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Veröffentlicht am 21.06.2025

All Cats Are Beautiful

Alles nur Einzelfälle?
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Die Polizei, „dein Freund und Helfer“- die Phrase ist in unser aller Köpfe, aber verlassen wir uns vielleicht ein wenig zu sehr auf die Polizei? Dieser Frage geht Mohamed Amjahid in seinem Buch „Alles ...

Die Polizei, „dein Freund und Helfer“- die Phrase ist in unser aller Köpfe, aber verlassen wir uns vielleicht ein wenig zu sehr auf die Polizei? Dieser Frage geht Mohamed Amjahid in seinem Buch „Alles nur Einzelfälle?“ äußerst kritisch nach.

Die Polizei hat ein strukturelles Problem. Das ist ein Fakt. Es häufen sich Fälle rassistischer, antisemitischer, nationalsozialistischer Polizei-Chats mit Verstrickungen in rechtsextreme Netzwerke; die Kultur der Polizei ist durchzogen von Männlichkeitsritualen, die geprägt sind von Überheblichkeit; Blicke von außen sind unerwünscht; Polizei ist gerne „unter sich“; Verstöße und Dienstaufsichtsbeschwerden werden von benachbarten Dienststellen untersucht. Wenn also Polizeigewalt ausschließlich bei der Polizei gemeldet werden kann und die Polizei darüber entscheidet, wie mit solchen Fällen umgegangen wird, wie kann es dann unabhängige Gerechtigkeit geben?

Für sein Buch hat Amjahid zehn Jahre lang investigativ recherchiert, angestoßen durch eigene Erfahrungen. Denn niemand ist so sehr gefährdet davon, Opfer von polizeilichem Machtmissbrauch zu werden, wie junge Männer mit Migrationshintergrund, dicht gefolgt von Menschen mit psychischer Erkrankung. Fälle von Menschen, die unverhältnismäßig oder gänzlich zu Unrecht von Polizeibeamt:innen traktiert werden, psychisch oder physisch bis hin zum Tod, sind eben keine Einzelfälle. Unabhängige Beschwerdestellen, um Polizeigewalt aufzuzeigen, gibt es nicht. Wer Polizei anzeigen will, muss zur Polizei. Über dieses missbräuchliche System hält die Polizeigewerkschaft die schützende Hand über Täter:innen.
Mögliche Lösungsansätze unterschiedlichen Aufwandes fügt Amjahid gegen Ende seines Buches zu.

Da ich kürzlich selbst mit der Polizei zu tun hatte, die eine Ansprache von so geringen Ausmaßen, für die normalerweise das Ordnungsamt zuständig wäre, derart hat eskalieren lassen, kann ich dieses Sachbuch als Lektüre nur empfehlen. Jede:r - das habe ich selbst gesehen und kann eigentlich froh sein, dass lediglich mein Klugfon beschlagnahmt wurde und ich nicht selbst mit dem Kopf auf dem Bordstein geendet bin – kann Opfer von Polizeigewalt werden. Seid wachsam, bildet Banden, informiert euch.

Veröffentlicht am 21.06.2025

Doppelrezension

Bär
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Heute gibt’s mal was Neues. Also vielleicht nicht neu, weil es das garantiert schon woanders gegeben hat, aber bei mir eben nicht: eine Doppelrezension. Beide Bücher passen einfach zum Thema Peoplepleasing.

Da ...

Heute gibt’s mal was Neues. Also vielleicht nicht neu, weil es das garantiert schon woanders gegeben hat, aber bei mir eben nicht: eine Doppelrezension. Beide Bücher passen einfach zum Thema Peoplepleasing.

Da wäre zunächst mal „Bär“. Feierlich zufrieden mit sich selbst, seinem Luftballon, seinem Keks, seinem Buch, seiner Lieblingsbank. Bär war mir auf Anhieb sympathisch durch seine tamagothigleiche¹ Mütze auf dem Kopf.
Auf seiner Lieblingsbank genießt er mit seinem bescheidenen Hab und Gut den Tag, doch dann kommen andere Tiere mit nix außer Wünschen vorbei und finden Bärs Luftballon, seinen Keks, sein Buch, seinen Luftballon und den Sitzplatz auf seiner Bank so gut, dass sie sich von ihm nehmen und abwenden, als es Bär mit dem Teilen zu viel wird und er auf seine eigenen Bedürfnisse hören muss.
Ein Bilderbuch aus dem Verlag Thienemann, das ich eine sehr lieben Freundin geschenkt habe und allen empfehlen kann, die sich manchmal etwas zu sehr für andere aufopfern.

So wie Nina in Anna Dimitrovas „People Pleaser“. Anna kümmert sich um alle in ihrem Umfeld; ihrem Bruder hilft sie bei den Hausaufgaben, ihrer Mutter pflichtschuldig im Haushalt, bringt ihren Schulfreund:innen Banitsa mit, erledigt ihnen die Hausaufgaben, und – jetzt kommts – die indirekte Theapeutin ihrer besten Freundin Teo ist. Davon allerdings weiß Teo nichts, und Ninas Therapeutin auch nicht. Nina gibt nämlich in der Therapie die Probleme ihrer besten Freundin als ihre eigenen aus und versucht so, Teo zu helfen. Das wird dringlicher denn je, denn Teo, die sich für Ninas Geschmack mittlerweile ein bisschen zu sehr für die Bad Boys interessiert, entwickelt rasend schnell ein romantisches Interesse für den troubeligen Neuzugang der Klasse, Aleks. Den kürt Nina kurzerhand zu ihrem neuen Projekt und will ihn fixen, damit er Teo nicht schadet.

Veröffentlicht am 21.06.2025

Doppelrezension

People Pleaser
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Heute gibt’s mal was Neues. Also vielleicht nicht neu, weil es das garantiert schon woanders gegeben hat, aber bei mir eben nicht: eine Doppelrezension. Beide Bücher passen einfach zum Thema Peoplepleasing.

Da ...

Heute gibt’s mal was Neues. Also vielleicht nicht neu, weil es das garantiert schon woanders gegeben hat, aber bei mir eben nicht: eine Doppelrezension. Beide Bücher passen einfach zum Thema Peoplepleasing.

Da wäre zunächst mal „Bär“. Feierlich zufrieden mit sich selbst, seinem Luftballon, seinem Keks, seinem Buch, seiner Lieblingsbank. Bär war mir auf Anhieb sympathisch durch seine tamagothigleiche¹ Mütze auf dem Kopf.
Auf seiner Lieblingsbank genießt er mit seinem bescheidenen Hab und Gut den Tag, doch dann kommen andere Tiere mit nix außer Wünschen vorbei und finden Bärs Luftballon, seinen Keks, sein Buch, seinen Luftballon und den Sitzplatz auf seiner Bank so gut, dass sie sich von ihm nehmen und abwenden, als es Bär mit dem Teilen zu viel wird und er auf seine eigenen Bedürfnisse hören muss.
Ein Bilderbuch aus dem Verlag Thienemann, das ich eine sehr lieben Freundin geschenkt habe und allen empfehlen kann, die sich manchmal etwas zu sehr für andere aufopfern.

So wie Nina in Anna Dimitrovas „People Pleaser“. Anna kümmert sich um alle in ihrem Umfeld; ihrem Bruder hilft sie bei den Hausaufgaben, ihrer Mutter pflichtschuldig im Haushalt, bringt ihren Schulfreund:innen Banitsa mit, erledigt ihnen die Hausaufgaben, und – jetzt kommts – die indirekte Theapeutin ihrer besten Freundin Teo ist. Davon allerdings weiß Teo nichts, und Ninas Therapeutin auch nicht. Nina gibt nämlich in der Therapie die Probleme ihrer besten Freundin als ihre eigenen aus und versucht so, Teo zu helfen. Das wird dringlicher denn je, denn Teo, die sich für Ninas Geschmack mittlerweile ein bisschen zu sehr für die Bad Boys interessiert, entwickelt rasend schnell ein romantisches Interesse für den troubeligen Neuzugang der Klasse, Aleks. Den kürt Nina kurzerhand zu ihrem neuen Projekt und will ihn fixen, damit er Teo nicht schadet.

Veröffentlicht am 21.06.2025

Thema Frauenhaus im Kinderbuch

Keine Party ist auch keine Lösung
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Jagoda hat in vier Tagen Geburtstag, aber ein Grund zum Freuen sieht ein bisschen anders aus - sie verdoppelt nämlich die Anzahl ihrer Probleme dadurch, dass sie Mitschülerin Mia zu ihrer Geburtstagsfeier ...

Jagoda hat in vier Tagen Geburtstag, aber ein Grund zum Freuen sieht ein bisschen anders aus - sie verdoppelt nämlich die Anzahl ihrer Probleme dadurch, dass sie Mitschülerin Mia zu ihrer Geburtstagsfeier einlädt. Die Sache ist nur: Jagoda lebt mit ihrer Mama im Frauenhaus, Fremde dürfen aus Sicherheitsgründen gar nicht wissen, wo das ist. Vier Tage also und gar kein Geld, um ein unlösbares Problem zu lösen. Aber wenn Jagoda eins ist, dann grandios optimistisch, dass sie diese Party steigen lassen kann und Mia als Freundin gewinnen wird!

Ich verrate euch eins: Erst sieht es ganz gut aus mit Jagodas Geburtstagsparty und später steht es richtig schlecht. Aber ob die Party nun stattfindet, müsst ihr selbst herausfinden /zwinkersmiley

Jagoda jedenfalls ist eine wirklich tolle Protagonistin. Obwohl ihre Hintergrundgeschichte mit einem Vater, vor dem sie mit ihrer Mama ins Frauenhaus flüchten musste, keine sehr schöne war, versucht sie mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln realistisch eine Feier zu planen. Ich finde Jagodas Fähigkeit im Buch bewundernswert, schon Dinge zu können, die andere neun-fast-zehn-Jährige noch nicht können, finde aber auch, dass sie nicht so früh hätte so reif werden sollen, sondern dass sie unbeschwert mehr Kind sein dürfte. Ich gebe aber auch zu, dass ich die schwierigen Geschichten mag, aus denen Menschen (Kinder wie Erwachsene) etwas lernen können, und so ist das Mädchen Jagoda, das mit seiner Mutter im Frauenhaus lebt, für mich ein Buch, das erzählt, vorgelesen und über das gesprochen werden sollte.

Veröffentlicht am 21.06.2025

sprachfick im kopp

bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann
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irgendwo zwischen ghettoslang und progressiver proletariatslyrik hat mir diesen titel ein zotiger bekannter, der selbst gut in dieses buch gepasst hätte, denn irgendwie ist alles ein bisschen abgefuckt, ...

irgendwo zwischen ghettoslang und progressiver proletariatslyrik hat mir diesen titel ein zotiger bekannter, der selbst gut in dieses buch gepasst hätte, denn irgendwie ist alles ein bisschen abgefuckt, und das buch ist stellenweise ein sprackfick für die hirnwindungen. der gute hatte aber auch komplett recht damit, dass ich mich beim lesen verdammt aaaaalt fühlen würde. zwar jetzt auch nicht über die maßen alt nach der letzten seite, aber ich hätte gut ein vokabelheft für all diese fremdsprache von jugendslang gebraucht, mit dem die kiddos heute so um sich ballern (bis ich raus hatte, dass molly keine mir noch nicht bekannte nebenfigur ist, hats gedauert). und weil auch die groß- und kleinschreibung keinen bumms gibt in "bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann", setze ich diesen stil in meiner buchbesprechung fort.

vier jungs multikultureller abkunft adoleszieren in einer umgebung, mit der sie sich wenig verbunden fühlen, und so finden sie gemeinschaft untereinander und auf der straße; beim dealen, im rausch von drogen, alkohol, schlägereien und mädels. anerkennung voneinander, respekt von außenstehenden, die nicht "family" sind.

wie tagebucheinträge, die geschichten der jungs sind traurige, sind voller ernst, dabei ausweglos poetisch und mit einem verzweifelten humor getränkt. eine story so rau wie der norwegische winter, den hier und da ein durchdringender sonnenstrahl unterbricht.
nicht meine generation, aber mein lesegeschmack! Wer sich einlassen mag darauf, aus seiner bubble geholt zu werden und den horizont ungeahnt zu erweitern - read this book!