandlung, was durch unerwartete Wendungen für Abwechslung gesorgt hat und durchaus gelungen ist.

Alles in allem ein netter Schmöker für zwischendurch, der unterhält, auch wenn er das Rad nicht neu erfindet.