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Veröffentlicht am 27.07.2025

Bewegend, erschütternd, emotional

Der Sommer am Ende der Welt
1

Die Journalistin Hanna reist mit ihrer 15jährigen Tochter Katie nach Borkum, sie will neben ihren Recherchen um die Verschickungskinder, die hier in den 1960er Jahren für jeweils sechs Wochen zur Erholung ...

Die Journalistin Hanna reist mit ihrer 15jährigen Tochter Katie nach Borkum, sie will neben ihren Recherchen um die Verschickungskinder, die hier in den 1960er Jahren für jeweils sechs Wochen zur Erholung hier waren, auch ein wenig Privatleben genießen. Sie mieten sich im luxuriösen Dünenschloss ein, das von Isa Martens und ihrem Bruder Jan Guterson betrieben wird.

Früher diente das Haus, die damalige Villa Aurelia, als Erholungsheim für Kinder. Aus dem Ruhrgebiet kam Sabine, mit der Hanna jetzt in Kontakt ist, mit sechseinhalb Jahren zur gleichen Zeit nach Borkum wie ihre Mutter Cornelia, die damals noch jünger war. Für die Kinder, die den Sommer über der Willkür der Betreiber dieser Heime ausgesetzt waren, waren es schreckliche Wochen, die sie Zeit ihres Lebens verfolgten. Als erstes wurden sie ihrer Namen beraubt, sie wurden durchnummeriert, Kopfnüsse und Ohrfeigen waren an der Tagesordnung, der Tag genauestens durchstrukturiert, minderwertiges Essen wurde ihnen notfalls eingetrichtert, auch kam es zu Medikamententests, die ärztliche Versorgung wurde vernachlässigt, es waren schlichtweg Horrorwochen.

Es sind zwei sich abwechselnde Zeitstränge, von denen ich lese. Hanna findet heraus, dass hinter diesem System der Verschickungskinder viele Institutionen beteiligt waren. Missstände wurden vertuscht oder bagatellisiert, den Kindern, die es wagten, von ihren seelischen und körperlichen Qualen zu berichten, wurde nicht geglaubt. Hannas Recherchen über diese Verschickungskinder und dem ganzen Hintergrund drumherum gefallen auch heute nicht jedem. Je mehr sie gräbt, je mehr sie herausfindet, desto mehr erkennt sie, warum ihre Recherchen boykottiert werden.

Die beiden Erzählstränge greifen ineinander über. Hanna findet vor ihrer Tür ein altes Tagebuch, später dann eine Karte mit einem entscheidenden Hinweis. Auch die Gespräche mit der heute älteren Sabine geben viel von dem stramm geführten Heim preis.

Eva Völlers Schwester war in den frühen 1960ern auf Norderney, sie hat nach ihrer Kur weniger gewogen als zuvor. Ihr Bruder war auf Borkum und erst jetzt, nach vielen Jahren des Schweigens, hat er sich ihr doch geöffnet. Dieser familiäre Hintergrund hat sie letztendlich dazu bewogen, diesen Roman zu schreiben, der aufwühlt, der fassungslos macht.

Die Figuren und die Örtlichkeiten sind fiktiv, die Thematik allerdings ist es nicht. Der Roman legt den Finger auf dieses finstere Kapitel, diese Heime und die Erziehungsmethoden waren sehr real. Borkum hat sich schon früh mit dem Stempel „judenfrei“ gebrüstet, begehrte Objekte waren alsbald in den Händen strammer Nationalsozialisten. Auch wird der Bogen bis nach Litzmannstadt und den Kinder-KZ, dem heutigen Lodz, gespannt. Dieser Handlungsstrang von damals ist so eindringlich, so bewegend geschildert, dass die Geschichte um die private Hanna direkt banal wirkt. Und doch lockern so einige wenige Szenen dieses doch sehr ernste Thema etwas auf. Ein Roman, der aufwühlt, ein Roman, der gelesen werden will.

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Veröffentlicht am 21.07.2025

So wie das Leben eben ist

Ja, nein, vielleicht
1

Die Kinder sind aus dem Haus, der Mann hat sich schon lange verabschiedet - und sie? Ja, sie ist so frei wie sie sich fühlt. Bis auf Kleinigkeiten natürlich, die sind immer irgendwo da. Momentan ist es ...

Die Kinder sind aus dem Haus, der Mann hat sich schon lange verabschiedet - und sie? Ja, sie ist so frei wie sie sich fühlt. Bis auf Kleinigkeiten natürlich, die sind immer irgendwo da. Momentan ist es der Zahn, der ihr Kummer macht, denn er wackelt und nicht nur das, auch schmerzt er. Aber sonst? Hat sie es gut getroffen. Ihre kleine Stadtwohnung wird grad von ihrer Schwester belagert, was aber nicht weiter schlimm ist. Auf dem Land hat sie noch ein altes Haus, das idyllisch am Wasser liegt. Da fühlt sie sich wohl, da fühlt sie sich heimisch. Im nahen Supermarkt trifft sie auf Friedrich, einen Mann, der ihrer Vergangenheit angehört. Er wohnt nicht weit weg, also kommt er zu Besuch.

Doris Knecht (vielmehr ihre Protagonistin) habe ich vor geraumer Zeit beim Entrümpeln ihrer Wohnung (und ihres Lebens irgendwie auch) getroffen und nun ist sie einen Schritt weiter, sie ist fünfzig, sie lebt allein und das ziemlich gerne. Auch wenn sie gelegentlich damit hadert, denn manchmal ist man als Paar einfach besser dran. Nun, sie hinterfragt schon, ob Friedrich wieder in ihr Leben passen würde. Ja? Nein? Oder vielleicht doch?

Sie ist noch nicht alt, aber jung ist sie auch nicht mehr. Das Älterwerden an sich und der Blick auf das Leben ist es, was das Buch ausmacht. Vieles wird hinterfragt, Gewohnheiten haben sich eingeschlichen, in ihrem Umfeld könnte es auf eine Scheidung hinauslaufen, auch bahnt sich ein Neubeginn an. Ihre beste Freundin will es nochmal wissen, sie soll Trauzeugin sein. Es passiert noch so einiges, eigentlich ist es das ganz normale Leben, zuweilen könnte man dies als den ganz normalen Wahnsinn beschreiben. Braucht sie Friedrich? Braucht sie einen Mann? Tja, auch diesem Gedanken spürt sie nach. Und da sind Freunde, gute Freunde, Nachbarn, auf die Verlass ist.

Alltägliches vermischt sich mit Aufregendem und wenn man es genau bedenkt, kommt sie zu dem Schluss, dass sie ganz gut alleine zurechtkommt – oder? „Ja, nein, vielleicht“ ist direkt aus dem Leben gegriffen. Sie blickt ein wenig selbstironisch, mit einem Augenzwinkern, aber immer ehrlich auf ihr Dasein. Ein Buch, nicht nur für die Frau ab fünfzig, das sich locker wegliest.

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Veröffentlicht am 17.07.2025

Sommerfeeling und mehr

Das Versprechen eines Sommertags
1

Eine Sommerlektüre mit Tiefgang – so würde ich „Das Versprechen eines Sommertags“ mit wenigen Worten beschreiben.

Isabelle fliegt mit Mann und ihren beiden Kindern nach Mallorca zu ihren Eltern. Diese ...

Eine Sommerlektüre mit Tiefgang – so würde ich „Das Versprechen eines Sommertags“ mit wenigen Worten beschreiben.

Isabelle fliegt mit Mann und ihren beiden Kindern nach Mallorca zu ihren Eltern. Diese wollen ihr Eheversprechen nach fünfzig gemeinsamen Jahren erneuern und selbstredend sollte ihre Goldene Hochzeit dementsprechend gefeiert werden. Isabelles Bruder Daniel ist schon da, sein guter Freund Ben hat sich zu Isabelles Überraschung dazugesellt. Erinnerungen werden wach.

Damals, vor fünfzehn Jahren, hatten Ben und Daniel einen Roadtrip geplant, alles war gebucht, alles bezahlt und dann – hat sich Daniel den Fuß gebrochen. Er hat seine große Schwester bekniet, mit Ben statt seiner zu fahren und so sind sie mit dem Camper los, mit Zwischenstopps bis Amsterdam. Ben ist heute Galerist, er hat sich damals nach dem schönsten Sommer ihres Lebens gen Australien verabschiedet und wie es so ist – sie haben sich aus den Augen verloren. Und nun steht er da, vor ihr.

Elena Sonnberg entführt mich an die Ostküste Mallorcas, in einen der schönsten Orte der Insel, nach Portocolom, in die Finca von Isabelles Eltern. Schon das Cover weckt Sehnsucht und die Beschreibung der zauberhaften Buchten, des kristallklaren Wassers, der Bergdörfer mit ihren Treppen und ihren hübschen Häusern machen Lust auf die Insel, dazu der Duft der Zitrusfrüchte und noch sehr viel mehr fangen den Inselflair perfekt ein. Dieser Roman hat noch sehr viel mehr zu bieten als Mandelkuchen, dessen Rezept auf der vorderen und rückwärtigen Coverinnenseite abgedruckt ist.

Die nach außen hin heile Welt ist gar nicht so rosig. Isabelle steht vor dem Aus ihrer Ehe. Ihr Mann Stefan, mit dem sie sich ihre Immobilienfirma aufgebaut hat, hat innerlich mit der Ehe abgeschlossen. Er zieht sich immer mehr zurück, hat für die Familie, für die Kinder, wenig Zeit. Stefans Alleingänge kann ich nicht viel abgewinnen, Isabelle dagegen möchte, dass die anderen unbeschwerte Tage genießen können. Sie schraubt mit ihrem Vater an seinem geliebten Oldtimer, ihre virtuellen Reisen schweißen sie zusammen. Auch er ist mit über siebzig nicht mehr so fit, seine Marianne achtet aber schon auf ihn, auch wenn er zuweilen etwas abseits vom Trubel sich seine Auszeiten gönnt.

„Es war nur ein Sommer“ und an den denkt Isabelle gerade jetzt zurück. Ben erinnert sie an ihr Zeichentalent, das sie zugunsten der Familie nicht weiter verfolgt hat. Die Autorin hat nicht nur diese beiden Figuren fein gezeichnet, sie sind nahbar, ihre Gedanken, ihre Gefühle nachvollziehbar. Sie spürt dem wahren Leben mit all den Problemen nach, zeigt auch die Schattenseiten auf. Und doch ist es ein stimmungsvoller, luftig-leichter Sommerroman, was schon allein der Umgebung geschuldet ist. Probleme sind da, um gelöst zu werden – wenn das nur immer so einfach wäre.

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Veröffentlicht am 14.07.2025

Wo ist Julie?

Himmelerdenblau
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Julie Novak ist vor 20 Jahren aus ihrem Elternhaus verschwunden. Eine Lösegeldforderung gab es zwar, aber die Übergabe fand nie statt. Ihr Vater war zu der Zeit ein erfolgreicher Herzchirurg, ihre Mutter ...

Julie Novak ist vor 20 Jahren aus ihrem Elternhaus verschwunden. Eine Lösegeldforderung gab es zwar, aber die Übergabe fand nie statt. Ihr Vater war zu der Zeit ein erfolgreicher Herzchirurg, ihre Mutter ist mittlerweile tot. Julies zwei Jahre jüngere Schwester Sophia kümmert sich um ihren Vater, der mehr und mehr ins Vergessen abgleitet, er hat aber auch klare Momente. Noch kann er alleine leben in seiner kleinen Wohnung, das ehemalige, luxuriöse Familienanwesen jedoch kann er sich nicht mehr leisten.

Zwei Themen sind es, die hier im Vordergrund stehen. Zum einen ist es die Demenz des heute 74jährigen Theo Novak und dann ist es die Ungewissheit um das Schicksal der damals 16jährigen Julie. Hier kommen Liv und Phil ins Spiel, die beiden Podcaster mit ihrem erfolgreichen Kanal twocrime15, die den Fall wieder aufgreifen. Die Konkurrenz ist groß, sie brauchen Klicks, ihre Hörerquoten ermöglichen ihnen ein gutes Leben. Er hat ein Händchen dafür, interessante Cold Cases aufzuspüren, Liv übernimmt die Recherchearbeit. Sie sucht Theos Nähe und bald ist sie es, die ihn anspornt, mit ihr tief in die Vergangenheit einzutauchen. Dabei blitzt immer wieder ein Name auf…

„Himmelerdenblau“ wird aus mehreren Perspektiven erzählt, wobei in der ersten Hälfte des Buches Theos Demenz in einer Ausführlichkeit hervorsticht, die doch einiges an Durchhaltevermögen einfordert. Mit Liv und auch Phil, zwei ganz und gar unterschiedliche Charaktere, werfe ich einen Blick hinter die Kulissen der Podcast-Szene, die mitunter reißerisch daherkommt. Und da ist Daniel und dessen Leben, das viel preisgibt und doch Entscheidendes zurückhält. Er ist nicht einzuschätzen, auch kann ich eine andere, immer wiederkehrende Stimme nicht zuordnen, auch wenn ich zwischendurch meine, es doch zu können.

Romy Hausmann treibt nach dem zähen Anfang die Story voran. Und wie. Keiner ihrer Charaktere ist greifbar, die Grundstimmung durchgehend bedrückend, ja deprimierend. Sie fesselt auf ganzer Linie, führt in nie geahnte Abgründe, ihre raffiniert konstruierte Story und perfekt inszenierte Suche nach Julie ist ein Psychothriller vom Feinsten.

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Veröffentlicht am 11.07.2025

Auf Annas Spuren

Anna oder: Was von einem Leben bleibt
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Henning Sußebach begibt sich auf die Spuren von Anna, seiner Urgroßmutter. Er hat sie nicht persönlich gekannt, auch in seiner Familie gibt es keinen mehr, der ihr begegnet ist. Und doch erzählt er ihre ...

Henning Sußebach begibt sich auf die Spuren von Anna, seiner Urgroßmutter. Er hat sie nicht persönlich gekannt, auch in seiner Familie gibt es keinen mehr, der ihr begegnet ist. Und doch erzählt er ihre Geschichte, soweit ihm dies möglich ist. Denn so oder so ähnlich könnte es gewesen sein, wie Annas Leben war - einige Fotos und wenige Dinge aus ihrem Nachlass sind immerhin noch vorhanden, auch spricht die Zeit, in der sie gelebt hat, ihre eigene Sprache. Und so ergibt sich ein Bild von ihr, eine Familiengeschichte, eingebettet in die damalige Zeit. Denn so wird ihr Leben greif- und begreifbar.

Dabei wählt er eine sehr ungewöhnliche Form des Erzählens, er blickt zurück auf eine Zeit, die uns heute fremd ist. Anna war gerade mal zwanzig Jahre alt, als sie die Stelle als Dorfschullehrerin antritt, wir sind im Jahre 1887. Mit ihr steigen wir den Berg hinauf zur Schule, wir sind im tiefsten Sauerland, im Dorf Cobbenrode. Nun, Anna war da noch nicht mal großjährig, als Lehrerin war sie bis zur Volljährigkeit eine rechtlose Instanz, wie der Autor bemerkt. In diesem Jahr erfolgt die Grundsteinlegung für den Nord-Ostsee-Kanal durch Kaiser Wilhelm I., die Arbeiten zum Eiffelturm beginnen, das Grammophon wird erfunden und noch vieles anderes mehr.

Der Erzählstil ist eher distanziert, Sußebach dichtet ihr kein fiktives Leben an, er bleibt bei den Fakten, dabei spiegelt er das Politische, das Kulturelle, das Wirtschaftliche ihrer Zeit wider. Es ist das Zeitalter der Erfindungen, egal ob Fahrrad, Automobil, Radio, Telefon, um nur einiges zu nennen, er flicht dies alles sehr gekonnt mit ein. So entsteht neben Annas bewegtem Leben ein gutes Gesamtbild. Und selbstredend ist es ihr familiärer Weg, der im Vordergrund steht. Ihre große Liebe, die lange nicht öffentlich gelebt werden konnte, ihre Ehemänner, ihre Kinder – all dies ist gut lesbar aufbereitet, es ist ein kurzweiliges Porträt einer bemerkenswerten Frau entstanden.

Anfangs sinniert Annas Urenkel von dem Menschen an sich, der zweimal stirbt. Einmal biologisch und dann endgültig, wenn er vergessen ist. Diesem Gedanken kann ich gut folgen – es ist der Lauf der Zeit.

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