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Veröffentlicht am 09.10.2025

So wird Rilke lebendig und bunt

Mein Freund Rilke
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Was für ein „Geburtstagsgeschenk“ für Rainer Maria Rilke (1875-1926) und alle die ihn und seine Werke lieben! Am 4. Dezember 2025 wäre Rilkes 150. Geburtstag. Wer ihn nur vom Namen her kennt oder in der ...

Was für ein „Geburtstagsgeschenk“ für Rainer Maria Rilke (1875-1926) und alle die ihn und seine Werke lieben! Am 4. Dezember 2025 wäre Rilkes 150. Geburtstag. Wer ihn nur vom Namen her kennt oder in der Schule leidvoll ertragen musste, kann nochmal neu Anlauf nehmen.

Herzerfrischend und mutig schenkt uns just jetzt die Autorin und Illustratorin Melanie Garanin eine ganz neue, moderne und überraschende Perspektive auf den Dichter – in Form einer Graphic Novel. Hat man vielleicht Rilke eher als melancholischen, düsteren Typ mit hohem Verschleiß an Liasons abgespeichert, darf man ihn nun von seiner charmanten und witzigen Seite kennenlernen.

Die Autorin und Illustratorin Melanie Garanin hat sich schon geraume Zeit gründlich mit Rilkes Lyrik beschäftigt. Bislang illustrierte sie z.B. Kinderbücher, 2020 erschien ihr erster Comic. Doch endlich setzt sie Rilke mit der Feder in Szene.
In dieser Graphic Novel ermöglicht Garanin uns eine spannende Begegnung mit Rilke, indem sie uns die Figur der Kultur-Journalistin Ellen begleiten lässt. Ellen kennt eigentlich Rilke auch nur vom Namen als bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts, aber weiß kaum etwas über sein Werk.

Mit dem Auftrag über Rilke zu recherchieren, reist sie mit ihrem Rollköfferchen zunächst nach Worpswede, wo sie gleich in eine Veranstaltung gerät, wo Leute Rilke abfeiern. Die Begegnungen mit „Rilke-Ultras“ findet sie eher schräg, will sich schleunigst entziehen und lieber auf Internetrecherche zurückgreifen. Da prallt sie förmlich mit einer „Person“ zusammen. Sie erkennt ihn im Gegensatz zu uns Leser*innen noch nicht sofort (Rilke!!!!). Schon entzündet sich ein kleiner Flirt zwischen beiden. Ellen will nun doch weiter auf biographische Spurensuche gehen, schließlich lockt Paris als nächste Station. Dort wartet bereits wieder überraschend Rilke auf sie, und es startet eine klassische Liebesgeschichte. Ellen ist geflasht von diesem charmanten, verständnisvollen, poetischen Typen. So eine Romanze wiederfährt einem ja auch nicht mehr alle Tage.

Was für herrliche, sympathische und authentische Charaktere die Autorin da geschaffen hat. Ellen ist irgendwo um die 40 Jahre herum und wie aus dem alltäglichen Leben erschaffen. Sie kämpft mit denselben Alltagsproblemen wie wir z.B. mit den bockenden Teleskopstangen des Rollkoffers oder den Tücken mit Koffer in der Pariser Metro unterwegs zu sein und manch anderen Hindernissen des Lebens.
Rilke in unser Jahrhundert zu beamen und lebendig werden zu lassen, ist ein wahrer Genuss. Seine Figur bleibt ein etwas komischer, spezieller, aber sehr liebenswerter und heiterer Typ.

Schon auf dem Cover verbindet die Autorin verschiedene Zeiten und Ebenen: wir sehen neben Rilke und Ellen die Gazelle aus einem Rilke-Gedicht.
Das führt uns zur Form: Erfreulicherweise – und für Comics untypisch – kommt diese Graphic Novel ganz ohne Sprechblasen und eckige Panels aus. Hier entwickelt Melanie Garanin eine ganz eigene, individuelle Form, die sich auch in der Gestaltung der Seiten dem Verlauf der Geschichte anpasst.

Man merkt, dass hier noch alles von Hand mit Tusche und Feder gezeichnet und mit Aquarellfarben coloriert ist. Die Vergangenheit Rilkes ist in einen altmodisch wirkenden Sepia-Ton getaucht. Mit Ellen kommt eine angenehm sanfte Farbigkeit ins Spiel.
Die Illustrationen wirken sehr bewegt, leicht und fein, immer wieder mit viel Humor gewürzt. Die Gefühlswelt und die Gedanken der Menschen werden sicht- und erlebbar. Und es sticht ins Auge, dass Garanin Tiere, vor allem Hunde sehr am Herzen liegen. Immer wieder kann man sich an den zarten windhundartigen Vierbeinern erfreuen, z.B. in den feinen Vignetten an den Kapitelanfängen und immer wieder in kleinen Details.

Die Schrifttypen sind sehr bewusst eingesetzt: Schreibschrift herrscht in der Jetztzeit vor, biographische Texte zu Rilkes Biographie in Druckschrift, Zitate aus Rilkes Gedichte erscheinen wie ausgeschnitten auf farbigen Zetteln wie Post-Its. Das trägt zu einer angenehmen Übersichtlichkeit bei. Auf diese Weise wird die Lyrik feinsinnig in die Handlung eingewebt und trägt oft Rilkes Stimmung in die Jetztzeit hinüber.
Melanie Garanin erhebt nicht den Anspruch, eine übliche Biografie zu verfassen. Aber man lernt einzelne Stationen und Eckdaten von Rilkes Lebensweg kennen ohne in die Tiefe zu gehen. Seine reichlichen Beziehungen zu Frauen werden praktisch und übersichtlich mal komplett auf zwei Doppelseiten abgehandelt.

Dafür lernt man Rilke über sein Werk kennen, denn es tauchen immer wieder Sequenzen aus seinen Gedichten auf. Seine bildreiche Lyrik lädt ja auch förmlich ein, sie zu illustrieren.
Der Witz liegt darin, biographische Elemente mit einer fiktionalen Geschichte in Wort und Bild zu verbinden. Für dieses Experiment muss man natürlich offen sein, um an Rilke mal ganz andere Facetten zu erkennen oder ihn überhaupt ganz neu kennenzulernen.
Auf jeden Fall ist diese Verbindung von Literaturwissenschaft und dem bildreichen Comic an dieser Stelle hervorragend gelungen. Es macht es Lust darauf, wieder einmal in ein paar Rilke-Gedichte einzutauchen.

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Veröffentlicht am 03.09.2025

Den Nerv der Zeit getroffen

Lázár
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Mit dem Roman „Lázár“ treffen wir auf die bewegende Chronik einer ungarischen Adelsfamilie in den Strömungswirbeln des letzten Jahrhunderts. Die speziellen Verbindungen des Autors zum Thema des Buches ...

Mit dem Roman „Lázár“ treffen wir auf die bewegende Chronik einer ungarischen Adelsfamilie in den Strömungswirbeln des letzten Jahrhunderts. Die speziellen Verbindungen des Autors zum Thema des Buches machen es besonders authentisch und spannend.

Der junge Autor Nelio Biedermann (geb.2003) ist in der Schweiz aufgewachsen, väterlicherseits stammt seine Familie aus dem ungarischem Adel. Seine Großeltern sind nach der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes durch die gewaltsame sowjetische Intervention in den 1950er Jahren in die Schweiz geflohen.
Biedermann studiert Germanistik und Filmwissenschaft in Zürich und schreibt neben Studium und Nebenjob. „Lázár“, sein zweiter Roman, startet ganz groß. Er wird gleich in mehr als zwanzig Ländern erscheinen.

Für diesen Roman bietet die Geschichte seiner Familie eine Menge Inspirationen. Stammvater der österreichisch-ungarischen Adelsfamilie der Biedermann von Turony, von denen er abstammt, war übrigens der Hofjuwelier und Bankier Michael Lazar Biedermann (1769-1843), dessen Sohn Simon 1860 den Adelstitel erhielt und vererbte. Zu Zeiten der K.-u.-k-Monarchie war die Familie im Besitz von Schlössern und Ländereien. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde sie von den Kommunisten ad hoc enteignet. Es blieb ihnen nur ein Tag, um etwas mitzunehmen und ihr Zuhause zu verlassen (das Schicksal ereilt auch die fiktive Familie Lázár im Roman).

Man merkt der Geschichte an, dass sie auf einer ausführlichen Hintergrundrecherche im familiären Umkreis und vor Ort in Ungarn, mit stimmigen Daten, Begebenheiten und dargestellten Lebensumständen fußt. Die Handlung ist fiktiv, von der Realität inspiriert.
Die Handlung setzt kurz vor dem ersten Weltkrieg ein und führt in eine bewegte, dramatische Zeit. Mit dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie geht eine Epoche zu Ende. Die Aristokratie verliert an Bedeutung. Der Fluss der Geschichte orientiert sich an den historischen Ereignissen: zwei Weltkriege, mehreren Wechsel im politischen System von der Monarchie über Krieg und Faschismus bis zum Kommunismus.
In diesen Wirren des 20. Jahrhunderts geht auch die ungarische Adelsfamilie Lázár ihrem Niedergang entgegen. Drei Generationen der Familie lernen wir im Laufe des Buches kennen.

Der Einstieg beginnt mit Geburt und Kindheit des fast ätherisch wirkenden Lajos von Lázár im abgelegenen mystischen Waldschloss. Sein Aufwachsen spiegelt die aristokratische Welt jener Zeit mit all seinen starren gesellschaftlichen Regeln. Man kann erspüren, wie die Menschen unter diesen Regeln leiden. Die Familienmitglieder leben nebeneinander her, wirken innerlich zerrissen und scheinen von der realen Welt entfremdet.
Die Erziehung von Lajos und seiner älteren Schwester Ilona ist streng, kalt, ohne körperliche Nähe und Zuneigung. Offensichtlich soll die frühe emotionale Abhärtung, innerer Schwäche vorbeugen. Auch die nächste Generation kann nicht von dieser Prägung genesen und gibt sie weiter.

Die Geschichte der Familie Lázár ist reich an tragischen persönlichen Ereignissen von Alkoholismus, Suizid bis zu psychischer Erkrankung, aber auch an Liebe und Affären. Alle Generationen werden durch die politischen Umwälzungen gebeutelt.
Durch die Charaktere sind wir immer sehr nahe am Zeitgeschehen, denn der Elfenbeinturm im Waldschloss wird irgendwann mit städtischen Wohnsitzen ausgetauscht. Wachsender Antisemitismus und erstarkender Faschismus wird auch in Ungarn sichtbar. Mittlerweile ist die Familie der Lázár schon ergänzt durch die nächste Generation: die Kinder István, genannt Pista, und Eva.

Man erlebt den erwachsenen Lajos als Offizier der ungarischen Armee. Anhand seiner Position und Tätigkeit wird die ungarische Beteiligung am Holocaust sichtbar. „Lajos kümmerte sich um Organisatorisches.“ (S. 191/192/193) – Lajos ist an Ghettoisierung und Deportation von Juden beteiligt.
Die russische Armee und die ungarischen Kommunisten gestalten die Geschicke der Familie um in eine Geschichte von Vertreibung, Enteignung, Deportation, Zwangsarbeit und Flucht.

Fazit
Das Cover finde ich feinsinnig gewählt. Tatsächlich wirkt der Schimmel darauf sehr edel, aristokratisch, hochgezüchtet und feinnervig. Ein bisschen musste ich auch an die Pferdezucht in Ungarn denken (z.B. Lipizzaner). Im Buch findet das Pferd sich als Metapher des eisigen Winters als Reiter auf weißem Schimmel wieder, der die Familie im Waldschloss festbannt.

Mit der Erzählposition in der Jetztzeit breitet Biedermann seine Geschichte mit ausdrucksstarken Bildern, episch und intensiv aus. Es ist ihm dabei gelungen, Fiktion und Realität untrennbar zu überblenden. Die Authentizität ist bestechend. Die Handlung lebt von genau recherchierten zeitgenössischen Wissen (z.B. was an Mahlzeiten auf dem Tisch stand, finanzielle Details, Stimmungen), das vermutlich zusätzlich auch aus familiären Erzählungen stammt.

Die politischen Ereignisse werden immer in Zusammenhang mit der Familie dargestellt. Eine auffällige Ausnahme bildet hierbei nur das kurze Kapitel von Tod Stalins, das aus dem Fluss der Erzählung herausfällt (S.277).
Sehr eindrucksvoll ist die feine und psychologisch genaue Zeichnung der Charaktere, ihrer Suche nach Orientierung und ihrer inneren Konflikte. Man erlebt sie mit all ihren vielschichtigen Emotionen.

Eindrücklich finde ich beispielsweise Lajos, der seine Tätigkeit als Offizier ihm Rahmen des Holocausts vor sich selbst schönredet und vor der Familie nie anspricht. Ihm ist vollkommen klar, dass er ein feiger Opportunist ist und es keine Entschuldigung für sein Handeln gibt.
Jedem der Protagonisten wird sorgfältige Charakterisierung zuteil: ob es die empfindsam, leise leidende Mária ist, Ilona, die Meisterin des Verdrängens, der in sich selbst geflohene, geisteskranke Bruder Imre oder die seltsamen Kindheiten und späteren Identitätssuchen von Lajos und Pista sind.
Selbst der gruselige Wald um das Schloss herum scheint seine eigene Wesenheit zu besitzen.

Mit der Geschichte der Familie wird ein Stück Zeitgeschichte Ungarns, ja Europas gespiegelt. Die Entwicklung der einzelnen Individuen, das Schicksal der Familie, die politischen Verwerfungen und Katastrophen machen den Roman so vielschichtig.

Vielleicht ist es das, was diesen Roman so ganz besonders eindrücklich in unserer Zeit macht. Auch wir haben das Gefühl, dass unsere als stabil empfundene Welt durch Kriege, gefährliche Ideologien und Machtverschiebungen ins Wanken und in Auflösung gerät. Außerdem hat sich in den letzten Jahren unser Blick auch wieder Richtung Osten gewandt, wo im halben letzten Jahrhundert alles durch den Eisernen Vorhang verborgen war. Es hat noch Jahrzehnte gebraucht, eine neue Perspektive, ein aufgefrischtes Wissen und emotionale Bindung zu gewinnen. Da trifft dieser Roman genau den Nerv, finde ich.

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Veröffentlicht am 24.08.2025

Kindgerechte Sensibilisierung für ein wichtiges Umweltthema

Der Regenbogenfisch in Gefahr
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Auf den ersten Blick gibt es ein freudiges Wiedererkennen des Regenbogenfisches. Doch auch wenn dieses Bilderbuch lustig bunt daher kommt, behandelt ein sehr ernstes Thema, über das sich selbst die meisten ...

Auf den ersten Blick gibt es ein freudiges Wiedererkennen des Regenbogenfisches. Doch auch wenn dieses Bilderbuch lustig bunt daher kommt, behandelt ein sehr ernstes Thema, über das sich selbst die meisten Erwachsenen zu wenige Gedanken machen: die Fischerei mit Schleppnetzen und die Überfischung der Meere allgemein. Deshalb sei voraus geschickt, dass diese Fischereimethode als die destruktivste gilt. Denn sie verursacht erhebliche ökologische Schäden und Zerstörung an den kostbaren Lebensräumen am Meeresboden und trägt zum Verlust der Artenvielfalt im Meer bei. Die Quoten an Beifang sind immens, Lebensräume wie Muschelbänke und Riffe können dadurch schwer beschädigt werden. Ein trauriges Erbe, das wir da unseren Kindern und Enkeln hinterlassen werden.

Doch wie und wann führt man Kinder an ein so wichtiges Thema adäquat heran, das in ihrer Zukunft immer relevanter werden wird? Schauen wir, ob es diesem Bilderbuch gelingt.
Das erste Bilderbuch um den Regenbogenfisch von Marcus Pfister erschien 1992. Wie oft habe ich das bunte schillernde Buch gemeinsam mit meinen Kindern, als sie klein waren, durchgeblättert. Dass mittlerweile im Laufe der Jahre mehrere Bände um den Regenbogenfisch dazu gekommen sind, habe ich allerdings gar nicht mehr mitbekommen.

Das Cover verrät bereits, dass die Thematik dieses Mal dramatischer ist, aber auf jeden Fall gut enden wird. Es wird klar, dass Kinder hier offen über die Probleme der Meere informiert werden sollen. Die Meereswelt ist nicht nur heiter und farbenprächtig, sondern durch Eingriffe der Menschen stark gefährdet.

Wie schon beim allerersten klassischen Regenbogenfisch-Buch überzeugt die Qualität der charaktervollen Illustrationen durch die leuchtenden bunten angenehmen Farben, die ansprechenden, niemals kitschigen Fische mit glänzenden Schuppen, die Kinder schon immer fasziniert haben. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob der Meeresboden wirklich noch so unvermüllt aussieht, wie er so schön illustriert wird.

Wir treffen den Schwarm der Regenbogenfische, die bislang noch idyllische Verhältnisse genießen konnten. Noch schwimmen sie sorglos, ahnungslos und in scheinbar intakter Umgebung. Doch es dringen bereits besorgniserregende Nachrichten herein. Zunächst werden diese vom schillernden Schwarm noch als unglaubwürdige Schreckgeschichten weggewischt. Aber die Realität der bedrohten Ökosysteme holt den Fischschwarm nur zu schnell ein.

Gemeinsam mit anderen flüchtenden Fischen werden die Regenbogenfische von einem Schleppnetz eines riesigen Fischerbootes mitgerissen. Dieses schleift am Meeresboden entlang und reißt auch Korallen und Meerespflanzen mit sich.
Kinderaugen beobachten scharf und werden beim Betrachten des Buches im Beifang auch Meeressäuger und Schildkröten entdecken.

Gut, dass der Regenbogenfisch am Ende der Geschichte mit Hilfe von Freunden im Meer einen Befreiungsplan schmieden und durchführen kann, so dass alle gefangenen Meeresbewohner dem Netz entkommen können. Puh, das war knapp!

Auch wenn es dieses Mal noch mal gut ausgegangen ist, jedoch bleibt die Gefahr nur für den Moment gebannt.
Die Thematik wird kindgerecht dargestellt. Die Kinder fiebern mit ihren Fischfreunden mit und erfassen die Dramatik der spannenden Handlung. Doch es soll ihnen keine Angst gemacht werden, sondern die Aufmerksamkeit für die Bedrohung der Meere geweckt werden. Und das gelingt hier meiner Meinung nach.

Allerdings würde ich aufgrund der ernsten Thematik und des Schreibstils das Buch für Kinder ab 5 Jahren empfehlen und nicht für Jüngere. Beim Vorlesen kann man manche Wörter und Sachverhalte mit den Fragen der Kinder erklären. Der Umfang des Textes ist für diese Altersgruppe gut überschaubar.

Die Erzählung regt zum Nachdenken an und sensibilisiert für Umweltthemen. Das begleitende Vorlesen ist hier sehr wichtig, denn die Kinder möchten sich über die Thematik mit Erwachsenen austauschen, haben Fragen und möchten Lösungen entwickeln. Die Bereitschaft des Erwachsenen sollte da vorhanden sein. Vielleicht ist dies ein Anlass, sich selber mal Gedanken über Konsumverhalten, Essgewohnheiten und Engagement zu machen.

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Veröffentlicht am 31.07.2025

Starke Frauencharaktere aus Nordschweden

Wo die Moltebeeren leuchten (Die Norrland-Saga, Bd. 1)
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Kein Wunder, dass dieser Roman in Schweden ein großer Erfolg wurde, weil es der Autorin gelingt, historische und aktuelle schwedische Themen miteinander zu verknüpfen. Diese Themen sind aber nicht auf ...

Kein Wunder, dass dieser Roman in Schweden ein großer Erfolg wurde, weil es der Autorin gelingt, historische und aktuelle schwedische Themen miteinander zu verknüpfen. Diese Themen sind aber nicht auf Schweden begrenzt, sondern bewegen über Grenzen hinweg.
Der Roman erzählt über Freundschaft, Liebe und die persönliche Entwicklung zweier Frauen vor dem Hintergrund der Geschichte Nordschwedens in den letzten hundert Jahren. Zentral sind da die Rechte des indigenen Volkes der Sami („Lappen“) und Konflikte um die schwedischen Wälder, die schon länger und bis in unsere Tage ausgetragen werden.
Zwei starke Frauen verschiedener Generationen prägen jeweils einer der zwei, sich abwechselnden Zeitebenen. In beiden Fällen spielt die Handlung hauptsächlich in der Region um Djupsele, einem fiktiven Dorf in Västerbotten in Nordschweden.

Auf der Ebene der Vergangenheit beginnen wir in den 1930iger Jahren und lernen das Mädchen Siv kennen. Eigentlich träumt sie davon, die weiterführende Schule zu besuchen, um Lehrerin zu werden. Doch ihre Familie ist arm, so muss sie schließlich 17jährig anfangen zu arbeiten. Zunächst hat sie Stellungen in fremden Haushalten und dann wechselt sie auf das Betreiben ihres Vaters, eines Holzarbeiters, ziemlich unvorbereitet als Köchin in einer Waldarbeiterhütte. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, ganz allein in der Waldeinsamkeit mit 10 Männern kommt sie mit den Ansprüchen dieses Jobs besser zurecht und beginnt die Eigenständigkeit zu schätzen. In dieser rauen Natur trifft sie einen jungen Rentierzüchter, einen Sami.

Der Erzählstrang der Jetztzeit beginnt 2022: Sivs Enkelin Eva ist weit in den Vierzigern, alleinerziehende Mutter eines Sohnes und arbeitet in Uppsala als PR-Beraterin für ein großes Forstunternehmen. Sie hat ihre Wurzeln und Jugend in Västerbotten verdrängt, als ihre Firma sie wegen Widerständen und Aktivistengruppen gegen ein Abholzungsprojekt genau in den Ort schickt, aus dem ihre Familie väterlicherseits stammt. „Back to the roots“ sozusagen. Die geliebten Großeltern sind zwar verstorben, aber ein geerbtes Waldstück ist ihr hier geblieben – und die Erinnerung an eine Jugendliebe. Ihre beruflichen und persönlichen Positionen geraten nun ins Wanken.

Der Wald prägt die Geschichte Västerbottens und auch die Arbeitswelt beider Frauen. Doch die historischen und heutigen Gegebenheiten haben sich stark gewandelt. Der Wald ist ein großer Teil der Geschichte Norrlands und Västerbottens und auch von Sivs und Evas Lebensgeschichte.

Die Arbeit im Wald ist in der Vorstellung harte Männerarbeit. Aber auch viele Frauen haben in den Wäldern Nordschwedens im letzten Jahrhundert gearbeitet. Als Köchinnen arbeiteten sie vier eiskalte Wintermonate in kleinen Waldhütten und versorgten jeweils zehn Waldarbeiter. Der Arbeitstag begann für die Frauen wie Siv um halb fünf: Zeit, Feuer zu machen und Wasser zu erhitzen, ein sättigendes, reichhaltiges Frühstück zuzubereiten, Mittagessen zum Mitnehmen zu richten, alles zu bieten, damit die Männer die anstrengende Arbeit im Wald bewältigen können. Diese Köchinnen erlebten Wertschätzung, hatten es gut getroffen und erhielten guten Lohn. Das schätzt auch Siv. Wir erleben, wie sie an dieser Aufgabe wächst und die selbstständige Arbeit in der Natur lieben lernt.

Evas Blick auf den Wald ist eher pragmatisch, distanziert und von Regelungen und Bürokratie geprägt. Das Arbeitsleben von Siv und Eva ist inspiriert von der eigenen Familiengeschichte der Autorin Ulrika Lagerlöf. Auch ihre Großmutter arbeitete als Köchin in einer Waldhütte. Selber kann die Autorin auch ihre eigene Berufserfahrung in der Unternehmenskommunikation für die Forstwirtschaft einbringen.

Der forstwirtschaftliche Hintergrund des 2022-Zeitstrangs ist hochaktuell. Denn die Waldflächen Schwedens werden von der schwedischen Forstwirtschaft im Kahlschlag bewirtschaftet. Wir erleben, wie vor allem mit intensiven, billigen und schnellen Prozessen und mit minimaler Rücksicht auf die Belange der Natur gearbeitet wird. Auch Naturwälder mit geschützten und gefährdeten Arten werden abgeholzt. Dabei werden wichtige Rentierweidegebiete zerstört.

Spannend ist, wie die Frauen involviert sind in die Konfliktsituation zwischen den Rentierzüchtern, der Sami und den schwedischen Siedlern, die hinzukamen, sich immer mehr ausbreiteten und in Konkurrenz zu den Weidegebieten der Rentierzüchter traten.
Berührt wird damit die Geschichte des indigenen skandinavischen Volkes der Sami (früher „Lappen“). An dem Charakter des Waldsami Nila werden wir an die Zurückdrängung der Sami und deren Kultur über Jahrhunderte hinweg erinnert.

Noch im Zeitstrang des Jahres 1938 erleben die Sami Schikanen durch den Staat und die schwedische Bevölkerung, Diskriminierung und Entrechtung. Raumgreifende Neusiedlungen, die Suche nach Bodenschätzen und die extremer werdende Waldbewirtschaftung machen ihnen die Weideflächen der Rentiere streitig. Auch die Folgen des Sozialdarwinismus tönen an, der häufig als Grundlage von Rassentheorien diente und dementsprechend negativ für indigene Völker ausgelegt wurde.

Wir erleben, dass Protagonisten den Sami respektlos oder auch voller Verachtung begegnen.
Man merkt, wie gut und persönlich die Kenntnisse der Autorin über das Land und die unterschiedlichen Interessen, heute wie früher sind. Sie weiß ihre Leser*innen durch ihren Erzählstil wunderbar ins Geschehen hineinzuziehen.

Die beiden Frauencharaktere, ihre Konflikte, Widersprüche und Entwicklungen werden sehr intensiv und authentisch dargestellt. Neben ihnen treten auch Nebencharaktere der älteren und jüngeren Generationen auf. Nicht ganz so gut kommen die jugendlichen Aktivisten und Influencer weg, die auf nicht ganz legalen Wegen gegen die Abholzungen angehen.
Am Ende des Buches findet man ein historisches Foto einer Waldköchin wie Siv im Kreise ihrer Waldarbeiter. Ein Foto, das eigentlich perfekt auf das Cover gepasst hätte. Das Cover und der deutsche Titel lassen leider eher an einen Trivialroman denken. Das ist schade, denn der Roman enthält viel mehr.

Übrigens: dieser Roman ist der erste Teil einer Reihe, die in der schwedischen Ausgabe „Timmerfolk“ (zu deutsch Holzleute) betitelt wird. Im nächsten Mai erscheint der zweite Teil. Auf den freue ich mich sehr. Schön ist, dass der erste Teil einen sehr zufriedenstellenden Abschluss ohne quälenden Cliffhanger hat. Denn neugierig, wie es nun mit den Protagonisten weitergeht, ist man auf jeden Fall.

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Veröffentlicht am 10.07.2025

Lebendiges Frauenschicksal in bewegten Zeiten

Anna oder: Was von einem Leben bleibt
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Ein Landschaftsbild auf dem Cover möchte uns ins Sauerland führen. Das passt: land- und forstwirtschaftlich geprägt bis heute, weit und naturnah. Die Leserschaft ist gleich verortet.
„Die Geschichte ...

Ein Landschaftsbild auf dem Cover möchte uns ins Sauerland führen. Das passt: land- und forstwirtschaftlich geprägt bis heute, weit und naturnah. Die Leserschaft ist gleich verortet.
„Die Geschichte meiner Urgroßmutter.“ Hört sich der Untertitel etwas verstaubt und langweilig an? Eigentlich macht er eher ein bisschen neugierig, denn er verspricht persönliche Bindung und Informationen sowie das Eintauchen in eine politisch und sozial bewegte Zeit. Man überlegt kurz, was man eigentlich selber von seinen Urgroßmüttern weiß. War die eigene Familie ortsfest, bestehen noch Chancen, dass man über Kenntnisse oder Informationsquellen verfügt. Wirbelten Krieg, Verfolgung, Flucht und Vertreibung die Familiengeschichte durcheinander, wird es schwieriger.

Der Journalist und Autor dieses Buches Henning Sußebach sammelte Informationen in der eigenen Großfamilie, durchforstete mit Hilfe von Fachleuten Kirchenbücher, Katastereinträge und unzählige Archive. Was er aus dieser Suche gewann, ist „was von einem Leben bleibt“ – dem Leben seiner Urgroßmutter Anna.
„Jeder Mensch stirbt zweimal.“ S. 7

Mit dem ersten Satz des Erzählers konfrontiert uns Sußebach gleich mit seiner ungewöhnlichen Erzählform. Denn wir finden uns hier weder in einem Roman oder einer üblichen Frauenbiografie wieder, aber auch nicht in einer einfachen zeitgeschichtlichen Darstellung.
Der Autor führt mit uns Leserinnen ein Zwiegespräch, mal philosophisch, mal unterhaltsam und immer möglichst nah am Leben seiner Hauptperson.

Hochgradig geschickt, spannend und sehr informativ gelingt es ihm, das Leben von Anna mit den Daten und Fakten der Zeitgeschichte zu verflechten. Immer ist man auf Höhe der damaligen Zeit, wenn man Annas Spuren folgt. Doch im Zentrum des Geschehens steht immer die Gegenwart Annas.

Anna hat keine bekannte oder außergewöhnliche Biographie, aber ihr Werdegang als Frau aus einfachen Verhältnissen ist für die Zeit der Jahrhundertwende bis 1933 schon relativ modern. Als blutjunge Lehrerin kommt sie ins sauerländische Cobbenrode. Als Zugewanderte („Neigschmeckte“ sagt man hier im Badischen, „Expat“ überzeichnet der Autor mal bewusst auf Neudeutsch) muss sie sich in einen schwierigen Dialekt, eine festgefügte Dorfgemeinschaft, berufliche Hierarchien und die neue Lehrerinnenrolle einarbeiten. Das Leben hält eine Vielzahl von knallharten Herausforderungen, furchtbaren Verlusten, schwerwiegenden Entscheidungen, großen Verantwortungen, einigen Freuden und vor allem sehr viel Arbeit für sie bereit. Anna entwickelt sich zu einer starken Persönlichkeit, die sich auch gegen die Konventionen ihrer Zeit vehement hinwegzusetzen weiß.
Mit einigen Fotos seiner Urgroßmutter gelingt es dem Autor, seine Schilderungen zu verdeutlichen.

Sußebach lässt seine Leser
innen sehr intensiv daran teilnehmen, wie er sich dem Menschen Anna nähert: sehr behutsam, sorgfältig ihre Gebundenheit an ihre Zeit betrachtend, Möglichkeiten und Unwägbarkeiten einbeziehend. Er lässt uns ganz intensiv in den Erzählprozess mit all seinen Problemen eintauchen. Dabei wird unser Bewerten der Vergangenheit als Nachgeborene ganz bewusst hinterfragt.

Immer wieder gibt uns Sußebach am Rande Sätze mit auf dem Weg, die eine große philosophische Tiefe aufweisen, wenn man weiter über sie nachsinnt. Das Buch umfasst nur 203 Seiten, aber was es uns mitgibt an Wahrheiten und Einsichten lässt sich in Seitenzahlen gar nicht messen. Das Frauenschicksal und die vielen philosophischen und zeitgeschichtlichen Gedanken haben mich sehr berührt und gehen noch länger nach.

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