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Veröffentlicht am 10.02.2018

Familiengeheimnisse

Das Geheimnis meines Vaters, von dem er selbst nichts wusste
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Wer gerne Familiengeschichten liest, wird dieses Buch mögen.
Im Mittelpunkt steht Karl, Anfang 50, in der IT-Branche tätig, Sonderling mit Berührungsängsten gegenüber Frauen. Nachdem er sich vor zwanzig ...

Wer gerne Familiengeschichten liest, wird dieses Buch mögen.
Im Mittelpunkt steht Karl, Anfang 50, in der IT-Branche tätig, Sonderling mit Berührungsängsten gegenüber Frauen. Nachdem er sich vor zwanzig Jahren mit seinem verwitweten Vater überworfen und nur noch sporadisch mit ihm telefoniert hat, muss er sich jetzt um dessen Beerdigung und die Regelung des Nachlasses kümmern. In seinem Elternhaus im Oldenburger Münsterland trifft er eine junge Polin an und rekonstruiert die Beziehungen seines Vaters zu Polen. Außerdem werden in Karl Erinnerungen an seine Jugend wach, auch eine unschöne, die sein Sozialverhalten erklärt.
In der Geschichte habe ich mich schnell zu Hause gefühlt, ist ihre Handlung doch in der Nähe meines eigenen Heimatortes angesiedelt, so dass mir viele in Bezug genommene Örtlichkeiten vertraut vorkommen, etwa die erwähnten Umgehungsstraßen rund um Diepholz oder Nienburg, das Cloppenburger Museumsdorf. Der Protagonist ist in etwa mein Geburtsjahrgang, so dass ich mich auch in ihn gut hineinversetzen kann. Einige Dinge, die er aus seiner Jugend erzählt, kenne auch ich noch – etwa das Fotografieren mit der Agfamatic. Dass Karl eine etwas sehr spezielle, widersprüchliche Persönlichkeit hat, macht ihn für den Leser umso interessanter. Einerseits arbeitet er im modernen IT-Umfeld und ist in seiner Freizeit sehr sportlich, andererseits hatte er trotz seines inzwischen mittleren Alters noch nie eine Beziehung zu einer Frau. Ob sein Sozialverhalten allein mit einem Schlüsselerlebnis in seiner Jugend zusammenhängt, weiß ich nicht. Das Geheimnis seines Vaters, auf das der Buchtitel Bezug nimmt, ist recht interessant und wird glücklicherweise recht spät aufgeklärt. Ein paar Längen hat die Geschichte, die einerseits zwar fundiertes Wissen vermitteln, sich aber etwas hölzern lesen. Ich denke da an die Beschreibung der Fotografie in den 70er Jahren oder des VW-Kübelwagens.
Insgesamt kann ich das Buch weiterempfehlen.

Veröffentlicht am 08.01.2018

Das furchtbare Schicksal einer jüdischen Familie

Das Erbe der Rosenthals
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Der Autor verarbeitet in diesem fiktiven Roman die wahren Ereignisse rund um die Überfahrt des deutschen Überseedampfers St. Louis von Hamburg nach Havanna/Kuba im Mai 1939. An Bord waren über 900 Passagiere, ...

Der Autor verarbeitet in diesem fiktiven Roman die wahren Ereignisse rund um die Überfahrt des deutschen Überseedampfers St. Louis von Hamburg nach Havanna/Kuba im Mai 1939. An Bord waren über 900 Passagiere, hauptsächlich deutsche Juden auf der Flucht vor dem NS-Regime. Tragischer Weise wendeten sich während der Überfahrt die Dinge zu ihrem Nachteil. Trotz vorhandener Einreisepapiere durften nur ganz wenige in Havanna an Land gehen, während die meisten zur Rückkehr gezwungen wurden. Mitgereist ist auch die zwölfjährige Hannah Rosenthal mit ihren Eltern. Die wohlhabende jüdische Familie hat zuvor Berlin angesichts der zunehmenden Repressalien gegenüber Juden unter dem Naziregime verlassen. Die Familie wird auseinandergerissen, ein Umstand, der jahrzehntelang wie ein Fluch auf ihr lastet. Ein Dreivierteljahrhundert später reist Hannahs einzige Verwandte, ihre zwölfjährige Großnichte Anna aus New York, nach Kuba, um die Wurzeln ihres beim Terroranschlag 2001 ums Leben gekommenen Vaters zu suchen.

Der Roman ist sehr lehrreich, bringt er uns doch ein weiteres, den meisten sicherlich unbekanntes düsteres Kapitel der deutschen Geschichte während des Nationalsozialismus nahe. Er ist recht ehrgeizig angelegt. Die Geschichte erstreckt sich über Kontinente und umspannt einen recht großen Zeitraum von mehr als 70 Jahren. Sprachlich lässt sich ihr gut folgen, was daran liegt, dass aus der Perspektive zweier junger Mädchen erzählt wird. Dazu passt, dass Hannah die Ereignisse treffsicher vereinfacht, indem sie immer wieder von den Juden als den „Unreinen“ und den Nationalsozialisten als den „Barbaren“ spricht. Den historischen Teil empfand ich als gelungener als die Schilderung der Ereignisse in der Gegenwart, die mir etwas zu sentimental erscheint. Der Autor hat gut recherchiert, übrigens auch bzgl. der ebenfalls eingearbeiteten Kubanischen Revolution, die sich erneut auf die Rosenthals auswirkt. Abgerundet wird alles durch die im Anhang befindlichen Passagierlisten der St. Louis und einigen Fotos. Auf jeden Fall vermittelt das Buch angesichts auch gegenwärtiger Flüchtlingsbewegungen die eindringliche Botschaft, Flüchtlingen Asyl zu gewähren und ist ein wichtiger Beitrag, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Atmosphäre
  • Authentizität
  • Erzählstil
  • Figuren
Veröffentlicht am 06.01.2018

Am Ende steht eine neue Familie

Lied der Weite
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Wie schon der erfolgreiche Roman „Unsere Seelen bei Nacht“ ist auch diese Geschichte des Autors, die im Original bereits 1999 erschienen ist, in der fiktiven Stadt Holt im amerikanischen Bundesstaat Colorado ...

Wie schon der erfolgreiche Roman „Unsere Seelen bei Nacht“ ist auch diese Geschichte des Autors, die im Original bereits 1999 erschienen ist, in der fiktiven Stadt Holt im amerikanischen Bundesstaat Colorado angesiedelt. Viel Handlung gibt es nicht. Vielmehr geht es um zwischenmenschliche Beziehungen und werden Impressionen von dem Leben in einer landwirtschaftlich geprägten Kleinstadt vermittelt. Sieben Romanfiguren stehen im Vordergrund – der Lehrer Tom Gruthie mit seinen neun und zehn Jahre alten Söhnen, seine Kollegin Maggie, die alten Viehzüchter und eingefleischten Junggesellen Harold und Raymond sowie die schwangere 17jährige Victoria. Letztere wird von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt und dank Maggie findet sie Aufnahme bei Harold und Raymond. Die Gruthies müssen sich gerade damit einrichten, dass die depressive Mutter sie verlassen hat. Alles wird in einer sehr ruhigen und beschaulichen Sprache erzählt. Da wörtliche Reden weder durch Anführungszeichen noch Spiegelstriche kenntlich gemacht werden, erfordert das Lesen eine gewisse Konzentration, um das Gesprochene den richtigen Personen zuordnen zu können. Es sind auch durchaus humorvolle Passagen eingearbeitet, vor allem soweit es um das Zusammenleben der alten Viehzüchter mit dem jungen Mädchen geht. Als etwas unpassend habe ich demgegenüber die Schilderung einiger grausamer Erlebnisse der beiden Gruthie-Jungen empfunden (wie das Auffinden einer verstorbenen Frau, die Beobachtung von Sexspielen unter Jugendlichen und der Obduktion eines Pferdes).
Das Buch hat mir recht gut gefallen.


Veröffentlicht am 24.12.2017

Spannend, wenngleich manchmal episch breit

Woman in Cabin 10
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Um ihre Karriere zu befördern und Netzwerke zu knüpfen, nimmt die Reisejournalistin Lo an der Jungfernfahrt eines kleinen Luxuskreuzfahrtschiffes mit Kurs auf die norwegischen Fjorde teil. Am ersten Abend ...

Um ihre Karriere zu befördern und Netzwerke zu knüpfen, nimmt die Reisejournalistin Lo an der Jungfernfahrt eines kleinen Luxuskreuzfahrtschiffes mit Kurs auf die norwegischen Fjorde teil. Am ersten Abend borgt sie sich von einer mysteriösen Frau in der Nachbarkabine Schminke. Später in der Nacht hört sie von dort einen Schrei und das Geräusch eines Körpers, wie er ins Wasser geworfen wird. Auf der Reling vor der Nachbarkabine findet sie Blutspuren. Allerdings ist die Kabine unbelegt und jetzt komplett leer und passt die Beschreibung der Frau zu keiner anderen an Bord befindlichen Person. Lo glaubt im Gegensatz zu den anderen an einen Mord. Bildet sie in sich vielleicht wirklich nur ein? Immerhin hat sie viel Alkohol getrunken, nimmt seit Jahren Antidepressiva gegen Angstattacken und hat noch schwache Nerven wegen eines erst kürzlich stattgefundenen Einbruchs in ihre Wohnung.
Die Geschichte hat in ihrer modernen Version Ähnlichkeit mit einem klassischen Agatha Christie-Krimi. Auch vorliegend wird hinreichend Gelegenheit gegeben zum Spekulieren und Miträtseln. Wer der Beteiligten kann einen Mord begangen haben, wer hat ein Motiv, wer hat ein Alibi? Und immer wieder fragt man sich, ob tatsächlich alles so ist, wie es scheint. Interessant ist, dass der Leser durch eingestreute Emails von Los Freunden und Zeitungsartikel ein Mehr an Wissen zu einem Zeitpunkt erhält, als künftige Entwicklungen noch nicht bekannt sind. Etwas gestoßen habe ich mich indes daran, dass immer und immer wieder Los kreisende Gedanken um ihre Panikattacken, ihre Klaustrophobie und ihren exzessiven Alkoholgenuss in den Fokus gerückt werden. Verwirrend sind auch die vielen Romanfiguren, von denen ich einige nur schwer auseinanderhalten konnte. Hilfreich wäre vielleicht eine vorangestellte Passagier-/Besatzungsliste gewesen.
Ein durchaus lesenswerter und spannender Psychothriller, der aber mit den im Klappentext in Bezug genommenen Büchern von Agatha Christie oder dem „The girl on the train“ nicht mitkommt und von mir mit vier Sternen tendierend zu eher 3,5 bewertet wird.

Veröffentlicht am 18.11.2017

Wieviel Wahrheit gehört ans Licht?

In einem anderen Licht
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Die Hamburger Journalistin Miriam gerät anlässlich ihrer Recherchen über die große Mäzenin und Wohltäterin Dorothea Sartorius in einen gehörigen Gewissenskonflikt. Gemeinsam bereiten sie die Verleihung ...

Die Hamburger Journalistin Miriam gerät anlässlich ihrer Recherchen über die große Mäzenin und Wohltäterin Dorothea Sartorius in einen gehörigen Gewissenskonflikt. Gemeinsam bereiten sie die Verleihung des von der Sartorius-Stiftung ausgelobten Preises für Zivilcourage vor. Doch kann Miriam noch hinter dem Projekt stehen, nachdem sie aufdeckt, dass die Stifterin als junge Frau ein Rädchen innerhalb der RAF-Terrorgruppe war und ihre Vergangenheit totgeschwiegen hat, als sie die anvisierte Zielperson, den schwerreichen Reeder und Senator Sartorius, kennen- und lieben gelernt hat?
Dieser Roman ist eine schöne Mischung aus Zeit- und Familiengeschichte. Einerseits erhalten wir einen guten Einblick in den Schrecken, den die RAF in den 1970er Jahren in Deutschland verbreitet hat. Ich selbst gehöre noch zu der Generation, die die auch im Roman erwähnten Schwarzweiß-Fahndungsplakate in Bank- und Postfilialen ausgehängt sah. Der geplante Anschlag von Dorothea Sartorius an der Schlei zum Nachteil ihres späteren Ehemannes ist zwar frei erfunden, entbehrt aber nicht völliger Realität und passt in das RAF-Schema. Andererseits nehmen auch die speziellen persönlichen Probleme von Miriam einen großen Raum ein. Nach zwei Jahren kann sie noch immer nicht die Trauer über ihren bei einer Fotoreportage im Ausland ums Leben gekommenen geliebten Mann verarbeiten. Vor allem für ihren fünfjährigen Sohn Max reißt sie sich zusammen. Insgesamt liest sich die Geschichte angenehm und ruhig. Sie hält dazu an darüber nachzudenken, wann Schweigen nicht mehr angemessen ist und stattdessen Mut zum Einmischen und zum Verkünden der Wahrheit (eben Zivilcourage) geboten ist. Dieser Zwiespalt ist anhand Miriams Situation gut herausgearbeitet. Sehr schön sind auch die Impressionen von Hamburg und dem Umland, die beweisen, dass Hamburg tatsächlich der Sehnsuchtsort der Autorin ist, wie es im rückwärtigen Klappentext heißt. Einen kleinen Wermutstropfen bedeutet es für mich, dass es etwas zu viele zu Tage tretende Verflechtungen der Romanfiguren untereinander und zu viele Zufälle gibt. Auch entsprechen Umgang und Sprache von Miriam mit ihrem erst fünfjährigen Sohn nicht dem natürlichen Verhalten einer Mutter gegenüber ihrem Kleinkind und wirkt Max zu erwachsen.
Alles in allem aber ein eindrucksvoller Roman.