Profilbild von Yernaya

Yernaya

Lesejury Star
offline

Yernaya ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Yernaya über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.07.2025

Ein wundervolles Buch über das Leben und Überleben

Die Hummerfrauen
0

Was für ein wundervolles Buch! Es beginnt bereits mit der Covergestaltung. Auf dem Schutzumschlag prangt ein orange-pinker Hummer, der blaue Titel verleiht dem Buch zudem einen maritimen Eindruck. Du nimmt ...

Was für ein wundervolles Buch! Es beginnt bereits mit der Covergestaltung. Auf dem Schutzumschlag prangt ein orange-pinker Hummer, der blaue Titel verleiht dem Buch zudem einen maritimen Eindruck. Du nimmt man den Umschlag ab, erwartet einen die erste Überraschung. Auf dem Buch selbst ist der Hummer in Blautönen abgebildet. Schnell wird klar, dass es sich dabei nur um Mr. Darcey handeln kann, das ungewöhnliche Haustier einer der Hauptprotagonistinnen.

Ann ist 72 und die älteste Hummerfischerin in einem kleinen fiktiven Hummerfischerort im Maine. Dann ist da noch die Mittfünfzigerin Julie, die sich nach einem schweren Unfall zurück in das Leben gekämpft hat. Beide Frauen haben sich trotz aller Widerstände in der Männerdomäne der Hummerfischerei behauptet. Und schließlich Mina, Ende Zwanzig, die nach einem tragischen Ereignis an den Sehnsuchtsort ihrer Kindheit zurückkehrt. Viele weiter Personen tauchen auf. Sie alle eint, dass sie mit Verlust und Trauer, Enttäuschungen und unerfüllten Wünschen, verflossener Liebe und anderen Schicksalsschlägen auseinandersetzen müssen. Was hier sehr düster und melancholisch klingt, ist am Ende jedoch das Leben, was nicht immer so verläuft, wie man es sich erträumt hätte. Und so ist das Buch keineswegs traurig, sondern wundervoll geschrieben, sehr einfühlsam und in einer schönen Sprache. Der raue Charme der Landschaft spiegelt sich in der Sprache der Bewohner wieder. Und es ist spannend zu beobachten, wie die Frauen aus Veränderungsprozessen hervorgehen. Der Vergleich zu den sich häutenden Hummern ist da naheliegend. Beatrix Gerstberger ist ein oft sogar humorvoller Debütroman gelungen. Dabei gelingt es ihr, in die Tiefe zu gehen, philosophisch zu werden, ohne dass dies beschwerlich wirkt.

Fazit: Ein großartiges Werk voller Einfühlsamkeit und mit Gespür für die Menschen, insbesondere die Frauen. Ein Buch über ungewöhnliche Lebensverläufe und die Möglichkeiten, das eigene Leben zu steuern.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.06.2025

Ein Wechseljahr auf Guernsey

Alice und das Blau des Wassers
0

Katja Keweritsch schreibt wundervolle Bücher über Frauen in Umbruchsituationen. In ihrem dritten Roman geht es um Alice, die ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag damit konfrontiert wird, dass ihr Mann eine ...

Katja Keweritsch schreibt wundervolle Bücher über Frauen in Umbruchsituationen. In ihrem dritten Roman geht es um Alice, die ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag damit konfrontiert wird, dass ihr Mann eine neue - jüngere - Frau hat, und die ist auch noch schwanger. Alice ist 49, die Kinder sind erwachsen und sie selbst kämpft mit den körperlichen Veränderungen der Wechseljahre. Bislang hat sie im Betrieb des Ehemannes mitgearbeitet, hat die Care-Arbeit übernommen und steht nun gefühlt vor dem Nichts.

Die Autorin lässt ihrer Heldin Zeit, diesen Umbruch zu verarbeiten. Sie beschreibt eindrücklich die Leere, die nach solch einem Schock zunächst entsteht. Doch dann beginnt eine zaghafte, sanfte Entwicklung. Alice Tochter arrangiert einen Haustausch, und wir tauchen mit Alice ein in die wundervolle Welt der Kanalinsel Guernsey. Geradezu wohltuend sind die Landschaftsbeschreibungen, die nun die Handlung ergänzen.

Keweritsch erzählt von Frauen auf dem Weg zu sich selbst. Was mir an diesem Buch besonders gefallen hat, ist dass Alice dabei viele Unterstützerinnen findet. Während oft die Konkurrenz zwischen Frauen thematisiert wird, steht hier die Solidarität von Frauen im Mittelpunkt. Sie unterstützen Alice auf vielfältige Weise dabei, sich mit ihrer Situation, ihrem sich verändernden Körper, aber auch mit der gesellschaftlichen Rolle von Frauen in den Wechseljahren auseinanderzusetzen. Das ist für mich ein deutlicher Unterschied zu "Agnes geht", denn Agnes hatte zwar auch Begegnungen, ging ihren Weg aber alleine. Auch Alice hat aber eine aktive Form der Reflektion: sie schwimmt, und auf Guernsey tut sie das im Meer.

Besonders gefallen hat mir wieder die schöne Sprache, das einfühlsame Erzählen, welches so typisch ist für die Bücher von Katja Keweritsch.

Fazit: ein Buch für alle, die keine Superfrau erwarten, die von jetzt auf gleich ihr Leben umkrempelt, sondern die sich auf einen Veränderungsprozess einlassen. Ich vergebe fünf von fünf Sternen ⭐⭐⭐⭐⭐

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.06.2025

Ein Blick hinter die Fassaden einer Vorstadt

Lauter kleine Lügen
3

Kate Kemps Debütroman „Lauter kleine Lügen“ beginnt mit einem spektakulären Mordfall. Ein Krimi also? Keineswegs, oder eben nicht ausschließlich. Die reine Krimihandlung ist eher unspektakulär und die ...

Kate Kemps Debütroman „Lauter kleine Lügen“ beginnt mit einem spektakulären Mordfall. Ein Krimi also? Keineswegs, oder eben nicht ausschließlich. Die reine Krimihandlung ist eher unspektakulär und die Aufklärung des Falles steht nur scheinbar im Mittelpunkt des Buches. Vielmehr blicken wir hinter die Hecken der Vorgärten und die Fassaden der Einfamilienhäuser in einer beschaulichen Vorstadt Canberras. Wir schreiben das Jahr 1979 und über der kleinen Siedlung, die in einer Sackgasse liegt, drückt die Hitze des australischen Sommers. Hier leben ganz gewöhnliche Menschen – doch was bedeutete das in der damaligen Zeit? Es gilt das weiße, christlich geprägte, patriarchale, heterosexuelle Normativ. Ungeachtet der Tatsache, dass die Menschen diesem auch damals schon nicht entsprochen haben. Kemp spricht viele Themen an, Rassismus, Sexismus, Ausgrenzung und Mobbing, Vorurteile und Lügen. Und trotzdem ist „Lauter kleine Lügen“ keine schwere Lektüre. Im Gegenteil, ich habe mich durch den lebendigen Schreibstil und die gelungene Darstellung der Atmosphäre der kleinen Straße großartig unterhalten gefühlt. Kemp beschreibt, ohne den Zeigefinger zu erheben. Und so tauchen wir ein in diese Welt mit all ihren Gerüchten und Geheimnissen, lernen die Bewohner kennen und erleben hautnah, wie es sich damals angefühlt hat. Wir betrachten vieles durch die Augen der 12jährigen Tammy, erleben die unterschiedlichen Frauenbilder, machen uns Gedanken über hetero- und homosexuelle Geschlechterrollen, erleben Multiethnizität, Unzufriedenheit und unerfüllte Wünsche, erlittene Traumata und befreiende Entwicklungen. Man merkt dem Buch an, dass Kate Kemp systemische Psychotherapeutin ist. Und das ist alles andere als ein Manko. Denn meine Antwort auf die Frage, worum es in diesem Roman geht, lautet: Es geht um Identität. „Lauter kleine Lügen“ ist ein großartiges feministisches Buch, ein Sittengemälde der Endsiebzigerjahre des 20.Jahrhunderts, ein Spannungsroman und ja, irgendwie auch ein Krimi. Ich spreche voller Überzeugung meine uneingeschränkte Leseempfehlung aus.

  • Einzelne Kategorien
  • Handllung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Atmosphäre
Veröffentlicht am 08.04.2025

Faszinierender Mehrgenerationenroman aus der Elbmarsch

Stromlinien
0

Die Elbe ist en vogue. Waren mir zunächst vor allem die Krimis von Romy Fölck bekannt, die in der Elbmarsch angesiedelt sind, ließ mich Katja Kewerisch in ihrem Roman „Agens geht“ einen anderen ...

Die Elbe ist en vogue. Waren mir zunächst vor allem die Krimis von Romy Fölck bekannt, die in der Elbmarsch angesiedelt sind, ließ mich Katja Kewerisch in ihrem Roman „Agens geht“ einen anderen Blick auf die Elbe gewinnen. Jüngst begeisterte mich die Flusslinien von Katharina Hagena und nun also sind es die Stromlinien von Rebekka Frank. Was ist da los an der Elbe? Wieso animiert sie nun endlich dazu, in der Literatur wahrgenommen zu werden? Vielleicht liegt es daran, dass dieser unspektakuläre Fluss bedroht ist. Frank beschreibt, wie übrigens auch Hagena, die dramatischen Auswirkungen der Elbvertiefung auf Flora und Fauna. Das ist übrigens nicht die einzige Parallele zwischen diesen beiden großartigen Romanen, die sich sogar im Titel ähneln. Die Elbe ist dort in der Elbmarsch kein romantischer Flusslauf; sie ist eine gefährliche Autobahn für vollkommen überdimensionierte Containerschiffe. Und doch, sie ist ein berührend verletzlicher Fluss, Lebensraum bedrohter Arten und offenbar zunehmend Inspiration für Autorinnen.

Ich komme nicht umhin, Hagenas Flusslinien und Franks Stromlinien immer wieder zu vergleichen. Beide Romane sind generationsübergreifend. Es geht um Familienbindungen, um Frauenleben, um Feminismus. Sehr gut gefällt mir, dass in beiden Romanen auch junge Frauen eine Rolle spielen. Beide Bücher sind gesellschaftskritisch, politisch, feministisch, ohne dabei die große Moralkeule zu schwingen. Gerade Frank zeigt auf, dass auch Irrungen und Wirrungen zum Leben gehören. Eine ihrer Protagonistinnen war 38 Jahre lang in Haft. Alea, die Mutter der Zwillinge Enna und Jule. Wir erfahren lange nicht, wie es dazu gekommen ist. Flusslinien ist eben kein Kriminalroman, auch wenn das Motiv der Schuld, moralisch und juristisch, eine große Rolle spielt. Frank gelingt der große Wurf, eine komplexe Geschichte über mehrere Generationen zu spinnen, beginnend 1923 und endend im hier und jetzt. Sie weckt Emotionen, rührt ihre Leserschaft zutiefst an, und lässt doch genug Freiraum für eine eigene Bewertung.

Ich möchte direkt sagen, dass ich durch Stromlinien großartig unterhalten wurde. Die Protagonistinnen wurden stimmig beschrieben, die Handlungsstränge genial verbunden und aufgelöst. Der Schreibstil hat mir gut gefallen, auch wenn Frank dabei aus meiner Sicht hinter Hagena zurückbleibt. Dafür ist das Cover für mich jetzt schon ein Highlight des Jahres. Optisch und haptisch passt dieses Cover so wunderbar zum Buch, dass es mich richtig glücklich macht.

Voller Überzeugung vergebe ich auch hier fünf Sterne und spreche eine unbedingte Leseempfehlung aus!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.02.2025

"Die Stille, die eintritt, wenn der Besuch gegangen ist"

Flusslinien
0

Berührender Generationenroman mit der Elbe als stiller Akteurin

Flusslinien von Katharina Hagena kommt eher unscheinbar daher. Der Schutzumschlag zeigt eine Flusslandschaft, leicht verschwommen, etwas ...

Berührender Generationenroman mit der Elbe als stiller Akteurin

Flusslinien von Katharina Hagena kommt eher unscheinbar daher. Der Schutzumschlag zeigt eine Flusslandschaft, leicht verschwommen, etwas melancholisch. Der Einband ist lindgrün, das Vorsatzblatt passend zum Titel von feinen Linien durchzogen. Einen optischen Akzent setzen das Kapitalband und das Leseband in pink. Wer in Zeiten auffälliger Covergestaltung mit grellen und aufwändigen Farbschnitten zu diesem eher schlichten Buch greift, wird mit einem wunderbaren Leseerlebnis belohnt.

Im Mittelpunkt des Buches stehen drei Akteurinnen, die wir an zwölf Tagen durch ihr Leben an der Elbe begleiten dürfen. Die hochbetagte Margit wohnt in einer Seniorenresidenz an der Elbe. Ihre Sinne lassen nach, doch manches scheint die ausgebildete Stimmbildnerin dadurch noch viel bewusster und sensibler wahrzunehmen. Ihr Erinnerungen, die bis in ihre Kindheit zurückreichen, sind anrührend und erzeugen einen Leseeindruck, der gut mit dem Coverbild harmoniert; während manches verschwommen bleibt, treten andere Ereignisse deutlich hervor. So erfahren wir durch Margits Erinnerungen von der Landschaftsgärtnerin Elsa Hoffa, der Gestalterin des Römischen Gartens in Hamburg. Zauberhaft beschreibt Hagena dieses Kleinod, ebenso wie die Landschaft der Elbe, die Bedrohung und bedroht zugleich sein kann. Der Naturschutz spielt eine unaufdringlich Rolle. Arthur, der am Fluss wohnt und in der Seniorenresidenz als Fahrer arbeitet, ist engagiert beim Nabu, rettet Kröten, ist ein Sondengänger und erfindet Sprachen. Dabei sucht er Halt nachdem er einen Schicksalsschlag erlitten hat. Und dann ist da noch Luzie, Margits Enkelin, die mit ihren gerade 18 Jahren versucht, ein Trauma zu überwinden und den Weg zurück ins Leben zu finden. All dies erzählt Hagena in undramatischer Weise, einfühlsam und manchmal humorvoll. So entsteht ein Raum, in dem wir nach und nach Einblick erhalten, in das, was die Protagonistinnen bewegt.

Flusslinien ist ein wundervoll geschriebenes, feinfühliges und poetisches Buch, vielschichtig und absolut lesenswert!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere