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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.07.2025

Schmerzlich schön!

Beeren pflücken
1

Es begann im Sommer 1962: Eine Mi'kmaq-Familie aus Nova Scotia verbrachte die Sommermonate in Maine, wo sie als Saisonarbeitskräfte Blaubeeren pflückte. Doch dann verschwand die Jüngste der Familie, die ...

Es begann im Sommer 1962: Eine Mi'kmaq-Familie aus Nova Scotia verbrachte die Sommermonate in Maine, wo sie als Saisonarbeitskräfte Blaubeeren pflückte. Doch dann verschwand die Jüngste der Familie, die vierjährige Ruthie, die zuletzt von ihrem 6-jährigen Bruder Joe gesehen wurde. Aber das ist nicht die einzige Tragödie, die die Familie ertragen muss und Joe wird immer (selbst)zerstörerischer.

Viele Jahrzehnte später schildert der todkranke Joe, stellenweise selbstironisch, wie Verlust, Trauer, zweischneidige Hoffnung, Schuldgefühle sowie das Rätsel um Ruthies Verschwindens ihn und seine Familie geprägt haben.

Norma, eine mittelalte Frau, erzählt, teils mit bittersüßem Humor, von ihrer überbehüteten Kindheit, ihrer neurotischen Mutter, die ihre traumatischen Erfragungen auf sie übertragen hat, ihrer coolen Tante, ihrer freien, ereignisreichen Jugend sowie den nagenden Fragen, die sie über Jahrzehnte hinweg verfolgten. Die Widrigkeiten ihres Lebens trafen sie aufgrund ihrer Erziehung doppelt und dreifach, machten vielversprechende Pläne zunichte, brachten aber auch neue Blickwinkel mit sich, denn Norma verfügt über eine gute Selbsterkenntnis, zudem betrachtet sie alles mit Offenheit, Wärme, Sanftmut.

“Beeren pflücken” strotzt nur so vor kreativer, atmosphärischer und emotionaler Ausdrucksstärke sowie psychologischer Tiefe! Außerdem überzeugt die berührende Geschichte über Ethnie, viele verschiedene Schicksalsschläge, seelisches Gepäck, Emanzipation, Wut, Vertrauensmissbrauch, Loyalität und Vergebung mit einer wirklich fesselnden Dramaturgie!

Der feinfühlige Stil, die inneren Konflikte der lebensechten Figuren, die gesellschaftlichen Themen, die moralischen Dilemmata sowie das Mysterium um Identität bzw. Wahrheit sind traurig, erschütternd, schmerzlich schön und herzallerliebst – eine unwiderstehliche Achterbahnfahrt der Gefühle!

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Veröffentlicht am 05.07.2025

Bittersüße Melancholie

Furye
1

“Furye” ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich und für mich hat es mich etwas von einer Oper, einem Shakespeare Stück, einer griechischen Tragödie oder einem dramatischen 40er Jahre Film: intensiv, opulent, ...

“Furye” ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich und für mich hat es mich etwas von einer Oper, einem Shakespeare Stück, einer griechischen Tragödie oder einem dramatischen 40er Jahre Film: intensiv, opulent, düster, sinnlich, bildgewaltig sowie mysteriös.

Die 37-jährige Hauptfigur ist eine erfolgreiche Musikmanagerin, sie zierte kürzlich sogar das Cover der VOGUE-Business. Doch ihr Privatleben ist leer, trist: Sie ist einsam, hat psychische Probleme, trauert um ihren kürzlich verstorbenen Vater und macht sich Sorgen um ihre nun ebenfalls einsame Mutter. Dann bringt eine schlechte Nachricht das Fass voller Melancholie zum Überlaufen, sodass sie in ihre Vergangenheit reist, denn dort hat das Niederschmetternde der schlechten Nachricht ihren Ursprung ...

Die Protagonistin hat ihre Heimatstadt am Meer vor zwanzig Jahren hinter sich gelassen, nun bewegt sie sich, impulsiv und doch durchdacht handelnd, zerrissen zwischen Vergangenheit und Gegenwart durch ihren Herkunftsort voller schrecklich schöner Erinnerungen – auf der Suche nach Sinn, nach Rache, nach Frieden.

Tagebucheinträge erzählen von der 17-jährigen Version aus einfachen Verhältnissen, die mithilfe eines Stipendiums auf eine Eliteschule wechselte. Dort wurde sie in den Club der Außenseiterinnen aufgenommen: Sie und zwei Mitschülerinnen wurden zu den Furyen Alec, Meg, Tess. Dann war da noch der schöne, eigentümliche Romain ...

Mit dem Sommer brach eine berauschende Zeit voller Magie an - erfüllt von wahrer Freundschaft sowie einer betörenden Jugendliebe, aber auch von Zerstörung und Tod ...

“Furye” ist ein unheilvoller, tragisch romantischer, psychologisch interessanter sowie spannender Roman – gedankenschwer und sommerlich leicht zugleich – der sich autobiografisch anfühlt, weil man sehr tief in Alecs Innenleben eintaucht.

Der eindringliche, kreative Erzählstil, der mal poetisch, mal brutal unverblümt und alles dazwischen ist, die faszinierend verstörenden Figuren, die geheimnisvolle, gehaltvolle, fesselnde Handlung, voller stiller sowie lauter Verzweiflung, und die erschütternden Enthüllungen sind unwiderstehlich und hallen lange nach!

Ein wichtiges Element, das ich aus Spoiler-Gründen nicht benennen will, finde ich persönlich sehr problematisch. Doch der Kontext, in dem es eingehüllt ist, erhöht die emotionale Nachvollziehbarkeit. Da das Thema emotional aufgeladen ist und gesellschaftlich mehrheitlich positiv betrachtet wird, fällt es schwer, es objektiv zu kritisieren.

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Veröffentlicht am 25.06.2025

Eine großartige Reihe, die mit jedem Band auf Neue begeistert!

Die Nacht (Art Mayer-Serie 3)
1

Nachdem sich der ruppige, regeln-ignorierende BKA-Ermittler Art in Band 1 und 2 mit seiner bzw. der Vergangenheit einer Jugendfreundin auseinandersetzen musste, geht es in Band 3 um die Vergangenheit seiner ...

Nachdem sich der ruppige, regeln-ignorierende BKA-Ermittler Art in Band 1 und 2 mit seiner bzw. der Vergangenheit einer Jugendfreundin auseinandersetzen musste, geht es in Band 3 um die Vergangenheit seiner Nachbarin. Dana wird seit 1,5 Jahren vermisst und Art kümmert sich seither um ihre 8-jährige Tochter Milla, da der Vater abgehauen und die demenzkranke Großmutter überfordert ist. An Millas Schule gibt es einen verdächtigen Vorfall, kurz darauf erhält Art einen anonymen Hinweis bezüglich Danas Verschwinden - dieser führt ihn und seine Kollegin Nele zu einer verlassenen Wohnwagensiedlung, wo sie Entsetzliches entdecken ...

“Die Nacht” ist von der ersten bis zur letzten Seite mysteriös sowie spannend! Und aufgrund des atmosphärischen, ausdrucksstarken, tiefgründigen Erzählstils kommt alles hautnah an!

Art hat immer noch komplizierte Gefühle bezüglich seiner Vergangenheit, die immer wieder nachhallt, er macht sich aber vor allem Sorgen angesichts Millas Lage bzw. der ihrer Mutter. Nele ist in Elternzeit und vermisst ihre Arbeit, weshalb sie mit Art inoffiziell nach Millas Mutter sucht. Nele ist das vernünftige, umgängliche Gegengewicht zu Arts ausgeprägtem Eigensinn, doch sie kann auch anders (hat sie das womöglich von Art gelernt?), wenn man ihre Grenzen überschreitet. Das Zwischenmenschliche ist genauso packend wie die Ermittlungen, die mal aus Arts, mal aus Neles Perspektive geschildert werden.

In Rückblicken erfährt man aus Danas Sicht, was sie als Jugendliche erlebte. In ihrer Familie (Sie, ihr Bruder, ihre Mutter & ihr Stiefvater) herrschte stets eine angespannte Stimmung. Dana wollte das Leben dennoch genießen, mit ihrer Clique Spaß haben, in ihrem Umfeld war allerdings nichts so wie es schien und während einer verheerenden Sommernacht lief alles aus dem Ruder – mit fatalen Folgen!

Es gibt wieder Verbindungen zu hohen Tieren, doch der Bundeskanzler Henrik Westphal und seine Frau Juli spielen dieses Mal nur sehr indirekt eine Rolle.

“Die Nacht” ist ein wahrer Pageturner: rasant, ereignisreich, durchweg fesselnd sowie voller überraschender Wendungen! Marc Raabe hat das Talent absolut authentische Begebenheiten und Charaktere (auch alle Nebenfiguren!) zu erschaffen, ohne dass es je banal wirkt! Die einzelnen Handlungsstränge dieses verästelten Thrillers werden allmählich raffiniert sowie überzeugend zusammengeführt und neue Erkenntnisse, die offene Fragen mit sich bringen, machen Appetit auf den 4. Band!

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Veröffentlicht am 23.06.2025

Realsatire!?

Geht so
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Marisa betrachtet ihre kreative Tätigkeit in einer Madrider Werbeagentur als stumpfsinnig, sie findet fast alles und alle lächerlich: die Meetings, die vermeintlichen Krisen, ihren Chef, ihre Kollegen, ...

Marisa betrachtet ihre kreative Tätigkeit in einer Madrider Werbeagentur als stumpfsinnig, sie findet fast alles und alle lächerlich: die Meetings, die vermeintlichen Krisen, ihren Chef, ihre Kollegen, ihre Kolleginnen etc.

Sie zieht immer eine Show ab: tut so, als würde sie arbeiten, während sie sich in Wirklichkeit ewig lange YouTube Videos reinzieht, überträgt ihre Aufgaben geschickt an andere und gibt nichtssagende zufriedenstellende Antworten, um ihre Ruhe zu haben. Man erfährt aber auch Interessantes sowie Bewegendes über ihr Liebesleben, die Beziehung zu ihren Eltern sowie ihre Freundschaften.

Marisas nimmt ständig Beruhigungstabletten, trinkt viel Wein (zu sündhaft teuren Delikatessen) und ist ständig auf der Suche nach weiteren Ablenkungen, nach Motivation, nach Sinn, nach Gleichgesinnten, nach etwas, das die Leere füllt ...

Als ein Teambuilding-Wochenende ansteht, schlägt ihre “Lebensuntauglichkeit” voll zu: sie besorgt sich Drogen, um diesen skurrilen Horror (alberne Aktivitäten, pseudo inspirierende Vorträge) zu überleben und dann hat sie noch eine ganz dumme Idee - und letztendlich Glück im Unglück oder so ähnlich ...

OMG, was für ein grandioses Buch!!! Die Autorin erkennt all die kleinen wie großen Kuriositäten des Arbeitslebens, der Medienlandschaft sowie vorherrschende gesellschaftliche Gegebenheiten als überkonstruiert, überbewertet und/oder absurd (z. B. frischgebackene Eltern voller Stolz, wichtigtuerische Idioten in Anzügen, die den Ton angeben etc.). Marisas Erfahrungen, Ansichten sowie Erkenntnisse werden messerscharf, geistreich, selbstironisch selbstkritisch, sarkastisch, unterhaltsam und meiner Meinung nach ziemlich zutreffend beschrieben. Ja, manches wirkt evtl. ein bisschen überzogen, das dient jedoch der Verdeutlichung und ist zum Brüllen komisch, manchmal auch tragisch komisch oder gar melancholisch, bis hin zum bittersüßen Ende!

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Veröffentlicht am 11.06.2025

Die Reihe wird immer besser!

Der Donnerstagsmordclub oder Ein Teufel stirbt immer zuletzt (Die Mordclub-Serie 4)
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Ein Bekannter Elizabeth, Steve, Joyce, Ron sowie Ibrahim, der Antiquitätenhändler Kuldesh, wurde ermordet, und Donnerstagsmordclub ist entschlossen den Mörder zu stellen. Doch Elizabeth muss sich einer ...

Ein Bekannter Elizabeth, Steve, Joyce, Ron sowie Ibrahim, der Antiquitätenhändler Kuldesh, wurde ermordet, und Donnerstagsmordclub ist entschlossen den Mörder zu stellen. Doch Elizabeth muss sich einer anderen, überaus schwerwiegenden Angelegenheit, befassen, weshalb die zuckersüße Joyce die Führung übernimmt! Bogdan, der Mann für alle Fälle, sowie die Polizisten Donna und Chris sind ja noch da, um zu helfen!?

Ich bleibe dabei: Die Reihe wird mit jedem Band besser! Dieses Mal geht es mMn allerdings bewegender, trauriger sowie düsterer zu als sonst, da einige ernste Themen, die die Donnerstagsmordclub-Leute persönlich betreffen, einfließen. Der wunderbar skurrile Humor, die kauzigen Figuren (Dynamiken), der komplexe Mordfall bzw. die aberwitzigen Ermittlungen und “Nebenbeschäftigungen” der Truppe sind jedoch wie gewohnt amüsant, unterhaltsam sowie packend – dieses Mal zudem, wie ich finde, besonders raffiniert und wendungsreich!

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