Sittengemälde der Hamburger Gesellschaft
Im NordlichtWas passiert, wenn du vor Scham nicht über deine Vergangenheit sprichst – und plötzlich alles auf dem Spiel steht?
Mit Alice hat Miriam Georg eine sehr beeindruckende Protagonistin geschaffen: eine starke ...
Was passiert, wenn du vor Scham nicht über deine Vergangenheit sprichst – und plötzlich alles auf dem Spiel steht?
Mit Alice hat Miriam Georg eine sehr beeindruckende Protagonistin geschaffen: eine starke Frau, die für ihre Tochter alles tut und ihr Ziel nie aus den Augen verliert.
Eines vorweg: Zum besseren Verständnis empfehle ich, den ersten Teil der Saga gelesen zu haben. Grundsätzlich ist das Buch zwar auch ohne Vorkenntnisse verständlich, da vieles noch einmal erklärt wird – aber der Roman knüpft nahtlos an die Ereignisse aus Band eins an. Es gibt erneut Rückblenden, wie auch schon im ersten Band, die sich deutlich besser einordnen lassen, wenn man die „Vorgeschichte“ kennt. Auch für die Figurenentwicklung ist es interessanter, den Vorgängerroman gelesen zu haben.
Alice steht im Mittelpunkt dieses Romans, doch wir erleben die Geschichte nicht nur aus ihrer Perspektive. Auch viele andere Figuren schildern die Ereignisse aus ihrem eigenen Blickwinkel – darunter natürlich John Reeven, aber auch Julius, Jaris, Henk, Blanche und einige mehr. Das gibt uns als Lesende die Möglichkeit, zu den wichtigsten Charakteren eine emotionale Bindung aufzubauen. Auf die Rolle der einzelnen Figuren möchte ich an dieser Stelle nicht näher eingehen, um nicht zu viel von der Handlung zu verraten.
Der Roman ist geprägt von starken Gefühlen: Scham, Trauer und Verzweiflung – aber auch der unbeschreiblichen Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Themen wie häusliche Gewalt, die Rolle der Frau in Familie und Gesellschaft, Scheidung, Schwangerschaft, Suizid und Prostitution werden offen angesprochen.
Es handelt sich um ein sehr detailgetreues Sittengemälde der Hamburger Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Roman zeigt die Diskrepanz zwischen der sogenannten besseren Gesellschaft, den einfachen Arbeitern und den Dienstboten. Und doch vereinen all diese unterschiedlichen Schichten dieselben Probleme, Hoffnungen und Wünsche. Krankheit, Tod und familiäre Konflikte machen nicht vor Standesgrenzen halt – ebenso wenig wie Glück, Zufriedenheit, Freundschaft und Liebe.
Eine privilegierte Stellung bedeutet nicht automatisch ein erfülltes Leben.