Profilbild von EmmaWinter

EmmaWinter

Lesejury Star
offline

EmmaWinter ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit EmmaWinter über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.07.2025

Ein Geschichtenteppich

Fischers Frau
0

Mia Sund ist Faserarchäologin an der Greifswalder Universität und hat sich in ihrem Job gut eingerichtet. "Generalberuhigung" (S. 29) war ihr erklärtes Ziel nach einem flotten Leben: In einem geschützten ...

Mia Sund ist Faserarchäologin an der Greifswalder Universität und hat sich in ihrem Job gut eingerichtet. "Generalberuhigung" (S. 29) war ihr erklärtes Ziel nach einem flotten Leben: In einem geschützten Raum unerreichbar und unauffindbar vor sich hin forschen und untersuchen. Jetzt gerät dieser gemäßigte Zustand ins Wanken, denn ein Kollege knallt ihr einen Fischerteppich auf den Schreibtisch mit der Bemerkung, ob es nicht vielleicht eine Fälschung sei. Dieses Stichwort katapultiert Mia in ihre aufwühlende Vergangenheit. Aber auch der ungewöhnliche Fischerteppich läßt ihr keine Ruhe. Eine Dienstreise führt sie quer durch Europa und die Suche nach der Herkunft des "pommerschen" Teppichs ist für Mia auch eine Suche nach sich selbst, nach der eigenen Identität.

Ach, eine schöne Geschichte. Wie immer haben die Romane von Kalisa etwas Märchenhaftes an sich. Hier ist sogar der Titel von einem Märchen inspiriert und unterstreicht diesen Charakterzug des Romans, denn auch Mia wird irgendwann zur Geschichtenschreiberin. Es wird viel mit dem Vokabular des Webens und Knüpfens als Metapher gearbeitet und das passt immer wirklich wunderbar. Die Tradition - und vor allem der Anlass für den Ursprung Ende der 1920er Jahre - der pommerschen Fischerteppichknüpferei war mir völlig unbekannt. Einen ganz spannenden und außergewöhnlichen Sachverhalt hat die Autorin hier zum Zentrum gemacht. Eine Karte auf dem Vorsatzpapier hält alle Orte bereit, die mit der Geschichte der Teppichherstellung in diesem Buch verbunden sind.

Sympathische Charaktere, eine märchenhafte Geschichte auf Basis von Fakten und eine Sprache, die Leichtigkeit und Tiefe verbindet. Die verschachtelte Handlung, die immer wieder in die Vergangenheit abtaucht, hat es mir am Anfang etwas schwer gemacht und es gab für mich auch ein paar eher langatmige Stellen, dennoch ist es ein wunderbares Leseerlebnis.

Am Ende gibt es ein kleines Glossar mit Fachbegriffen und ein Literaturverzeichnis für alle, die sich weiter informieren möchten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.07.2025

Der Wilde Mann

Susanna
0

Mit fünf Jahren sticht Susanna dem Wilden Mann mit ihrem Finger ein Auge aus. Von der ersten Seite dieses Romans an wird deutlich, dass wir es mit einer ausgewöhnlichen Protagonistin zu tun haben. Capus ...

Mit fünf Jahren sticht Susanna dem Wilden Mann mit ihrem Finger ein Auge aus. Von der ersten Seite dieses Romans an wird deutlich, dass wir es mit einer ausgewöhnlichen Protagonistin zu tun haben. Capus erzählt die Lebensgeschichte von Susanna Faesch, die in (Klein-)Basel in der Schweiz ihre ersten Lebensjahre verbrachte. Für die Beschreibung dieser sehr sittenstrengen, monotonen und geradezu sterbenslangweiligen Gemeinschaft läßt sich Capus recht viel Zeit; hier lernen wir auch Maria, Susannas Mutter genau kennen, die schließlich ihre Koffer packt und mit der einzigen Tochter nach New York auswandert. Hier wird aus Susanna sehr früh eine beliebte Porträtmalerin, die sich besonders auch für Native Americans interessiert. Schließlich reist sie mit Mitte Vierzig nach Dakota, lernte Sitting Bull kennen und fertigt mehrere Porträts von ihm an. Soweit das historische Grippe, aus dem Capus einen Roman mit sehr vielen interessanten Details gemacht hat.

Er stellt die "alte" und die "neue" Welt gegenüber, flicht verschiedene Konflikte innerhalb Europas ein, beschreibt den Einzug der Moderne durch die Eisenbahn, die Glühbirne, die Elektrifizierung, die Einwandererareale in Brooklyn, die Geistertänze und schließlich die Kämpfe mit und die Massaker an den Native Americans.

Capus wählt einen distanzierten Ton für seinen Roman, der sich dadurch verstärkt, dass der Erzähler häufig aus der Geschichte hervortritt und kommentiert. Es steck unheimlich viel drin in diesem Text. Wie bei einem Kaleidoskop, das bei jeder kleinen Drehung ein neues Muster zeigt, finden wir ständig neue, interessante Elemente, die man weiterverfolgen möchte, doch schon kommt das nächste Muster.

Gewünscht hätte ich mir, dass die Begegnung mit Sitting Bull etwas mehr Raum bekommen hätte, schließlich wirbt der Klappentext genau damit. Als Susanna sich auf den Weg nach Dakota macht, hat das Buch aber plötzlich nur noch 50 Seiten, da war ich etwas enttäuscht. Am Ende, wenn man die Geschichte nochmal rekapituliert, passt es aber doch, denn Susanna steht im Mittelpunkt dieser Entwicklungsgeschichte. Sehr gut gefallen hat mir, wie sich der Kreis am Ende schließt und Bezug auf den Beginn des Romans nimmt, mit einem "Wilden Mann" und mit einem Tanz. Einem, der nur "wild" ist innerhalb der erlaubten, strengen Tradition und einem anderen Tanz, der einer Befreiung gleichkommt und zu einer Tragödie führt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.07.2025

Schnitzeljagd

Todesmal
0

Der exzentrische BKA-Profiler Maarten S. Sneijder in seinem fünften Fall, den er zunächst gar nicht übernehmen will. Die ältere Nonne, die mehrere Morde ankündigt, will nur mit ihm sprechen. Gibt es da ...

Der exzentrische BKA-Profiler Maarten S. Sneijder in seinem fünften Fall, den er zunächst gar nicht übernehmen will. Die ältere Nonne, die mehrere Morde ankündigt, will nur mit ihm sprechen. Gibt es da eine Verbindung? Die Neugier siegt und so ermitteln Sneijder und sein Team gegen die Zeit, denn jeden Tag soll es ein weiteres Opfer geben. Und die Mordserie beginnt extrem grausam.

Wie gewohnt gibt es einen kniffeligen Fall, der voller Rätsel und Geheimnisse steckt und der bei den Todesarten nicht mit fiesen Details spart. Kurze Kapitel, Zeit- und Ortswechsel sorgen für Dynamik. Insgesamt wirkt der Fall aber recht konstruiert und dieser Band ist für mich einer der schwächeren der Reihe. Die Figuren des Misanthropen Sneijder und seiner "Normalo"-Kolleg*innen, allen voran Sabine Nemez, sind aber dennoch eine Bereicherung des Thriller-Regals. Ich mag der Serie wirklich gerne und nachdem ich meine Lücke mit diesem Band füllen konnte, stehen jetzt schon die nächsten beiden Teile der Reihe im Regal.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.05.2025

Die Galionsfigur

Die Frauen von Cornwall
0

Der Debütroman der berühmten Rebecca-Autorin Daphne du Maurier! Wegen das malerischen, wirklich wunderschönen Covers und des Titels hatte ich allerdings von Die Frauen von Cornwall etwas Anderes erwartet. ...

Der Debütroman der berühmten Rebecca-Autorin Daphne du Maurier! Wegen das malerischen, wirklich wunderschönen Covers und des Titels hatte ich allerdings von Die Frauen von Cornwall etwas Anderes erwartet.

Gelesen habe ich eine eher düstere Familiensaga über vier Generationen, wobei es durchaus nicht hauptsächlich um die Frauen der Familie Coombe geht. Janet Coombe und ihrem ungestümen Sohn Joseph gehören die ersten beiden Kapitel, die auch den größeren Teil dieses Romans ausmachen. Janets Enkel und dessen Tochter schließen dann den Reigen der Generationen. Die Coombs besitzen eine kleine Werft und ein Handelssegelschiff an der Südküste von Cornwall. Alle Familienmitglieder sind eng mit ihrer kleinen Heimatstadt Plyn verbunden und lieben das Meer und die Küste.

Im Alter von 24 Jahren veröffentlichte du Maurier diese Saga, in der eigentlich alle Zutaten vorhanden sind: Die erste Generation, die in Gestalt von Janet, einer wortwörtlichen Galionsfigur, alle weiteren Generationen beeinflusst; ein intriganter Verwandter, unglückliche Lieben, Leidenschaft, Tod, eine Prise Schauerroman (Gothic novel) und das alles vor einer grandiosen Kulisse.

Leider konnte mich dieses Debüt aber nicht überzeugen. Ich habe es durchaus gerne gelesen, aber immer im Bewusstsein, wer die Autorin ist. Es gibt einige Längen im Roman, Wiederholungen und ein Ungleichgewicht zwischen den Charakteren, die mir nicht immer ganz ausgereift erschienen. Ich konnte ihr Handeln und ihre charakterlichen Veränderungen häufig nicht nachvollziehen. Die intensiven Gefühle zwischen Janet und ihrem Sohn Joseph waren in den ersten zwei Kapiteln ein sehr zentrales Element, mit dem ich jedoch nicht so viel anfangen konnte. Das passte nicht so recht zum Rest des Romans.

Insgesamt ein Generationenroman, den man mit anderen Erwartungen gut lesen kann und der viel von der Schönheit Cornwalls einfängt. Aber ein Debüt, das noch nicht voll zeigt, was die Autorin später konnte. Es gibt zahlreiche Elemente, die z.B. in Rebecca wieder auftauchen und dort wesentlich stimmiger eingebracht werden.

Leider trägt auch der aktuelle Titel dazu bei, den Roman in eine bestimmte Ecke zu drängen, denn der Originaltitel The Loving Spirit, in früheren Ausgaben mit Der Geist von Plyn übersetzt, trifft den Kern des Buches wesentlich besser.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.05.2025

Über 6.000 Kilometer quer durch Asien

Verbotene Reise
0

Die Schweizerin Ella Maillart (1903-1997) hat eine wahnsinnig interessante Biografie: Sie war Olympiateilnehmerin, Seglerin, Skifahrerin, Hockeyspielerin, Stuntfrau, Modell und Reisejournalistin und Fotografin. ...

Die Schweizerin Ella Maillart (1903-1997) hat eine wahnsinnig interessante Biografie: Sie war Olympiateilnehmerin, Seglerin, Skifahrerin, Hockeyspielerin, Stuntfrau, Modell und Reisejournalistin und Fotografin. Von ihrer siebenmonatigen Reise von Peking aus durch entlegene Gebiete in China bis nach Srinagar in Kashmir handelt diese Reisebeschreibung. Ihr Begleiter, obwohl beide lieber als Alleinreisende unterwegs waren, auf dieser über 6.000 km langen Tour war Peter Fleming, ein britischer Reisejournalist und der Bruder von Bond-Erfinder Ian Fleming. Das Team aus Eton-Schüler und Schulabbrecherin funktionierte offenbar prächtig. "Ich hatte dabei Peters glänzende Intelligenz schätzen gelernt, seine Fähigkeit, alles zu essen und überall zu schlafen [...] seine Abscheu gegen jegliche Entstellung der Tatsachen und die angeborene Sachlichkeit, mit der er sie darstellte [...] Ich wusste auch, dass Fleming weder unter meinem Falschsingen noch unter meiner primitiven Kochkunst leiden würde. [...] Und Peter klärte mich darüber auf, dass seine affektierte Stimme, sein nöliger Oxforder Akzent seinen letzten Reisegefährten fast wahnsinnig gemacht hätten." (S. 23)


In ihrem Reisebericht schildert sie, eher dokumentarisch, jede Etappe der Reise, die sich anhand einer kleinen Karte im Buch mitverfolgen läßt. Manchmal war es etwas ermüdend und tempoarm, aber immer interessant. Die politischen Verwicklungen waren sehr konfus und ich habe nicht alles nachrecherchiert. Interessante Personen und Ereignisse haben jedoch meine Neugierde geweckt und daher weiß ich jetzt z.B. über die sogenannte Citroën-Expediton(en) Bescheid. Wir erfahren, mit welchen Verkehrsmitteln (von Zug bis Esel war alles dabei) die beiden unterwegs waren, was gegessen und getrunken wurde und (manchmal wollte man es gar nicht wissen) wo es herkam bzw. wie es gemacht wurde. Maillart schildert die unterschiedlichen Landschaften und deren Bewohner*innen, ihre Lebensweise und die Probleme der Regionen und die bürokratischen Hürden, die die Reisenden immer wieder zur schieren Verzweiflung getrieben haben.

Ich habe mir so viele Post-its gesetzt, dass ich gar nicht alles erwähnen kann. Eine zweifellos sehr interessante Lektüre, die aber etwas Zeit braucht. Am Ende sind einige Bilder von dieser Reise abgedruckt, die Maillart gemacht hat.

Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist die Reise, die Maillart einige Jahre später mit ihrer Landsmännin Annemarie Schwarzenbach nach Afghanistan unternimmt. Ebenfalls eine Reisejournalistin und Fotografien mit einer spannenden Biografie.

In diesem Jahr hat der Exekutivrat der UNESCO der Aufnahme der Nachlässe der Schweizer Schriftstellerinnen Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart in das Register des Weltdokumentenerbes zugestimmt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere