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Veröffentlicht am 21.06.2025

Mein Highlight des Jahres 2024

Geliebte Mutter – Canım Annem
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Aynur ist eine Frau moderner Erziehung. Als in Istanbul die Tulpen blühen, zerbricht Aynur unter der Entscheidung, die ihr Leben prägen soll. Gegen ihren Wunsch wird sie mit Alvin verheiratet, der in Deutschland ...

Aynur ist eine Frau moderner Erziehung. Als in Istanbul die Tulpen blühen, zerbricht Aynur unter der Entscheidung, die ihr Leben prägen soll. Gegen ihren Wunsch wird sie mit Alvin verheiratet, der in Deutschland als Gastarbeiter malocht und all das ist, was Aynur verachtet: fromm, ungebildet, traditionell.
Die Jahre in Deutschland vergehen, aus der Ehe gehen die beiden Kinder, Meryem und Ada hervor. Alvin regiert seine Familie mit Gewalt, Aynur prägt ihren Kindern ein, dass sie besser und fleißiger sein, um ein besseres Leben zu haben als ihre Eltern. Ada und Meryem erleben eine Kindheit mit prägenden Entbehrungen, die sie hinter sich zu lassen versuchen. Am Ende des Lebens werden sie von ihren Traumata wieder eingeholt und versuchen sich den aus den tiefen ihres Bewusstseins an die Oberfläche drängenden Fragen zu stellen. Warum hat Aynur Alvin nicht verlassen, sondern ein halbes Jahrhundert Ehe unter diesem Damiliendespoten erduldet? Warum fehlte es den Kindern an der Liebe, die ihre Mutter selbst so schwer vermisst hat? Wie sehr können sich die zerbrochenen Teile einer Familie im Altern und Sterben bei all den zugefügten Wunden annähern?

Çidem Akyols Roman um die Gastarbeiterfamilie war mein letztes Highlight des Jahres 2024. Akyols Stil, die anklagende Stimme der Tochter oft sprechen zu lassen, hat für mich ein großes Identifikationspotential gehabt. Dabei hat sie sie all die Fragen stellen lassen, die auch mich umtrieben hätten in ihrem Familienumfeld. Das Buch konnte nicht anders als mir unter die Haut zu gehen, der literarisch verarbeitete Schmerz sickert unabwendbar in die lesende Seele. Und auch, wenn man mentale Wunden versteht, offenbart sich in dieser Geschichte, die mich so stark an Fatih Çevikkollus Sachbuch "Kartonwand" erinnert hat, ein generationsübergreifendes Elend, das man nicht verstehen kann, wenn man keine migrantischen Wurzeln hat.

Veröffentlicht am 21.06.2025

Absolut bewegendes Buch! Jeder sollte es lesen, plus es sollte Schullektüre werden!

Die Straße im Kopf
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Dominik hat es geschafft - von der Straße. Nach über zehn Jahren Obdachlosigkeit hat er wieder eigene vier Wände und ein Dach über dem Kopf. Doch so viel hat Dominik noch nicht geschafft, als er in dieser ...

Dominik hat es geschafft - von der Straße. Nach über zehn Jahren Obdachlosigkeit hat er wieder eigene vier Wände und ein Dach über dem Kopf. Doch so viel hat Dominik noch nicht geschafft, als er in dieser Wohnung ankommt. Die alltäglichen Dinge, die uns leicht von der Hand gehen, die sind für Dominik noch immer schwer. Den Kühlschrank schließt er nicht an, kühlt seine Lebensmittel auf dem Balkon. Im Bett schläft er nicht, seine Schlafgewohnheiten sind noch immer die auf der Straße.

Dominik schämt sich nicht, seine Schwächen aufs Papier zu schreiben, um der Welt zu zeigen, mit welchem Problemen (Ex-)Obdachlose zu kämpfen haben. Er zeigt eine Welt, vor der wir den Blick abwenden. Und er zeigt, dass es sich lohnt, hinzuschauen. Es sind Menschen wie wir, die wir ignorieren, denn jede und jeder von uns könnte von heute auf morgen auf der Straße landen.

Ein Buch über Realität, aber auch über Hoffnung. Ein Buch, das man das ganze Jahr über lesen sollte, dessen Thema um Obdachlosigkeit aber vor allem während der dekadenten Adventszeit präsent ist. Meine Empfehlung: Lesen und vieles daraus mitnehmen.

Veröffentlicht am 21.06.2025

In diesem Buch ist nichts, wie es scheint - unbedingte Leseempfehlung!

Die Winterschwestern
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Vor langer Zeit gab es zwei Winter. Es gab die Große Winterschwester, welche die Stürme, kalte Nächte, eisigen Schnee und die Härte brachte. Und es gab die Kleine Winterschwester, welche die Freuden des ...

Vor langer Zeit gab es zwei Winter. Es gab die Große Winterschwester, welche die Stürme, kalte Nächte, eisigen Schnee und die Härte brachte. Und es gab die Kleine Winterschwester, welche die Freuden des Winters brachte wie zugefrorene Seen, auf denen man Eislaufen konnte, weichen Schnee, auf dem man Schlitten fahren oder mit dem man Schneeballschlachten veranstalten konnte, und ihr zu Ehren bringt man das Julfest.
Doch die Kleine Winterschwester ist verschwunden, und in jedem erbarmungslosem Sturm steckt die Verzweiflung der Großen Winterschwester, die nach ihr sucht.

Der Winter hat gerade erst begonnen, doch im Nebeldorf macht man sich Sorgen. Es verschwinden vermehrt wichtige Gegenstände, welche die Dorfbewohner:innen vermissen, und obwohl man zuerst Alfred im Verdacht hat, der allen immer wieder Streiche spielt, doch den Amboss der Schmiedin hätte der Junge nicht mal mit ganz ausgeklügeltem Willen verstecken können. Alfreds Onkel Ragnar soll die verlorenen Gegenstände zurückbringen, denn eigentlich können nur die Trolle die Sachen entwendet haben. Ragnar macht sich auf den Weg in einen Schneesturm, und Alfred folgt ihm, denn die Seherin offenbart dem Jungen, dass niemand seinen geliebten Onkel wiedersehen wird, wenn Alfred sich nicht mit auf den Weg macht. Und so schlittert der Wikingerjunge in das Abenteuer seines Lebens.

Jolan Bertrands „Die Winterschwestern“ wird definitiv eines meiner Lieblingskinderbücher für die Winterzeit werden, dicht gefolgt von „Winterhaus“ (Ben Guterson). Für mich war es ganz klare Coverliebe! Die Illustrationen begleiten die Geschichte und sind richtig schön! In diesem Buch ist nichts wie man es erwarten würde, gängige Rollenbilder gibt es hier nicht, Gut und Böse sind nicht klar schwarz und weiß, und die wahren Held:innen sind die unscheinbaren Figuren.
Ich lieb einfach alles an dem Buch! Lest es und liebt es auch!

Veröffentlicht am 04.12.2024

(S)Experiment

The Freedom Clause
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In einer Silvesternacht sprechen Dominic und Daphne unverhofft über ihr eingeschlafenes Sexleben. Seit drei Jahren sind sie verheiratet, und vor allem Dominic fände es aufregend, die Ehe ein wenig zu öffnen. ...

In einer Silvesternacht sprechen Dominic und Daphne unverhofft über ihr eingeschlafenes Sexleben. Seit drei Jahren sind sie verheiratet, und vor allem Dominic fände es aufregend, die Ehe ein wenig zu öffnen. Daphne, die sich aus Sex nicht wirklich viel macht, ist zunächst wenig angetan von der Idee, stimmt aber unter einigen Bedingungen zu - vor allem, um der Sehnsucht ihres Mannes zu entsprechen. Erstens: Es darf nur eine Nacht im Jahr sein. Zweitens: Das Paar spricht nicht über seine außerehelichen Abenteuer. Drittens: Nicht zweimal mit derselben Person. Und sie einigen sich darauf, dieses Arrangement zunächst einmal für fünf Jahre auszutesten.
Daphnes und Dominics Geschichte erzählt sich vor allem an den Nächten außerhalb des ehelichen Bettes entlang. Bereits nach den ersten Gelegenheiten merken beide, dass sie dieses Arrangement verändert. Während Dominic vor allem mögliche Gelegenheiten auszuloten versucht, leidet Daphne eher darunter, über ihre Erlebnisse nicht mit ihren Freundinnen sprechen zu können. Beide verändert die Abmachung, aber auch die Begegnungen, die sich durch jene Abmachung ergibt - sowohl zum Vorteil als auch zum Nachteil.

"The Freedom Clause" hat mir ganz hervorragend gefallen. Ein Experiment, wie ich mir vorstelle, dass einige Ehemänner es vielleicht gerne ausprobieren, um sich dann vor dem Erfolg ihrer Frauen zu fürchten. Manche Handlung von Hannah Sloanes Protagonist:innen fand ich eine Idee zu vorhersehbar (und trotzdem hat sie mich erheitert), anderes hat mich verdutzt (und mir Achtung abgerungen). Dies ist ein Buch, das ich sicher nicht jeder:m empfehlen kann, aber ich denke, da wo ich es empfehle, wird es angemessen für würdige Unterhaltung sorgen.

Veröffentlicht am 04.12.2024

Feministische Pflichtlektüre - unbedingt lesen!

Caliban und die Hexe
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Wahrscheinlich wäre „Caliban und die Hexe“ noch immer auf meinem Haufen ungelesener Bücher, hätte es nicht einen Vortrag dazu gegeben. Ich wünschte, ich könnte in diese Rezension alles Wissen packen, das ...

Wahrscheinlich wäre „Caliban und die Hexe“ noch immer auf meinem Haufen ungelesener Bücher, hätte es nicht einen Vortrag dazu gegeben. Ich wünschte, ich könnte in diese Rezension alles Wissen packen, das Silvia Federici in diesem Buch zu offerieren hat!
Wo Marx Thesen über den Kapitalismus Lücken hinterlassen haben, besonders aus weiblicher Sicht, füllt Federici auf. Sie beginnt bei den Bauernaufständen, die vom 15. bis zum 17. Jhd. immer wieder die Vorherrschaft höherer Stände und Klerus herausgefordert haben. Sie benennt die Pest als einen signifikanten Faktor, durch den die herrschende Klasse den Wert von Arbeitskraft erkannt hat, den als zusammen mit Boden als Kapital sich anzueignen galt. Seit Jahrhunderten kollektiv genutzte Acker-, Wald- und Landflächen wurden den Menschen durch Privatisierung genommen. Die kapitalistische Gesellschaft wurde geschaffen, und wer sich der aufkommenden Lohnarbeit nicht unterordnen wollte, wurde arbeits- und obdachlos. Vor allem gegen Verarmung revoltierende Frauen wurden nach dem Teile-und-Herrsche-Prinzip zur Zielscheibe, von Häretikerinnen über Prostituierten bis zu Grundbesitzerinnen. Die Hexenverfolgung als geschlechtlicher Genozid (80% der als Hexen Angeklagten waren Frauen) erreichte seinen Höhepunkt in der Mitte des 16. Jhd. bis Mitte des 17. Jhd. mit 40.000 bis 60.000 Opfern und war mitnichten ein Kapitel des „dunklen“ Mittelalters, sondern fällt in die Zeitspanne, die wir als Renaissance kennen. Die Folterkammern und Scheiterhaufen, auf denen die Angeklagten starben, waren (Zitat a.d. Buch) „die Orte, an denen die bürgerlichen Ideale der Weiblichkeit und Häuslichkeit erfunden wurden“. Klerus und Weltlichkeit begannen, sowohl den weiblichen Körper als auch den weiblichen Geist als etwas Schändliches zu sehen, das es mit Gesetzen und Geboten im Zaum zu halten galt. In jenem Zuge wurden Frauen auch aus Professionen verbannt, die sie bis dahin Jahrhundertelang ausgeübt haben wie jene der Hebamme. Netzwerke von Frauensolidarität wurden zerstört, altes weibliches Wissen ging verloren.

Das Buch möchte ich allen empfehlen, die sich für Feminismus interessieren. „Caliban und die Hexe“ sammelt einfach so fundamentales Wissen, wie gestern auf dem Vortrag auch gesagt wurde, es gar nicht im Geschichtsunterricht gelehrt wird.
Übrigens: Wer sich für eine romanhafte Thematisierung zu Hexenprozessen interessiert, dem lege ich von Herzen nahe, Jarka Kubsovas „Marschlande“ zu lesen, ein Buch, in dem eine Bäuerin enteignet und als Hexe angeklagt wird.