Die Psychiaterin Dr. Ellen Roth hat in der Klinik Zugang zu einer misshandelten Patientin, die kaum ansprechbar ist und die fühlt sich verfolgt von einem „Schwarzen Mann“. Plötzlich ist die Patientin nicht ...
Die Psychiaterin Dr. Ellen Roth hat in der Klinik Zugang zu einer misshandelten Patientin, die kaum ansprechbar ist und die fühlt sich verfolgt von einem „Schwarzen Mann“. Plötzlich ist die Patientin nicht mehr in Ihrem Zimmer und auch nicht auffindbar. Was noch vielmehr verwundert ist die Tatsache, dass keiner die Frau außer Ellen Roth gesehen hat und auch nichts von deren Existenz weiß.
Ihr Freund Chris, ebenfalls Arzt an der Klinik, hat eine Auszeit genommen, um mit einem Freund nach Australien zu reisen. Leider ist er nicht erreichbar.
Langsam aber sicher wird Ellen Roth paranoid und ihre eigene Lebenslage wird immer bedrohlicher. Ihr Kollege Mark Behrendt versucht ihr zu helfen und dringt dabei immer mehr in ihre Vergangenheit ein.
Mein Fazit:
Wulf Dorn hat mit seinem Thriller-Erstling für meine Begriffe voll überzeugt. In seinen Erzählungen kommt ihm zugute, dass er mehrere Jahre psychisch kranke Menschen betreut hat. Er baut von Anfang an einen Spannungsbogen auf und hält ihn auch hoch. Nicht zuletzt dadurch, dass er mehrmals den Leser auf eine falsche Spur zu dem vermeintlichen Psychopathen führt.
Wir lernen eine nahezu perfekte Familie kennen. Eva Kramer, ihren Mann Daniel und der gemeinsame fünfjährige Sohn Linus. Sie leben glücklich und in Harmonie in einem Neubaugebiet ...
Wenn der Schein trügt
Wir lernen eine nahezu perfekte Familie kennen. Eva Kramer, ihren Mann Daniel und der gemeinsame fünfjährige Sohn Linus. Sie leben glücklich und in Harmonie in einem Neubaugebiet am Stadtrand. Eines Abends sind Eva und Daniel bei einer Geburtstagsparty eingeladen und die Babysitterin Sofia Ziemiak passt auf den kleinen Linus auf. Sofia ist die Tochter von Evas bester Freundin Susanne.
Nach der Rückkehr der Kramers fährt Daniel Sofia nach eigener Aussage nach Hause, wo sie aber nie ankommt. Die Fassade dieser scheinbar glücklichen Familie beginnt langsam abzubröckeln.
Die fünfzehnjährige Sofia ist sehr introvertiert. Sie pflegt keine sozialen Kontakte und hat weder Freunde in der Schule noch außerhalb. Das Handy benutzt sie nur zum Fotografieren. Zu den Aktivitäten auf ihrem Laptop kann ihre Mutter bei der Befragung durch die Polizei nichts sagen.
Risse in der Beziehung
Susanne lebt mit ihrem neuen Lebenspartner Axel Thürmer und Sofia in einer Patchworkfamilie zusammen. Es gibt Spannungen zwischen Sofia und Axel. Die Beiden verstehen sich nicht besonders gut. Sofia äußert sogar, dass sie ihr neues Zuhause »scheiße« findet. Es gibt auch Probleme in der Beziehung zwischen Susanne und Axel. Es sind Red Flags, die auch Sofia nicht verborgen bleiben.
Es bleibt unklar, was mit Sofia geschehen ist. Ist sie weggelaufen, wurde sie entführt oder ist sie vielleicht Opfer von Cyber-Grooming (Anbahnung sexueller Kontakte über das Internet) geworden? Lebt sie noch?
Unzertrennlich
Die persönliche Beziehung zwischen Eva und Susanne ist in dem Kriminalroman sehr stark ausgeprägt. Seit dem Gymnasium sind sie unzertrennliche Freundinnen. Nach dem Schulabschluss hat Susanne ein Studium begonnen und Eva eine Ausbildung. Nachdem Susanne ungewollt schwanger wird, ziehen die Beiden zusammen. Nach Sofias Geburt teilen sie sich die Erziehung. Als Sofia acht Jahre alt ist, lernt Eva Daniel kennen, den sie später heiratet. In dieser Zeit hat Sofia alles unternommen, um Eva und Daniel auseinander zu bringen. Nach und nach beruhigt sich aber die Situation wieder.
Was verschweigt Daniel Kramer
Daniel Kramer rückt immer mehr in den Fokus der Ermittlungen. Nicht zuletzt, weil er mehrmals Dinge verschwiegen oder schlichtweg gelogen hat bei Befragungen durch die Polizei. Wie ein roter Faden zieht sich die Verdächtigung durch den Plot. Daran ändert auch nichts, dass weitere Personen kurzzeitig verdächtigt werden. Das beeinflusst die narrative Wahrnehmung sehr stark.
Die Nerven liegen blank
Je weiter man liest, desto mehr Spannungen werden offensichtlich. Die einst »besten« Freundinnen Eva und Susanne geraten immer öfter aneinander. Sie machen sich gegenseitig Vorwürfe und machen ihre unterschiedlichen Standpunkte klar. Der Streit zwischen Eva und Susanne eskaliert. Eva wirft Susanne ihre Unterwürfigkeit gegenüber ihrem Partner Axel vor. Susanne kontert daraufhin und erwähnt die sexuellen Probleme zwischen Eva und Daniel. Eva und Daniel sind längst nicht mehr das Traumpaar von einst. Zu oft hat er Eva in der Vergangenheit belogen.
Sinnvolle Unterteilung
Der Kriminalroman ist in vier Teile aufgeteilt, was im Prinzip keinen Mehrwert für die Erzählung bringt. Interessanter ist da schon die Unterteilung in drei unterschiedliche Perspektiven. Eva, die Hauptprotagonistin, berichtet aus ihrer Sicht als Ich-Erzählerin. In kurzen Kapiteln erzählt uns eine andere Person über ihre Pein und Angst. Sie sucht verzweifelt nach einem Weg, wie sie der Situation entkommen kann.
Die dritte Ebene widmet sich der Ermittlungsarbeit durch die Polizei. Diese beschränkt sich nicht nur auf die Suche nach der vermissten Schülerin Sofia, sondern richtet sich auch auf einen zurückliegenden Mord von vor fünfzehn Jahren an einer Schülerin. Gibt es hier Gemeinsamkeiten mit dem aktuellen Vermisstenfall? Das hat die Autorin alles geschickt miteinander verknüpft.
Was am Ende steht
Es gibt Dinge, die mir am Setting nicht gefallen haben. Da sind zum einen die klischeehaften Wiederholungen von Anrufen auf dem Smartphone. Das hat mit der Zeit wie eine Floskel auf mich gewirkt. Die Aufklärung des Vermisstenfalls war mir zu banal und konstruiert. Alle offenen Fragen werden auf den letzten Seiten des Kriminalromans gebündelt beantwortet.
Das Sprichwort »Trau, Schau, Wem« ist eine zeitlose Mahnung zur Vorsicht. Es kommt hier sehr gut zum Ausdruck. Es erinnert daran, nicht jedem Menschen und jeder Situation blind zu vertrauen, sondern sich ein eigenes Bild zu machen und genau hinzusehen.
Fazit
»Wem du traust« ist ein psychologischer Kriminalroman, der weitestgehend auf blutige Details und harten Thrill verzichtet. Petra Johann ist eine klare Unterscheidung zwischen Krimi und Thriller gelungen.
Der Schreibstil ist flüssig und leicht verständlich. Die Verhaltensweisen der verschiedenen Figuren und deren Charaktere mit ihren Stärken und Schwächen herauszuarbeiten, spricht für die Autorin. Die Kapitel sind überwiegend kurzgehalten und enden mit einem Cliffhanger, um die Auflösung einer Situation zu verzögern.
Es gibt Längen in den Erzählungen (Bsp.: Lagebesprechungen bei der Polizei), die die Spannung des Öfteren ausbremsen.
Es werden immer wieder neue Figuren erwähnt, die in Erscheinung treten. Da sie für den Handlungsablauf nicht wichtig sind, verschwinden sie genauso schnell wieder in der Bedeutungslosigkeit.
Nachdem von Will Dean »Totenstille« (2019) und »Totenwinter« (2020) bereits zwei Kriminalromane in Deutsch erschienen sind, ist nun mit »Die Kammer« erstmals ein deutschsprachiger Stand Alone Thriller ...
Nachdem von Will Dean »Totenstille« (2019) und »Totenwinter« (2020) bereits zwei Kriminalromane in Deutsch erschienen sind, ist nun mit »Die Kammer« erstmals ein deutschsprachiger Stand Alone Thriller von ihm erschienen. Im englischsprachigen Raum sind seine Thriller viel beachtet.
Der Plot beginnt langatmig und hat mit einem Thriller wenig gemein. Der Inhalt gleicht eher einem Sachbuch. Hier kann das Buch nicht punkten.
Die Geschichte wird von der Protagonistin Ellen Brooke erzählt. Sie ist die einzige Frau an Bord einer Dekompressionskammer, die insgesamt aus sechs Tauchern besteht. Alle außer dem jungen »Tea Bag« mit bisher nur zwei Tauchgängen sind erfahrene Tiefseetaucher. In den ersten Kapiteln erfahren wir mehr darüber, wie die Arbeit und das Leben als Berufstaucher in großer Tiefe ablaufen. Diese melden sich für diesen gefährlichen Job, weil er viel Geld einbringt.
Die Figurenzeichnung bleibt mit Ausnahme der Protagonistin Ellen Brooke blass. Man kann sich ein gutes Bild über deren bisheriges Leben machen. Sie sehnt sich nach ihrem Mann und ihren beiden Kindern, bevor man plötzlich erfährt, dass alle drei bei einem Unfall ums Leben gekommen sind. Die innere Zerrissenheit wird deutlich, um mit der Situation umzugehen. Brooke wird mit der Zeit immer paranoider.
Bei einem ersten Tauchgang von Ellen und André zur Überprüfung einer Ölpipeline irgendwo in der Nordsee kommt es fast zu einem Unglück, weil sich der Versorgungsschlauch von Ellen verhakt und ein Ventil in der Glocke defekt ist. Weitere Tauchgänge finden aufgrund des plötzlichen Ablebens des jungen Tea Bag gefolgt von weiteren mysteriösen Todesfällen nicht statt.
Die Stimmung in der nur wenige Quadratmeter großen Dekompressionskammer an Bord der DSV Deep Topaz ändert sich von gereizt bis ängstlich. Die Crew soll eine Fernautopsie bei Tea Bag durchführen und dem Leichnam Körperproben zur Bestimmung der Todesursache entnehmen. Das stellt eine enorme psychische Belastung für die Taucher dar und wird auch gut vom Autor beschrieben. Die schottische Polizei befragt die Crew-Mitglieder über Funk einzeln und getrennt voneinander, was zusätzlich für Unsicherheit sorgt.
Nach dem mysteriösen Todesfall des zweiten Tauchers zieht die Spannung an. Es entwickelt sich ein echter Locked Room-Thriller. Die verbleibenden Taucher werden spürbar nervöser, auf engstem Raum vergleichbar mit einem Kleinbus unter klaustrophobischen Verhältnissen und zwei Leichen in der Nähe. Zunächst der Sturm, das defekte Ventil, zwei erfolglose Wiederbelebungsversuche, die Befragung durch die Polizei und dann Tea-Bags Überführung in das Rettungsboot tun ihr Übriges.
Die Stimmung unter den verbleibenden Tauchern schlägt um. Was könnte zum Tod der Taucher geführt haben und woher kommt die Gefahr? Mord, Totschlag oder grobe Fahrlässigkeit? Müdigkeit gepaart mit Angst macht sich breit. Keiner möchte mehr was essen oder trinken, und es dauert noch Tage, bis die Dekomprimierung abgeschlossen ist und man diesen metallischen Sarg verlassen kann. Ein plötzliches Öffnen der Luke würde ohne Druckausgleich zu Gasblasen im Körperinneren führen. Das hat der Autor realitätsnah beschrieben.
Gegenseitige Verdächtigungen häufen sich, keiner traut mehr dem Anderen. Die Gefahr um Leib und Leben wächst, die psychische Anspannung auf engstem Raum ohne Ausweichmöglichkeiten nimmt zu. Das Ende wirkt konstruiert und hinterlässt beim Leser Staunen und Unverständnis.
In einem Glossar am Ende des Buches werden allgemein verwendete Begriffe des Sättigungstauchens erläutert. Diese Seiten zum Nachschlagen tragen dazu bei, die Materie besser zu verstehen.
Tauchunfälle und Tauchanekdoten vergangener Einsätze werden eingestreut. Die waren fast über die ganze Welt verteilt, und man erfährt dabei über Unglücke und Todesfälle aus dieser Zeit. Das bremst immer wieder die Spannung aus.
Fazit
Das Buch hat sowohl Stärken als auch Schwächen. Die Gefahren beim Tiefseetauchen und viele technische Begriffe speziell beim Sättigungstauchen werden vom Autor authentisch und leicht verständlich beschrieben. Das Setting ist düster, aber stimmig. Fehlendes Pacing ist ein Schwachpunkt in diesem Thriller.
Es gibt Unregelmäßigkeiten in den Beschreibungen, die evtl. auf eine mangelhafte Übersetzung zurückzuführen sind. Im Todesfall von Tea-Bag untersucht die Grampian Police den Fall. Diese territoriale Polizei der nordöstlichen Region Schottlands wurde bereits 2013 durch die Police Scotland abgelöst. Bei einem »Procurator Fiscal« handelt es sich nicht um einen Rechtsmediziner, wie irrtümlich beschrieben wird, sondern um einen schottischen Staatsanwalt.
Auch wenn der bekannte Tiefseetaucher Hans-Jürgen Strickling (49) dieses Buch als wirklichen Pageturner bezeichnet, so kann ich dem nicht ganz folgen.
Als mich Jonas Schönberger gefragt hat, ob ich mir vorstellen könnte, seinen Thriller zu lesen und zu rezensieren, musste ich nachdenken. Ein Tech-Thriller hat bisher noch nicht mein Interesse geweckt. ...
Als mich Jonas Schönberger gefragt hat, ob ich mir vorstellen könnte, seinen Thriller zu lesen und zu rezensieren, musste ich nachdenken. Ein Tech-Thriller hat bisher noch nicht mein Interesse geweckt. Aber da meine Neugierde überwog, habe ich zugestimmt.
Es ist unglaublich und beängstigend, wie man die Privatsphäre von Menschen infiltrieren kann. Über all diese Gefahren, Hintergründe und mögliche Lösungen schreibt der Autor in seinem sowohl fiktiven als auch visionären Thriller. Er greift hier ein sehr aktuelles und brisantes Thema auf.
Das Buch ist in drei Teile untergliedert. Teil 1 ist überwiegend dynamisch und spannungsgeladen geschrieben. Die Kapitel sind kurzgehalten. In diesem Teil legt der Autor das Augenmerk auf ein Containerschiff im nordöstlichen Pazifik. Die gesamte Steuerung der SLS Tokio wird blockiert, was zur Folge hat, dass das Schiff manövrierunfähig ist. Terroristen kapern das Schiff und bringen es in ihre Gewalt.
Sie haben es auf die Ladung abgesehen. Die SLS Tokio ist kein gewöhnliches Containerschiff, sondern ein schwimmendes Rechenzentrum mit riesigen Datenmengen. Aber warum ist ein Containerschiff mit einer solch brisanten Ladung an Bord unterwegs?
Verschiedene komplexe Handlungsstränge sorgen für Verwirrung, da sie scheinbar parallel zueinander laufen, ohne dass man einen Zusammenhang erkennen kann. Häufig wechseln sowohl die Handlungsorte, die Zeiträume und die Perspektiven.
Der zweite Teil ist längst nicht so dynamisch einhergehend mit einem Spannungsabfall. Hier geht es schwerpunktmäßig um drei junge Studenten, die in einer Eliteuniversität in Montreux in der Schweiz studieren. Der hochintelligente amerikanische Student Adam Volt mit einem leichten Asperger-Syndrom erkennt die Gefahr der Cyberkriminalität und will eine Technologie zur Datenhaltung in dezentral verteilten Netzwerken entwickeln. Diese sogenannte Blockchain ist eine Kette, in der die einzelnen Datenblöcke aneinandergereiht werden. Der erste Block in der Kette ist der sogenannte Genesis-Block. Vieles in diesem Teil ist überaus technisch und abstrakt.
Adam Volt weiht seine Kommilitonen Junichiro Hisoka und Vadim Orlov ein und bittet sie um Unterstützung, da er für Testzwecke mehr Rechenleistung benötigt. Das stellt sich allerdings im weiteren Verlauf als eine toxische Verbindung heraus. Denn sowohl der Vater des Japaners als auch der Onkel des Russen verfolgen andere Ziele, da sie Kenntnisse von den gestohlenen Daten haben. Kazumasa Hisoka leitet ein großes Softwareunternehmen und Dimitri Orlov möchte mit unsauberen Methoden an möglichst viel Kapital gelangen. Sie haben kein Interesse an einem Programm für Datensicherheit.
Der dritte Teil befasst sich u.a. mit der Vorgeschichte zur feindlichen Übernahme der SLS Tokio, die wir in Teil 1 erfahren haben. Es kommt zu heftigen Kämpfen zwischen den Terroristen und der Besatzung, in deren weiterem Verlauf die SLS Tokio samt Besatzung sinkt, es gibt keine Überlebenden. Zuvor hat man die Daten auf Server außerhalb des Schiffes übertragen.
Die gestohlenen Daten werden meistbietend an Broker versteigert. Dazu werden insgesamt 20 Datenpakete geschnürt, die Millionenerträge einbringen. Es geht darum, radikale und weltweite Veränderungen im digitalen Bereich, in der Politik, der Wirtschaft, der Gesellschaft und den Medien zu erzielen. Des Weiteren ist dieser Teil von wilden Verfolgungsjagden geprägt.
Fazit
Ein solch umfangreiches Werk mit 586 Seiten und in einem sehr kleinen Schriftsatz verfasst, stellt beim Lesen eine Herausforderung dar. Man kann es nur erahnen, welch immenser Zeitaufwand und Recherche in diesem Werk steckt.
Diesen Tech-Thriller, der Kreise bis in die Politik zieht, kann man durchaus als eine dystopische Erzählung wahrnehmen. Hier wird eine nicht wünschenswerte Gesellschaftsordnung dargestellt, die so hoffentlich nie eintritt.
Zu viele Figuren mit unterschiedlichen Perspektiven wurden in die Handlung gepackt, was das Buch unübersichtlich erscheinen lässt. Hier wäre weniger mehr gewesen. Alles in allem konnte mich das Setting nicht ganz überzeugen. Daher gibt es von mir drei von fünf Sternen.
Dies ist der zweite Fall für die zierliche Deutschchinesin Dr. Sabine Yao. Sie ist stellvertretende Leiterin der Rechtsmedizin beim Berliner BKA. Ihr Vorgesetzter Prof. Paul Herzfeld und sie arbeiten zusammen ...
Dies ist der zweite Fall für die zierliche Deutschchinesin Dr. Sabine Yao. Sie ist stellvertretende Leiterin der Rechtsmedizin beim Berliner BKA. Ihr Vorgesetzter Prof. Paul Herzfeld und sie arbeiten zusammen bei der Spezialeinheit »Extremdelikte«. Bei diesem Rechtsmedizin-Thriller handelt es sich um die fiktionale Erzählung eines echten Kriminalfalls.
Wir erfahren zunächst von zwei entstellten Toten, die im Wald an einem Gestell ähnlich einem Galgen hängen. Außerdem wird von einem Einsatz eines SEK-Kommandos berichtet, das irrtümlich in eine falsche Wohnung eindringt und ein altes Rentnerehepaar zu Tode erschreckt. Später im weiteren Lauf steht bei der Spezialeinheit »Extremdelikte« der Tod des ehemaligen Polizeipräsidenten von München auf der Tagesordnung. Was hat das mit dem eigentlichen Fall zu tun, gibt es überhaupt Zusammenhänge? Werden wir mehr darüber erfahren?
Hier soll wohl die Arbeit der Rechtsmedizin thematisiert werden. Der Autor lässt uns wieder einen ausführlichen Blick hinter die Kulissen der Rechtsmedizin werfen, in vielen Fällen für mein Empfinden zu ausführlich, was zu einem Spannungsabfall führt (Bsp.: detaillierte Beschreibung von Sabine Yao, wie und warum eine Tür zum Sektionssaal so und nicht anders geöffnet wird). Spannung kommt erst seit gefühlten 130 Seiten auf – zu wenig für einen Thriller.
Bei dem Fall, um den es hier geht, ist ein kleiner Junge aus der High-Deck-Siedlung in Berlin-Neukölln verschwunden. Berlins schlimmste Siedlung entstand in den 1970er und 1980er Jahren im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus und ist ein Brennpunkt. Der achtjährige Yasser Khaleb lebt dort zusammen mit seiner Mutter, offensichtlich sind sie nicht gemeldet bei den Behörden. Deshalb beauftragt Yassers Mutter den jordanischen Ex-Geheimdienstler Hassan Khalaf mit der Suche nach ihrem verschwundenen Sohn. Wie es zu diesem Kontakt kam, bleibt ungewiss.
Als Hassans Nachforschungen mehr oder weniger ins Leere laufen, beauftragt er Yassers Mutter, die Polizei einzuschalten.
Es wird deutlich, dass Tsokos Wert darauflegt, seine Figuren präzise zu beschreiben. Für ihn ist Hassan Khalaf ein arroganter und überheblicher Einzelgänger. Er hat keine Familie, das würde ihn verletzlich und angreifbar machen. Die Darstellung des skurrilen Rechtsmediziners Oberarzt Dr. Martin Scherz hat mir gefallen. Das Verhältnis zwischen Sabine Yao und ihrer Schwester Mailin kommt wie im ersten Band zur Sprache. Mailin ist weiterhin sehr labil und hatte schon einmal Alkoholexzesse, Wutausbrüche, autoaggressives Verhalten mit Verletzungen bis hin zu einem Suizidversuch.
Aber muss man Charakteren wiederholt Adjektive wie die »italienischstämmige Ermittlerin« (Kommissarin Monica Monti) oder der »ehemalige jordanische Geheimdienstler« (Hassan Khalef) zuordnen? Das ist nervig.
Wir bekommen einen Einblick in die vielfältigen Aufgaben der Kriminalistik und der Kriminologie. Sei es aus dem Bereich der Rechtsmedizin, der filigranen Arbeit im Sektionssaal, der Lageeinsatzbesprechung der Kriminalpolizei oder der operativen Fallanalyse. Das ist zwar interessant, lässt aber weniger Spielraum für Thrillersequenzen.
Fazit:
Was ist der Modus Operandi? Das wurde zum Ende hin kurz angerissen. Auch die anfangs erwähnten Fälle werden noch einmal aufgegriffen, um sie aber schnell abzuhandeln.
Dass mit Prof. Dr. Michael Tsokos eine Koryphäe auf dem Gebiet der Rechtsmedizin schreibt, ist unverkennbar. Bei einem Thriller erwarte ich allerdings mehr Spannungsmomente zum eigentlichen Fall.
Die Kapitel sind mit wenigen Ausnahmen kurzgehalten und enden mit einem Cliffhanger, um im folgenden Kapitel unmittelbar eine Fortsetzung zu finden. Die Kapitel bestehen aus zwei Handlungssträngen, die zum Ende hin zusammengeführt werden. Plot-Twists gab es allerdings so gut wie keine.
Mit dem Begriff »Kalkül« im Titel kann ich nicht viel anfangen. Wo und durch wen liegt hier die Berechnung?
Dieses Buch fällt ab gegenüber dem ersten Band »Mit kalter Präzision« und konnte mich nicht überzeugen. Um es auf den Punkt zu bringen: Zu wenig Thriller, zu viel Rechtsmedizin. Ich vergebe daher nur 3 Sterne.