Mein Highlight des Jahres 2024
Geliebte Mutter – Canım AnnemAynur ist eine Frau moderner Erziehung. Als in Istanbul die Tulpen blühen, zerbricht Aynur unter der Entscheidung, die ihr Leben prägen soll. Gegen ihren Wunsch wird sie mit Alvin verheiratet, der in Deutschland ...
Aynur ist eine Frau moderner Erziehung. Als in Istanbul die Tulpen blühen, zerbricht Aynur unter der Entscheidung, die ihr Leben prägen soll. Gegen ihren Wunsch wird sie mit Alvin verheiratet, der in Deutschland als Gastarbeiter malocht und all das ist, was Aynur verachtet: fromm, ungebildet, traditionell.
Die Jahre in Deutschland vergehen, aus der Ehe gehen die beiden Kinder, Meryem und Ada hervor. Alvin regiert seine Familie mit Gewalt, Aynur prägt ihren Kindern ein, dass sie besser und fleißiger sein, um ein besseres Leben zu haben als ihre Eltern. Ada und Meryem erleben eine Kindheit mit prägenden Entbehrungen, die sie hinter sich zu lassen versuchen. Am Ende des Lebens werden sie von ihren Traumata wieder eingeholt und versuchen sich den aus den tiefen ihres Bewusstseins an die Oberfläche drängenden Fragen zu stellen. Warum hat Aynur Alvin nicht verlassen, sondern ein halbes Jahrhundert Ehe unter diesem Damiliendespoten erduldet? Warum fehlte es den Kindern an der Liebe, die ihre Mutter selbst so schwer vermisst hat? Wie sehr können sich die zerbrochenen Teile einer Familie im Altern und Sterben bei all den zugefügten Wunden annähern?
Çidem Akyols Roman um die Gastarbeiterfamilie war mein letztes Highlight des Jahres 2024. Akyols Stil, die anklagende Stimme der Tochter oft sprechen zu lassen, hat für mich ein großes Identifikationspotential gehabt. Dabei hat sie sie all die Fragen stellen lassen, die auch mich umtrieben hätten in ihrem Familienumfeld. Das Buch konnte nicht anders als mir unter die Haut zu gehen, der literarisch verarbeitete Schmerz sickert unabwendbar in die lesende Seele. Und auch, wenn man mentale Wunden versteht, offenbart sich in dieser Geschichte, die mich so stark an Fatih Çevikkollus Sachbuch "Kartonwand" erinnert hat, ein generationsübergreifendes Elend, das man nicht verstehen kann, wenn man keine migrantischen Wurzeln hat.