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Christina19

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.08.2025

Ein philosophisches Bilderbuch über das Leben

In meiner Welt
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Während des Spaziergangs mit seinem Großvater macht sich Bruno Gedanken über die Welt. In seiner kindlichen Fantasie möchte er einiges ändern: „In meiner Welt wird niemand sterben“, meint er. Er möchte ...

Während des Spaziergangs mit seinem Großvater macht sich Bruno Gedanken über die Welt. In seiner kindlichen Fantasie möchte er einiges ändern: „In meiner Welt wird niemand sterben“, meint er. Er möchte außerdem die Zeit anhalten und die Bäume in den Himmel wachsen sehen. Doch was geschieht, wenn man die Welt neu erfindet? Sein Großvater begleitet Bruno bei seinem Gedankenspiel.

Sabine Bohlmann erzählt mit wenigen Sätzen eine ruhige, beinah philosophische Geschichte über einen Jungen, der seine eigene Welt erfindet. Dabei offenbaren Brunos Ideen seine kindliche Sichtweise auf die Welt. Zuerst möchte er beispielsweise, dass niemand mehr stirbt, später wünscht er sich unter anderem, dass die Bäume bis in den Himmel wachsen. Eine wichtige Rolle in der Geschichte übernimmt der Großvater: Er nimmt die Gedanken seines Enkels ernst und gibt ihm neue Denkanstöße. Dadurch lenkt er Bruno sanft dahin, das Leben so zu nehmen wie es ist und lehrt ihm Demut sowie Dankbarkeit.
Die Illustrationen gehen mit dem Text Hand in Hand: Dank ihnen kann man erahnen, weshalb Bruno die Idee hatte, seine eigene Welt zu gestalten. Damit sind die Bilder in diesem Buch nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern essenziell für die Geschichte. Gut gefällt mir, wie Simona Ceccarelli mit Farben hervorhebt, was Realität ist und was allein der Vorstellung von Bruno und seinem Großvater entsprungen ist. Auch die abgebildeten Figuren mag ich gerne, denn sie stellen einen Querschnitt durch die Gesellschaft mit unterschiedlichen Generationen und Ethnien dar. Einige Seiten sind für meinen Geschmack allerdings etwas überladen und hätten gerne reduzierter sein dürfen.
Dennoch ist „In meiner Welt“ ein gelungenes Bilderbuch, das dazu anregt, mit Kindern über unsere Welt, das Leben und das Vergehen, den Tod, zu sprechen.

Veröffentlicht am 11.08.2025

Unerwartet schwerwiegend und ergreifend

Onigiri
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Als junge Frau kam Akis Mutter nach Deutschland. Sie heiratete, bekam zwei Kinder, ließ sich scheiden. Als sie im Alter an Demenz erkrankt, beschließt ihre Tochter, mit ihr noch einmal in ihre alte Heimat ...

Als junge Frau kam Akis Mutter nach Deutschland. Sie heiratete, bekam zwei Kinder, ließ sich scheiden. Als sie im Alter an Demenz erkrankt, beschließt ihre Tochter, mit ihr noch einmal in ihre alte Heimat zu reisen. Zwischen Erinnern und Vergessen, Freude und Trauer – während Keiko ein letztes Mal von Japan Abschied nimmt, reflektiert ihre Tochter Aki, weshalb sich auf ihre einst so lebensfrohe Mutter in Deutschland diese bedrohliche Müdigkeit legte.

„Onigiri“ erzählt die Geschichte einer Familie zwischen zwei Kulturen. Sie ist aus der Perspektive von Aki geschrieben, die als Tochter einer japanischen Mutter und eines deutschen Vaters aufwuchs. Ihre Eltern trennten sich früh, wodurch Aki viel Zeit bei der fortan alleinerziehenden Keiko sowie ihren deutschen Großeltern Gesine und Ludwig verbrachte. Nun, selbst Mutter, blickt sie zurück auf die beiden Seiten ihrer Familie, zwischen denen Welten liegen. Aki schildert Szenen aus ihrer Kindheit, aus der Beziehung ihrer Eltern sowie aus dem Leben ihrer Mutter Keiko. Die zahlreichen Rückblenden verleihen dem Roman eine aus meiner Sicht beinah melancholische Stimmung. Vor allem helfen sie dabei, das Leben von Keiko zu verstehen: Neugierig auf die Welt kam sie nach Deutschland, lernte die Sprache und engagierte sich in einem Chor. Dennoch scheint sie nie richtig angekommen zu sein und Anschluss gefunden zu haben. Insbesondere von der wohlhabenden Familie ihres deutschen Mannes wurde Keiko nicht akzeptiert. Die Autorin zeigt an dieser Stelle deutlich auf, welche Schwierigkeiten der Umzug in ein fernes Land mit einer fremden Kultur mit sich bringen kann. Da ist das Gefühl, nicht willkommen zu sein, die Einsamkeit und das Heimweh, das man nie ganz überwinden kann. Zudem bindet Yuko Kuhn sehr ernste und schwerwiegende Themen wie Depressionen und Demenz ein – beides Erkrankungen, die das Leben der Betroffenen und ihres Umfeldes stark beeinflussen und im schlimmsten Fall den Abschied von einer vertrauten Person bedeuten können.
Obwohl der Roman nicht mit der Leichtigkeit daherkommt, die ich mir anfangs erhofft habe, kann ich „Onigiri“ guten Gewissens weiterempfehlen!

Veröffentlicht am 04.08.2025

Eine tiefgehende Familienanamnese mit teils philosophischen Gedanken

Botanik des Wahnsinns
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Seine Mutter ist alkoholabhängig, sein Vater depressiv. Sein Großvater ist schizophren, seine Großmutter bipolar, schizophren, alkoholabhängig und hat mehrere Suizidversuche hinter sich. Das Leben und ...

Seine Mutter ist alkoholabhängig, sein Vater depressiv. Sein Großvater ist schizophren, seine Großmutter bipolar, schizophren, alkoholabhängig und hat mehrere Suizidversuche hinter sich. Das Leben und die psychische Gesundheit des Erzählers scheinen vorgezeichnet. Leon Engler begibt sich auf Spurensuche, versucht die Traurigkeit mehrerer Generationen zu verstehen und nachzuempfinden. Was er herausfindet, lässt ihn hinterfragen, wo eigentlich die Grenze verläuft zwischen Normalität und Wahnsinn. Und es lässt ihn Frieden schließen mit der eigenen Familiengeschichte.

Mit seinem Debütroman „Botanik des Wahnsinns“ gibt Leon Engler einen Einblick in seine Familiengeschichte und den Verlauf seines eigenen Lebens. Dabei verfolgt er die Spuren seiner Vorfahren weit zurück, wobei in dem Buch vor allem seine Eltern und Großeltern in den Fokus gerückt werden. In Ich-Perspektive erzählt der Autor von deren psychischen Erkrankungen. Er beschreibt die Symptome und welchen Einfluss diese auf das Leben der Betroffenen hatten: Die Mutter rutschte in Schulden, verlor ihre Wohnung und war mehrmals auf Entzug. Der Vater zog sich immer mehr zurück, verbrachte Tage, wenn nicht Wochen im Bett und hatte kaum mehr soziale Kontakte. Leon Engler, der selbst Psychologie studiert hat und in einer psychiatrischen Klinik arbeitete, sieht jedoch nicht nur die Diagnose, sondern auch die Menschen dahinter. Er hört zu und versucht zu verstehen, wie seine Patienten und seine Familienmitglieder zu denen geworden sind, die sie sind. Die Gedanken, die er dazu niedergeschrieben hat, sind sehr tiefgreifend und teils philosophisch. Immer wieder nimmt der Autor Bezug auf Freud, Nietzsche und weitere Personen, die sich mit Menschen und deren geistiger Gesundheit, dem „Wahnsinn“, befasst haben. Seine Quellen listet Leon Engler im Anhang des Buches auf, was aus meiner Sicht zeigt, wie intensiv und mit welcher Ernsthaftigkeit er sich mit dem Thema befasst hat. Er wirft außerdem einen Blick auf sein eigenes Leben. Immer wieder ist er vor seinem Schicksal geflohen, erst nach New York, dann nach Paris, später nach Wien, bis er sich schließlich der Familiengeschichte stellte. In insgesamt 46 kurzen Kapiteln, die sich rasch lesen lassen, erzählt er davon. Dazwischen gibt es stetige Zeitsprünge vor und zurück, was für mich anfangs etwas gewöhnungsbedürftig war, dann aber viel Abwechslung in den Roman brachte. Ich mochte dieses Buch sehr gerne und werde es garantiert noch einmal lesen!

Veröffentlicht am 26.07.2025

Ein Roman mit vielen Ebenen

Ungebetene Gäste
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Als ein Hammer von ihrem Balkon fällt und einen Passanten erschlägt, weiß Naomi ohne es gesehen zu haben, was geschehen ist: Zwar verspürte sie von Beginn an ein Unbehagen gegenüber dem arabischen Handwerker ...

Als ein Hammer von ihrem Balkon fällt und einen Passanten erschlägt, weiß Naomi ohne es gesehen zu haben, was geschehen ist: Zwar verspürte sie von Beginn an ein Unbehagen gegenüber dem arabischen Handwerker in ihrer Wohnung, doch zu einer solchen Tat wäre er nicht fähig gewesen. Stattdessen war es ihr einjähriger Sohn, der das Werkzeug des Mannes in einem unbeobachteten Moment vom Balkon gestoßen hat. Als die Polizei auftaucht, fällt der Verdacht augenblicklich auf den Handwerker, der daraufhin abgeführt wird. Naomi, die ihn vor dem Gefängnis bewahren könnte, schweigt über den tatsächlichen Unfallhergang. Doch die Schuld, die auf ihr lastet, wird ihr Leben und das weiterer Menschen für immer verändern… .

„Ungebetene Gäste“ ist nach „Löwen wecken“ nun das zweite Buch der Autorin, dass ich kennenlernen durfte. Ayelet Gundar-Goshen setzt sich auch in diesem Roman wieder damit auseinander, wie Schuld und Moral unser Denken, Handeln und schließlich unser Leben beeinflussen:
Nachdem ein Hammer von ihrem Balkon gefallen ist und fälschlicherweise der arabische Handwerker dafür verhaftet wurde, ringt Naomi lange mit sich, ob sie ihre Schuld gegenüber der Polizei eingestehen oder weiter schweigen soll. Interessant finde ich, dass die Autorin an dieser Stelle nicht nur an die Moral eines Menschen appelliert, sondern zugleich den Aspekt unterschiedlicher Nationalitäten ins Spiel bringt, denn mit Naomi, Juval und Uri hat die Autorin eine israelische Familie zum Mittelpunkt des Geschehens gemacht. Die Vorbehalte Naomis gegenüber dem arabischen Mann und seiner Familie sind von Beginn an deutlich zu spüren, womit Gundar-Goshen ein Stück weit den Nahostkonflikt aufgreift – und bei diesem bleibt es nicht: Ohne zu viel zu verraten, sei nur gesagt, dass die Autorin Figuren weiterer Nationalitäten einbringt und mit diesen aus meiner Sicht teils Kritik an der Politik ihres Landes übt. Den Kern der Geschichte bildet aber wohl Naomis Flucht vor ihrer Verantwortung für den Unfall. Im Laufe des Romans müssen sie und ihr Mann lernen, dass die Geschehnisse sie so lange verfolgen werden, bis sie sich ihrer Verantwortung stellen.
Die Art, wie Gundar-Goshen das Ganze erzählt, mag ich sehr gerne, wenn auch das Ende für mich ein wenig zu plötzlich kam und einige Fragen offenließ.

Veröffentlicht am 18.06.2025

Schicksalhafte Begegnung zweier Frauen am Rande der Gesellschaft

Der Schlaf der Anderen
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Janis arbeitet im Schlaflabor. Seit vielen Jahren schon verrichtet sie ihren Dienst Nacht für Nacht – immer dann, wenn alle anderen schlafen. Eines Abends besucht Sina die Station, um aufgrund ihrer Schlafstörungen ...

Janis arbeitet im Schlaflabor. Seit vielen Jahren schon verrichtet sie ihren Dienst Nacht für Nacht – immer dann, wenn alle anderen schlafen. Eines Abends besucht Sina die Station, um aufgrund ihrer Schlafstörungen ein Schlafprofil aufzeichnen zu lassen. Augenblicklich spürt Janis eine Verbindung zu ihrer Patientin, nichtsahnend, dass diese Begegnung tatsächlich das Leben der beiden Frauen ändern wird.

Janis und Sina sind die Protagonistinnen in Tamar Noorts zweitem Roman. Man lernt sie in stetig wechselnden Kapiteln intensiv kennen, wobei die Autorin geschickt mit den Perspektiven spielt. Während sie anfangs über Janis in der dritten Person erzählt und Sina in Ich-Perspektive vorstellt, wechselt Noorts dies im Laufe der Geschichte. Dadurch bleibt das Lesen abwechslungsreich.
Die Frauen führen recht unterschiedliche Leben, aber haben dennoch eine Gemeinsamkeit: Beide sind aus dem klassischen Tag-Nacht-Rhythmus geraten; Janis, da sie im Schichtdienst arbeitet, Sina, weil sie Schlafprobleme hat. Woher letztere rühren, erfährt man im Laufe der Geschichte, wobei unter anderem die Erwartungen anderer sowie die traditionellen Geschlechterrollen thematisch aufgegriffen werden. Dass dies zu dem Gefühl führen kann, stets und ständig funktionieren zu müssen, was wiederum unruhige Nächte nach sich zieht, liegt auf der Hand.
Welche Macht Schlaf, vor allem fehlender Schlaf, auf das Leben eines Menschen ausübt, hat die Autorin schließlich überzeugend herausgearbeitet. Er sorgt dafür, dass sowohl Janis als auch Sina sich selbst vernachlässigen, Freundschaften kaum mehr pflegen, ihren Hobbys nicht nachgehen und sich der Gesellschaft nicht mehr zugehörig fühlen. Diese Einsamkeit sowie daraus resultierend der Wert der Gemeinschaft bzw. einer echten Freundschaft sind aus meiner Sicht neben dem Thema der Selbstverwirklichung wesentliche Elemente des Romans.
Die Art, wie Noorts Situationen und Handlungsabläufe beschreibt, war mitunter sehr detailreich. An vielen Stellen mochte ich diesen Erzählstil sehr, hin und wieder empfand ich Abschnitte jedoch auch als etwas langatmig.
Den Weg, den die Geschichte einschlägt, konnte ich nicht vorhersehen. Die Entwicklung der Figuren war für mich aber schlüssig und so hat mir das Ende des Romans gut gefallen.