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Veröffentlicht am 27.10.2025

Gehen auf Glasscherben

Der brennende Garten
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„Der brennende Garten“ von V. V. Ganeshananthan, 2025 erschienen bei Tropen, ist gegen Ende des Jahres noch einmal eine wundervolle Highlight-Überraschung, die viele Lesende in einen komplett neuen Kosmos ...

„Der brennende Garten“ von V. V. Ganeshananthan, 2025 erschienen bei Tropen, ist gegen Ende des Jahres noch einmal eine wundervolle Highlight-Überraschung, die viele Lesende in einen komplett neuen Kosmos mitnehmen dürfte.

Wir tauchen ein in die Welt der Tamilen und in die Zeit des Bürgerkrieges, der von 1983-2009 dauerte und an den meisten Menschen in Europa wahrscheinlich zumindest in den Details vorbeigezogen ist. Die junge Sashi hat wie ihre Brüder das große Ziel, Medizin zu studieren und Ärztin zu werden. Nicht einfach für eine junge Tamilin in dieser Zeit. Schon früh lernt sie K kennen, der das gleiche Ziel verfolgt – mit ungleich besseren Voraussetzungen. Sashi hat drei Brüder, sie ist umgeben von einer Männerwelt, in der sie nur spät immerhin endlich eine Freundin findet, die ähnlich wie sie selbst auch ausgegrenzt wird, in ihrem Fall hat die Ausgrenzung mit ihrem Glauben zu tun. Doch Sashi gibt nicht auf, sie verfolgt ihre Träume – und hat immer ein Auge auf K, zu dem sie sich von Tag eins an hingezogen fühlt.
Als quasi über Nacht in Sri Lanka der Bürgerkrieg ausbricht, bricht auch Sashis Leben auseinander und die sowieso immer fragile Sicherheit liegt in Scherben. Zwei ihrer drei Brüder und vor allem auch K werden Teil der Tamil Tigers, die um die Unabhängigkeit der Tamilen vom Staat Sri Lanka kämpfen – und bereit sind, dafür zu sterben. Sashi taucht ein in eine Welt, die sich immer weniger vom Terrorismus abgrenzen lässt und irgendwann muss auch sie Entscheidungen treffen, Entscheidungen, die kosten.

Ganeshananthan schreibt einfach gigantisch gut, das Buch strotzt nur so von Informationen und Gehalt, doch all das ist so gut eingebettet in Sashis Erleben und ihre Geschichte, dass nichts davon aufträgt. Im Gegenteil, wir sind jederzeit drin in Sashis Emotionen und ihrer Zerrissenheit, im Kampf zwischen Loyalität und Lebenshunger, im Opfern von Träumen für die Sache oder von Menschen für die Träume. Atmosphärisch dicht und durchweg packend, zerstörerisch und aufwühlend habe ich hier einen Teil Geschichte kennenlernen dürfen, der bei mir ganz klar einen blinden Fleck darstellt. Ich konnte so viel mitnehmen und habe dabei aber vor allem: Einen richtig guten Roman gelesen. Ganeshananthan macht mehr als deutlich, wie absurd Diskriminierung ist und wie unerträglich. Vor allem aber zeigt sie, wie sehr auch im Terror als Mittel letztlich Menschen stecken und wie weich die Grenze ist zwischen Einsatz für das Richtige und Überschreiten eben dieser Grenze. Sich damit auseinanderzusetzen, ist durchaus verstörend und kann das Weltbild verändern. Für Sashi gleicht ihr ganzes Leben einem Tanz auf dieser Grenze und die Ruhe ist auf Sri Lanka letztlich nicht zu finden. Sich einzugestehen, dass sie dort keine Heimat finden kann, ist ein Prozess, den die Autorin unglaublich sensibel begreifbar macht.

Eine ganz große Leseempfehlung also für dieses Buch, dessen Cover leider etwas irreführend wie der Hinweis auf eine Bollywood-Lovestory daherkommt. Dieser wundervolle Roman ist alles andere als das. Er ist eine literarische und horizonterweiternde Entdeckung. Lesen! Verschenken! Weitersagen!

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Veröffentlicht am 19.09.2025

Ein wackelnder Thron – aber nicht für Rebecca Gablé

Rabenthron
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„Rabenthron“, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, der neue Roman von Erfolgsautorin Rebecca Gablé, ist wie immer ein Meisterwerk des historischen Romans, auch wenn diesmal tatsächlich kleine Schwächen auftreten. ...

„Rabenthron“, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, der neue Roman von Erfolgsautorin Rebecca Gablé, ist wie immer ein Meisterwerk des historischen Romans, auch wenn diesmal tatsächlich kleine Schwächen auftreten. Doch da Gablé in einem ganz eigenen Universum schreibt, ist der Roman dennoch ein weiterer Stern an ihrem Schreibhimmel.

Wir kehren zurück nach Helmsby, oder genauer gesagt, wir gehen ganz an den Anfang von Helmsby, reisen also weiter in der Zeit zurück. Bevor wir uns mit der Handlung befassen, ist ein kurzes Shoutout an das Buchdesign unbedingt nötig: Was für ein Traum, dieser Farbschnitt und die Karte im Inneren, und natürlich wie immer die großartigen Zeichnungen für jeden Teil und die kleinen Ornamente am Kapitelanfang, einfach so ein Genuss! Ich lieb’s. Allein dafür schon fünf Sterne.

Gablé wirft uns direkt ins Geschehen: Wir befinden uns im Jahr 1013 und Aelfric hat die Aufgabe, den gefangenen Dänen Hakon nach London zu bringen und seinen Sohn Penda zu retten. Soweit die simple Ausgangssituation des Romans, von der aus sich die Geschichte bis hin zu Wilhelm dem Eroberer erstreckt, mit wie immer unendliche vielen hervorragend recherchierten Details und historischen Personen, die ergänzt werden um ebenso viele fiktive Personen und deren Geschichte, ein umfassendes Panorama dieser Zeit. London geht zugrunde, der herrschende König schwächelt und hat seine Herrschaft nicht im Griff. Der Thron, die Königsposition wird uns den ganzen Roman durch begleiten in vielen Konstellationen und Varianten. Wie schwer das Herrschen doch ist und dass nicht jeder, der qua Geburt König werden soll, auch zum König geboren ist, das arbeitet die Autorin brillant heraus.

Gablé zeigt gekonnt all die Fallstricke der Zeit, die wenigen Rechte und Bewegungsmöglichkeiten der Frauen (und doch hat sie uns gleich mehrere starke Frauen hingelegt für diesen Band), die Grausamkeit, aber auch das Männerklischee, dem die Männer genügen mussten und das ihnen auch gar nicht mal so viel Beinfreiheit ließ. Die verschiedenen Schichten und die Unkenntnis der jeweils anderen Lebensrealität. Wie katastrophal es war, wenn ein Herrscher nicht wirklich zum Herrschen bestimmt war. Die vielen Intrigen und Ränkespiele, die ständige Not, Allianzen zu schmieden – und das in einer Zeit, in der Nachrichten nicht gerade schnell unterwegs waren. Mit der Königin Emma schafft sie einen großartigen Charakter, eine Frau, die den Lauf der Geschichte immer wieder stark beeinflusst und das wilde Pendeln Englands in der Zeit mit den vielen Herrschern, der Konflikt mit Dänemark, der ewige Kampf um die Hoheit, all das wird lebendig.

Gablé hält den Spannungsbogen durchweg oben, in jedem einzelnen Abschnitt passiert so viel, dass man einen eigenen Roman schreiben müsste, um den Roman zu erläutern. Szenerie, Dialoge und Figuren sind immer so lebendig und es werden so viele Informationen über die Zeit wie nebenbei eingewoben, ich finde es einfach jedes Mal aufs Neue beeindruckend und lese ihre Bücher supergern, dieses auch wieder. Dabei spart sie auch nicht mit Spice – für mich in einem Maß, auf das ich auch hätte verzichten können, weil es sich in dem Roman wie ein Fremdkörper macht in der Explizität, aber zum Glück fand die Handlung immer schnell zum Bogen zurück. Im Verhältnis zu anderen Romanen wurden dieses Mal die fiktiven Figuren leider deutlich weniger ausführlich erzählt, was ich persönlich sehr schade fand, da genau diese Mischung für mich immer das Besondere an Gablés Werk ausmacht. Letztlich fasst der Roman aber auch so knapp 900 Seiten, so dass vielleicht einfach nicht genug Raum war, hier auch noch ausführlich zu werden. Dadurch bleibt aber eine so wichtige Figur wie Hakon auf der Strecke. Durchweg präsent und wirklich wundervoll ist dagegen die Figur von Penda und die Vater-Sohn-Beziehung zwischen Ælfric und Penda, die wirklich ans Herz geht und einen durch den ganzen Roman trägt.

Es sind schwierige Zeiten, die die Autorin genial darstellt, ich konnte wirklich gut durch die Handlung der ständig wechselnden Machtverhältnisse folgen. Wie chaotisch das damals gewesen sein muss, wo Nachrichten viel langsamer gereist sind. Dabei packt Gablé auch schwierige Themen wie Antisemitismus und Sklaverei an, ohne jemals den Fokus zu verlieren. Und natürlich fehlt auch wie immer das Nachwort nicht, in dem sie punktgenau Fakten und Fiktion trennt. Einfach ein Genuss.

Was soll man sagen, hier stimmt einfach fast alles, und das wenige, was nicht stimmt ist Meckern auf einem so hohen Niveau, dass ich das Meckern gern direkt auch sein lasse. Rabenthron ist ein Muss für alle Gablé-Fans – und für die, die es noch nicht sind, ein super Einstieg, um dann direkt auch der Sucht zu verfallen und die weiteren Helmsby-Romane zu lesen. Rebecca Gablé sitzt für mich unangefochten weiter auf dem Thron der historischen Romane – und bestimmt mag sie auch ein paar Raben, die drumherum fliegen.


Ein großes Dankeschön an lesejury.de und Bastei Lübbe für das Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 16.09.2025

Manchmal kommt man vom Mond nicht zurück

Die Sonne und die Mond
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„Die Sonne und die Mond“ der neue Roman von Chris Kraus, erschienen 2025 bei Diogenes, ist für mich ein überraschendes Juwel am Literaturhimmel, eine durchweg berührende, poetische und humorvolle Geschichte ...

„Die Sonne und die Mond“ der neue Roman von Chris Kraus, erschienen 2025 bei Diogenes, ist für mich ein überraschendes Juwel am Literaturhimmel, eine durchweg berührende, poetische und humorvolle Geschichte über das Leben und das Sterben und das große menschliche Dazwischen. Überrascht hat es mich, da ich das Buch tatsächlich nur lesen wollte, weil ich zum einen selbst im Kultur- und Medienbereich arbeite wie eine der Protagonistinnen und ich zum anderem dem morbiden Charme von Bestattungsunternehmen immer etwas abgewinnen kann. Ich habe nicht damit gerechnet, dass Sonne und Mond und vor allem auch der kleine Satellit Nicky jede Menge Saiten ganz tief in mir zum Klingen bringen und ein zart drängendes, sehnsüchtiges Gefühl hervorrufen – wie ein früher Morgen, an dem der Mond noch am Himmel im Dunst zu sehen ist, während die Sonne schon aufgeht.

Erst einmal aber die Fakten: Das Buch ist gegliedert in 6 sinnvolle Teile mit den Titeln „Der erste Tag“, „Die erste Woche“, „Der erste Monat“, „Der letzte Gruß“, „Das Ende“ und „Ein Jahr später“. Der Plot klingt bekannt: Sonja Meling, genannt Sonne, und Jana von Mond, genannt Mond, verbindet eine Teeniefreundschaft, die durch dick und dünn ging und für die Ewigkeit gemacht schien. Bis ein Ereignis alle Brücken zwischen den beiden jungen Frauen abriss und aus Liebe Hass und Verachtung wurde. Inzwischen im Erwachsenenleben fest verankert, ist Mond ein erfolgreicher Fernsehstar und Sonne führt ein besonderes Bestattungsunternehmen. Und weil der Tod nie schläft, führt er die beiden Frauen wieder zusammen.

Was so banal klingt, ist alles andere als das, denn Kraus schreibt auf allen Ebenen einfach großartig. Die Figuren sind schräg, sehr eigen, sehr verwundet und beide Protagonistinnen wirken wie Wüsten, so karg und fest und einödig, verdorrt und doch eiskalt – aber das Leben, es wartet nur unter der Oberfläche darauf, dass endlich der Regen kommt und alles Lebendige wieder erweckt. Der Autor bringt mich ständig zum Lachen, weil er so klug und ehrlich beobachtet, dabei steckt so viel Traurigkeit in dem, was passiert ist, was noch passiert. Es gibt unendlich viele unfassbar skurrile Szenen, und es wird SO VIEL SCHWERES so wahnsinnig LEICHT verhandelt, es ist ein Kunstwerk, das mich zum Lachen, zum Weinen, zum Schreien, zum Wüten und zum Freuen, ganz einfach zum wie wild Fühlen gebracht hat auf jeder Seite. Die wahrhaft magische Erfindung in diesem Roman ist aber Nicky, ein Kind, geschlagen mit Hämophilie, ein Kind, das wirklich Grund zum Leiden hätte, aber bombenfest im Leben verankert ist, und die Dinge unfassbar weise und pragmatisch angeht. Eine uralte Seele in einem Kinderkörper, die eine enorme Heilkraft hat, weil Nicky zu sein bedeutet, sich dem Leben stellen zu müssen. Kraus Sprache ist wundervoll, jeder Satz eine solche Lesefreude, jedes Bild strotzt vor Lebendigkeit, jedes Detail sprüht Liebe.

Kraus wirft die Lesenden sofort ins Geschehen, ins Fühlen und ins Erleben. Spannende Paradoxien, die Hassliebe von Sonne zum Tod, der ihr alles genommen hat und jetzt doch alles gibt, jeden Tag. Samuel, auch so ein toller Charakter, der Sonne verfallen ist, aber das nicht zeigen darf, der dennoch mit ihr Tacheles redet und sie in die richtige Richtung schubst – wahrscheinlich der Einzige, der das neben Nicky kann. Mond, die so ziemlich alle Klischees einer Fernsehdiva erfüllt, zugedröhnt, mit Migräne und Kotzanfällen, sich um sich selbst drehend und selbstmitleidig, aber dennoch eine, die weiß, wann es Zeit ist, aus einer Niederlage einen Sieg zu machen, indem sie sich daran erinnert, dass sie mal wusste, was menschliche Größe ist – und am Ende irgendwie auch wieder zu ihr findet. Immer wieder starke Bilder, man könnte sich das super auch als Film vorstellen, die ausgepolsterte Wohnung von Sonne, das Blau und die Bilder, der Blick auf die LED Werbewand, der Puls von Berlin. „Kein Licht der Erkenntnis, sondern eine Art Parkplatzbeleuchtung für im Dunkeln abgestellte Kleinsthirne“ – Sätze wie Kristalle. Und auch noch geschickte Einbindung von Zeit und Historie, brandaktuell heute, später rekonstruierbar, dieser Roman ist jetzt. Ich mag es auch immer sehr, wenn Romane sinnstiftend eingebunden auf Krankheitsbilder, die nicht so bekannt sind, aufmerksam machen, wie hier auf Hämophilie, worüber ich tatsächlich auch nur sehr begrenzt Bescheid wusste.

Die Beschreibung der Szene in Syrien, da habe ich kurz für mich etwas gezuckt, aber eher mit einer Frage, die mich bewegt, inwieweit es klargeht, so geprägt über Dinge zu schreiben, die wir selbst nur sehr aus der Ferne kennen, das trifft auch auf die Angehörigen von Ying Shu und Said zu. Ohne dem Autor da auch nur irgendeine Absicht unterstellen zu wollen, fand ich es teilweise in der Schilderung problematisch, weil von Klischees ausgehend. Hätte man diese Szene im Herrschersitz auch weniger klischeereich schreiben können z.B.? Mein Gefühl sagt „ja“ und auch ohne, dass es ein Verlust gewesen wäre.

Der Tod, das Verschwinden von Eltern, das Verschwinden von Geliebten und Leben, allgegenwärtig in diesem Buch. Und dennoch ein Buch, das Frieden schließt mit dem Sterben, dem Enden. Entstanden aus einer tiefen, persönlichen Trauer des Autors ist dieses Buch irgendwie doch eine Ode an das Leben, ein Loblied auf das Überwinden, auf das Weitermachen, selbst wenn es doch eigentlich gar nicht mehr geht, nicht gehen kann, wirklich alle Zeichen auf Stop stehen. Und ein klarer Blick darauf, dass man eben doch manchmal im Falschen noch das Richtige finden kann, wenn man es denn nur zulässt, wenn man sich traut und sich dann im Trauen vertraut.

Spannend auch die vielen literarischen Formen, die Kraus im Buch verwendet, immer wieder gibt es Überraschungen, sehr besonders die Ebene des Märchens, die das Buch durchzieht. Hier wurde sehr genau konstruiert und dramaturgisch clever gearbeitet.
Für mich ein absolutes Highlight des Buchjahres 2025. Ich hab dich lieb bis zum Mond und zurück, das kennen wir alle aus einem Kinderbuch. Manchmal findet man vom Mond nicht mehr zurück. Und sowieso leuchtet der Mond nur durch die Sonne. Wir Menschen stehen immer zwischen beiden und spüren ihre Kraft. Vielleicht liegt die Kunst wirklich darin, beide einfach sein zu lassen und die Energie hinzunehmen. Hineinzunehmen. In sich selbst. Ich habe dieses Buch geliebt.

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Veröffentlicht am 08.08.2025

Die Sterne sehen aus wie Einschusslöcher

We Burn Daylight
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„We burn daylight“ von Bret Anthony Johnston, erschienen 2025 bei C.H. Beck, hat mir durchweg den Atem abgeschnürt. Es ist ein eindrückliches, beklemmendes Werk, das tiefe Einblicke in die Struktur von ...

„We burn daylight“ von Bret Anthony Johnston, erschienen 2025 bei C.H. Beck, hat mir durchweg den Atem abgeschnürt. Es ist ein eindrückliches, beklemmendes Werk, das tiefe Einblicke in die Struktur von Sekten gibt, ohne dabei auch nur ein einziges gängiges Klischee zu benutzen. Johnston schreibt tiefgehend und mit viel Zeit, er ist ein Meister der Atmosphäre und der genauen Charakterzeichnung und: Der Andeutung. Denn mit diesem Mittel hält er die Lesenden durchweg in einer leisen Panik, ohne diese jemals wirklich zu lösen.

„We burn daylight“ ist kein Buch über David Koresh, wie es dem Autor wichtig ist zu betonen im Nachwort, dennoch beruht die Handlung deutlich ersichtlich auf den Ereignissen 1993 am Mount Carmel in Waco, Texas. Die besondere Qualität des Buches ist jedoch, dass er sich mit fiktiven Menschen befasst, die zu keinem Zeitpunkt eine Überzeugung haben, sondern einfach nur in das Ereignis mit hineingerissen werden.

Johnston teilt die Handlung in Abschnitte, die er den Pferden der Offenbarung der Bibel zuordnet, was sehr viel Sinn ergibt. Er erzeugt von Anfang an durchweg eine hochbedrohliche Atmosphäre, ohne dass etwas Konkretes passiert. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, weil ich ständig dachte, gleich explodiert es, gleich passiert etwas greifbar Schlimmes. Nach einem kurzen Prolog, den die Lesenden erst am Ende des Buches angelangt einordnen können, geht es in die Haupthandlung, die eine sehr clever konstruierte Mischung aus Coming of Age, Liebesgeschichte, Gesellschaftskritik und historischem Rückblick formt. „Es ist die Zeit des Leidens gekommen, das Warten ist vorbei“ – das setzt den Pace und das Thema für das Buch und wurde von mir unterbewusst sehr abgespeichert.

Wir befinden uns also im Jahr 1993 und die beiden Hauptcharaktere Roy und Jaye, zwei Teenager, die zufällig in Waco aufeinandertreffen, waren mir direkt sympathisch, sie sind beide etwas verschroben, aber auf die gute Art, ich liebe solche Charaktere. Sie sind jung und formbar, sollte man denken, sind aber zum Glück viel zu sperrig, um leicht geformt werden zu können. Wir befinden uns in Waco, Texas und ohne dass ich jemals dort gewesen wäre, fühlt sich der Ort öde und staubig an. Und während sich im Hintergrund des Geschehens eine immer stärkere und fanatischere Religionsgemeinschaft formt, finden im Vordergrund zwei sehr besondere Menschen Halt aneinander, der jedoch durchweg bedroht ist.

Ich mochte die formale Grundidee total, das ist richtig gut gemacht, die kurzen Erinnerungsausschnitte aus einem Podcast, die vielen Stimmen, die aus der Vergangenheit erzählten und durchweg das Gefühl geben, hier ist eine Katastrophe passiert, für die sich keiner zuständig fühlen möchte, gepaart mit den wechselnden Erzählkapitelperspektiven von Roy und Jaye. Durch das langsame Entblättern des Geschehens und die Multiperspektive wird klar, warum Sekten so gut funktionieren, wie es eine Schüchternheit des Außen gibt, genau hinzusehen und eigentlich alle immer ganz froh sind, keinen Handlungsbedarf zu sehen, weil es doch nur ein bisschen verrückt und gar nicht so schlimm ist, wie auch Menschen sukzessive von Lamb, dem Führer der Religionsgemeinschaft, infiltriert werden, indem er seine Message nur in kleinen Stücken weitergibt und so gar keine Leaderpersönlichkeit ist auf der Oberfläche, selbst fast eher wie ein Opfer wirkt, nahezu hilfsbedürftig, aber dadurch die Menschen und vor allem die Frauen anzieht. Dabei schafft es Johnston sehr gut, uns durchweg die Armseligkeit und Verwahrlosung, den subtilen und teils auch gar nicht subtilen Missbrauch deutlich zu machen. Mir hat das richtig körperliche Schmerzen bereitet beim Lesen und auch sehr viel Ekel. Es ist einfach total gut beobachtet und gebaut. Verrückt, dass Menschen, die in das System geraten, diesen Ekel nicht mehr empfinden.

Beide Familien der Teenager haben ein internes Trauma, über das nicht wirklich gesprochen wird. Das macht sie angreifbar und abgelenkt. Immer wieder denke ich übrigens, Amerika, ein Land, das so traumatisiert ist als Nation. Man sollte ja denken, das wären eher wir Deutschen, aber ich sehe es in den U.S.A. viel stärker.
Traumatisiert ist natürlich auch Lamb. Die Beschreibung seiner Kindheit ist schlimm. Der Weg, den er zu seiner persönlichen Heilung beschreitet, ist dennoch schlimmer. Ich frage mich immer wieder, wie man es schafft, als Eltern so grausam zu einem Kind zu sein, einem Schutzbefohlenen, was ist das in Menschen? Leider psychologisch typisch, sich dann selbst zu ermächtigen, indem man Macht über andere ausübt und dem Leid rückwirkend einen Sinn gibt, indem man es zur Bestimmung erklärt. Auch das ist gut gezeichnet. Perry nennt sich „Lamb“ – und ich ahnte sofort, er ist kein Opferlamm Gottes, sondern ein Wolf, der sich im Schafspelz tarnt.

Zwischendurch immer wieder unglaublich zerstörerische und vorausdeutende Poesie: „Die Sterne sehen aus wie Einschusslöcher.“ Generell schreibt Johnston auf sprachlich unglaublich hohem Niveau und lässt sich die Schönheit der Sprache immer wieder über die Gefährlichkeit der Ereignisse legen. In quälender Langsamkeit wird hier gezeigt, was Ideologie gefährlich macht bis zu einem vollkommen absurd wirkenden Showdown, den Johnston meisterhaft parallel führt, Atmosphäre und Dynamik vom innen und außen so gegensätzlich, der Staat wirkt lost und unvorbereitet, dadurch die komplette Eskalation. So gut gemacht, die Perspektive von Jaye für innen, Perspektive von Roy für außen, klassische antike Mauerschau, Machtlosigkeit im Nicht-Handeln drinnen wie draußen.

Das Ende des Buches formt einen weiteren genialen Coup mit einem Kreisschluss, der alles bisher Gelesene noch einmal neu wirken lässt. Mich hat dieser Roman unglaublich berührt und gepackt, ich hätte nie damit gerechnet, aber das ist wirklich ein Hammer Buch, ich könnte einen eigenen Roman über diesen Roman schreiben. Johnston erzählt die Sekte und die Infiltration, ohne sie zu erzählen, ohne je konkret zu werden. Für mich ein Meisterwerk, weil er genau damit die Struktur aufblättert – aber auch zeigt, wie sehr Gesellschaft solche Strukturen mitträgt durch aktives Unter- und Übertreiben, durch keine wirkliche intensive Auseinandersetzung. Ich bin geflashed von diesem Buch.

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Veröffentlicht am 29.05.2025

Alles rausholen

Der Kaiser der Freude
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„Der Kaiser der Freude“ von Ocean Vuong, lang erwartet und jetzt 2025 endlich erschienen im Carl Hanser Verlag, ist ein schon vorab gehypter Roman, was einem Roman ja das Leben schwer machen kann – doch ...

„Der Kaiser der Freude“ von Ocean Vuong, lang erwartet und jetzt 2025 endlich erschienen im Carl Hanser Verlag, ist ein schon vorab gehypter Roman, was einem Roman ja das Leben schwer machen kann – doch hier: Keine Sorge. Dieser Roman wird den Lesenden das Herz zerreißen.

Vuong erzählt die Geschichte von dem jungen Hai und der alten Grazina, die eine schicksalhafte Nacht als Notgemeinschaft zusammenwürfelt. Und wer jetzt schreit, diese Idee ist doch uralt! Der hat Recht und das Geniale an Vuongs Buch ist, dass die Idee völlig nebensächlich ist. Dieses Buch strahlt durch die Tiefe, in der Vuong Beziehungen auslotet und Leben beschreibt.

Wir befinden uns in einem furchtbar öden amerikanischen Ort, wo genau, ist vollkommen egal, nicht egal ist, wie perfekt und atmosphärisch der Autor die Trostlosigkeit und Ausweglosigkeit, das ewige Grau und den Beton, die Ballung von Diner und Imbiss in einer absoluten Tristesse beschreibt, sogar die Natur ist hier ständig nass und matschig. Und dennoch gelingt es Vuong, durchweg auch ein Gefühl von Lieben und Zugehörigkeit, von Heimat und merkwürdiger Geborgenheit einzufangen, so dass nicht umsonst irgendwann der Satz fällt: East Gladness ist der beste Ort der Welt.

Hai hat ein erstes Studium abgebrochen, weil er einen Freund verloren hat, seiner enttäuschten Mutter gaukelt er vor, nun zum Medizinstudium in Boston aufzubrechen, und als er sich zugedrogt auf einer Brücke befindet, die über einen Fluss geht und überlegt, allem ein Ende zu setzen, wird er von Grazina davon abgehalten und zieht bei ihr ein. Grazina ist alt, dement und voller wilder Gedanken und Erinnerungen. Allein können beide nicht weiter. Miteinander eigentlich auch nicht, wie soll der Blinde dem Tauben den Weg zeigen und andersherum, aber andererseits: Wenn zwei Experten des Chaos aufeinandertreffen, dann kann halt doch ein Schuh draus werden. Hai findet Arbeit in einem Schnellrestaurant, wo auch sein sehr spezieller Cousin Sony arbeitet (ja, wie die Firma) und natürlich auch noch eine große Handvoll weiterer gescheiterter Existenzen.

Wie sich diese Menschen in ihrem täglichen Versagen Halt geben, wie sie miteinander Dinge erleben, die vollkommen abwegig sind, wie sie eigentlich nie über Gefühle sprechen, weil sie die tief unten abgekapselt haben, aber beim Lesen so unendlich viel Gefühl erzeugen, wie Vuong zeigt, dass die wahren Außenseiter die Herrschenden, die Funktionierenden, die Reichen sind, die alle auch das Leben verlernt haben, es ist einfach unglaublich berührend. Getragen wird das alles von einer wahnsinnig schönen Sprache und einem subtilen, zärtlichen Humor, von einzigartigen Bildern und Gedanken. Vuong greift in seiner Erzählung Amerika perfekt, er spielt souverän auf der Klaviatur des Alltagsrassismus, macht transgenerationelles Trauma spürbar und zeigt, dass es Wunden gibt, die nie heilen werden, zeigt aber auch: „Okay“ wird gemeinhin unterschätzt. In East Gladness ist das Glück vielleicht nur in Fragmenten zu finden. Dafür wohnt hier eine Ehrlichkeit, die selten ist.

„Sag mir, was willst du anfangen / Mit deinem einzigen wilden und kostbaren Leben?“, fragt Ocean Vuong in „Der Kaiser der Freude“. Ich empfehle auf jeden Fall als Teil der Antwort dieses Buch zu lesen. Und auf Brötchen im Matsch herumzuhüpfen. Und Karotten zu essen. Und vielleicht den ein oder anderen Traum anzugehen und dabei zu scheitern. Aber dabei die beste Schicksalsgemeinschaft der Welt zu finden. Ein großartiges Buch, das mich zutiefst berührt hat. Das braucht keinen Hype. Das ist einfach: Gladness.

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