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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.05.2025

Bricht einem auf tausend Arten das Herz

Shuggie Bain
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Douglas Stuart entführt uns ins Glasgow der 1980er. Hier wächst Shuggie in einer Arbeiterfamilie auf, zwischen Armut und Alkohol.
Trotz des eher distanzierten Schreibstils geht einem die Geschichte unglaublich ...

Douglas Stuart entführt uns ins Glasgow der 1980er. Hier wächst Shuggie in einer Arbeiterfamilie auf, zwischen Armut und Alkohol.
Trotz des eher distanzierten Schreibstils geht einem die Geschichte unglaublich nahe und Stuart lässt einen hunderte verschiedene Arten von Schmerz fühlen. Interessant ist dabei, dass Emotionen gar nicht genau beschrieben, sondern durch kleine Gesten dargestellt werden und auf diese Weise viel intensiver beim Leser/ der Leserin wirken können.
Shuggies Mutter ist Alkoholikerin und schon früh beginnen sich die Rollen zu vertauschen, sodass er sich um sie kümmern muss. Zwischen all dem Leid, das die Sucht verursacht, gibt es immer wieder ein kleines Aufleuchten, das einen die Liebe zwischen Mutter und Sohn spüren lässt. Die Liebe, aber auch die emotionale Abhängigkeit und Zerrissenheit Shuggies. Und ich gestehe: Auch ich bin in diesen Strudel geraten. Ich habe mich gemeinsam mit dem jungen Protagonisten an jedes Fünkchen Hoffnung geklammert, jedes Mal aufs Neue daran geglaubt, dass seine Mammy es endlich schafft, nüchtern zu bleiben - um dann jäh enttäuscht zu werden.
Als wäre das nicht genug für eine Kindheit, muss Shuggie auch seine eigene Identität hinterfragen bzw. überhaupt einmal herausfinden, denn er und alle um ihn herum merken schon früh, dass er sich anders verhält als andere Jungs, dass er sensibler und feinfühliger ist.

Obwohl Stuart vordergründig die Geschichte Shuggies erzählt, gelingt es ihm, ein ganzes Milieu zu porträtieren. Und schnell wird deutlich, dass jede*r sein/ihr eigenes Päckchen zu tragen hat.
Hier möchte ich einmal anmerken, dass der gesprochene Slang sehr treffend von Sophie Zeitz ins Deutsche übertragen wurde, ihre Übersetzung ist wirklich großartig.
Das Schlimmste an der Handlung ist, dass das beschriebene Leid zwar kaum aushaltbar, dennoch nicht unrealistisch ist. Douglas Stuart hat eigene Erfahrungen einfließen lassen und das macht die ganze Sache noch einmal tragischer.

“Shuggie Bain” ist ein intensiver Roman voller Schmerz, aber auch voller Liebe und Hingabe. Er wird mir definitiv noch lange im Gedächtnis bleiben und ich möchte ihn allen ans Herz legen, die nicht zu zart besaitet sind und mit den negativen Emotionen umgehen können/wollen. ⭐️5/5⭐️

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Veröffentlicht am 06.05.2025

Aktueller denn je

Grund zur Hoffnung
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"Nur wenn wir verstehen, können wir uns kümmern. Nur wenn wir uns kümmern, können wir helfen. Nur wenn wir helfen, können wir Leben retten."

Jane Goodall berichtet über ihr unglaubliches Leben. Von ihrem ...

"Nur wenn wir verstehen, können wir uns kümmern. Nur wenn wir uns kümmern, können wir helfen. Nur wenn wir helfen, können wir Leben retten."

Jane Goodall berichtet über ihr unglaubliches Leben. Von ihrem Aufwachsen in England während des Zweiten Weltkrieges, ihrer Liebe zu Tieren von Geburt an und schließlich ihrer aufregenden Reise nach Afrika, wo sie jahrzehntelange Forschungen betrieben und bahnbrechende Erkenntnisse in Bezug auf Schimpansen  gewonnen hat.

Die Beschreibungen ihres Lebens sind dabei spannender als jeder Abenteuerroman. Besonders die Jahre der Primatenforschung, die sie völlig unkonventionell durchgeführt hat, sind wahnsinnig interessant und berührend. Mit ihrer völligen Hingabe ist es ihr gelungen, ein komplett neues Bild auf Menschenaffen und Tiere allgemein zu werfen und somit auch wichtige Rückschlüsse auf die Menschheit zu ziehen.

“Grund zur Hoffnung” ist ein Buch über die Frau, die seit ihrer Kindheit einen Traum hatte und alles dafür getan hat, diesem näherzukommen - allen Widerständen zum Trotz. Es ist ein Buch voller Mut, Wärme und Empathie. Ein Buch, das aufzeigt, warum die Natur und die Tierwelt schützenswert sind, warum wir nicht aufgeben und weiter für diese - unsere - Erde kämpfen sollten. Und gleichzeitig ein Appell an die Menschlichkeit in uns.


Ich habe es innerhalb kürzester Zeit verschlungen und bin schwer beeindruckt. Die Biografie ist inzwischen 26 Jahre alt und könnte aktueller nicht sein. ⭐️5/5⭐️

*Übersetzt von Erika Ifang

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Veröffentlicht am 10.04.2025

Inspirierend und wichtig

Prima facie
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Tess hat es geschafft: Trotz ihrer Herkunft ist sie erfolgreiche Strafverteidigerin und gehört endlich dazu.
Sie lebt und arbeitet für das Gesetz, vertraut bedingungslos in dieses.
Bis sie Opfer eines ...

Tess hat es geschafft: Trotz ihrer Herkunft ist sie erfolgreiche Strafverteidigerin und gehört endlich dazu.
Sie lebt und arbeitet für das Gesetz, vertraut bedingungslos in dieses.
Bis sie Opfer eines Verbrechens wird und zum ersten Mal selbst als Zeugin vor Gericht steht. Schützt die Justiz wirklich jeden?

Der Einstieg in “Prima Facie” fällt leicht, denn Tess ist eine Protagonistin, die man einfach gernhaben muss, sie nimmt einen an die Hand und führt als Ich-Erzählerin durch die Geschichte. Sie kommt aus ärmlichen Verhältnissen, hatte einen gewalttätigen Vater. Doch durch Ehrgeiz und Fleiß hat sie es geschafft und Fuß in der Jurist
innenwelt gefasst. Trotzdem hat sie ihre Schwächen, trotz aller Erfolge zweifelt sie ständig an sich selbst. Und ich glaube, da können die meisten von uns mitfühlen.
In der ersten Hälfte des Romans werden viele Gerichtsprozesse geschildert, was ich sehr interessant fand, denn über das britische Justizsystem wusste ich kaum etwas. Es geht auch viel um Tess’ Vergangenheit und ihre Beziehungen. Gerade, als ich dachte, es könnte etwas ins Triviale abdriften, kommt der Cut und das Verbrechen passiert. Und ab da konnte ich das Buch kaum noch aus der Hand legen.
Ich habe mit Tess gelitten, mit ihr Wut empfunden, mit ihr gehasst und ihre Hilflosigkeit selbst gespürt. Ich habe Respekt empfunden vor der Frau, die vor Gericht geht, obwohl sie weiß, wie schlecht die Chancen auf eine Verurteilung des Täters stehen. Die zweite Hälfte des Buches ist so hart zu lesen, aber Suzie Miller sagt darin so viele wichtige Dinge, dass ich den Roman wirklich jeder und jedem ans Herz legen will. Tess’ Schicksal und ihr Weg, damit umzugehen, zu kämpfen, stark zu sein für andere, haben mich extrem ergriffen und inspiriert.
Ich habe viele begeisterte Stimmen zu dem Buch gelesen und was soll ich sagen? Sie hatten recht. Lest dieses Buch! ⭐️5/5⭐️

*Übersetzt von Katharina Martl

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Veröffentlicht am 08.04.2025

Aufrüttelnd

Marschlande
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“Marschlande” erzählt die Geschichte zweier Frauen, die mit den Ungerechtigkeiten des Patriarchats zu kämpfen haben: Britta, im 21. Jahrhundert, kümmert sich um ihre Kinder, ihren Ehemann und das Haus, ...

“Marschlande” erzählt die Geschichte zweier Frauen, die mit den Ungerechtigkeiten des Patriarchats zu kämpfen haben: Britta, im 21. Jahrhundert, kümmert sich um ihre Kinder, ihren Ehemann und das Haus, für ihre eigenen Bedürfnisse fehlt aber die Zeit. Außerdem findet sie keinen Anschluss und hat kaum soziale Kontakte.
Und Abelke, im 16. Jahrhundert, Besitzerin eines großen Hofes, die erst enteignet und dann der Hexerei bezichtigt und hingerichtet wird. Dieser Blickwinkel zeigt, wie viele Ungerechtigkeiten Frauen damals schon durch Männer erlebt haben, wie absurd Hexenprozesse waren und was diese nach sich gezogen haben.
Jarka Kubsova deckt nach und nach mehr von den beiden Frauen auf und obwohl Abelkes Probleme natürlich viel existenzieller sind, haben die beiden viele Gemeinsamkeiten.

Schon nach dem Prolog konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Kubsova schreibt lebendig und einfühlsam über die beiden Protagonistinnen, sodass man Kapitel für Kapitel mehr mit den beiden mitfühlt.
Besonders die historischen Zusammenhänge sind aufrüttelnd und so spannend (unbedingt auch das Nachwort lesen): Denn die Hexenprozesse im 16. Jahrhundert sorgten für die Entsolidarisierung von Frauen untereinander und haben bis heute Folgen.
Abelke Bleken ist zudem eine tatsächliche historische Person, an deren Fakten die Autorin sich orientiert hat. Auch räumt sie mit der existierenden Sage auf, in der Bleken (oh Wunder) als die Böse dargestellt wird, obwohl ihr selbst das Unrecht zugefügt wurde.

“Marschlande” ist ein Roman, der wütend macht. Er zeigt aber auch feministische, wichtige historische Zusammenhänge auf und beweist, dass es mutige und rebellische Frauen schon immer gab, immer geben wird und dass sie viel bewirken können.
Es gibt so viel mehr, das nicht in meine Rezension gepasst hat, daher bleibt mir nur zu sagen: Lest unbedingt dieses Buch (und sprecht darüber)! ⭐️5/5⭐️

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Veröffentlicht am 25.03.2025

Vielschichtig

Wo der Wolf lauert
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Nach ihrem Umzug aus Israel haben Lilach und Michael in Kalifornien auf allen Ebenen Erfolg.
Doch dann stirbt ein Mitschüler ihres Sohnes auf einer Party und alles gerät ins Wanken.
Kann es sein, dass ...

Nach ihrem Umzug aus Israel haben Lilach und Michael in Kalifornien auf allen Ebenen Erfolg.
Doch dann stirbt ein Mitschüler ihres Sohnes auf einer Party und alles gerät ins Wanken.
Kann es sein, dass ihr Sohn etwas mit dem Tod zu tun hat?

Mit “Wo der Wolf lauert” deckt Ayelet Gundar-Goshen gleich mehrere Genres ab: Die Handlung ist spannend wie ein Thriller, der Schreibstil gehoben wie Literatur, die Themen vielschichtig und politisch wie ein Gesellschafts-/ Familienroman.
Vom ersten Kapitel an packt einen das Buch und lässt einen nicht mehr los. Die Aufklärung des Mordes rückt beinahe in den Hintergrund - obwohl der tote Junge stets eine wichtige Rolle spielt - vielmehr behandelt die Autorin innerfamiliäre und gesellschaftliche Konflikte: Probleme in Israel vs in den USA, Rassismus und Antisemitismus. Entfremdung von Mutter und Sohn. Wie gut kennt man seine Familienmitglieder wirklich? Und vor allem macht Gundar-Goshen eines deutlich: Der Wolf lauert überall. Überall gibt es Gefahren unterschiedlicher Herkunft, je nach Perspektive ist jede:r sowohl Opfer als auch Täter:in.
Geschickt wird man mit Lilachs Gefühlsleben konfrontiert, bekommt es aufprojiziert und empfindet den Konflikt nach, ihren Sohn Adam sowohl beschützen, gleichzeitig aber die Wahrheit herauszufinden zu wollen; spürt die Verzweiflung, als sie merkt, wie er ihr immer weiter entgleitet.

Das Buch hat mich sehr beeindruckt, der Schreibstil, die Vielschichtigkeit und genaue Analyse der Charaktere, sowie die vielen Themen und die spannende Grundhandlung haben es mich kaum aus der Hand legen lassen. Absolute Leseempfehlung. ⭐️5/5⭐️

*Übersetzt von Ruth Achlama

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