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Veröffentlicht am 26.06.2025

Zu Recht Spitzentitel

Im Leben nebenan
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Gerade lebt Toni noch mit Jakob in der Stadt und verzweifelt an ihrem Wunsch, endlich schwanger zu werden, im nächsten Moment wacht sie als Antonia mit einem Baby auf der Brust in ihrem Heimatdorf auf, ...

Gerade lebt Toni noch mit Jakob in der Stadt und verzweifelt an ihrem Wunsch, endlich schwanger zu werden, im nächsten Moment wacht sie als Antonia mit einem Baby auf der Brust in ihrem Heimatdorf auf, mit Jugendliebe Adam. Zwei Leben, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Plötzlich hat Antonia das Kind, das sie sich immer gewünscht hat, nur mit dem falschen Mann in einem falschen Leben, während Toni droht sich und Jakob an ihrem Kinderwunsch zu verlieren.
Anne Sauers „Im Leben nebenan“ habe ich entgegengefiebert. Als Buchmensch hat sie mein Lesen so sehr bereichert, da ist ihr Debütroman ein Muss. Und ich wurde nicht enttäuscht. Für mich ist es zu Recht ein Spitzentitel geworden. 
Die Kinderfrage ist eine der Essenziellsten des Lebens und gerade Frauen scheinen nicht wirklich die Wahl zu haben. Anne Sauer stellt das Leben mit Kind und das mit unerfülltem Kinderwunsch gegenüber. Wie ist es plötzlich Mutter zu sein und mit dieser größten aller Veränderungen klarkommen zu müssen? Wie ist es andererseits, wenn der Wunsch nach einem Kind verblasst, weil es einfach nicht klappt und man an die Grenzen der Kapazitäten kommt?
Sie hat dabei nicht zwei gleiche Realitäten komponiert, sondern feine Stellschrauben verändert, die im ersten Moment irritieren, aber keinesfalls die Wahrhaftigkeit aushebeln. Sie vergrößern vielmehr das Spannungsverhältnis und ermöglichen ein Eintauchen in zwei ganz unterschiedliche Welten, gelebt von einer Figur, die sich den Gegebenheiten anpassen muss.
Doch nicht nur thematisch hat es mich auf vielfältige Weise abgeholt und emotional so sehr angefasst, dass ich es manchmal nur häppchenweise lesen konnte. Auch sprachlich ist es absolut gelungen, aber da habe ich nichts anderes erwartet. Anne Sauer ist eine grandiose Autorin, der man ihre ausgiebige und vielseitige eigene Lektüre anmerkt. Sie weiß, was funktioniert – sprachlich, aber auch, welche Geschichten wir noch brauchen – vielen Dank für diesen wunderbaren Roman.
Ich hoffe, dass noch viele weitere folgen.

Veröffentlicht am 29.05.2025

Schöne kleine Loser

Der Kaiser der Freude
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Hai will von einer Brücke in East Gladness springen, doch Grazina hält ihn davon ab. Die an Demenz erkrankte Frau holt Hai in ihr Haus und sie gehen einen Deal ein: Er darf bleiben, muss sich aber um sie ...

Hai will von einer Brücke in East Gladness springen, doch Grazina hält ihn davon ab. Die an Demenz erkrankte Frau holt Hai in ihr Haus und sie gehen einen Deal ein: Er darf bleiben, muss sich aber um sie kümmern. Gemeinsam schaffen sie es ihren Alltag zu bestreiten: Hai kommt auf die Beine, sucht sich einen Job und hin und wieder steigt er mit Grazina hinab in ihre Vergangenheit.
Wenn Ocean Vuong ein Buch schreibt, muss ich es lesen, denn seit 2022 hallt sein Romandebüt „ Auf Erden sind wir kurz grandios“ nach. Bei „Der Kaiser der Freude“ wird es noch schlimmer sein, auf eine wundervolle Weise.
Wieder hat mich dieser junge Autor tief beeindruckt mit seiner Beobachtungsgabe und den Worten, die er aneinanderreiht wie Perlen auf einer Kette. Worte, die ein kaputtes Leben zeichnen, ein schmerzhaftes Leben, welches doch gelebt und durchgestanden wird. Nicht nüchtern, nicht einfach, aber weiterhin.
Dieser Roman wird bevölkert von Losern, die mir fast alles ans Herz gewachsen sind. Nicht nur Hai und Grazina, deren Freundschaft so liebevoll und einzigartig ist, sondern auch die ganze Belegschaft des HomeMarket, wo Hai arbeitet. Es sind alles Individuen, die meinen Kopf okkupiert haben und sie alle vereint ihr Versagertum. Sie gehören zu den Menschen, die nichts geschenkt bekommen und trotzdem weiter machen.
So verzaubernd die Sprache ist, so berührend die Charaktere sind, gibt es Stellen und Szenen, die mir einfach das Herz zerdrückt haben, die mich schwer schlucken ließen und die so wahr sind, als hätte Ocean Vuong in die Leben einzelner Personen geblickt. Aber natürlich gibt es auch absurde und komische Begebenheiten. Diese Kombination macht „Der Kaiser der Freude“ in meinen Augen zu großer Literatur. Das einzige Manko: Gelegentlich bin ich an Feinheiten in der Formulierung hängen geblieben, was wohl der Übersetzung geschuldet ist.
Ich sehne mich schon jetzt nach weiteren Worten aus Ocean Vuongs Feder.

Veröffentlicht am 18.04.2025

Wortgewaltiges Debüt

Cinema Love
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Yan Huas und Bao Meis Leben hängen auf ungewöhnliche Weise zusammen. Dreh- und Angelpunkt ist Old Second, der seine Homosexualität nur in einem Arbeiterkino in der chinesischen Provinz Fuzhou ausleben ...

Yan Huas und Bao Meis Leben hängen auf ungewöhnliche Weise zusammen. Dreh- und Angelpunkt ist Old Second, der seine Homosexualität nur in einem Arbeiterkino in der chinesischen Provinz Fuzhou ausleben kann. Dort lernt er Yan Huas Ehemann kennen und lieben. Als Yan Hua das herausfindet, kann sie es nicht ertragen und trifft eine folgenreiche Entscheidung, die erst sie selbst und dann Bao Mei und Old Second, die inzwischen verheiratet sind, nach Amerika bringt, wo sie Jahrzehnte später wieder aufeinandertreffen.
Den Inhalt von „Cinema Love“ von Jiaming Tang zusammenzufassen ist schwer, denn alles ist verwoben; es gibt unzählige Abschweifungen und Perspektivwechsel, genauso wie Figuren. Die zentralsten sind Old Second, Yan Hua und Bao Mei, aber es gibt noch viele andere „Sissys“, wie schwule Männer in China bezeichnet werden und Einwanderer, die in den Staaten auf ein besseres Leben hoffen und dabei nicht nur von den Weißen ausgebeutet werden.
Hauptthema ist die Liebe, nicht nur die Verbotene zwischen den Männern, die im Dämmerlicht des Kinos zueinanderfinden muss, sondern auch die nicht Romantische der Ehefrauen, welche die Sexualität der Männer durchaus akzeptieren, aber in gewisser Weise Zuneigung, Kameradschaft und Wertschätzung erwarten.
Was das Buch zu etwas Besonderem macht, ist die Sprache. Schon ab der ersten Seite wird man bombardiert mit Vergleichen, Metaphern, manchmal nur Beobachtungen und Eindrücken, die den Roman nahbar machen. Dabei nutzt Jiaming Tang kein hochgestochenes Vokabular, sondern setzt auf Simplizität, was noch eindrücklicher ist. Sofort fing der Projektor in meinem Gehirn an zu rattern.
Zugegeben manchmal verschwamm der rote Faden und ich geriet ins Taumeln, wusste nicht wo, wann und vor allem wem ich gerade folgte, allerdings kann das Absicht gewesen sein, um zu verdeutlichen, wie stark die Leben dieser Menschen zusammenhängen.
Ein Roman, den mich an Ocean Vuong erinnerte und den ich bestimmt noch mal lesen werde.

Veröffentlicht am 31.03.2025

Geheimnisse im Marschland

Stromlinien
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Enna und Jale sind 17, als ihre Mutter Alea nach 38 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird. Doch am Entlasstag verwindet nicht nur sie, sondern auch Jale. Ennas Leben steht kopf. Die beiden Mädchen hatten ...

Enna und Jale sind 17, als ihre Mutter Alea nach 38 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird. Doch am Entlasstag verwindet nicht nur sie, sondern auch Jale. Ennas Leben steht kopf. Die beiden Mädchen hatten über all die Jahre nur sich und ihre mürrische, schweigsame Oma Ehmi. Sie gegen den Rest der Welt, galt es immer.
„Stromlinien“ von Rebekka Frank ist voller Geheimnisse, die tief im Schlick der Elbe stecken und die wir als Lesende langsam zutage fördern. Es geht um viel mehr als die beiden verschwundenen Frauen und die Gründe dafür reichen weit in die Vergangenheit zurück.
Meist folgen wir Enna, die bei der Suche nach Jale fast verrückt wird und sich entgegen ihrer Gewohnheiten von Luca helfen lässt. Aber da ist auch der Erzählstrang von Gunnar, Aleas Großvater, dessen Teeanger-Entscheidungen noch Auswirkungen auf seine Großenkelinnen haben wir; von Jale, die sich nicht mit dem Schweigen ihrer Familie abfindet und von Alea, die immer versucht alles richtig zu machen. All diese Erzählstränge hängen zusammen und umfassen ein ganzes Jahrhundert Familiengeschichte. Getragen wird das von eindrücklichen und atmosphärischen Schilderungen der Elbe und ihrer Natur.
Rebekka Frank ist eine großartige Erzählerin. In den 500 Seiten habe ich nicht eine Sache, eine Nebenhandlung, eine Kleinigkeit gefunden, die ich als langweilig oder gar unnütz empfunden habe. Von Anfang an gibt sie ein rasantes Tempo vor, das nur durch das Setting im Marschland nicht zu reißerisch wird. Und wenn ich auch manchmal etwas skeptisch war (38 Jahre Haft in Deutschland etc.) ist alles am Schluss doch stimmig, selbst die Auflösungen der verschiedenen Vermissten- und Todesfälle.
Ein wirklich beeindruckender Roman, der in das Marschland entführt und einen alles um sich herum vergessen lässt. Ich werde Rebekka Frank definitiv im Auge behalten.

Veröffentlicht am 22.03.2025

Ein Jahreshighlight

Der Gott des Waldes
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1975 verschwindet die 13-jährige Barbara van Laar aus dem Camp Emerson, das ihrer Familie gehört und in dem sie zum ersten Mal einen Sommer verbringt. Besonders tragisch für die Van Laars, denn ihr Sohn ...

1975 verschwindet die 13-jährige Barbara van Laar aus dem Camp Emerson, das ihrer Familie gehört und in dem sie zum ersten Mal einen Sommer verbringt. Besonders tragisch für die Van Laars, denn ihr Sohn Bear ist vor 14 Jahren ebenfalls verschwunden, am selben Ort. Da drängt sich die Frage auf: Hängen die beiden Fälle zusammen?

„Der Gott des Waldes“ von Liz Moore auf wenige Worte runterzubrechen ist unmöglich, denn der Roman ist unglaublich komplex. Trotzdem kann man der Geschichte leicht folgen. Die verschiedenen Perspektiven ermöglichen es, sich selbst ein Bild von der ganzen Situation, die gewaltig scheint, zu machen: Bears und Barbaras Verschwinden, die Suchen und Ermittlungen, die Verdächtigen, aber auch die Familie Van Laar und ihre Angestellten, bis zu den Hewitts, die das Camp leiten. Dabei springt Liz Moore nicht nur zwischen den Perspektiven, sondern auch den Zeiten und setzt so Stück für Stück das ganze Bild zusammen.

Mich hat der Roman absolut begeistert, nachdem ich kurz mit der Übersetzung gehadert hatte. Aber die Geschichte ist zu spannend, um nur deswegen abzubrechen, und ich wurde belohnt: mit einem Pageturner, mit Plottwists und Cliffhängern vom Feinsten. Liz Moore beschränkt sich dabei nicht nur auf Spannung, sondern baut auch gesellschaftliche Missstände sehr eindrücklich ein. Besonderes Augenmerk hat sie auf das Verhältnis der reichen Van Laars mit dessen Freundeskreis und ihrem Umgang mit den Einheimischen, die nichts anderes als Angestellte sind, gelegt; sowie auf den Kampf, den Frauen ausfechten müssen, ob es nun Bears und Barbaras Mutter Alice ist, die nichts zu melden hat, Ermittlerin Judyta, die sich in einer Männerdomäne beweisen muss, oder Louise, die als Sündenbock herhalten soll. Sehr oft wurde ich wütend, was die Fragezeichen in meinem Kopf nur noch leuchtender hat werden lassen.

Am besten hat mir wohl gefallen, dass meine Spekulationen alle falsch waren und das Ende mich nicht nur überrascht, sondern auch versöhnt hat.

Jetzt schon ein Jahreshighlight.