So höllisch ist Cambridge
KatabasisSelten werden Bücher so sehr gehypt, wie die von Rebecca F. Kuang, deshalb lesen wir sie alle, obwohl sie polarisieren, aber man möchte ja mitreden können. Ich kann das, weil ich alle gelesen habe. Die ...
Selten werden Bücher so sehr gehypt, wie die von Rebecca F. Kuang, deshalb lesen wir sie alle, obwohl sie polarisieren, aber man möchte ja mitreden können. Ich kann das, weil ich alle gelesen habe. Die Autorin ist auf jeden Fall originell, klug, humorvoll und vielseitig, und traut sich auch an heikle Themen heran. Hier geht es sogar mitten in die Hölle hinein.
Es beginnt in Cambridge, wo Alice Law analytische Magie studiert. Bei einem Zauberunfall hat sie versehentlich ihren Professor getötet und ist verzweifelt. Das durfte nicht passieren. Kann man ihn zurückholen? Es gibt wissenschaftliche Quellen, die das behaupten. Orpheus war dort und hat berichtet, Dantes Inferno ist auch sehr aufschlussreich. Alice wagt eine Rettungsexpedition in die Hölle und Peter Murdoch, ihr ärgster Konkurrent an der Universität begleitet sie spontan.
Am Anfang war ich sehr begeistert und fand das Buch grandios, herrlicher Humor, jede Menge Spitzfindigkeiten, irrwitzige Theorien zum Tod und dem Leben danach, nur irgendwann wird es dann zu viel. Es ist zu großen Teilen hoch philosophisch, mathematisch, religiös-weltanschaulich-divers. Die Fantasie der Autorin und ihre Unverfrorenheit, Fakten mit Erfundenem so zu kombinieren, dass es hoch wissenschaftlich klingt, ist grandios, aber ich habe es auch gerne, wenn ich ein Buch verstehen kann. Das ganze Szenario ist surreal, trotzdem versuchen Alice und Peter den Weg durch die Hölle wissenschaftlich zu erschließen, sitzen in der Hölle und philosophieren endlos und kryptisch.
Dabei ist diese Hölle ein grausiger Alptraum zum Thema Universität. Sie durchwandern tückische Bibliotheken, treffen die Geister ehemaliger Universitätskollegen, um am Ende in Dis zu landen, der Abteilung für die Endabrechnung, in der man seine letzte Dissertation schreiben muss, um wiedergeboren zu werden.
Das ist natürlich fantasievoll und möglicherweise klopfen sich da Studierende oder Universitätsmitglieder auf die Schenkel: wie witzig, die echte Hölle ist Cambridge! Aber für mich ist der Gag eher lau. Wenn ich schon die Hölle bereise, erwarte ich ein vielfältiges Angebot an Gräueln, das Uni-Leben gehört nicht dazu.
Dieses Buch hat einigen Unterhaltungswert, aber richtig gefallen hat es mir nicht. Nach Yellowface hatte ich mit Genialem gerechnet. Das hier ist fantasievoll und plastisch beschrieben, der Stil ist toll, aber die Logik hakt an allen Enden. Zudem hat es viel zu viele Passagen, in denen die Autorin ihr umfangreiches Wissen ausbreitet, ohne dass es die Geschichte voranbringt. Schade.