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Veröffentlicht am 22.07.2025

Das Wort „Endlösung“ vergisst man nie

Wer bin ich?
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Ich habe Paul Lendvais schmales Bändchen bewusst ausgewählt, weil mich die Gedanken eines 95-jährigen Juden, der Holocaust und Kommunismus überlebt hat und bis heute hochintelligente Texte schreibt, sehr ...

Ich habe Paul Lendvais schmales Bändchen bewusst ausgewählt, weil mich die Gedanken eines 95-jährigen Juden, der Holocaust und Kommunismus überlebt hat und bis heute hochintelligente Texte schreibt, sehr interessieren. Ich bin nach dem Krieg geboren, aber das Trauma der Verfolgung und des Holocaust hat mich in meiner Familie auch begleitet. Beim Lesen dieses Buches stellte ich fest, dass die Gedanken Lendvais den meinen sehr ähnlich sind, auch wenn er in seinem langen und ereignisreichen Leben sehr viel mehr Erfahrungen gesammelt hat.
Die Haltung zu Israel, zum Judentum, zu Europa, insbesondere jetzt, nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 ist eindeutig und ich stimme ihm vorbehaltlos zu. Ich zitiere „… Ich war nie Zionist und betrachte Israel nicht als mein Vaterland. Jude sein bedeutet für mich nicht eine Staatszugehörigkeit oder eine kritiklose, absolut gesetzte Parteinahme für Israel. Aber ich gehörte zu jenen, die die erfolgreiche Entwicklung Israels grenzenlos bewundert und als einzig sicheren Zufluchtsort für die Juden betrachtet haben. … Meine besondere Solidarität mit Israel habe ich nie verheimlicht. …“ In Bezug auf das Massaker schreibt Lindvai „… Die perfide Rechnung der Terroristen geht leider auf. Die unzähligen TV-Berichte über das menschliche Leid in Gaza und die vielen Toten haben die Erinnerung an den alles auslösenden Überfall der Terroristen mit mehr als zwölfhundert Toten und rund zweihundertfünfzig entführten Geiseln außerhalb Israels und der jüdischen Gemeinden fast gänzlich in den Hintergrund gedrängt. Die ohne Rücksicht auf zivile Opfer mit Bomben und Panzern ausgeführten Gegenschläge in Gaza haben die von Netanjahu angekündigte »vollständige Beseitigung der Hamas und die Befreiung aller Geiseln« nicht erreicht. …“ Hier spricht ein Jude zu uns, der mit klarer Weitsicht und Klugheit das Dilemma des Staates Israel auf den Punkt bringt.
Fazit: Ein kluges Buch, kurz und prägnant, ein Rückblick auf ein fast hundertjähriges Leben als „Österreicher und Ungar, Jude und Europäer“ und auf ein Europa, das noch immer seinen Weg als Gemeinschaft sucht.

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Veröffentlicht am 11.07.2025

„Wir können von Glück sagen.“

Irina
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Dieser Satz „Wir können von Glück sagen.“ rahmt für mich dieses wunderbare Buch ein, umfasst die unfassbaren Schicksalsschläge und Tragödien wie ein leichter, schöner Seidenschal. Es sind oft wiederholte ...

Dieser Satz „Wir können von Glück sagen.“ rahmt für mich dieses wunderbare Buch ein, umfasst die unfassbaren Schicksalsschläge und Tragödien wie ein leichter, schöner Seidenschal. Es sind oft wiederholte Worte von Sasha Colbys Großmutter Irina, die jedes Unglück vergessen machen möchten. Aber der Mensch vergisst nicht.
Sasha Colby ist die Enkelin von Irina, einer ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin, die während des Zweiten Weltkriegs in Wetzlar für die sehr reiche und bekannte Familie Leitz arbeitete. Zuerst in der Verpackungsabteilung für Leica-Kameras, die berühmteste Kleinbildkamera jener Jahre und noch heute teuer und begehrt. Irina spricht Deutsch und hat das unfassbare Glück, im Herrenhaus der Familie eine Anstellung und auch Unterkunft zu bekommen. Unter der Anleitung von Elsie Kühn-Leitz sind hier mehrere Hausangestellte beschäftigt, es herrscht eine angenehme Atmosphäre, die Zwangsarbeiter werden so menschlich behandelt, dass das bereits auffällig ist für die Gestapo und ihre Spitzel. Irina aber kann ihr Glück kaum fassen und auch nur der Gedanke, zurück ins Lager zu müssen, macht ihr Angst.
Sasha Colby hat sich an dieser Lebensgeschichte, die noch weitaus umfangreicher und tragischer wird, als es die ersten Kapitel vermuten lassen, so festgebissen, dass sie nicht mehr davon lassen kann. Recherchen und vorsichtige Befragungen der Großmutter bringen sie auch auf die Spuren der Familie Leitz, insbesondere von Elsie. Diese ist nicht nur eine kluge und weltgewandte Hausdame und studierte Juristin, sie engagiert sich aktiv im Widerstand gegen die Nazis, vor allem durch die unermüdliche Hilfe, die sie den Zwangsarbeitern zukommen lässt. Ihre Verhaftung und Untersuchungshaft hat die Autorin nicht nur bis ins Detail erforscht, sie hat aus Elsies Erinnerungen und ihrer eigenen Phantasie eine romanhafte Lebensgeschichte gemacht. Fern von jedem trockenen Sachbuchstil kann der Leser die Not, die Angst und das zeitweise Verzweifeln unsagbar nah und authentisch fühlen. Die Kapitel über Elsies Haft sind die poetischsten im ganzen Buch. Auch Ernst Leitz II, ihr Vater, nutzt seine Stellung und sein Geld, um Juden und anderen Verfolgten zu helfen, Deutschland zu verlassen und im Ausland, bevorzugt in Orten mit einer Leitz-Niederlassung, Arbeit und Unterkunft zu finden. Dass er damit auch seine Tochter retten kann, ist ein positiver Nebeneffekt.
Die Autorin verfolgt in ihrem Buch die verschiedenen Erzählstränge mit Vehemenz, so kennt der Leser bald nicht nur ihre Großmutter Irina, sondern auch ihren Opa Sergei – mit einer ganz eigenen Geschichte –, folgt dem schweren Start des Onkels Alexandre ins Leben, ihrer wilden, fröhlichen Mutter Lucy und ihrem Vater in die 1970er. Colbys Großeltern gelingt nach Kriegsende – das ist zwar ein Spoiler, aber sicher verzeihlich – die mehrfache Flucht vor den Russen, nicht zuletzt wieder auch mit Hilfe von Elsie bzw. Ernst Leitz II. Die Aussicht, als Vaterlandsverräter in einem russischen Gulag zu enden, hat Colbys Großeltern zu wahren Husarenstücken gebracht, um dieses Schicksal abzuwenden. In Kanada finden beide endgültig eine neue Heimat.
Trotz der tragischen und traurigen Begebenheiten hat dieses Buch etwas Leichtes und die Sprache der Großmutter trägt eindeutig dazu bei, etwas Ironie und Witz zu verbreiten. Ihr nach wie vor gebrochenes Englisch (in der Übersetzung natürlich Deutsch) ist köstlich, der Supermarktbesuch unvergesslich und brachte mich tatsächlich zum Lachen. Es ist anrührend zu lesen, wie sie Stück für Stück ein „bisselchen“ von ihren Erinnerungen an Tochter und Enkeltochter weitergibt. Ich zitiere hier eine passende Textstelle, die gleichzeitig auch von einer perfekten Übersetzung zeugt: „Ich weiß, dass meine Großmutter hart an ihren Geschichten gearbeitet hat. Ich weiß genau, dass ihre Versionen vor allem ein Akt der Bewahrung sind – Wiederholungen, die es ihr ermöglichen, ihre Albträume in Schach zu halten, sorgfältig bearbeitete Sequenzen, die uns schonen und es ihr ersparen, sie uns erzählen zu müssen. In anderen Jahren haben diese redigierten Versionen ausgereicht. Aber jetzt haben die Risse in ihren Geschichten die Gewissheit erzeugt, dass es da mehr gibt.“ (S. 114)
All die Erinnerungen, die recherchierten Details und eigenen Erfahrungen zusammenzusetzen ist für Colby „ein radikaler Akt der Collage“, den sie hervorragend meistert. Die Zeiten werden auf geheimnisvolle Weise vermischt und verknüpft, nichts ist unsicher oder an der falschen Stelle. Die Jahre 1942 bis 1945 mit Irina und Elsie, die Nachkriegszeit mit Irina und Sergei, die 1950er bis 1970er mit Colbys Eltern, die Jahre 2011 bis 2014, die Entstehung des Buches, die Besuche bei der Großmutter und vor allem die Geburt von Tatianna, Colbys kleiner Tochter, damit schließt sich der Kreis.
Und überall im Buch erscheinen auch Nebenfiguren, die mit gelungenen Porträts und Beschreibungen verschiedener Ereignisse in den Ablauf der Geschichte eingewoben sind. Es sind Freunde, die geholfen haben, in allen Lebenslagen Wie sehr das verbindet, kann man hier nachlesen. Besonders berührend fand ich die Szene im DP-Lager, als Milka die unglücklich nach einem Platz suchende kleine Familie samt Kinderwagen in ihr winziges Zimmer einlädt und sie dort zwei Monate wohnen können, zusammen mit ihrem Mann Panas und den beiden Kindern Valja und Laura. Aus Laura wird später Laurie und die Großmutter Irina erzählt noch 2011 begeistert, dass sie sie kennt, seit sie 5 Jahre alt war. Noch immer treffen sie sich alle bei Irinas Familienfesten.
Als ich dieses Buch las, drang im Hintergrund immer wieder der Gedanke an den Ukrainekrieg bei mir durch, wenn ich über die Angst von Irina und besonders von Sergei vor einer Verhaftung durch die Russen und einer Deportation nach Sibirien las, lief es mir kalt den Rücken hinunter. Für mich ist die Frage, warum die Ukraine niemals aufgeben will und darf, mit diesem Buch klar und deutlich beantwortet. Wer an der heutigen Hilfe zweifelt, sollte sich klarmachen, dass Hass und Abneigung der Russen gegen die Ukraine nicht geringer geworden sind, eher noch stärker. Stalin wollte die Ukraine unterwerfen, Putin will das auch.
Im Englischen ist der Titel des Buches „The Matryoshka Memoirs“ fast noch zutreffender als nur der einfache deutsche Titel „Irina“. Der ursprüngliche Titel zeugt wesentlich stärker von den vielen ineinander verschachtelten Lebensgeschichten, auch wenn Irina im Buch als Hauptfigur angelegt ist, Sasha Colby macht als Erzählerin aus dieser Familiengeschichte ein echte Matroschka-Geschichte. Trotzdem bin ich von der gesamten Übersetzung durch Dieter Fuchs rundum begeistert.

Fazit: Eine viele Generationen und verschiedene Menschen umfassende biografische und (autfiktionale Erzählung, die einmal mehr die Schrecken des Krieges und der Machtausübung beschreibt. Aber auch von Überlebenswillen und viel Liebe zeugt. Sehr lesenswert und informativ zugleich. 100 Prozent Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 21.06.2025

Spannender, psychologisch dichter Kriminalroman

Im Finsterwald
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Göteborg, Winter 1927, es verschwindet ein Mädchen im Naturhistorischen Museum. Eine Geschichte, die sich unspektakulär anhört, die aber den Leser über mehr als 400 Seiten in seinen Bann schlägt. Ich habe ...

Göteborg, Winter 1927, es verschwindet ein Mädchen im Naturhistorischen Museum. Eine Geschichte, die sich unspektakulär anhört, die aber den Leser über mehr als 400 Seiten in seinen Bann schlägt. Ich habe dieses Buch regelrecht verschlungen, konnte mich kaum losreißen von der eigenartigen Atmosphäre des nördlichen Winters, den empathisch beschriebenen Haupt- und Nebenfiguren und dem tragischen Geschehen.
Das verschwundene Mädchen heißt Alice, was sofort an Alice im Wunderland denken lässt, das älteste von fünf Geschwistern der Familie Guldin, mit denen das junge Kindermädchen Maj nicht nur zum Aufwärmen in das Museum geht. Denn es gibt dort für Kinder viel zu sehen und zu bestaunen. Und auch Maj staunt dort gern und verliert sich in Gedanken. Vater Filip Guldin steht kurz vor dem selbstverschuldeten finanziellen Ruin, seine Ehefrau leidet nach der Geburt des letzten Kindes, Baby Ingmar ist gerade neun Monate, wahrscheinlich unter einer postnatalen Depression, und wird mit Opium völlig lahmgelegt. Das Kindermädchen, mit einer himmlischen Geduld gesegnet, muss Haushalt und Kinder betreuen und dem Hausherrn auch sonst zu Diensten sein. Als ihr die kleine Alice im Museum entwischt, trägt sie das mit Fassung. Die Polizei beginnt mit einer wahren Sisyphusarbeit, Museum und Wohnumfeld werden systematisch abgesucht, nichts. Hauptwachtmeister Nils Gunnarson weitet seine Suche aus, nicht immer zur Freude seines Vorgesetzten Kommissar Nordfeldt. Er kommt mit seiner verflossenen Flamme Ellen in Kontakt, die als ehemalige Journalistin und jetzige frischgebackene Ehefrau eines Herrn Forsell ein gutes Gespür für ungewöhnliche Vorgänge hat. Dass sie darin auch verwickelt werden könnte, ahnt sie natürlich nicht.
Die Autorin hat ein gutes Gespür für feine Töne, ihre Charakteristika sind lebensecht und der Fortgang der Geschichte und der Ermittlungen bringt so manche Überraschung. Es gibt Verdächtige und Verdächtigungen, ungeahnte Enthüllungen und der Leser lernt nicht nur das Schweden der 1920-er Jahre, sondern auch insbesondere ein Naturhistorisches Museum kennen, dass die wenigsten so intensiv bestaunt haben dürften, wie ich es hier im Buch tun konnte. Sehr gelungen und nicht eine Seite langweilig.
Die Übersetzung von Regine Elsässer, die schon unzählige Bücher auch von Marie Hermanson und anderen Skandinaviern übersetzt hat, lässt in keinem Satz Wünsche offen. Es ist ein wunderbar zu lesender Kriminalroman, der nicht nur viel Spannung, sondern auch gute Literatur bietet.
Es gibt bereits zwei Kriminalromane, in denen Nils Gunnarson und Ellen Grönblad die Hauptrollen spielen. „Der Sommer, in dem Einstein verschwand“ ist im Jahr 1923 angesiedelt, „Die Pestinsel“ 1925. Ich habe es nicht als Manko angesehen, dass ich diese vor „Im Finsterwald“ stattfindenden Kriminalfälle nicht kannte. Letzterer lässt sich wunderbar auch ohne Vorkenntnisse lesen. Da ich ein Fan von schwedischen, skandinavischen Krimis bin, werde ich bei Marie Hermanson sicher noch mehr finden, das mir gefällt.
Fazit: Bis zum Schluss habe ich mitgerätselt und Theorien entwickelt, was mit Alice geschehen ist, und ich empfehle allen Neugierigen, nicht die letzten Seiten zuerst zu lesen. Sie würden sich um ein großes Lesevergnügen mit vielen Spannungsbögen bringen.

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Veröffentlicht am 28.05.2025

Wir sehen uns wieder

Die Liebe sucht ein Zimmer
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Vor zwei Jahren habe ich die ergreifende Lebens- und Familiengeschichte „Solange wir leben“ von David Safier gelesen, Katharina Thalbach kenne ich seit frühester Jugend als Theater-, später als Filmschauspielerin. ...

Vor zwei Jahren habe ich die ergreifende Lebens- und Familiengeschichte „Solange wir leben“ von David Safier gelesen, Katharina Thalbach kenne ich seit frühester Jugend als Theater-, später als Filmschauspielerin. Beide zusammen ergeben eine brisante Mischung für das neue Buch von Safier, dass die Thalbach mit ihrer wahnsinnig intensiven Stimme liest.
Safier fokussiert seinen Roman auf wenige Stunden im Warschauer Ghetto, im Theater, das an diesem einen Abend das Stück „Die Liebe sucht ein Zimmer“ als Premiere aufführt. Dieses unfassbar traurige, trotzdem manchmal zu Lachtränen führende Stück hat Darsteller, die am Rande ihres Grabes, ihres Daseins auf der Bühne den Zuschauern vor sich 90 Minuten Ablenkung bieten. Die junge Sara, hin- und hergerissen zwischen Edmund und Michal, wie wird sie sich entscheiden? Michal macht ihr ein verlockendes Fluchtangebot, aber sie hängt genauso am Leben wie an ihrem Edmund. Wird sie das Ghetto und Edmund in dieser Nacht für immer verlassen? Oder denkt sie an die Waisenkinder, die dann niemanden mehr haben werden, der ihnen Geschichten erzählt.
Jeder weiß, dass das Warschauer Ghetto und seine Bewohner den Nazis zum Opfer fiel, dass kaum jemand überlebt hat. Diesem Hörbuch über sechseinhalb Stunden zuzuhören mit der Gewissheit, dass die meisten der Protagonisten über kurz oder lang ihr Leben verlieren werden, ist eine harte Probe. Besonders auch deshalb, weil die Stimme von Katharina Thalbach das Grauen so miterlebbar macht.
Fazit: Ja, hören oder lesen sie dieses Buch. Es ist faszinieren und einzigartig. Und es schnürt einem die Luft ab, so nahe ist man den Helden. 5 Sterne.

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Veröffentlicht am 27.05.2025

Ruhrpott, Ruhrpolen, Ruhrgemüse – wie man eine neue Heimat findet

Ruhrgemüse, polnisch
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Die Autorin Birgitta M. Schulte kannte ich bisher nicht. Mit „Ruhrgemüse, polnisch“ hat sie bei mir mit ihrem offenbar ersten Roman einen Nerv getroffen. Meine Großeltern waren auch sogenannte Ruhrpolen, ...

Die Autorin Birgitta M. Schulte kannte ich bisher nicht. Mit „Ruhrgemüse, polnisch“ hat sie bei mir mit ihrem offenbar ersten Roman einen Nerv getroffen. Meine Großeltern waren auch sogenannte Ruhrpolen, um 1900 aus Westpreußen eingewandert und in Hamborn (heute Duisburg) sesshaft geworden. Über meine eigenen Vorfahren und ihre Lebensbedingungen weiß ich aber fast gar nichts, so dass dieses Buch jetzt auf ganz besondere Weise eine Lücke gefüllt hat.
Der Leser lernt die Koszyńskis kennen, die Ende des 19. Jahrhunderts aus dem äußersten, immer ärmlicher werdenden Westpreußen nach Dortmund kommen. Westpreußen gehörte zwar nach den Teilungen Polens zu Preußen, aber viele Bewohner waren polnischer Herkunft, sprachen besser Polnisch als Deutsch. Adam Koszyński findet Arbeit in einer großen Fabrik, seine Ehefrau Zuzanna ist vorerst zu Hause, es kommen die ersten Kinder. Das Leben in einer kleinen Wohnung ohne jeglichen Komfort ist beschwerlich, die Lebensbedingungen sind von verpesteter Luft bis hin zu stinkenden Abwässern in den Straßen geprägt. Krankheiten sind an der Tagesordnung und gefährden besonders die nicht gut ernährten Kinder. Schmalhans ist Küchenmeister, trotz eines besseren Verdienstes als in Westpreußen. Doch dann verliert Adam zuerst durch einen Arbeitsunfall ein Auge, später durch widrige Umstände auch seine Arbeit. Er ist ein engagierter Arbeiter gewesen, nun wird er ein engagierter Sozialdemokrat. Zuzanna versucht das fehlende Geld mit Näharbeiten auszugleichen, was ihr aber immer schwerer fällt, je größer die Familie wird.
Das Polnischsein wurden den Koszyńskis schon rechtzeitig ausgetrieben, sie heißen nun Kosshofer. Aber Polen sind sie immer noch, Polak ist noch das geringste Schimpfwort, das sie aushalten müssen. Aber besonders Zuzanna versucht sich zu integrieren, ständig schimpfende und wütende polnische Nachbarinnen und Freundinnen sind dem nicht zuträglich.
Schwer lastet auf beiden bis zum Schluss, dass der Kontakt in die alte Heimat abgebrochen bzw. nie wieder hergestellt wurde. Auch die Scham, nicht so zu sein wie die Deutschen, bedrückt. Kinder und Enkelkinder wollen andere, neue Wege gehen, aber die Last der polnischen Herkunft lässt sich nicht so einfach abschütteln.
Die politischen Bedingungen sind für Zuwanderer noch schwerer, als für die Einheimischen. Die Entwicklung der Sozialdemokratie, der Große Krieg, 1918 die Soldatenräte, Bürgerkriegsähnliche Zustände, Kapp-Putsch, französische Besatzungszeit und Weimarer Republik, beginnende Inflation, all das wirkt sich auch bedrohlich auf den Haushalt der Kossdorfers aus. Die Autorin flicht in die Familiengeschichte auch gekonnt die deutsche Geschichte ein. Das hat mir sehr gefallen, auch wenn mir nur die Details aus Dortmund neu waren.
Beim Epilog habe ich geschmunzelt und an meine mühsam erarbeitete Vater-Biografie gedacht. Auch mein Vater (Jahrgang 1911) verleugnete seine polnische Herkunft. Selbst der eingedeutschte Familienname war ihm nicht gut genug, er änderte die Endung von k auf g. Und er erfand sich eine hugenottische Herkunft und hielt daran bis zum Tode fest. Als Kind lernte ich meine Oma bei einem einzigen Besuch in Ostberlin kennen, ich verstand sie kaum, erst 20 Jahre nach dem Tod meines Vaters erfuhr ich, dass meine Großeltern polnischer Herkunft waren. Meine Großmutter war vielleicht auch ein bisschen wie Zuzanna, klein und zäh, brachte sie die große Familie durch die schweren Zeiten. Selbst meine Mutter, die damals noch lebte, konnte die Wahrheit über die Herkunft meines Vaters kaum glauben. Mein Großvater war Maschinist und Kranführer in der August-Thyssen-Hütte in Duisburg, ähnlich wie Vater Adam im Buch, ein gut ausgebildeter Facharbeiter.
Mehr will ich jetzt auch nicht erzählen über die Lebenswege der Koszyński/Kosshofer-Familie. Ich kann das Buch aber mit gutem Gewissen jedem empfehlen, der sich für deutsche, auch polnische Geschichte interessiert, der authentische Familienromane mag und außerdem einen Blick für gute Typografie hat. Denn dieses Buch bietet nicht nur blanken Text, es ist mit einigen wunderbaren, passenden Illustrationen zu jedem neuen Kapitel geschmückt, die mich sehr angesprochen haben. Initialen und eine Jugendstilschrift für die Überschriften runden das Gesamtbild perfekt ab. Das Personenverzeichnis hätte ich mir an den Anfang gewünscht. Normalerweise beginnt man ein Buch vorne, so habe ich es erst sehr spät entdeckt. Schade ist, dass nicht ein einziges Foto der Familie (es wird zumindest eines erwähnt), im Buch gezeigt wird. Es hätte die Authentizität sicher noch mehr erhöht.
Das Cover scheint mir zumindest online nicht besonders gut gelungen, der Gegensatz zu den Illustrationen im Inneren ist sehr stark. Ob ich das Buch auf dem Ladentisch ergriffen hätte, das kann ich nicht sagen, meine Rezension bezieht sich auf eine digitale Version.
Fazit: ein gut geschriebener Familienroman, gleichzeitig ein Geschichtsbild des Ruhrgebietes ab Ende des 19. Jahrhunderts. Leseempfehlung von mir. Glatte 5 Sterne.

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