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Veröffentlicht am 14.01.2018

Ein Traum in Vinyl

Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie
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1988 in einer eher bescheidenen englischen Stadt: Frank ist Herr der schwarzen Scheiben, nämlich derer, über die Musik erklingt. Der guten alten Schallplatten also, die sich zu der Zeit bereits auf dem ...

1988 in einer eher bescheidenen englischen Stadt: Frank ist Herr der schwarzen Scheiben, nämlich derer, über die Musik erklingt. Der guten alten Schallplatten also, die sich zu der Zeit bereits auf dem Rückzug befinden, denn das Zeitalter der CDs schreitet voran.

Und auch sonst ist so einiges im Wandel im der kleinen, ein bisschen schäbigen Unity Street, in der es die Bewohner doch so nett miteinander haben. Aber wie lange noch? Denn eine Baugesellschaft versucht alles aufzukaufen, was sie in die Finger kriegt.

Aber das ist nicht Franks einzige Sorge, denn ihm begegnet die Liebe - eine Liebe, mit der er sich aufgrund diverser Erfahrungen in seinem bisherigen Leben - und er ist immerhin schon vierzig - schwertut, zumal er zunächst gar nicht weiß, wie die Frau im grünen Mantel die Sache sieht.

Und dann werden die Akteure in der Unity Street vom Leben überrollt und es gibt einen Break. Einen, der ziemlich lange dauert.

Aber es gibt ein danach - und was für eines. Ziehen Sie sich warm an!

Eine Hymne auf die gute alte Schallplatte und mehr noch auf den Zusammenhalt alter Freunde, vor allem aber auf die Liebe! Diese kann nämlich ganz schön seltsame Wege gehen und ist nicht immer so offensichtlich, wie es zu wünschen wäre.

Die Autorin Rachel Joyce hat hier ein modernes Märchen verfasst, allerdings eins mit ganz schön vielen Ecken und Kanten. Und mit ganz viel Augenzwinkern dabei - eben very british! Wenn auch einiges nicht ganz rund ist, ist die ganze Geschichte so originell und warmherzig, dass ich bereit war, mich ganz und gar und vollkommen ohne Einschränkungen darauf einzulassen und mich darin zu verlieren - oder vielmehr wiederzufinden! Denn wer wünscht sich nicht ein wenig Märchenhaftes in seinen Alltag. Frank und die seiniges Leben das - zumindest in diesem Buch!

Ein Märchen in Vinyl also - mit Helden der anderen Art! Ein bisschen wie Du und ich, aber doch etwas ganz Besonderes! Dabei schrullig und sehr, sehr eigen! Engländer eben, die meisten zumindest! Ein Buch, mit dem man sich selbst und diejenigen, die man ganz besonders mag, versorgen sollte!

Veröffentlicht am 09.01.2018

Hamburg in der Zeit des Nationalsozialismus und in der Gegenwart

Die Oleanderfrauen
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ist der Handlungsort des neuen Familienromans von Teresa Simon. In den 1930er Jahren hat Sophie, obwohl aus gutem, ja wohlhabenden Hause - nämlich einer sogenannten Kaffeehandelsdynastie - ein schweres ...

ist der Handlungsort des neuen Familienromans von Teresa Simon. In den 1930er Jahren hat Sophie, obwohl aus gutem, ja wohlhabenden Hause - nämlich einer sogenannten Kaffeehandelsdynastie - ein schweres Schicksal zu erleiden. Wobei das auch, aber nicht nur mit ihren persönlichen Erlebnissen zu tun hatte: Hamburg hatte im zweiten Weltkrieg viel, schwer und auch bereits relativ früh unter Bombardierungen zu leiden und auch in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg war das Leben für die Bürger der Stadt nicht gerade einfach.

Da hat es Jule, die es 2016 aus dem Erzgebirge in die Hansestadt verschlägt, trotz diverser Widrigkeiten doch vergleichsweise leichter. Ihre Probleme sind die steigende Miete für ihr Café "Strandperlchen" sowie Liebeskummer. Auf der anderen Seite jedoch macht sie in ebendiesem Café eine Reihe - meist angenehmer - interessanter Bekanntschaften, von denen nicht wenige ihr bei der Etablierung eines zweiten Standbeines, nämlich dem Recherchieren und Verfassen von Familienerinnerungen, behilflich sind - als Auftraggeber nämlich.

In diesem Zusammenhang stößt Jule auch auf Sophies Geschichte, diese hat nämlich Tagebuch geführt. Mit diesem entführt sie sowohl Jule als auch die Leser in eine spannende Vergangenheit.

Ein wie immer sehr anschaulich und gut recherchiertes Buch, das ich mit Begeisterung gelesen habe und über weite Strecken nicht aus der Hand legen konnte. Da hat es mich auch nur wenig gestört, dass die Zufälle streckenweise Überhand nahmen und etwas zu konstruiert daherkamen.

Aber eines hat mich wirklich gestört und da kann die Autorin, deren Werke mir allesamt ans Herz gewachsen sind, nun wirklich nichts für: Sophies Tagebuch ist in einem Schriftbild abgedruckt, das zwar keineswegs zu klein, wohl aber zu filigran ist, um es problemlos lesen zu können! Eigentlich waren mir diese Passagen oft die liebsten, aber dennoch war ich immer froh, wenn eine davon vorbei war und ich mich wieder bei der Lektüre in der normalen Schrift "erholen" konnte. Dennoch, die Mühsal lohnt sich definitiv - einmal mehr ist Teresa Simon ein warmherziges, dabei historisch fundiertes Buch mit gut angelegten Charaktern gelungen, dessen Lektüre Spaß macht und gleichzeitig - quasi nebenbei - bildet bzw. informiert.

Veröffentlicht am 08.01.2018

Warte nicht bis zum Frühling mit Arturo Bandini

Der Weg nach Los Angeles
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sondern gönne ihn Dir jetzt gleich - in einem ganz jungen Format ist er hier zu "erlesen", nämlich in einem Frühwerk des großen John Fante, dessen Ruhm, den er zu einem nicht geringen Teil Charles Bukowski ...

sondern gönne ihn Dir jetzt gleich - in einem ganz jungen Format ist er hier zu "erlesen", nämlich in einem Frühwerk des großen John Fante, dessen Ruhm, den er zu einem nicht geringen Teil Charles Bukowski verdankt, leider erst nach seinem Tod erstrahlte. Gerade auch dieses Buch, das erste des Autors zu DER von ihm geschaffenen Figur, ist tatsächlich auch in den Staaten erst 1984 und somit nach Fantes Tod erschienen.

Arturo Bandini - ein Italoamerikaner der ungewöhnlichen Art, ein Alter Ego des Autors: definitiv kein Mafiosi, wenn er auch längst nicht immer brav bleibt. Er ist genial, eingebildet, größenwahnsinnig, dreist, kindisch, frühreif, verwegen, feige und noch vieles mehr und in dieser Widersprüchlichkeit sozusagen eine normaler junger Mensch und auch gerade wieder nicht. Arturo Bandini will früh Schriftsteller werden und zwar nicht gerade irgendeiner. Aus kleinen Verhältnissen kommend, von Mutter und Schwester ständig niedergemacht, ein quasi unmögliches Unterfangen.

Fantes Literatur: das ist definitiv eher Männerliteratur, ebenso wie Bukowski. Finde ich als Frau. Aus meiner Sicht ist dies ein wirklich großes Werk, wenn ich es auch wahrscheinlich in seiner Gänze nicht wertschätzen kann, dafür habe ich es nicht gern genug gelesen. Aber das liegt nicht an der Qualität der Darstellung, sondern mehr am Thema - also eher mein Problem.

Was ich durchaus zu schätzen weiß, ist die außerordentlich liebevoll und gründlich aufbereitete Neuübersetzung durch Alex Capus, der selbst einige aus meiner Sicht nicht unbedeutende Romane verfasst hat. Wieviele Gedanken er sich gemacht hat, wie intensiv er sich sowohl mit der Person Fante in ihrer Gesamtheit als auch mit diesem konkreten Text beschäftigt hat, das zeigt das ausführliche Nachwort. Ich habe selbst schon häufiger übersetzt (wenn auch keine anspruchsvolle Literatur) und ich habe gerade auch die Ausführung zu seiner Übersetzungsarbeit, zur Auseinandersetzung mit dem Text als sehr bereichernd empfunden.

Kurzum: es ist ein Geschenk, das der Blumenbar Verlag uns hier mit diesem Band macht: wer gerne ein in jeder Hinsicht gelungenes Buch genießen möchte (auch Optik und Haptik betreffend), der greife hier bei dieser kleinen Kostbarkeit zu.

Veröffentlicht am 05.01.2018

Das wundervolle blaue Mittelmeer

Gefährliche Côte Bleue
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birgt ebenso wie seine Küste nicht nur Erfreuliches wie köstliche Fische, Urlaubsvergnügen per Boot oder durch Plantschen am Strand, nein, man kann dort auch zu Tode kommen: Capitaine Roger Blanc, der ...

birgt ebenso wie seine Küste nicht nur Erfreuliches wie köstliche Fische, Urlaubsvergnügen per Boot oder durch Plantschen am Strand, nein, man kann dort auch zu Tode kommen: Capitaine Roger Blanc, der eigentlich gegen seinen Willen aus Paris in die Camargue versetzt wurde, hat einen neuen, mittlerweile bereits den vierten Fall im neuen Wirkungskreis. Ein Taucher ist es, der dran glauben musste, ein überaus erfahrener Mann. Bald ist klar, ein reiner Unfall kann es nicht gewesen sein und Blanc und sein Team ermitteln sowohl in Richtung Umweltskandal als auch im Hinblick auf mögliche Plünderungen. Kann es tatsächlich so gewesen sein.

Blanc beginnt, wie üblich, auf unkonventionelle Art zu ermitteln und gerät - auch das nicht unüblich - rasch ins Kreuzfeuer unterschiedlicher Interessen.

Cay Rademacher gibt seinen Lesern das Gefühl, sie befinden sich mitten in der Provence zwischen malerischen Landschaften, köstlichen Speisen, netten - und einigen wenigen nicht so netten - Nachbarn, Wein und idyllischen Dörfern mit lauschigen Ecken. Wer sich nicht bereits dort wähnt, der will unbedingt dorthin und beginnt im Geiste schon mit der Urlaubsplanung.

Der Autor beweist, dass er sich nicht nur in Hamburg, wo seine großartigen Nachkriegskrimis um Oberinspektor Frank Stave angesiedelt sind, sondern auch in der Camargue bestens auskennt. In diesem Band gibt er uns - so mein Eindruck - einen Einblick in die verschiedensten Charaktere, die einem dort so begegnen können - zu gerne würde ich erfahren, von wem oder von welchen Situationen er sich hat inspirieren lassen.

Insgesamt habe ich mich von diesem ruhigen, aber spannenden Krimi gut und auf hohem Niveau unterhalten gefühlt und freue mich nun schon auf den nächsten Teil dieser Serie mit einem - ich vergaß zu erwähnen - recht ungewöhnlichen Ermittlerteam, das sich durch eine ganz spezielle Art von Teamgeist auszeichnet!

Veröffentlicht am 05.01.2018

Oppenheimer und die Stunde Null

Endzeit
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n einem halbwegs sicheren unterirdischen Versteck - in ihrem Falle im Gärkeller einer stillgelegten Brauerei - erwarten Kommissar Oppenheimer und seine Frau Lisa, die nach einer Zeit der erzwungenen Trennung ...

n einem halbwegs sicheren unterirdischen Versteck - in ihrem Falle im Gärkeller einer stillgelegten Brauerei - erwarten Kommissar Oppenheimer und seine Frau Lisa, die nach einer Zeit der erzwungenen Trennung endlich wieder vereint sind, das Ende des Zweiten Weltkrieges. Oppenheimer ist als Jude bereits seit mehr als einem dreiviertel Jahr - also seit Sommer 1944 - gezwungen, im Untergrund zu leben. Bereits in den beiden Vorgängerbänden wurde mehr als deutlich, dass Richard Oppenheimer und seine Frau Lisa es alles andere als leicht haben - in einer Mischehe lebend, hatten sie bereits seit 1933 diverse Nachteile und nachdem die Situation weiter eskalierte, konnten sie selbst ihr bisheriges Leben: als Paar gemeinsam im sogenannten Judenhaus, in dem ihresgleichen zusammengepfercht wurde - nicht weiterführen. Nun erleben wir gemeinsam mit dem so leidgeprüften Paar das Ende des Krieges in Berlin, wo es mit dem Eintritt des Friedens beileibe nicht direkt gut wird - weder für die Oppenheimers noch für ihre Mitbürger, die sich nun den sowjetischen Besatzern stellen müssen. Und das ist alles andere als ein leichtes Los, wie diejenigen, die Zeitzeugenberichte oder auch andere belletristische Werke zu dem Thema gelesen haben, wissen werden.

Was alles so ablief, das können Sie am Beispiel der Oppenheimers und ihres Umfelds im Roman verfolgen und es ist beileibe keine leichte Kost. Neben dem Kriminalfall fließen auch viele andere kleine Begebenheiten, Anekdoten und Ereignisse aus den letzten Kriegsmonaten in die Handlung ein. Wie immer hat der Autor Harald Gilbers akribisch zum Alltag in Berlin in dieser schweren Zeit rechererchiert und baut dieses Wissen gekonnt und häufig mit einem Augenzwinkern in den Verlauf der Krimihandlung rund um Kommissar Oppenheimer ein. Durch den allgegenwärtigen Humor des Autors, der jedoch nie überzogen oder unpassend wirkt, wird dieses schwere Thema immer wieder von einer gewissen Leichtigkeit und Lockerheit durchzogen, die dem Buch erst das gewisse Etwas verleiht.

Dabei treffen wir auf alte Bekannte: die Ärztin Hilde, die Oppenheimer wie viele andere vom Regime Verfolgte energisch und aufs Zuverlässigste unterstützt hat, spielt ebenso wie Gauner Ede, Vertreter zwielichtiger Halbwelten eine Rolle. Durch ihn kommt Oppenheimer sogar an seinen ersten Nachkriegsjob - Sie dürfen gespannt darauf sein, was seine Aufgabe ist!

Der Alltag im zusammenbrechenden Naziregime mitten in Berlin - Gilbers versteht ihn packend und trefflich zu schildern, auch die Krimihandlung kommt schlüssig und spannend rüber. Ein historischer Krimi also, dem an nichts fehlt. Ich würde sogar sagen, er ist viel mehr als das, denn erstens ist er stilistisch wunderbar und damit ein Lesegenuss, zweitens erfährt man viele Details zum Alltagleben in jener Zeit, die man - ich zumindest - ansonsten nie erfahren hätte und drittens ist die Handlung wirklich spannend und es tun sich Abgründe auf, von denen auch denjenigen, die so einiges über den Nationalsozialismus wissen, vieles unbekannt ist.

Ich zumindest hoffe, dass es noch reihenweise Oppenheimer-Krimis - dann zur Nachkriegszeit, in der ja auch einiges los war - geben wird, und schwöre bereits jetzt, ihm bedingungslos treu zu bleiben. Und natürlich werde ich die Bücher reihenweise verschenken, damit auch meine Lieben zu Oppenheimer-Fans werden können!