Profilbild von Yernaya

Yernaya

Lesejury Star
offline

Yernaya ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Yernaya über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.12.2025

Die Elenden von Hamburg

Die Farbe des Bösen
0

Diesmal ist es Victor Hugo, der die Richtertochter Johanna Ahrend zu neuen Abenteuern führt. Während ihre Mutter auf der Suche nach einer guten Partie für Johanna ist, lernt diese einen jungen Mann kennen, ...

Diesmal ist es Victor Hugo, der die Richtertochter Johanna Ahrend zu neuen Abenteuern führt. Während ihre Mutter auf der Suche nach einer guten Partie für Johanna ist, lernt diese einen jungen Mann kennen, der als schwarzes Schaf seiner Familie gilt, Malerei studiert und Les Misérable liest, als Johanna auf ihn aufmerksam wird. Durch Jan, so sein Name, gerät Johanna in sozialistische Kreise. Wie es ihre Art ist, scheut sie kein Risiko, um gegen die soziale Ungerechtigkeit zu kämpfen. Dabei beobachtet sie auf einem Fabrikgeländezufällig ein Verbrechen, welches sie natürlich auf eigene Faust aufzuklären versucht.

Zeitgleich wartet Criminalcommissar Hermann Rieker händeringend auf einen Mordfall, um nicht gegen die Sozialisten als Spitzel eingesetzt zu werden. Doch solch einen Fall wie den in der Tapetenfabrik hätte er sicherlich nicht erwartet.

Ralf H. Dorweiler setzt mit DIE FARBE DES BÖSEN die historische Krimireihe um Johanna Ahrend und Hermann Rieker fort. Dabei schildert er wie gewohnt sehr lebendig und gut recherchiert die prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen in der aufstrebenden Industrie. Dorweiler beschreibt detailreich Zustände, die wir uns heutzutage kaum noch vorstellen können. Hier zeigt sich eine Parallele zu Fantine aus Les Misérable. Gerade diese authentischen Beschreibungen der Armut und Not haben mich schon beim Vorgängerband DER HERZSCHLAG DER TOTEN fasziniert.

Doch auch der Kriminalfall ist spannend und aufwühlend zu gleich. Zwischenzeitlich konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Interessant ist auch die Begegnung mit den damals neuen wissenschaftlichen Methoden. Die kriminalistische Forensik war noch im Entstehen begriffen. Auch der damalige Stand der Zahnmedizin spielt eine Rolle und ist nichts für empfindliche Gemüter. Am Ende wurde ich durch DIE FARBE DES BÖDEN nicht nur gut unterhalten, sondern habe ganz nebenbei interessante Dinge erfahren.

Fazit: Eine Lektüre, die sich lohnt. Ich vergeben gerne 5 Sterne ⭐⭐⭐⭐⭐ und spreche eine eindeutige Leseempfehlung aus.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.11.2025

Der beste Teil der Trilogie

Dann ruhest auch du (Ein Fall für Maya Topelius 3)
0

Mit DANN RUHEST AUCH DU bringt Sandra Åslund ihre Trilogie um Maya Topelius zu einem großartigen Abschluss. Das Cover fügt sich sehr schön in die Reihe ein, der Wiedererkennungswert ist gegeben. ...

Mit DANN RUHEST AUCH DU bringt Sandra Åslund ihre Trilogie um Maya Topelius zu einem großartigen Abschluss. Das Cover fügt sich sehr schön in die Reihe ein, der Wiedererkennungswert ist gegeben. Diesmal ist ein dunkles Rot die dominierende Farbe. Eine einsame Kirche, um die Vögel vor einem dunklen Himmel kreisen, stimmt auf eine spannende Handlung ein. Auch wenn hier eine Burgruine oder ein einsames Gutshaus besser zur Handlung gepasst hätten.

Nachdem der zweite Teil mit dem Cliffhanger geendet hat, indem Mayas Schulfreundin Clara in einem Telefonat mitteilt, dass sie die verschollene Mitschülerin Ingrid gesehen habe, will Maya einen Besuch bei ihren Eltern in der småländischen Stadt Kalmar dazu nutzen, diesem Hinweis nachzugehen. Zudem ist ein Kennenlernen zwischen ihrem Freund Christoffer und ihren Eltern geplant. Aber natürlich kommt Maya auch diesmal ein Mord dazwischen.

Der esoterische Sonderling Johann entdeckt in der Ruine von Schloss Borgholm die Leiche einer Frau. Schnell zeigt sich, dass das Opfer professionell hingerichtet wurde. Beim Opfer handelt sich um eine Journalistin und die Spur führt ins rechtsradikale Milieu. Maya und ihr Kollege Pär sollen die Ermittlungen übernehmen. Aber nicht jeder vor Ort empfängt die Verstärkung aus Stockholm mit offenen Armen.

Mit diesem Band knüpft Sandra Åslund an den ersten Band der Trilogie an, was Spannung und die Einbeziehung gesellschaftspolitischer und politischer Themen betrifft. Dabei erzeugt sie eine ungeheure Spannung. Die Charaktere werde meist sehr gut beschrieben, wobei in diesem Band neben Maya auch ihre Freundin Clara im Mittelpunkt steht. Und neben den offiziellen Ermittlungen rückt auch die Frage in den Fokus, was zur Schulzeit der Freundinnen wirklich passiert ist. Åslunds Schreibstil ist so lebendig und fesselnd, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Am Ende hätte ich mir lediglich zu zwei Personen noch mehr Informationen gewünscht, was dem Roman aber keinen so großen Abbruch tut, dass ich deshalb die Bewertung reduzieren müsste.

Ich würde mir wünschen, dass Åslund sich noch einmal überlegt, ob die Serie nicht fortgeführt werden könnte. Ich würde einen vierten Band auf diesem Niveau jedenfalls begrüßen.

Ich spreche eine eindeutige Leseempfehlung aus, würde den Band aber nicht ohne die Vorkenntnisse aus Band 1 und 2 empfehlen. Manches würde dann einfach nicht erschließen.
⭐⭐⭐⭐⭐

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.10.2025

Mein Sohn: Ein Mörder? - Wie gut kennen wir unsere Nächsten?

Gejagt durch Brandenburg
0

Er hat es wieder getan! Nach bereits drei hervorragenden und spannenden Krimis um die Kommissarin Carla Stach legt Richard Brandes nur erneut einen brillanten und durchweg spannenden Kriminalroman vor. ...

Er hat es wieder getan! Nach bereits drei hervorragenden und spannenden Krimis um die Kommissarin Carla Stach legt Richard Brandes nur erneut einen brillanten und durchweg spannenden Kriminalroman vor. Der Fall geht unter die Haut. In einem Mordfall steht ein Heranwachsender unter Verdacht, den Carla allzu gut kennt – ihr Sohn Toni. Doch wie gut kennt man eine Person wirklich, die einem sehr nahesteht? Diese Frage zieht sich durch alle 316 Seiten dieses großartigen Romans. Und sie bezieht sich auf alle möglichen Beziehungen, Eltern-Kind, Paarbeziehungen, Freundschaften, Koleg:innen. Wie gewohnt sind die Protagonist:innen psychologisch ausgefeilt gezeichnet, die Dialoge realitätsnah und glaubwürdig. Nicht nur für Kenner der Carla-Stach-Serie ein absolutes Highlight. Einmal damit begonnen, konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Ich vergebe fünf Sterne Plus und spreche eine uneingeschränkte Leseempfehlung aus.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.09.2025

Wo in der Marsch geflüstert wird, möchte man manchmal laut schreien

Das Flüstern der Marsch
0

Es ist noch gar nicht so lange her, dass man in Deutschland von Vernunftsehen sprach und andererseits gewisse Verbindungen als nicht standesgemäß betrachtet wurden. Es ist auch noch gar nicht so lange ...

Es ist noch gar nicht so lange her, dass man in Deutschland von Vernunftsehen sprach und andererseits gewisse Verbindungen als nicht standesgemäß betrachtet wurden. Es ist auch noch gar nicht so lange her, dass es als Schande galt, wenn eine unverheiratet Frau ein Kind zur Welt brachte. Da ging es um den Ruf der Familie, und dieser wurde auch über das Ausleben oder Nicht-Ausleben von Sexualität definiert. Natürlich nur über die Sexualität der Töchter, denn junge Männer durften sich durchaus "die Hörner abstoßen". Unterschiedliche Moralvorstellungen zur Sexualität von Männern und Frauen gibt es bis heute, doch was damals passiert wird in vielen Familien bis heute verschwiegen oder nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert.

Das Flüstern der Marsch von Katja Keweritsch thematisiert das Leben von vier Frauen zwischen 1964 und 2024. Wir begegnen Annemarie, Mona, Freya und Janne. Es braucht Geduld um die Verbindungen zwischen diesen so unterschiedlichen Protagonistinnen aufzuschlüsseln. Keweritsch erzählt behutsam, wechselt zwischen den Zeitebenen und den Personen hin und her. So entsteht langsam ein wunderbarer Roman, wie bei der Autorin gewohnt einfühlsam und wortgewandt erzählt. Die Bilder der Marsch, die Keweritsch dabei zeichnet, ergänzen die Handlung und zaubern eine besondere Atmospäre.

Jede der Frauen hat ihren eigenen Kampf mit dem Thema Geschlechtergerechtigkeit zu kämpfen. Manche Erfahrungen sind traumatisierend, andere auszehrend oft wünscht man sich ein kollektives Aufbegehren. Und dann sind da die Männer, die emotionslos zusehen, wie die Frauen an ihrer Seite zerbrechen. An den Moralvorstellung, am Gender Care Gap oder an überkommenen Rollenvorstellung Wo in der Marsch geflüstert wird, möchte man manchmal laut schreien. Doch es wäre nicht Katja Keweritsch, wenn es nicht auch Hoffnung gäbe.

Zu erwähnen ist auch das wunderschön stimmige Cover dieses großartigen feministischen Familienromanes.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.07.2025

Zwischen Kinshasa und London - zwei Frauenleben, miteinander verwoben wie "cornbraids"

Wohin du auch gehst
0

Großartiger Debütroman über Frauenleben und Identität vor dem Hintergrund kultureller Identität und patriarchaler Strukturen

Unglaublich, welche Themenvielfalt Christina Fonthes in ihr Erstlingswerk gepackt ...

Großartiger Debütroman über Frauenleben und Identität vor dem Hintergrund kultureller Identität und patriarchaler Strukturen

Unglaublich, welche Themenvielfalt Christina Fonthes in ihr Erstlingswerk gepackt hat! Wo soll ich da beginnen?

Zunächst einmal geht es um zwei kongolesisch-stämmige Frauen, die miteinander verwandt sind und gemeinsam in einer kleinen schäbigen Wohnung in London leben. Bijoux ist jung und hat ein lesbisches Coming out, ihre Tante Mira ist Mitglied einer protestantischen Sekte und richtet ihr Leben an der dort verkündeten patriarchalen Interpretation der Bibel aus. Homosexualität ist für sie aber nicht nur des Teufels , sondern zudem unafrikanisch.

Erst nach und nach erfahren wir, warum Bijoux überhaupt bei Tante Mira wohnt. Dazu verwebt Fonthes sehr eindrücklich die Lebensgeschichte von Mira, beginnend 1974 mit der von Bijoux. Die zahlreichen Rückblenden erfordern die volle Aufmerksamkeit der Lesenden. Und durch sie erfahren wir sehr viel über die kongolesische Geschichte. Immerhin ist die Demokratische Republik Kongo das zweitgrößte Land Afrikas, gemessen das der Bevölkerung das viergrößte. Allein in der Hauptstadt Kinshasa leben mehr als 16 Millionen Menschen.

Doch auch wenn die Geschichte des Landes und die politische Situation im Laufe der Jahrzehnte immer wieder eine Rolle spielt, geht es in „Wohin du auch gehst“ vor allem um Indentität. Wir begleiten Mira, einst ein wilder und aufmüpfiger Teenager auf ihrem oft schmerzvollen Weg von Kinshasa über Brüssel und Paris nach London. Und wir erleben, wie Bijoux sich erste eine eigene Identität erkämpfen muss. Obwohl das Buch viele schmerzhafte Themen berührt, und eindrücklich beschreibt, wie Ausgrenzung und patriarchale Strukturen, familiäre und politische Machtinteressen, Religion und Moralvorstellungen ineinandergreifen, ist es eine wahnsinnig spannende Lektüre.

Fonthes beweist eindrücklich, dass sie komplexe Geschichten erzählen kann, geschickt ineinander verwoben wie die einzelnen Strähnen der cornrows afrikanischer Frauen. Die deutsche Übersetzung stammt von Michaela Grabinger, die u.a. Elif Shafak übersetzt. Bereichert wird das Buch zudem durch die Verwendung eines Glossars, in dem die auftauchenden Begriffe aus der kongolesischen Sprache Lingala erläutert werden.

Ich vergebe eine eindeutige Leseempfehlung und fünf Sterne.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere