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Veröffentlicht am 11.07.2025

Auf Annas Spuren

Anna oder: Was von einem Leben bleibt
1

Henning Sußebach begibt sich auf die Spuren von Anna, seiner Urgroßmutter. Er hat sie nicht persönlich gekannt, auch in seiner Familie gibt es keinen mehr, der ihr begegnet ist. Und doch erzählt er ihre ...

Henning Sußebach begibt sich auf die Spuren von Anna, seiner Urgroßmutter. Er hat sie nicht persönlich gekannt, auch in seiner Familie gibt es keinen mehr, der ihr begegnet ist. Und doch erzählt er ihre Geschichte, soweit ihm dies möglich ist. Denn so oder so ähnlich könnte es gewesen sein, wie Annas Leben war - einige Fotos und wenige Dinge aus ihrem Nachlass sind immerhin noch vorhanden, auch spricht die Zeit, in der sie gelebt hat, ihre eigene Sprache. Und so ergibt sich ein Bild von ihr, eine Familiengeschichte, eingebettet in die damalige Zeit. Denn so wird ihr Leben greif- und begreifbar.

Dabei wählt er eine sehr ungewöhnliche Form des Erzählens, er blickt zurück auf eine Zeit, die uns heute fremd ist. Anna war gerade mal zwanzig Jahre alt, als sie die Stelle als Dorfschullehrerin antritt, wir sind im Jahre 1887. Mit ihr steigen wir den Berg hinauf zur Schule, wir sind im tiefsten Sauerland, im Dorf Cobbenrode. Nun, Anna war da noch nicht mal großjährig, als Lehrerin war sie bis zur Volljährigkeit eine rechtlose Instanz, wie der Autor bemerkt. In diesem Jahr erfolgt die Grundsteinlegung für den Nord-Ostsee-Kanal durch Kaiser Wilhelm I., die Arbeiten zum Eiffelturm beginnen, das Grammophon wird erfunden und noch vieles anderes mehr.

Der Erzählstil ist eher distanziert, Sußebach dichtet ihr kein fiktives Leben an, er bleibt bei den Fakten, dabei spiegelt er das Politische, das Kulturelle, das Wirtschaftliche ihrer Zeit wider. Es ist das Zeitalter der Erfindungen, egal ob Fahrrad, Automobil, Radio, Telefon, um nur einiges zu nennen, er flicht dies alles sehr gekonnt mit ein. So entsteht neben Annas bewegtem Leben ein gutes Gesamtbild. Und selbstredend ist es ihr familiärer Weg, der im Vordergrund steht. Ihre große Liebe, die lange nicht öffentlich gelebt werden konnte, ihre Ehemänner, ihre Kinder – all dies ist gut lesbar aufbereitet, es ist ein kurzweiliges Porträt einer bemerkenswerten Frau entstanden.

Anfangs sinniert Annas Urenkel von dem Menschen an sich, der zweimal stirbt. Einmal biologisch und dann endgültig, wenn er vergessen ist. Diesem Gedanken kann ich gut folgen – es ist der Lauf der Zeit.

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Veröffentlicht am 09.07.2025

Der Albtraum schlechthin

Lost in the Wild
1

Timo ist es, der diese Bergtour ausgearbeitet hat. Sie sind zu fünft, sie sind gute Freunde, sie planen nicht das erste Mal ein gemeinsames Erlebnis. Nicht jeder ist begeistert davon, ein Städtetrip wäre ...

Timo ist es, der diese Bergtour ausgearbeitet hat. Sie sind zu fünft, sie sind gute Freunde, sie planen nicht das erste Mal ein gemeinsames Erlebnis. Nicht jeder ist begeistert davon, ein Städtetrip wäre bestimmt angenehmer, aber sei´s drum. Timo, Jasper, Fabio, Khadra und Daria sind gut gerüstet, die Rucksäcke prallvoll, das Wetter jedoch sieht nicht ganz so einladend aus. Sie wandern drauflos, die erste echte Herausforderung bilden Baumstämme, die sie überwinden müssen, lediglich ein starkes Seil ist zu ihrer Sicherung in luftiger Höhe gespannt.

Schon hier hätte ich mich geweigert, wäre auf der Stelle umgekehrt. Der nicht ganz ungefährliche Weg ist plastisch beschrieben, auch die Wetterverhältnisse geben allen Grund zur Sorge. Den fünf Freunden ist als Kinder der Stadt die Bergwelt nicht vertraut, von abrupten Wetterumschwüngen haben sie noch nie gehört. Sie geraten in einen Bergrutsch – und das zu nachtschlafender Zeit. Ihre Zelte, ihre Ausrüstung und auch einer von ihnen werden mitgerissen. Sie suchen nach ihm, sind ohne Orientierung. Irgendwann dann treffen sie auf Prepper, die hier ihr Intensiv-Survivaltraining abhalten.

Ja, sie scheinen absolut verloren zu sein in dieser Wildnis. Werden sie von den Preppern Hilfe bekommen? Oder aber in ihr Survivaltraining mit einbezogen? Die Story ist durchgehend spannend, ihre Freundschaft hängt nicht nur einmal am seidenen Faden, Konflikte sind vorprogrammiert. Die komplett unterschiedlichen Charaktere sind gut ausgearbeitet. Khadra etwa, um nur eine herauszugreifen, ist WWF-Mitglied, sie ist ein Musterbeispiel für Klimaschutz, sie ist selbstverständlich Veganerin, sie vertritt auch in dieser schier ausweglosen Situation ihre Ideale. Auch in der Survivalgruppe finden sich die unterschiedlichsten Lebensanschauungen, allen voran ist es Ragnar, der diese Kurse anbietet.

Bis zuletzt ist nicht klar, ob - und wenn ja wie - sie aus dieser Wildnis herauskommen. Gebangt habe ich um (fast) alle. Und nicht nur das, immer mehr kristallisiert sich eine Ideologie heraus, die nichts Gutes bringt. Die einzelnen Figuren und auch die Story sind zuweilen überzeichnet, was diesen Albtraum jedoch noch zusätzlich unterstreicht. Mich hat das Buch nachdenklich zurückgelassen, die Spannung war durchweg da, ich hab es gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 07.07.2025

Im Unruhestand auf Gran Canaria

Inspector Pescadores und der Tote im Pool
6

Bei El Gordo, der spanischen Weihnachtslotterie, hat Markus Fischer so richtig abgeräumt. El Gordo heißt auf Deutsch ganz einfach der Dicke und genau so ein dickes monetäres Polster ermöglicht es ihm, ...

Bei El Gordo, der spanischen Weihnachtslotterie, hat Markus Fischer so richtig abgeräumt. El Gordo heißt auf Deutsch ganz einfach der Dicke und genau so ein dickes monetäres Polster ermöglicht es ihm, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen.

Auf Gran Canaria lebt er seit einem halben Jahr, sein Job als Kriminalhauptkommissar ist gekündigt und gerade eben hat er den Kaufvertrag für eine Tapas-Bar unterschrieben. Der Mittfünfziger stößt mit seinen Freunden Andreas, dem Bademeister, mit der Sportskanone Marianne und mit Petra stilgerecht mit Champagner auf ihre Freundschaft, auf den Kauf an sich und aufs Leben überhaupt an. Am Morgen danach schwimmt eine Leiche im Pool und bald schon nimmt die herbeigerufene Polizei einen Tatverdächtigen fest. Was den vier Inselfreunden so gar nicht gefällt, denn für sie ist der Festgenommene unschuldig. Also bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als selbst zu recherchierten - „Der Gran-Canaria-Mordclub ermittelt“.

„Inspector Pescadores und der Tote im Pool“ ist der erste Band der neuen Krimireihe aus der Feder von Daniel Verano – ein absoluter Kenner dieser Insel. Und selbstredend lässt er uns an der Schönheit der Insel teilhaben, seine Landschaftsbeschreibungen wecken eine unbändige Reiselust in mir, auch möchte ich mich nicht nur einmal zu ihnen an den reich gedeckten Tisch setzen oder besser noch mit Markus all die Köstlichkeiten zubereiten.

Und natürlich wird ermittelt. Die beiden Inselpolizisten Cortadora und Diaz kommen mir schon ein wenig spanisch vor, wenn ich diese Zweideutigkeit bemühen darf. Aber sei´s drum, der Gran-Canaria-Mordclub ist auf zack, sie alle sind sehr motiviert und daran interessiert, den noch immer Inhaftierten schnellstens freizubekommen. Dabei kommen sie in so mach brenzlige Situation und nicht nur einmal habe ich um sie gebangt. Sie ermitteln sozusagen undercover, auch halten sie sich über ihr früheres Leben eher bedeckt. Ob Markus seinen kriminalistischen Hintergrund geheim halten kann? Zumindest bei ihren ersten gemeinsamen Fall ist ihm dies ganz gut gelungen, auch Marianne scheint eine ähnliche Vorgeschichte zu haben, auch sie ist diesbezüglich eher wortkarg.

Und da wäre etwa noch die Eigentümerin der Wohnanlage und ihr längst erwachsener Sohn – er spielt eine durchaus tragende Rolle und Ayoub, der nach dem Tod seines Chefs ohne Job dasteht. Ihn mag ich ganz besonders wie auch so einige andere, gut skizzierte Charaktere, mit denen ich nur zu gerne Tür an Tür wohnen würde.

Dieser erste Fall hat mich gut unterhalten. Er wird natürlich aufgeklärt, eh klar. Das ganze Prozedere um diese Aufklärung war mir nen Ticken zu drüber, was aber angesichts der kurzweiligen Story und des Inselflairs vernachlässigbar ist. Es waren vergnügliche Lesestunden, die Lust auf mehr machen.

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Veröffentlicht am 03.07.2025

Geheimnisse

Die Rettung
1

Vor acht Jahren ist Dominic mit seinen Kindern auf Shearwater Island angekommen, seitdem bewohnen sie den inseleigenen Leuchtturm. Die Forschungsbasis ist mittlerweile verwaist, das Team hat die Insel ...

Vor acht Jahren ist Dominic mit seinen Kindern auf Shearwater Island angekommen, seitdem bewohnen sie den inseleigenen Leuchtturm. Die Forschungsbasis ist mittlerweile verwaist, das Team hat die Insel verlassen und auch Dominic Salt mit Familie wird bald weg sein. Shaerwater ist dem Untergang geweiht, das Meer holt sich dieses etwa 120 qkm große Eiland zurück.

Eine Frau im Meer. „Der Sturm spült sie an, drapiert auf ein Gewirr aus Treibholz. Das Mädchen sieht sie von ihrem Platz bei den Robben aus… Sie taucht ab, schwimmt hinaus, greift nach dem wirren Bündel, lenkt es in Richtung Strand…“ Fen heißt das Mädchen, Dad und Raff helfen ihr, die Frau herauszuziehen. Sie säubern ihre Wunden, legen sie in ein Bett, wärmen sie. Sie hat Fieber.

Der dramatische Beginn, einhergehend mit Kälte und Regen, wirft viele Fragen auf. Wie kommt diese Frau auf die doch sehr abgelegene Insel irgendwo zwischen Australien und der Antarktis? Ist es Zufall oder Absicht? Was sucht sie hier? Erst ziemlich dem Ende zu weiß man über sie und ihre Beweggründe Bescheid. Alles vorher ist eher Spekulation, überhaupt durchziehen Geheimnisse die ganze Story. Auch Dominik ist nicht zu durchschauen, ihn kann ich bis zum Schluss schwer einschätzen. Eher schon seine Kinder, wobei auch die 17jährige Fen, die mit den Walen schwimmt und taucht, die sich eher absondert, erst spät ihr Innerstes preisgibt. Raff (18) öffnet sich so nach und nach und der 9jährige Orly ist der Botaniker schlechthin. Wobei er ziemlich altklug sein profundes Wissen über Flora und Fauna zum Besten gibt. Nun gut, einem Neunjährigen nehme ich diese Ausdrucksweise nicht so ganz ab, aber sei´s drum – durch ihn wird etwa der Mangrovenkeimling super erklärt.

Überhaupt legt die Autorin neben der Story um die fünf Menschen ihr Augenmerk auf die Natur. Sie nimmt sich Zeit, um die Tier- und Pflanzenwelt zu beschreiben, man spürt beim Lesen direkt den tosenden Wind und den Starkregen, holt Luft und taucht mit den Walen ab, ich bin hautnah dabei. Sie vermittelt eine total schöne, sehr atmosphärische Stimmung und zugleich macht sie die bedrohlichen Folgen des Klimawandels und dessen Einfluss auf die Natur deutlich.
Die Story um die fünf Menschen ist voller Geheimnisse.

Andeutungen, die viel Dramatisches ahnen lassen, führen nicht weiter, man rätselt von Kapitel zu Kapitel, zuweilen nervt dieses Unheilvolle, nicht Greifbare, man tappt bis fast zum Schluss im Dunkeln. Die kurzen Kapitel sind mit der jeweils erzählenden Person übertitelt, man erfährt immer nur so viel, dass man unbedingt weiterlesen muss - um dann doch nochmal ganz fest zu schlucken, denn das Ende hat es in sich und ist so gar nicht vorhersehbar, so auch die entscheidende Wendung zuvor.

„Die Rettung“ ist spannend, ist düster, ja zeitweise unheimlich, zuweilen musste ich das Buch zur Seite legen und doch wollte ich wissen, was denn nun auf dieser Insel mit diesen fünf Personen geschieht. Der Klimawandel ist nicht mehr aufzuhalten – oder gibt es für diese unsere Welt noch eine, noch „Die Rettung“?

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Veröffentlicht am 29.06.2025

Gelungener Reihenauftakt

Signalrot
1

„…sind wir stolz auf das neu geründete Sonderdezernat zur Aufklärung und Bekämpfung von Exzessivverbrechen…“ hört Tara die LKA-Präsidentin, während die Polizeidirektorin Dr. Kim Rosenstein zustimmend nickt. ...

„…sind wir stolz auf das neu geründete Sonderdezernat zur Aufklärung und Bekämpfung von Exzessivverbrechen…“ hört Tara die LKA-Präsidentin, während die Polizeidirektorin Dr. Kim Rosenstein zustimmend nickt. „Mit moderner Technik ausgestattet“, wie sie weiter doziert, ist das Dezernat 47 beileibe nicht. Gabriel Schneider und Tara Kronbergs Büro ist weit entfernt von moderner Technik, was die Kriminalhauptkommissarin Tara Kronberg als Leiterin des Dezernats als erstes ändern wird.

Ein brutaler Killer ist unterwegs. Er geht nach einem bestimmten Muster vor, bevor er seine Opfer – es sind ausschließlich Frauen - tötet. Die Zeit drängt, denn wieder wird eine junge Frau vermisst. Tara und Gabriels Aufgabe ist es, die Mordkommission K11 zu unterstützend zur Seite zu stehen, Alleingänge sind nicht vorgesehen und erwünscht sind sie erst recht nicht. Was allerdings nicht immer möglich ist. Taras siebter Sinn ist Brenner, dem Leiter der K11, ein Dorn im Auge.

Zuletzt habe ich die Grimm-Reihe des Autors gelesen und diese regelrecht verschlungen. Wird es ihm mit seiner neuen Reihe um die LKA-Ermittlerin Tara Kronberg auch gelingen? Märchen scheinen es Haller angetan zu haben, hier taucht Hans Christian Andersen auf und wie wir wissen, sind Märchen grausam. „Signalrot“ ist es im Besonderen. Die Beschreibung der Folterszenen und das Danach, die abgetrennten Füße und die roten Schuhe und noch so einiges mehr sind nichts für Zartbesaitete.

Tara war mir sofort sympathisch, ihre zupackende, unerschrockene und dennoch kollegiale Art gefällt mir gut. Es sind ganz und gar unterschiedliche Charaktere, mit denen sie zu tun hat. Alle sind sie Typen, nicht jeder ist gleich zu durchschauen, nicht mit jedem möchte ich zu tun haben.

Unterschwellig hatte ich einen eigentlich jedem Verdacht Erhabenen im Visier, hab ihn als Täter dann wieder verworfen, ganz wegdrücken konnte ich ihn aber dennoch nicht. Um es gleich zu sagen – ich bin total falsch gelegen. Der Focus liegt überwiegend auf Tara und ihre Ermittlungen, zwischendurch führt jemand Tagebuch. Hier könnte der Ursprung der Gräueltaten liegen, es könnte aber auch auf etwas anderes hinweisen. Vielversprechende Fährten führen nicht weiter, es gibt überraschende Wendungen - bis gegen Ende. Da überschlagen sich die Ereignisse und wenn man meint, das wars, dann kommt der finale Hammer – damit hätte ich nie gerechnet.

Nervenkitzel garantiert – der erste Tara-Kronberg-Thriller macht Lust auf mehr.

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